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Erfolgreicher Abschluss der Grubenführerausbildung

Seit Anfang Juli sind 14 neue Grubenführinnen und Grubenführer am Rammelsberg im Einsatz.

Genau ein Jahr davor, im Juli 2020, suchten die Verantwortlichen des Rammelsberges genau diese Verstärkung. Nach erfolgten Kennenlerngesprächen startete am 1. September der Kurs. In einer Phase, in der noch nicht abzusehen war, dass dieser Kurs durch die sich im November 2020 und März 2021 dramatisch zu spitzende Coronalage etwas ganz besonderes werden sollte.

Befahrung Roeder-Stollen (Foto Martin Wetzel)

Als wir im Januar hier im Blog über die „Halbzeit“ des Ausbildungskurses berichteten, stand eine Idee im Raum, den zu diesem Zeitpunkt nicht durchführbaren Praxisteil „Grubenbahnführung“ durch einen Videoprojekt zumindest in Teilen zu ersetzen. Dieses Projekt wurde im Februar umgesetzt. Die Videos, die eigentlich nur als Notlösung gedacht waren, stellten sich in der Folge für die Kursteilnehmer als sehr nützlich dar. Dennoch konnten diese die praktischen Erfahrungen im Umgang mit den Maschinen nicht ersetzen. Ab Ende März starte, ähnlich wie im Herbst zuvor, der praktische Teil in Einzelbefahrungen und später in Kleinstgruppen. Natürlich war auch zu diesem Zeitpunkt der Kurs und dessen Durchführung immer abhängig von den sich teilweise im Wochentakt änderten Hygieneauflagen. Der theoretische Teil der Ausbildung blieb bis zum Schluss digital in Form von Zoom-Meetings.

Prüfung unter Tage (Foto Martin Wetzel)

Trotz der skizzierten Umstände organisierten sich die Teilnehmer selbst in Lerngruppen, die unabhängig vom eigentlichen Kursplan auch digitale Treffen durchführten und sich so untereinander kennenlernen konnten. Nachdem der theoretische Teil absolviert und in Summe knapp 100 Einzel- und Kleinstgruppenbefahrungen der untertägigen Bereiche mit den Teilnehmern unternommen worden waren, ein Erste-Hilfe-Kurs absolviert und die Sicherheitseinweisung durchgeführt worden war, stand mit den Prüfungen Anfang Juni der Kurs vor seinem Abschluss.

14 Kandidaten meisterten sowohl die schriftliche Prüfung als auch die anschließende praktische Prüfung und stehen somit seit dem 1. Juli den Gästen des Rammelsberges als sachkundige Grubenführer zur Verfügung. Und dies trotz Corona und den damit verbunden Umständen einen Monat früher als vor Jahresfrist geplant.

Seit 1. Juli im Einsatz für unsere Gäste (Foto Martin Wetzel)

Was bei einem abschließenden Bericht nicht fehlen darf, ist der Dank. Herr Dr. Dettmer und Herr Dr. Wetzel bedanken ausdrücklich sich bei allen Kolleginnen und Kollegen, Freunden und Partnern des Hauses, die den Kurs mit Referaten und Themen nicht nur wertvoll bereichert, sondern erst möglich gemacht haben.  Und der letzte Dank gilt den Teilnehmern des Kurses selbst! Ohne deren Flexibilität, Durchhaltevermögen und Beharrlichkeit hätte der Kurs nicht zu einem erfolgreichen Ende geführt werden können.

Nach dem Kurs ist vor dem Kurs! Wer grundsätzliches Interesse hat, als Grubenführerin oder Grubenführer am Rammelsberg tätig zu sein oder Fragen zu dieser Tätigkeit oder der Ausbildung hat, der melde sich bitte per Mail unter: wetzel@rammelsberg.de oder telefonisch unter: 05321 750-156.

„Bis jetzt war alles Spaß …“- Einblicke in die Lehrlingsausbildung am Erzbergwerk Rammelsberg im Zweiten Weltkrieg

Zwischen Fach- und Reichskunde – NS-Berufsausbildung nach 1933

Unter der Parole von der „Überwindung des Ungelernten“ stand der gelernte Facharbeiter nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten zunächst eindeutig im Rampenlicht der beruflichen Bildungsarbeit des Regimes. Robert Ley, Chef der Deutschen Arbeitsfront (DAF), machte die Erziehung der Lehrlinge zu einer der wichtigsten Aufgaben seiner Organisation. Er formulierte 1934 seine Ansprüche an die Berufsausbildung so: „Der Deutsche ist als Kuli zu schade, als Facharbeiter erobert er sich die Welt.“[1]

Die DAF forderte eine Auslese der Berufsanfänger nach körperlicher, rassischer, beruflicher und weltanschaulicher Eignung. Die Ausbildung der Lehrlinge sollte Teil einer Arbeitererziehung sein, die „von der Frucht im Mutterleib bis zur Einsegnung der Leiche“ reicht.[2]

Die Berufsausbildung bot gute Chancen, um Jugendliche auf die Politik des NS-Regimes einzuschwören. Insbesondere die Verbindung der Berufsausbildung mit einer militärischen Erziehung wurde von Carl Arnhold, dem führenden NS-Ideologen in Sachen Lehrlingsausbildung gefordert. Für Arnhold sollte die Geschlossenheit der Lehrwerkstatt als Ersatz für ein militärisches „Lager“ dienen, in dem die „Lehrkameradschaft“ als Übung für die spätere Kameradschaft im Feld geübt werden konnte. Eine starke „Führerhand“ sollte in der Lehrwerkstatt die Berufserziehungsarbeit steuern, und in den Lehrkameradschaften war der paramilitärische Erziehungsanspruch einzulösen.[3] 

Ein solcher Berufsausbildungsansatz passte aber nicht zum möglichst schnellen Einsatz vieler junger Arbeitskräfte in der Industrieproduktion. Denn die deutsche Wirtschaft wurde seit 1934 gezielt auf die Aufrüstung der Wehrmacht ausgerichtet. Dazu brauchte sie neben modernisierten Produktionsverfahren gut ausgebildete Facharbeiter in großer Anzahl in möglichst kurzer Zeit, weil insbesondere nach 1938 ein expliziter Fachkräftemangel in vielen Bereichen der deutschen Industrie herrschte.

Unternehmen und Wirtschaftsverbände drängten deshalb auf eine weitgehend fachliche orientierte Berufsausbildung, die von der Industrie im Laufe der 1930/40er Jahre in Ausbildungs- und Prüfungsordnungen gegossen wurde. Eine Berufserziehung im Sinne der NS-Ideologie musste angesichts insbesondere rüstungswirtschaftlicher Belange zurückgesteckt werden.

Der Konflikt zwischen der ideologischen und der fachlichen Lehrlingsausbildung ist auch am Erzbergwerk Rammelsberg in den 1930er Jahren zu spüren. Und obwohl der ideologische Einfluss auf die Lehrlingsausbildung mit Beginn des Zweiten Weltkriegs schnell an Einfluss verlor, blieb insbesondere die körperliche Disziplinierung der Lehrlinge als vormilitärisches Training erhalten. Tagebucheintragungen des Rammelsberger Berglehrlings Helmut Luft, der im Zweiten Weltkrieg eine Ausbildung zum Bergknappen am Rammelsberg gemacht hat, bestätigen dieses auf eindrucksvolle Weise.

Fakten zur Organisation der Berufsausbildung am Rammelsberg 1938 – 1945

Erst 1934 begann für junge Männer am Erzbergwerk Rammelsberg eine offiziell anerkannte Lehrlingsausbildung, die mit der Knappenprüfung endete. Die Aufsicht über die Lehrlingsausbildung lag beim Oberbergamt.

Ausbildungssteiger Johann Schwinn und Meisterhauer Erich Mauri waren ab 1934 für die Lehrlingsausbildung zuständig. 1942 wurde Schwinn zu einem Auslandseinsatz im jugoslawischen Erzbergbau eingesetzt. Heinrich Buchterkirchen wurde neuer Ausbildungssteiger. Nachdem Buchterkirchen noch kurz vor Kriegsende eingezogen wurde, übernahm Willi Marks diese Aufgabe.[4]

1938 konnten 25 Bergjungleute (Lehrlinge) angeworben werden. Davon waren 14 Schlesier und nur 11 kamen aus Goslar und Umgebung. Von den schlesischen Bergjungleuten haben sechs nach kurzer Zeit ihre Ausbildung abgebrochen. Trotz intensiver Werbemaßnahmen mit Werksbesichtigungen und Elternabende blieb das Interesse der jungen Leute an den Beruf des Bergmanns gering.[5] In den Folgejahren sanken die Lehrlingszahlen am Rammelsberg weiter ab. Andere Industriebranchen und auch die Wehrmacht übten bei den 15 bis16jährigen Schulabgängern einen größeren Anreiz aus, als die schwere und dreckige Arbeit des Bergmanns.  

Nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs sank die Zahl 1940 auf nur 12 neu eingestellte Lehrlinge für den Bergmannsberuf, so dass der Bedarf von 30 Lehrlingen bei weitem nicht gedeckt werden konnte.

Mit der offiziellen Anerkennung des Bergmanns als Facharbeiter wurde das Ausbildungswesen neu geordnet. Die bisherigen Bergjungleute hießen jetzt Berglehrlinge, mit denen ein reichseinheitlicher Lehrvertrag abgeschlossen wurde. Den neuen vom Reichswirtschaftsministerium herausgegebenen Richtlinien entsprechend wurden im Interesse des Ansehens des Lehrberufes „Knappe“ nur solche Volksschüler als Berglehrlinge eingestellt, die das Ziel der 7. oder 8. Schulklasse erreicht haben. Volksschüler aus den übrigen Klassen und Hilfsschüler konnten künftig nur als jugendliche Hilfsarbeiter eingestellt werden.

Die Leitung der Ausbildung sowie der Hauptunterricht in der Berufsschule, die am Erzbergwerk Rammelsberg eingerichtet war, lag ab 1942 in den Händen von Ausbildungssteiger Heinrich Buchterkirchen. DAF-Betriebsobmann Bertram übernahm mit Zustimmung des Oberbergamtes den Unterricht in Reichskunde. Den Unterricht in Arbeitskunde und Werkstoffkunde übernahm Maschinenwerkmeister Graupner.

Am 1. Mai 1942 erhielt das Erzbergwerk Rammelsberg das Leistungsabzeichen in Bronze von der DAF für vorbildliche Berufserziehung.

1943 waren die Nachwuchszahlen weiter rückläufig. Es konnten nur drei Berglehrlinge, ein Betriebsschlosserlehrling sowie ein Bergvermessungslehrling eingestellt werden. Der Bedarf von mindestens 30 Jungen wurde bei weitem nicht gedeckt.

Wegen der schlechten Nachwuchslage wurden1943 auch Hilfsschüler als jugendliche Hilfsarbeiter eingestellt. Wegen der Einziehungstermine zur Wehrmacht wurde die Ausbildung der Berglehrlinge am Erzbergwerk Rammelsberg in den letzten Kriegsjahren von 36 auf 30 Monate verkürzt.[6] 

Aus dem Tagebuch eines Rammelsberger Berglehrlings

Helmut Luft beginnt seine Lehrzeit als Berglehrling am Erzbergwerk Rammelsberg am 1. April 1942.[7] „Es fing nun der Ernst des Lebens an, bis jetzt war alles Spaß. Nach dem ich in der Stadt keine Lehrstelle mehr bekommen habe, habe ich in der Lehrwerkstadt am Rammelsberg angefangen. Es hieß, du kannst später immer noch in der Schlosserei anfangen. Aber mir war es sowieso egal. Ich wollte ja schon immer zum Militär. Die 3 Jahre würde ich auch noch rumkriegen.   

Nach Anfrage ob im zum April am Erzbergwerk Rammelsberg anfangen könnte, bekam ich nach einigen Tagen Bescheid. Ich sollte um 6 Uhr am 1. April am Werk sein. Als ich um 6 Uhr in der Vorhalle ankam, waren schon einige Lehrlinge da. Wir wurden zur Lehrwerkstatt abgeholt. Dort begrüßte uns Herr Mauri, das war unser Ausbilder, dann war da noch Herr Rennenberg der war Vorarbeiter und für Schlosser und Schmiedearbeiten zuständig. Am 1. Tag sollten wir erstmals alles kennen lernen. Wir waren gleich 10 Lehrlinge. (…)

In der Werkstatt waren noch 12 Lehrlinge aus dem 2. Lehrjahr. In der Werkstatt stand eine große Bohrmaschine, und eine starke Schere, zum Eisen abschneiden. Eine Esse und zwei Ambosse waren auch vorhanden. An der Fensterseite standen vier Hobelbänke. Die Werkbank war so mit acht Schraubstöcken besetzt. Unter der Werkbank waren etwa 20 Schubkästen, da war unser Werkzeug drin. Jeder Lehrling hatte ein Schubkasten mit Schloss. Jeder hatte sein Werkzeug, Hammer, Zange, Meißel, Feilen, Winkel, Dorn, Körner, Eisensägen und mehr. (…)

Abb. 1: Blick in die Lehrwerkstatt am Erzbergwerk Rammelsberg,1930er Jahre.
Foto: Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg.

Dann wurde uns unser Frühstücksraum gezeigt. Der Raum war oben im Turm, über der Lehrwerkstatt. (Die Lehrwerkstatt befand sich neben der Kraftzentrale. Der Frühstücksraum war im Turm der Kraftzentrale. J.G.) Da bekam jeder sein Spind. In den Spind kamen Seife, Handtuch und Zahnputzsachen. Im Raum waren zwei Handwaschbecken und eine Dusche. Immer wer Stubendienst hatte, musste den Raum sauber halten. Anschließend gingen wir alle in die Jugendkaue, (…) dort wurde unser Werkzeug und Arbeitszeug aufgehängt.

In unserer Kaue waren 20 Duschen, eine eiskalte. Dann bekam jeder seine Kontrollnummer, ich hatte die Nr. 942. Die Marke war zur Anwesenheitskontrolle.

Zum Schluss wurde uns unser Schulraum gezeigt. Dort begrüßte uns unser Ausbildungssteiger. Es war Herr Buchterkirchen, er war für den Ausbildungsablauf verantwortlich.[8] Buchterkirchen war auch unser Berufsschullehrer. Der Schulraum lag über dem Magazin, wir konnten von hier auf die Rammelsbergerstraße schauen. Über unseren Fenstern stand in großen Buchstaben `Wir kapitulieren nie.´

Wir bekamen noch ein Käppi für die Arbeit. Dann gab es noch einen dunklen Kittel mit schwarzen Kragen und Käppi. Alles mit roten Bisen (Einsatz an Nähten, J.G.) dran. Kittel und Käppi konnten wir mit nach Haus nehmen. Wir durften die Sachen nur am Schultag anziehen. Für die anderen Tage sollten wir Turnhose und Turnschuhe mitbringen.

Abb. 2: Berglehrlinge vor einem Mundloch der Tagesförderstrecke mit Kleidung, die am Schultag getragen wurde, 1930er Jahre. Foto: Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg, Nachlass Günter Schwinn.

Ja und am anderen Tag ging es richtig los, was jetzt kommt spielte sich dann 3 Jahre lang ab.

Wenn wir morgens hoch kamen legten wir unser Turnzeug in die Kaue, am besten im Duschraum, da war es schön warm im Winter. Um 5.45 Uhr rief derjenige, der Stubendienst hatte: `Alles raustreten zum Frühsport´. Wir mussten dann in der Vorhalle Gymnastik machen. Liegestütze, Kniebeugen, Rumpfbeugen, Knie hoch, eben alles was es so gab. Mal mussten wir auf den Hof, auch mal morgens um den Herzberger Teich einen Dauerlauf machen. Oder bis zum Hainholz. Es lag immer am Wetter. Auch kurz in den Herzberger Teich ohne Turnhose. Erich Mauri hatte einen Schlüssel, und um 6 Uhr waren auch noch keine Leute da. Der Sport war immer mit freiem Oberkörper. Nach dem Frühsport wurde kurz kalt geduscht. Dann anziehen und hoch in den Frühstücksraum um die Zähne zu putzen. Nach dem Antreten in der Werkstatt, wurde kurz eingeteilt und jeder ging dahin wo er für den Monat eingeteilt war. Jeder musste immer ein Monat in der Werkstadt Schlosserarbeit oder Zimmermannsarbeit machen. Manche Lehrlinge mussten auch in die Aufbereitung, Magazin, Holzplatz u.s.w. Im zweiten Lehrjahr ging es dann halbtäglich in den Lehrstollen, aber soweit waren wir Neuen noch nicht. Wir mussten erst mal klein anfangen. Holz scheiden mit der Handsäge, Metallwürfel feilen. Alles mit Winkel und ganz genau. Nach ein paar Wochen durften auch wir uns beteiligen an der Herstellung für Sachen die in der Grube gebraucht wurden (…) Klammerhaken, Klotzklammer- und Fahrtenhespen, auch die Spitzhämmer schmieden und härten, Fäustel ausbrennen und wieder anstielen. Im Winter machte das Schmieden Spaß, aber im Sommer wenn es draußen heiß war, war es nicht angenehm.

Abb. 3: Berglehrlinge in Knappenuniform vor der Lehrwerkstatt des Erzbergwerks Rammelsberg.

Rechts mit Schirmmütze Meisterhauer Erich Mauri, 1930er Jahre. Foto: Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg. Nachlass Günter Schwinn.

Nach 3 Monaten Probezeit bekamen wir unseren Lehrvertrag. Im Vertrag stand folgendes:

  1. Lehrjahr  55 RM. – Arbeit über Tage.
  2. Lehrjahr  65 RM. –  Halbes Jahr unter Tage.
  3. Lehrjahr  95 RM. – Das Ganze Jahr unter Tage. 1 Tag wöchentlich Berufsschule. Pro Jahr 18 Tage Urlaub.

Das war alles sehr gut gegenüber anderen Berufen.

Abb. 4: Am Ende der Lehrzeit wurde der Knappenbrief ausgestellt. Knappenbrief des Berglehrlings Helmut Luft. Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg. Nachlass Helmut Luft.

„Aber jetzt (…) zum zweiten Lehrjahr: Wir mussten nun jeden zweiten Monat, immer einen halben Tag unter Tage arbeiten. Immer nach dem Frühsport bis 9 Uhr, dann draußen Frühstück. (…)  Wir hatten für die Arbeit extra einen Lehrstollen, in der Bergeschachtstrecke. Unser Ausbildungshauer waren Herr Hermann Ahrens. Wir mussten da Bohren lernen, mit einer Bohrsäule. Später unter Tage habe ich nie mit so einer Maschine gebohrt. Es gab schon viel modernere Maschinen. Wir mussten auch die Löcher mit Sprengstoff laden, und durften auch mit Zündmaschine die Schüsse abtun. Dann mussten wir den Haufen in die Wagen laden. Wenn der Ort blank war, wurde wieder gebohrt. Wir lernten wie die Löcher richtig angesetzt wurden. (…) Auch Gleis und Schwellen mussten wir lernen zu legen. Wenn wir wieder so 5 bis 6 Meter weiter waren, wurde auch Luft und Wasserleitung nachgelegt. Wo das Gebirge nicht ganz sicher war, mussten wir `Deutschen Türstock´ oder Eisenbögen einziehen. Alle Arbeiten die unter Tage anfielen, mussten wir hier lernen. Bloß langsamer als später. Wir waren ja noch Lehrlinge, und ein Jugendschutzgesetz gab es damals auch schon. Uns Jungens gefiel die Arbeit, und etwas Abenteuer war auch dabei.

Abb. 5: Ausbildungssteiger Johann Schwinn (rechts mit Schirmmütze und Krawatte) und
Meisterhauer Erich Mauri (links daneben, ebenfalls mit Schirmmütze) mit Berglehrlingen, die ihre Lehre 1934 begonnen hatten, auf der Werkstraße des Erzbergwerks Rammelsberges. Foto: Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg. Nachlass Günter Schwinn.

Der Luftkrieg wurde auch immer schlimmer, überall mussten Luftschutzkeller gebaut werden, auch in Goslar. In Goslar gab es schon folgende Keller: Felsenkeller, Wilhelmshöhe, am Schieferweg, am Wall ganz nah am Bismarkdenkmal, dann am Köppelsbleek, und am Petersberg. Um diese Luftschutzkeller aufzufahren, musste das Erzbergwerk Rammelsberg Rammelsberg immer ein paar Leute abstellen. Als letzter wurde der Tiefe-Julius-Fortunatus-Stollen dafür ausgebaut. (…) Beim Ausbau des Stollen zum Luftschutzkeller mussten von uns auch immer drei Lehrlinge runter und mithelfen. Nach dem Frühsport holten wir uns noch Werkzeug, Nagel oder Klotzklammern, gingen immer zu Fuß. Übergabe Holzplatz, Hainholz, Blauer Haufen,  zum Stollen und dann zur Ludwig-Jahnstraße. Dort war der Landschacht, der ist heute noch. Dort war ein Holzhaus mit Haspel zum Drehen, wie früher im Bergbau, hier wurde alles Material runter gehängt.

Unten im Stollen waren zwei Bergleute, die machten dicht über dem Wasser Löcher in die Mauer. Da kamen dann Schienen rein. Und darüber kamen dann Bohlen. Unsere Aufgabe war, immer für Nachschub zu sorgen. Das Material lag oben am Häuschen, es wurde nach Bedarf vom Erzbergwerk Rammelsberg rangefahren. (…) Die Arbeit hat uns sehr gefallen, es war mal was anderes. Unten im Stollen kamen an beiden Seiten Bänke. Eine Wendeltreppe wurde auch eingebaut. Gefrühstückt haben wir auch immer unten auf den Bänken.

Abb. 6: Ausbildungssteiger Johann Schwinn mit Lehrlingen, die ihre Lehre 1935 begonnen hatten, bei einem Ausflug nach Thale.

Aber Berufsschule hatten wir auch. Im ersten Jahr hatten wir immer am Montag Schule. (…)  Den ersten Schultag werde ich nie vergessen. Nach Frühsport gingen wir mit unseren neuen Kitteln zum Schulraum rüber. Nach ein paar Minuten ging die Tür auf und ein Mann mit einer Parteiuniform trat ein. Also wieder ein richtiger Goldfasan. Er sagte: `Mein Name ist Bertram. Ich bin hier am Werk der erste Betriebsratsvorsitzende.[9] Ich mache bei euch die erste Stunde immer Reichskunde.´ Ja und die Stunde sah dann immer so aus: Geschichte der Partei. Oder etwas von Gesetzen. Nürnberger-Gesetze, Ermächtigungsgesetz, Blut und Rassen-Gesetz und natürlich der Vertrag von Versailles. Das wurde immer wieder durch genommen. Immer hatte Bertram das Buch `Mein Kampf´ von Adolf Hitler im Unterricht dabei. Er war ein 110% – Nazi. In der Zweiten Stunde hatten wir immer unseren Ausbildungssteiger Herrn Buchterkirchen. Bergbaukunde und Geologie, war dann dran. Bergbau am Erzbergwerk Rammelsberg und im Harz. Abbauarten früher und heute. Die ganzen Abbaumethoden und Sicherungen wurden durchgenommen. In der dritten Stunde wurde Raumlehre unterrichtet. Da hatten einige von uns noch Mängel. Ich kam aber damit klar. Die vierte Stunde wurde von einem Steiger aus der Schlosserei Maschinenkunde unterrichtet.

Die fünfte Stunde war immer Sport. Immer nach Wetter. Bei guten Wetter wurde ein Waldlauf um den Herzberger Teich angesetzt. Oder 100m-Lauf mit Stoppuhr im Hainholz. Da war eine Bahn mit Sand angelegt. Bei schlechten Wetter blieben wir immer im Schulraum. Dort waren dicke Matten, auch ein Pauschenpferd hatten wir. Wir konnten springen üben. Auch Hechtsprung über 3 bis 5 Mann wurde geübt. Auch Boxhandschuhe waren vorhanden. Von uns waren damals ein paar Jungen im Boxring 38 Goslar. Die mussten immer zusammen antreten, es floss jedes Mal Blut. Meisterhauer Erich Mauri musste die Jungen dann immer trennen.

Um 12 Uhr war die Schule dann immer aus. Wir gingen dann zur Küche wo der andere Jahrgang schon da war. Das Mittagessen war immer sehr gut. Es gab gute Suppen, auch Gemüsesuppen. Es gab auch Kartoffeln mit Fleisch oder Klopse. Nachtisch Pudding oder Obst. Es kostete damals 50 Pf. Wir hatten alle eine Wochenkarte. Aber das wichtigste von allen, wir brauchten keine Lebensmittelkarten abgeben. Für uns Schüler war dann Feierabend, wir konnten nach Haus gehen.

Die eine Stunde die uns vom Schultag fehlte, mussten wir am Donnerstag von 16.00 bis 17.00 Uhr in der Badehalle am Stoben nach holen. Es waren immer 3 Jahrgänge da, wir waren immer 20 Lehrlinge. Ein Drittel von uns konnte nicht schwimmen, ich auch nicht. Wer Nichtschwimmer (war), konnte ins kleine Becken bis zur Kette. Da mussten wir tauchen üben, und von der Treppe Hechtsprung üben. Nach Wochen – mussten wir alle, vom 1 Meter Brett ins große Becken springen. Das hat mir nie gefallen. Immer wenn wir nach der Stange fassten, zog Herr Mauri die Stange wieder fort. Und man schluckte Wasser. Immer einen Tag vor der Schwimmstunde, hatte ich Durchfall vor Angst. Es waren aber noch einige von uns, die Schiss hatten. Zwei sagten eines Tages, sie hätten ihre Badehosen vergessen. Da sagte Herr Mauri, alle Badehosen ausziehen, da wurde eben nackt gebadet. Es hat nie wieder einer die Hose vergessen.

Zwei Lehrlinge die fehlten immer, die bekamen am anderen Tag ein Schild um den Hals, und mussten in der Fensterbank bis Feierabend stehen. Auf den Schild stand: „Ich bin wasserscheu“. Aber es nütze alles nichts, die beiden haben manchen Tag im Fenster gestanden. Die Arbeiter die durchkamen lachten. Ich habe mir gesagt, die Blöße, die gibt’s du dir nie ! Lieber ersaufen ! Wir sind immer wenn das Wetter gut war zum Herzer gegangen. Wir übten mit Korkenring oder Schwimmbüchse. Zum Herbst konnte ich dann endlich schwimmen.“[10]


[1] Zitiert in: Johannes Großewinkelmann: Zwischen Werk- und Schulbank. Duales System und regionale Berufsausbildung in der Solinger Metallindustrie 1869 – 1945, Essen 2004, S. 218.

[2] Zitiert in: Ebda., S. 204.

[3] Vgl. Martin Kipp,u.a.: Erkundungen im Halbdunkel. 15 Studien zur Berufserziehung und Pädagogik im nationalsozialistischen Deutschland, Kassel 1990, S. 34.

[4] Vgl. Peter Eichhorn, Der Röderstollen. Denkmalpflege und Besucherführungen in der Zeit vor der Museumsgründung, Goslar 2010, S. 48f.

[5] Vgl. BGG-Archiv, Goslar. Akte 64/7: Jahresberichte 1938 – 1948. Jahresbericht 1938, S. 27.

[6] Vgl. BGG-Archiv, Goslar. Akte 64/7: Jahresberichte 1938 – 1948.

[7] Aus Gründen der Anpassung an aktuelle Lesegewohnheiten wurden einige stilistische und grammatische Veränderungen an den Auszügen aus dem Tagebuch vorgenommen. Die eingefügten Fotos sind im Tagebuch nicht vorhanden. Sie wurden zu einem Teil für diesen Text aus dem Nachlass des ehemaligen Ausbildungssteiger Johann Schwinn eingefügt. Ich danke seinem Sohn Günter Schwinn und seiner Frau für die freundliche Überlassung. 

[8] Vgl. Nachlass Buchterkirchen in Sammlung des WERBG

[9] Hier verwechselt Helmut Luft offensichtlich die Begrifflichkeiten. Betriebsräte gab es nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten und der Zerschlagung der Gewerkschaften im Mai 1933 nicht mehr. Herr Bertram war Vertrauensmann der Deutschen Arbeitsfront (DAF) am Erzbergwerk Rammelsberg.

[10] Die Textauszüge sind aus den Tagebüchern „Mein Lebenslauf“, H. 1, von Helmut Luft. Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg. Nachlass Helmut Luft. Ich danke Herrn Dieter Luft ganz herzlich, dass er die Tagebücher seines Vaters zur Verfügung gestellt hat.  

Harz-Reiseandenken als Fundstücke aus der Natur

Geschichte und Geschichten aus der Sonderausstellung: „Reisen in den Schoss der Mutter Erde – Montantourismus im Harz“

Die ersten Harz-Andenken, die Reisende mit nach Hause brachten waren Mineralien, Versteinerungen und ungewöhnliche Pflanzen. So brachte beispielsweise im Jahre 1761 der Domdechant Freyherr Spiegel zum Diesenberg von seiner Harzreise ein Büschel Moos als Souvenir mit und dieses Harzmoos inspirierte die Dichterin Anna Louisa Karsch zu ihrem Werk Das Harz-Moos: „Gott zeigt in seiner Schöpfung Werke, Sich über unserm Haupt, sich auf der Erde groß; Er gab der Sonne Glut, er gab dem Löwen Stärke, Und bildete das kleinste Moos, Das an dem Harzberg wächst,  … .“ (Das gesamte Gedicht können Sie in der Sonderausstellung lesen.) Auch Goethe kannte die Karschin, wie sie genannt wurde, und er lobte ihre Werke: „Mir ist alles lieb und werth was treu und stark aus dem Herzen kommt.“ Es ist nicht bekannt, welche Moosart die Dichterin damals betrachtet hatte. Noch heute gibt es im Harz außergewöhnliche Pflanzen und im Nationalpark Harz wachsen zahlreiche Moose, von denen jedoch inzwischen zahlreiche Arten als bestandsgefährdet eingestuft werden. Aus diesem Grund ist es heute strengstens verboten Moose als Harz-Souvenir mit nach Hause zu nehmen!

Portrait der Dichterin Anna Louisa Karsch, Johann David Schleuen (der Ältere), Frontispiz, Radierung, 1770, Sammlung Gleimhaus Halberstadt

Jedoch lassen sich immer noch echte Harz-Mineralien käuflich erwerben, auch wenn man bei seltenen Stücken, tief in die Tasche greifen muss. Denn sie werden seit dem Ende des Bergbaus nicht mehr aus dem Berg herausgeschlagen. Sie stammen hauptsächlich aus Privat-Sammlungen, die von Händlern aufgekauft wurden oder von historischen Halden, wo das Sammeln jedoch inzwischen ebenfalls verboten ist.

Die Faszination Mineralien zu entdecken, zu bestimmen und zu sammeln ist nicht neu und wird zum Beispiel im frühesten allseits bekannten Harz-Reiseführer von Georg Henning Behrens aus dem Jahr 1703 beschrieben. Laut Behrens wurde der Reisende, Curiosus genannt, nach seiner Einfahrt in die Grube zur übertägigen Erzhalde gebracht, wo er sich ein Stück Erz zur Curiosität und zum Andenken mitnehmen konnte. Außerdem könne der Führer, so Behrens, sofern man ihn frage, seltene Stücke beschaffen.

Bereits im 18. und 19. Jahrhundert gab es einen schwungvollen Handel mit Harzer Mineralen. Belegt ist dies zum Beispiel in den Erinnerungen des Johann Christoph Sachses („Der deutsche Gil Blas oder Leben, Wanderungen und Schicksale Johann Christoph Sachses, eines Thüringers, von ihm selbst verfasst“; 1822). Dessen Auftraggeber, ein Bergrat aus Weimar, schickte ihn nach Zellerfeld, um dort bei einem gewissen Schichtmeister Mineralien einzukaufen. Denn sein Auftraggeber betrieb einen einträglichen Mineralien-Handel. Sachse, der mit einer Schubkarre zu Fuß oder per Fuhrwerk in den Harz reiste, erlebte auf dieser Reise zahlreiche Abenteuer. So wurde er in Hasselfeld kurzzeitig festgenommen und später, als er seine Reise fortsetzen durfte, im Wald von zwei Kerls ausgeraubt. Als er schließlich in der Nacht nach Hohegeiß kam, fiel ihn an der Tür des Wirtshauses ein Hund an und biss ihn ins Bein, so dass er am nächsten Morgen nicht mehr weiterreisen konnte. Aber der Wirt schickte einen Boten nach Zellerfeld, der die Mineralien brachte. Nach drei Tagen Pflege war er genesen, fuhr mit den Mineralien nach Weimar zurück und erhielt nach seinem Reisebericht aufgrund der ausgestandenen Gefahren den doppelten Lohn ausgezahlt.


Zeitgenössische Darstellung eines Überfalls auf eine Kutsche. Johann Christoph Sachse war jedoch bei seinem Überfall allein und zu Fuß im Wald unterwegs. Kupferstich von Daniel Chodowiecki, aus J. B. Basedow, 1774, Sammlung Historische Kinder und Jugendliteratur, Seminar für Deutsche Philologie der Universität Göttingen

Einige besondere Mineraliensammlungen waren auch beliebte Anziehungspunkte von Harz-Reisenden. So besaß der Clausthaler Apotheker Johann Christoph Ilsemann Ende des 18. Jahrhunderts eine ansehnliche und allseits berühmte Mineraliensammlung, die auf Anfrage besichtigt werden konnte. Ilsemann unterrichtete Bergschüler in den Fächern Mineralogie, Chemie und Metallurgie. Goethe schreibt in seinem Tagebucheintrag am 9.12.1777: „Früh auf die Hütten, nach Tische by Apothecker Ilsemann sein Cabinet sehn. Abends nach Altenau.“

Bergapotheke Zellerfeld, Atelier Zirkler, um 1900, Oberharzer Bergwerksmuseum Clausthal Zellerfeld

Besondere Montanreisende und solche mit Beziehungen erhielten zudem die Möglichkeit selbsttätig außergewöhnliche Mineralien aus dem Berg heraus zu schlagen. So fuhr im Jahre 1786 Dorothea Schlözer, die Tochter des bekannten Göttinger Historikers und Universitäts-Professors August Ludwig Schlözer, in die Grube Samson in St. Andreasberg ein.

Grubengebäude der Grube Samson, W. Zirkler, Fotografieum 1900, Sammlung Oberharzer Bergwerksmuseum, Clausthal Zellerfeld

Sie schrieb in ihrem Tagebuch: „Auf dem dritten Stoß sah ich einen mächtigen Gang Rothgülden, woran, wenn man nur mit einem Fäustel daran schlug, alles blutroth aussah. Hier bekam man Schlägel und Eisen, und man machte mir selbst ein Stück Krystallinisch Rothgülden (Anm. d. Verf.: Pyrargyrit) los, das mir zum Lohn versprochen war.“ Ein Jahr später im Alter von 17 Jahren erwarb Dorothea Schlözer als erste Frau Deutschlands den Doktortitel in Philosophie.

Pyrargyrit_ oder Rotgülden Erz_Leihgabe Wilfried Liessmann

Diese Reiseandenken und Reiseerzählungen aus dem Harz und weitere außergewöhnliche Objekte und Geschichten finden Sie in der Sonderausstellung „Reisen in den Schoss der Mutter Erde – Montantourismus im Harz“.

Mariano Rinaldi Goñi: Erz – Nornen – Mythen, Farben und Metalle

Schon zum zweiten Mal mussten die Kunsttage am Rammelsberg mit dem Künstler Mariano Rinaldi Goñi aufgrund der Corona-Pandemie verschoben werden. Aber wir sind optimistisch: nächstes Jahr veranstalten wir dieses großartige Event mit live performances, Workshops, Künstlerführungen und vielem mehr! Und damit wir uns schon vorfreuen können, wird es an dieser Stelle in unregelmäßigen Abständen eine kleine Einstimmung vom Künstler selbst geben.

Die Galerie Deschler in Berlin, die Goñis Kunst präsentiert, beschreibt sein künstlerisches Schaffen folgendermaßen:

„Ungestüm, wild und voller Leidenschaft präsentiert Mariano Rinaldi Goñis kräftiger Pinselstrich „Mythen, Farben und Metalle“ auf Leinwand. Die jahrtausendelange Geschichte sowie die Ressourcen, die ihm der Harz zur Verfügung stellt, werden in des Künstlers Emotionen vereint.
Die unbändigen Frauenmotive, die auf den ersten Blick Goñis Leinwänden entspringen, entstammen der germanischen Mythologie und versinnbildlichen die schicksalsbestimmenden Nornen. Sie sind keine mild lächelnden klassisch-griechischen Göttinnen, auch keine selig-verklärten Jungfrauen oder passiv sich hingebenden Venusgestalten, sondern kraftvolle und hitzige Wesen. Goñis Faszination für diese fantastischen Frauen entsteht durch die Bedeutung ihrer Vorgängerinnen, den Hexen, mit welchen der Künstler bereits als Kind in seiner Heimat Argentinien konfrontiert wurde und die sein Gespür für das Verborgene und Mystische aufbrodeln ließen. Sein Großvater entfachte durch mystische Erzählungen aus dem Schwarzwald Goñis Begeisterung für die germanische Mythologie:

Mariano Rinaldi Goñi, Hexe, Öl auf Leinwand, 2020

Die Göttin Gullveig, in der nordischen Mythologie die Göttin des Goldes, bezeichnet die Entstehung der Nornen. Sie gehört dem Geschlecht der Wanen an und war die Hüterin der Schätze, die das damalige Konzept von Gold als Geld verkörperte. Der Neid der Asen auf das Geheimnis des Ursprungs des Reichtums forderte, dass Gullveig dreimal verbrannt wurde. Daraufhin brach ein Krieg zwischen den Wanen und den Asen aus, welcher seine Versöhnung in der Durchmischung beider Völker fand. Die Töchter dieser ersten, dreimal verbrannten Hexe, gehen als die ersten drei Nornenschwestern – Urðr, Verðandi und Skuld – hervor. Sie verkörpern die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, die die Schicksalsfäden der Menschen und Götter spinnen.

Für Goñi schafft der etymologische Hintergrund die Verbindung zur Farbe und dem kraftvollen Ausdruck der Motive auf seiner Leinwand. Die Nornen (Nornier, Nornir nord. „Raunende“) werden jeweils durch eine Rune repräsentiert, welche ihre Bedeutung wiederum in einer Naturgewalt findet. Urðr steht für die Vergangenheit und bedeutet „Schicksal“ beziehungsweise „Gewordene“, ihre Naturgewalt ist Hagel. Verðandi bedeutet „Seiende“ und bezieht sich auf die Gegenwart. Ihr wird die Rune ISA (Is), die Eisrune zugesprochen. Skuld ist die Norne der Zukunft, die „Werdende“. Die Hitze und Gewalt des Feuers schreibt ihr eine unberechenbare Macht zu. So erschöpfen sich Hagel, Eis und Feuer in kräftigem Rot, tiefem Schwarz und reinem Weiß auf Goñis Leinwand.

Sich den Mythologien des Harzes vor Ort hingeben zu können, unter Tage das raue Klima und die eindringliche Gewalt des Berges zu spüren sowie sich mit dessen Ressourcen auseinanderzusetzen, ermöglicht es dem Künstler, sein Schaffen am Rammelsberg noch leidenschaftlicher auszuleben. Die Farben auf seiner Leinwand, angereichert mit Rammelsberger Ocker oder anderen Pigmenten und Mineralen des Harzes, bezeugen die gewaltigen geologischen Prozesse im Erdinnern. Die Lagerstätte des Rammelsberges entstand durch den Austritt heißer, metallhaltiger Thermen am Meeresboden, bezeugt die Gewinnung der kostbaren Minerale, die aus der Tiefe der Erde ans Tageslicht gefördert wurden – und somit als eine Art Archäologie dieser vorgeschichtlichen Ereignisse gelesen werden. Mit der Kraft der Maschinen werden Erzhandel und industrielle Macht vorangetrieben, während die Ängste der Bergleute vor einem unerwarteten Ereignis unter Tage bittere Realität bedeuten. Das Ausgeliefertsein des rationalen Individuums im Angesicht unbeherrschbarer, äußerer Kräfte einer den Menschen weit überragenden Natur, spiegelt sich in einer ähnlichen Unbeherrschbarkeit innerer Kräfte in der irrationalen Natur des Menschen wider.
Die mysteriösen und unfassbaren Kräfte der Natur, die über Leben und Tod entscheiden, werden in allen Kulturen durch Mythen und Legenden ausgedrückt und damit fassbar gemacht. Die Arbeit unter Tage, mit all ihren Gefahren und Unwägbarkeiten, hat auch im Harz viele Mythen und Legenden hervorgebracht.
Mariano Rinaldi Goñis mythologische Auseinandersetzung, ermöglicht die sinnbildliche Formgebung und Sichtbarmachung verborgener, scheinbar zutiefst chaotischer und schicksalsbehafteter Wirkkräfte im Inneren. Durch den emotionalen Prozess in der Schaffensphase des Künstlers an einem Ort des Ursprungs, kommt ein neues Werk zu Tage.“

In vier Kurzfilmen stellt Goñi die Erznornen vor. Hier folgt nun der erste:

Mariano Rinaldi Goñi: „Gullweig“ ©Galerie Deschler, Berlin

Die Kunsttage mit Mariano Rinaldi Goñi werden vom 2. April bis 15. Mai 2022 am Rammelsberg stattfinden. Weitere Informationen auf www.rammelsberg.de/ausstellungen.

Vor 250 Jahren im Berg

Im Oktober 1671 unternehmen die Oberharzer Bergbedienten Hans Schwabe, Daniel Flach und Georg Keller zusammen mit Unterharzer Kollegen eine Befahrung der Rammelsberger Gruben. Dabei stoßen sie auf eine merkwürdige Gattung Mensch, die ihnen vom Harz her offenbar nicht bekannt ist: halbe Arbeiter. Diese finden sich nur an einigen Stellen im Grubengebäude. So arbeitet der Steiger Melcher Ahrens auf der Grube Kanekuhl mit fünf halben Arbeitern, Steiger Hans Friedrich auf der Hohewarte ebenfalls, Steiger Elias Maatsch auf der Lüdersüll dagegen hat zwei ganze Arbeiter. Was unterscheidet die halben von den ganzen?


Darstellung von Bergleuten auf dem Rammelsberger Wetterriss von Jochim Christoph Buchholtz von 1680. Wegen der teils extremen Hitze unter Tage sind die Bergleute nur spärlich bekleidet. Einer von ihnen streift sich mit einem hölzernen „Schweißmesser“ den verkrusteten Schmutz vom Körper. Foto: G. Drechsler

Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein wurden im Rammelsberg die Erze durch Feuersetzen gelöst, bei dem das Erz sich ausdehnte, beim Erkalten wieder zusammenzog und dadurch aus dem Verbund gesprengt wurde. Folge dieser Praxis waren hohe Temperaturen unter Tage. An manchen Örtern waren diese so hoch, dass Arbeiter dort nur eine halbe Schicht lang eingesetzt werden konnten, was sie zu „halben Arbeitern“ machte. „Damit nun ein Arbeiter die Hitze nicht immerfort, sondern wechselweise haben möge, ist von undenklichen Jahren her in Observanz gehalten worden, dass die Arbeiter verteilt, vormittags in die heißen, nachmittags in die kühlen Schichten angewiesen werden. […] Und weil sie halbe Arbeiter genannt werden, wird ihnen auf zwei Gruben ihr Lohn, also auf jeder Grube 15 Groschen, geschrieben. Ganze Arbeiter haben hierselbst 30 Groschen Lohn.“ Den Oberharzer Bergbedienten scheint diese Erläuterung wichtig gewesen zu sein, daher haben sie sie in ihr Protokoll aufgenommen.


Keine „halbe Arbeit“: Mitarbeiter des Projekts „Altbergbau 3D“ unter Tage im Rammelsberg. Foto: A. Schmidt-Händel

Dieser Tage, 250 Jahre später, neigt sich das Forschungsprojekt „Altbergbau 3D“, bei dem Historiker, Archäologen, Markscheider, Informatiker und Fotografen – finanziell unterstützt vom Bundesministerium für Bildung und Forschung – drei Jahre lang gemeinsam über den Rammelsberg gearbeitet haben, seinem Ende zu Im Zuge ihrer Arbeit stießen die Historiker in den Archiven auch auf solche – nicht gesuchte, aber dennoch aufschlussreiche – Informationen, wie die oben erwähnte. Was bei den Forschungen noch so alles zutage trat und wie diese Erkenntnisse verarbeitet wurden, darüber informieren die Projektbeteiligten auf verschiedenen Wegen in den nächsten Wochen und Monaten. Also: Augen aufhalten!

Das „Goethe-Modell“

Wenn man am Rammelsberg umgangssprachlich von dem „Goethe-Modell“ spricht, ist nicht zwangsläufige eine Büste oder ähnliches gemeint, sondern ein dreidimensionales Modell des Rammelsberges, welches die übertägige Situation um das Jahr 1800 abbildet. Trotzdem findet man in der Dauerstellung eine Büste des Dichterfürsten, denn Goethe besuchte und befuhr den Rammelsberg ab 1777 mehrmals und verarbeitete seine Eindrücke besonders das Feuersetzen unter anderen in einem seiner berühmtesten Werke: Faust.

Das Modell zeigt die übertägigen Anlagen des Rammelsberges zu Zeiten des Wirkens von Johann Christoph Roeder, der ein Zeitgenosse Goethes war.
Der Herzberger Teich hat im Modell schon seine Dammerhöhung schon erfahren, die 1768 unter Leitung des damaligen Obergeschworen Roeder durchgeführt worden ist.  Und deutlich ist auch schon das Mundloch des späteren ersten Wasserlaufs des heutigen Roeder-Stollens verzeichnet, durch welches heute die Besucher in den Berg einfahren.
Die inwendige Kehr- und Kunstradtreiberei des Kanekuhler Schachtes und des erst 1804 abgeteuften Neuen Serenissimorum Tiefsten Treibschachtes waren noch nicht in Betrieb. Denn der Kanekuhler Schacht wird noch über ein in den 1750er Jahren installierten übertägigen Kehrrad am Fuße des Dammes mit Kraft versorgt, die im Original über ein 360 m langes Feldgestänge auf das sog Geipel Plateau hin zu dem Schacht transportiert wurde.

Der Geipel des Kenekuhler Schachtes auf Höhe des heutigen Geipel-Plateaus.

Das übertägige Kehrrad mit dem Feldgestänge unterhalb des Dammes des Herzberger Teiches und ein Vermerk zum Standort des Mdl. 1.Wlf. [Mundloch 1. Wasserlauf, M.W.] des späteren Roeder-Stollens, Foto M. Wetzel

Wie passen die Besuche Goethes zu einem Modell des Rammelsberges?

Das Modell selbst schuf der Bergvermessungsinspektor Oskar Langer, der am Clausthaler Oberbergamt unter der Leitung des Berghauptmanns Wilhelm Bornhardt beschäftigt war. Wesentliche Grundlage für das Modell ist eine Zeichnung des Rammelsberges von Melchior Kraus aus dem Jahr 1784, welche dieser für Goethe anfertigte. Was der Grund für den heutigen Namen des Modells ist.
Das Modell ist komplett aus Sperrholz gefertigt und in seinen Details sehr filigran ausgeführt. Langer, der als Markscheider die Arbeit mit maßstäblichen Rissen von Bergwerksanlagen gewohnt war, schuf unter Einbeziehung historischer Literatur dieses einmalige Exponat. Neben dem Goethe-Modell baute er eine Vielzahl von Modellen in unterschiedlichen Ausführungen und Maßstäben, die u.a für das 1928 wiedereröffnete Oberharzer Bergwerksmuseum oder die damalige Clausthaler Bergakademie bestimmt waren. Die maßstäbliche und detailgetreue Arbeit Langers an den Modellen ist eine der Grundlangen des aktuellen Forschungsvorhabens „Altbergbau 3D. Ein interdisziplinäres Projekt zur Erforschung des montanhistorischen Erbes im Harz“.  https://altbergbau3d.de/2021/03/08/die-freien-bergstaedte-clausthal-und-zellerfeld-um-1650-in-3d/

Oskar Langer, im Vordergrund das 1928 von ihm geschaffene hölzerne Modell der freien Bergstädte Clausthal und Zellerfeld um1650, das im Oberharzer Bergwerksmuseum zu sehen ist und Grundlage aktueller Forschung ist. Bild Sammlung Oberharzer Bergwerksmuseum

Neben dem Goethe-Modell baute er 1932 ein filigranes fast transparentes Modell des Rammelsberges im Maßstab 1:1.000, in welchem sowohl die damals gegenwärtige übertägige als auch die unterläge Situation des Rammelsberges zu sehen sind. Im Gegensatz zum Goethe-Modell ist dieses hauptsächlich aus Kupferdrähten und Eisenplättchen gefertigt. Das Modell steht heute im sog. Modellraum, einem Nebenraum der Kaue, und kann dort von den Besuchern betrachtet werden. Ursprünglich stand es aber, wie das Goethe-Modell auch, im sog. Rammelsberg-Zimmer des Heimatmuseums Goslar, welches auf die Initiative seines Chefs, Wilhelm Bornhardt, in den 1930er Jahren eingerichtet wurde und in seiner Gesamtheit die erste museale Rezeption der Rammelsberger Bergbaugeschichte darstellte.

Blick in das Rammelsberg-Zimmer des Goslarer Heimatmuseums, im Vordergrund das Modell „Die Grubenbaue des Rammelsberges nebst Tagesanlagen nachdem Stande vom Jahre 1932“, links hinter dem Pfeiler ist das Goethe-Modell zu erkennen. Bild Sammlung Oberharzer Bergwerksmuseum

Zurzeit ist das Goethe-Modell in der Sonderausstellung „Reisen in den Schoß der Mutter Erde- Montantourismus im Harz“ zu sehen, wo die Besuche Goethes am Rammelsberg ausführlich vorgestellt werden.

Das Goethe-Modell in der Sonderausstellung „Reisen in den Schoß der Mitter Erde- Montantourismus im Harz“, Foto M. Wetzel

Behelfskaue – Gefängnis – Zwangsarbeiterlager: Eine Gebäudebiografie des Schreckens. Teil 1: 1937 – 1941.

Unter dem Motto Gebäude-Geschicht(e)n sollen in loser Folge die Geschichten und die Geschichte von Orten und Räumen auf dem Gelände des Weltkulturerbes Rammelsberg beschrieben werden. Dabei wird der Ort nicht lediglich als eine Geländefläche und der Raum nicht nur als Hülle angesehen. Ort und Raum sind von einer Ordnung bestimmt, die sich mehrfach ändert. Gefragt wird nach dem Wandel örtlicher und räumlicher Ordnungen, nach der betrieblich bedingten Produktion von Raum und danach, wie Orte und Räume soziales Handeln verursacht und verändert haben. Es geht also auch um die Wahrnehmung von Orten und Räumen mit Blick auf die Wirkung des Wandels auf Menschen, die hier arbeiteten und lebten.  

1937 plant die zur Preußischen Bergwerks- und Hütten-Aktiengesellschaft (PREUSSAG) gehörende Unterharzer Berg- und Hüttenwerke G.m.b.H.(UHBH) den Bau einer Behelfskaue für Bergleute auf dem Gelände des Erzbergwerks Rammelsberg. Das Erzbergwerk Rammelsberg war seit Anfang der 1920er Jahre wiederum ein Tochterunternehmen der UHBH. Der Ausbau der Förderung unter Tage und der Aufbau der Erzaufbereitungsanlage im Zuge des nationalsozialistischen „Rammelsberg-Projektes“ kamen schnell voran. Der Ausbau der Sozialgebäude, insbesondere die Fertigstellung einer großen Waschkaue, verzögerte sich. Die Behelfskaue war zur Unterbringung sanitärer Anlagen geplant, weil die Belegschaft des Erzbergwerks Rammelsberg allein in den drei Jahren von 1935 bis 1938 um über 500 Personen auf eine Belegschaft von 862 Arbeitern und 82 Angestellten anwuchs. Die Behelfskaue wurde als Baracke gebaut, da es lediglich eine Übergangslösung war, die kurzfristig wieder abgerissen werden sollte.[1]

Für den Aufbau der Kaue verwendete das Bergwerk das Holz eines alten Stallgebäudes. Die Inneneinrichtung der Kaue kam zum Teil aus anderen PREUSSAG-Betrieben. Eine sparsame Bauplanung war oberste Prämisse für dieses nur auf einige Jahre angelegte Gebäude. In dieser Behelfskaue sollten 329 Arbeiter sich waschen und umziehen können. Die mindere Qualität des Gebäudes wurde in einer Baubeschreibung vom 26. Mai 1937 ausdrücklich hervorgehoben: „Das Gebäude soll aus den beim Abbruch des Pferdestalles gewonnen und noch verwendbaren Materialien errichtet werden. Es hat nur behelfsmäßigen Charakter und wird nach Fertigstellung des geplanten Neubaus der Waschkaue wieder beseitigt.“[2] 


Abb. 1: Auszug aus einem Lageplan. Die Behelfskaue wurde unterhalb der ehemaligen Sieb-
 und Klaubeanlage auf dem Werksgelände des Erzbergwerks Rammelsberg errichtet.  
 BGG-Archiv. Akte Behelfskaue Rammelsberg 1937 – 1946: Lageplan zu einer
 provisorischen Kaue des Erzbergwerks Rammelsberg vom 26. Mai 1937.

Doch nach Fertigstellung der neuen Waschkaue im Zuge der Neugestaltung der Tagesanlagen des Erzbergwerks Rammelsberg zwischen 1935 und 1942 blieb auch die Behelfskaue weiter stehen. Denn nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs und der Okkupation Polens nahm der Einsatz von „Volksdeutschen“, aber auch deportierten polnischen Mitbürgern, sowie Belgiern, Holländern, Jugoslawen und Slowaken in den Betrieben der Unterharzer Berg- und Hüttenwerke G.m.b.H., so auch am Erzbergwerk Rammelsberg, zu. Diese Zwangsarbeiter wurden ab Anfang der 1940er Jahre in der Behelfskaue untergebracht. Viele von ihnen flohen nach kurzer Zeit aus Unzufriedenheit über die Arbeit und die Unterbringung von ihrer neuen Arbeitsstelle. Zu Beginn des Krieges setzte das nationalsozialistische Regime seine wirtschaftlichen Interessen noch mit einem gewissen Entgegenkommen gegenüber den dringend benötigten ausländischen Arbeitern durch. Deshalb wurden ab dem 9. Oktober 1940 zur Verbesserung des Aufenthaltsraums in der ehemaligen Behelfskaue für die Einrichtung „40 Stck. Stühle Modell `Schönheit der Arbeit´ “ angeschafft“[3] und im Juli 1941 die „Vertilgung von Wanzen“ angeordnet.[4]


Abb. 2: Anfang der 1950er Jahre steht das Gebäude der Behelfskaue noch (rechter
Bildrand). Foto: Albert Renger-Patzsch, 1953. Sammlung Weltkulturerbe
Rammelsberg.

Doch im weiteren Verlauf des Krieges wurde die nationalsozialistische Rassenideologie immer stärker als Werkzeug des Regimes eingesetzt, um die Zwangsarbeiter zu drangsalieren und ihre Arbeitskraft möglichst effizient auszubeuten. Dazu gehörte auch die möglichst umfassende Kontrolle ihrer Lebens- und Wohnsituation. Der im März 1940 ausgearbeitete sogenannte `Polenerlass´ bot vor Ort bereits die Möglichkeiten der polizeilichen Kontrolle der Arbeiter. Dieser Erlass ordnete für „polnische Staatsangehörige, die im Reichsgebiet beschäftigt wurden, die isolierte Unterbringung in Barackenlager sowie drakonische Strafen für flüchtige oder `arbeitsscheue´ Arbeiter an.“[5] 

Doch der Einsatz der Zwangsarbeiter aus den besetzten Gebieten brachte nicht den erwarteten Erfolg und durch die weitere Einziehung von Bergleuten zur deutschen Wehrmacht verschärfte sich der Arbeitskräftemangel zunehmend. Das Oberbergamt in Clausthal-Zellerfeld schlug den Einsatz von Kriegsgefangenen am Erzbergwerks Rammelsberg vor.

In der Akte zum Bauschein für die Behelfskaue taucht deshalb am 15. September 1941 eine Bestellung von Stacheldraht auf.[6] Das Bergwerk baute die Behelfskaue erneut auf den neuen Bedarf als Gefängnis für Kriegsgefangene um, die eingesperrt engmaschig überwacht und sanktioniert werden sollten.[7]

Für den Umbau der Behelfskaue in ein Gefängnis gab es genaue Anweisungen: Vergitterung der Fenster; Verdunkelung der Fensterscheiben mit Papier; Unterteilung der vorhandenen Betten durch Bretterwände; Anbringung von Holzrosten unter den Tischen und Sitzplätzen; Absicherung der Türen und Verschließen der Schuhschränke bei Nacht, um Fluchtmöglichkeiten einzudämmen; Einrichtung eines Trockenabort für den Schlafraum; Sicherung der Dachflächen; Verlegen einer Klingelleitung vom Schlafraum zur Wachmannschaft; Bestückung der Kleiderspinde mit Ablagefach; Einrichten einer Arrestzelle im Serenissimorum-Maschinenhaus unter Tage; Anbringen eines Stacheldrahtzaunes um das Gelände, nach genauen Angaben.[8]

In einer Bestellung vom 7. Oktober 1941 werden zusätzliche Fenstervergitterungen und Sicherungselemente für Türen angefordert.[9] Weiterer Bestellungsanforderungen und Kostenvoranschläge belegen, wie akribisch die Einrichtung des Kriegsgefangenenlagers nach den Vorgaben geplant wurde.[10]

Doch nachdem die vorgegebenen Sicherheits- und Sanktionsvorkehrungen für die Behelfskaue eingeleitet waren, kam eine überraschende Wende. Der Einsatz von Kriegsgefangenen wurde im August 1940 abgelehnt. Am 22. Oktober 1941 kommt diese Wende auch in der Organisation dieses Raumes der Unterdrückung an: Die angelieferten Fenstergitter für die Behelfskaue dürfen nicht eingebaut werden, „da statt der zugesagten Kriegsgefangenen Zivilarbeiter zugewiesen sind.“[11] Um aber einen zu hohen Anteil ausländischer Arbeitskräfte an der Belegschaft zu vermeiden, wird der Einzug deutscher Bergleute zur Wehrmacht reduziert. Doch diese kurzfristige Einschränkung konnte nicht lange durchgehalten werden. „Mit der Ausweitung des Krieges richteten sich die Werksleitungen spätestens seit Frühjahr 1941 auf den längerfristigen Entzug von Mitarbeitern ein. Mit intensiven Bemühungen um die Zuteilung von Zwangsarbeitern jeder Art versuchten sie, den Anschluss an den Zug der Kriegswirtschaft zu sichern.“[12]

Deshalb heißt es in einem Schreiben des Erzbergwerks Rammelsberg an die Leitung der Unterharzer Berg- und Hüttenwerke G.m.b.H. vom 8. November 1941: „Da mit einem weiteren Absinken unserer Belegschaftszahl zu rechnen ist, muß nach Möglichkeit ein Ausgleich durch Heranziehung ausländischer Arbeitskräfte geschaffen werden. Zur Unterbringung dieser Arbeitskräfte ist ein Umbau der Hilfskaue in Form eines 6,70 m langen Anbaues erforderlich. In diesem Anbau können weitere 46 Mann untergebracht werden, so dass dann insgesamt Unterbringungsmöglichkeit für 96 Mann besteht.


Abb. 3: Am Standort der ehemaligen Behelfskaue steht heute ein flaches Gebäude
in dem zu Betriebszeiten des Erzbergwerks die Lampenstube, ein Raum für die   
Grubenwehr und ein Pförtnerbereich untergebracht waren. Jetzt wird das Gebäude
von der Museumsverwaltung des Weltkulturerbes Rammelsberg genutzt. In dem Silo
im Vordergrund wurde Zement für den Versatz unter Tage gelagert. Foto: Johannes    
Großewinkelmann, 2021.

Die dichte Beschreibung zur „Biografie“ des Gebäudes, kann aus den Bauakten bis in die Nachkriegsjahre recherchiert werden. Der erste Teil diese Beschreibung zeigt bereits eindrucksvoll, wie ein Raum im Laufe von wenigen Jahren mehrfach seinen `Modus´ wechselt und welche äußerlich sichtbaren Veränderungen das nach sich zog. Dazu kommt die Einbindung vieler Bereiche in diesen Prozess, von der Bauverwaltung der Unterharzer Berg- und Hüttenwerke G.m.b.H. bis zu den Werkstätten des Erzbergwerks Rammelsberg. Es wird quasi aus den einzelnen Baumaßnahmen für viele an diesem Prozess Beteiligte sichtbar, welche Funktion der Raum in verschiedenen Phasen der Unterdrückung zwangsweise am Bergwerk eingesetzter ausländischer Arbeitskräfte haben sollte.

Auch im zweiten Teil dieser Gebäude-Geschichte wird in einem der nächsten Beiträge der Wandel der Behelfskaue in den Jahren von 1942 bis 1945 unter sich dramatisch zuspitzenden Bedingungen mit dem Eintritt Deutschlands in einen „totalen Krieg“ vorgestellt und dadurch werden weitere Zusammenhänge von Raum, Organisation und Unterdrückung im Nationalsozialismus an diesem Ort und in diesem Gebäude sehr konkret nachvollziehbar.


[1] Vgl. BGG-Archiv. Akte Behelfskaue Rammelsberg 1937 – 1946. Lageplan zu einer provisorischen Kaue des Erzbergwerks Rammelsberg vom 26. Mai 1937.

[2] BGG-Archiv. Akte Behelfskaue Rammelsberg 1937 – 1946. Baubeschreibung vom 26. Mai 1937.

[3] BGG-Archiv. Akte Behelfskaue Rammelsberg 1937 – 1946. Bestellung der Unterharzer Berg- und Hüttenwerke G.m.b.H. für das Erzbergwerk Rammelsberg, Goslar vom 8. November 1940.

[4] BGG-Archiv. Akte Behelfskaue Rammelsberg 1937 – 1946. Bestellung an Adolf Wiese Goslar, Am Siechenhof 9 vom 11. Juli 1941.

[5] Bernhard Stier / Johannes Laufer: Von der Preussag zur TUI. Wege und Wandlungen eines Unternehmens 1923 – 2003. Essen 2005, S. 352.

[6] BGG-Archiv. Akte Behelfskaue Rammelsberg 1937 – 1946. Bestellung einer Rolle Stacheldraht beim Kriegsgefangenenlager in Fallingbostel. Vom 25.9.1941. 

[7] BGG-Archiv. Akte Behelfskaue Rammelsberg 1937 – 1946. Vermerk betr. Unterbringung von Kriegsgefangenen in der Hilfskaue vom 2. Oktober 1941.

[8] BGG-Archiv. Akte Behelfskaue Rammelsberg 1937 – 1946. Vermerk betr. Unterbringung von Kriegsgefangenen in der Hilfskaue vom 2. Oktober 1941.

[9] BGG-Archiv. Akte Behelfskaue Rammelsberg 1937 – 1946. Bestellung der Unterharzer Berg- und Hüttenwerke G.m.b.H. für das Erzbergwerk Rammelsberg vom 7. Oktober 1941.

[10] BGG-Archiv. Akte Behelfskaue Rammelsberg 1937 – 1946.

[11] BGG-Archiv. Akte Behelfskaue Rammelsberg 1937 – 1946. Schreiben des Erzbergwerks Rammelsberg an Unterharz, Abt. Einkauf, vom 22. Oktober 1941.

[12] Bernhard Stier, Johannes Laufer: Von der Preussag zur TUI. Wege und Wandlungen eines Unternehmens 1923 – 2003. Essen 2005, S. 353.

Reparatur – Austausch – Restaurierung: Die Erneuerung der Radwelle des Kanekuhler Kehrrades im Roeder-Stollen gibt Einblicke in das komplexe Thema Industriedenkmalpflege

Was sagt ein Handbuch zum Umgang mit einem Industriedenkmal

Schaut man in das Online-Handbuch „Indumap“ zum Umgang mit Industriedenkmalen[1], werden unter der Rubrik „Leitvorstellungen“ beispielhafte Verfahrensweisen beim Umgang mit Industriedenkmalen vorgeschlagen. Soll ein Objekt nicht seinem unaufhaltsamen Alterungsprozess überlassen oder unter weitgehender Vermeidung von Eingriffen in einem vorgefundenen Zustand konserviert werden, listet das Handbuch folgende mögliche Verfahrensschritte auf: 

  • Reparatur – handwerklich saubere Arbeiten zur Beseitigung von Schäden, die ohne Eingriff zu weiterem Verfall führen würden.
  • Restaurierung – bauliche bzw. restauratorische Maßnahmen aufgrund von eindeutigen Befunden die ggf. einen nicht mehr vorhandenen Zustand aufgreifen bzw. sich diesem annähern.
  • Rekonstruktion – erneute Hinzufügung verlorener Bestandteile eines Denkmals, die von eindeutigen Befunden (z.B. Zeichnungen, Fotos, Spuren am Bauwerk) gestützt sein sollten.

Vor diesem Hintergrund heißt es am 6. September 2017 in einem Antrag des Weltkulturerbes Rammelsberg an das Niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege zur Beantragung von Fördermitteln für das Kanekuhler Kehrrad unter der Rubrik „Maßnahme“ aus heutiger Sicht schon fast lapidar: Instandsetzung der Radwelle des untertägigen Kanekuhler Kehrrades im Roeder-Stollen des Weltkulturerbes Rammelsberg.

Das diese Formulierung der Beginn eines mittlerweile vierjährigen Verfahrens war, in dem alle drei im o.g. Handbuch beschriebenen Verfahrensschritte durchlaufen werden und aus der ursprünglichen Reparatur eine komplette Rekonstruktion des Kanekuhler Kehrrades im Roeder-Stollen des Weltkulturerbes Rammelsberg geworden ist, konntedamals noch niemand ahnen.

Doch zunächst kurz zurück zum Anfang, nämlich zu der Geschichte des Kanekuhler Kehrrades:


Das Kanekuhler Kehrrad im Roeder-Stollen des Weltkulturerbes Rammelsberg im Jahr 2003, noch mit intakter Radwelle. Foto: R. Bothe

Das Kanekuhler Kehrrad befindet sich vom Stollenmundloch ausgehend ca. 55 Meter unter der Erdoberfläche im Liegenden des ehemaligen Erzbergwerkes Rammelsberg. Es handelt sich hierbei um die oberste, erste Kehrradstube des Roeder’schen Wassersystems. Dort steht das Kanekuhler Kehrrad, welches in historischen Zeiten zur Förderung des Erzes im Kanekuhler Schacht diente. Die Radstube selbst ist etwa 11 m hoch (inkl. Wassertrog), ca. 7,5 m breit und zirka 10 m lang.


Isometrische Darstellung des Wasserhaltungs- und Erzförderungssystem im Roeder-Stollen.
In: Heinfried Spier, Historischer Rammelsberg, Wieda 1994, S. 31.

Als Kehrrad ausgeführt kann es seine Drehrichtung umkehren, abhängig davon, welchem der beiden gegensätzlichen Schaufelkränze das Aufschlagwasser zugeführt wird. Mit dem Kehrrad wurde eine Seiltrommel in Bewegung gesetzt, auf die ein Seil mit Erztonne im Schacht auf und ab bewegt werden konnte. Das heutige Kanekuhler Kehrrad ist ein Neubau aus dem Jahre 1996, rekonstruiert anhand von gefundenen Resten eines älteren Rades. Das rekonstruierte Kanekuhler Kehrrad (Lärchenholz), welches einen Durchmesser von etwa 7,64 m besitzt und fast 10 t wiegt, ist mit einer zirka 5 m langen Radwelle (Drehachse) aus Eichenholz ausgestattet.

Das rekonstruierte Kanekuhler Kehrrad kann in Bewegung gesetzt werden, um Besuchern die Mächtigkeit des Rades zu demonstrieren und zu zeigen, mit welcher kleinen Wassermenge ein so gewaltiges Wasserrad in Bewegung gesetzt werden kann. Die Besucher gelangen heute in die Radstube über eine Treppe auf eine Bühne in Höhe des ehemaligen Wasserkastens und können von oben auf seine konstruktiven Details hinabblicken. Um es in Bewegung zu setzen, wird mit einer elektrischen Pumpe Wasser auf das Kehrrad geführt.[2]

Die Rekonstruktion des Kehrrades wurde 1995 als Teil des unter Denkmalschutz stehenden Roeder-Stollens genehmigt.

Die Radwelle besitzt überwiegend einen quadratischen Querschnitt, ist aber an beiden Enden konisch geformt. Das Rad ist mit speziellen Keilen fest mit der Radwelle verbunden. An den Radwellenenden wurden die sog. ‚Doppelkrummzapfen‘ mit der Achse verbunden. Die Krummzapfen dienten früher zur Kraftübertragung auf  ‚Treibstangen‘, mit denen die über das Kehrrad angeordnete Seiltrommel angetrieben wurde. Treibstangen und Seiltrommel sind Mitte der 1990er Jahre nicht rekonstruiert worden.

Nur die Krummzapfen wurden originalgetreu neu gegossen und in passgenaue Schlitze im Wellenholz der Radwelle mittels Stahlringen verspannt. An den Radwellenenden liegen die Krummzapfen in geschmierten Lagerschalen aus Rotguss.

Die Reparatur

Ein Radwellenende wurde vor einigen Jahren von einem Fäulnispilz befallen, der das Holz der Welle auf einer Länge von ca. 80 cm zerstört hat. Als Folge des Pilzbefalls lockerte sich das Kehrrad auf der Welle und begann im Betrieb gefährlich zu schlagen. Das Kehrrad konnte nicht mehr in Bewegung gesetzt werden. Damit war ein wichtiges Element in der Besucherführung durch den Roeder-Stollen ausgefallen.  

Als Reparatur wurde der geschädigte Radwellenkonus abgesägt und durch einen ‚Flansch‘ bzw. eine Adapterkonstruktion aus Stahl ersetzt. Der stählerne Adapter dient der Aufnahme des Krummzapfens.


Mit einem speziellen Adapter aus Stahl wird die Radwelle des Kehrrades zunächst repariert. Foto: Weltkulturerbe Rammelsberg

Diese Reparatur gewährleistete mehrere Jahre wieder einen gesicherten Lauf des Kehrrades, bis der sich weiter ausbreitende Fäulnispilz weitere Teile der Radwelle stark geschädigt hatte. Dadurch wurde die Tragfähigkeit der Radwelle erheblich beeinflusst.

Die Restaurierung

Als zunächst angedachte Maßnahme sollte die Vollholzwelle gegen einen Stahlwelle ausgetauscht werden, um eine abermalige Schädigung der Radwelle zu verhindern. Im intensiven Austausch zwischen dem Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege, der Unteren Denkmalschutzbehörde der Stadt Goslar und dem Weltkulturerbe Rammelsberg wurde im Sommer 2018 auf der Basis des Denkmalschutzes für das gesamte Wasserhaltungs- und Erzförderungssystem im Roeder-Stollen beschlossen, doch wieder eine Vollholzwelle ins Kanekuhler Kehrrad einzusetzen. Aus der Reparatur wurde eine komplexe Restaurierungsmaßnahme für die das Weltkulturerbe Rammelsberg neben Eigenmitteln Fördergelder aus einem Sonderprogramm der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien und des Niedersächsischen Landesamts für Denkmalpflege beantragte.

Der Einsatz einer Vollholzwelle erforderte eine andere Transportplanung als der Einsatz einer wesentlich handlicheren Stahlradwelle. Der mögliche Transport der hölzernen Radwelle (L 490cm / B 60 cm / H 60 cm) mit einem Gewicht von ca. 1,8 t durch das Mundloch des Roeder-Stollens auf dem ersten Wasserlauf bis zur Kanekuhler Kehrradstube musste deshalb zunächst simuliert werden. Der Transportweg wurde mit einem Dummy vermessen. Die Durchgangsweiten auf dem ersten Wasserlauf bis zur Kehrradstube waren ausreichend.

Auf diesem Weg transportierten unsere Vorfahren mit hoher Wahrscheinlichkeit auch schon vor über 200 Jahren die Radwellen der Wasserräder in den Roeder-Stollen.


Mit einem Dummy wird der Transport der neuen Vollholzradwelle für das Kanekuhler Kehrrad im Roeder-Stollen simuliert. Foto: Weltkulturerbe Rammelsberg.

Die neue Vollholzradwelle soll mit neuen Holzschutzmitteln und einer verbesserten Wetterführung (Belüftung) der Kehrradstube vor einem schnellen Befall mit Fäulnispilzen geschützt werden. Insbesondere eine veränderte Wetterführung wird den Luftaustausch in der Kehrradstube beschleunigen und damit dem Anheften des Fäulnispilzes an das Holz der Radwelle entgegenwirken.

Nach einigen Verfahrensverzögerungen bei der Fördermittel- und der Auftragsvergabe konnte Anfang 2020 die Mühlenbaufirma, die 1996 bereits die Rekonstruktion des Kanekuhler Kehrrades vorgenommen hatte, mit dem Einbau der neuen Radwelle beauftragt werden.

Im Sommer 2020 wurde schließlich aus einem kompletten Eichenholzbaustamm die neue Radwelle hergestellt.  


Bearbeitung der neuen Radwelle aus einem kompletten Baumstamm. Foto: Mühlenbau Gottfried Schumann, Mulda.

In der Kanekuhler Kehrradstube musste die alte Radwelle dann aus dem Kehrrad ausgebaut werden. Dafür wurde ein Teil der vorhandenen Besucherbühnen vorübergehend abgebaut und der Museumsbetrieb in diesem Bereich zeitweise eingestellt.

Das Kehrrad konnte auf eine Stützkonstruktion abgesetzt werden, um die alte Radwelle zu entlasten und dann entfernen zu können. Danach zogen die Mühlenbauer die alte Radwelle aus dem Kehrrad.


Stützkonstruktion zum Absetzen das Kehrrades, damit die alte Radwelle demontiert werden konnte. Foto: Weltkulturerbe Rammelsberg

Die neue Radwelle liegt für den Einbau bereit. Foto: Weltkulturerbe Rammelsberg

Für den Transport der neuen Radwelle im Roeder-Stollen wurden spezielle
Transportvorrichtungen gebaut. Foto: Weltkulturerbe Rammelsberg

Die Rekonstruktion der Rekonstruktion

Bereits beim Ausbau der alten Radwelle wurden zusätzliche Schäden durch Fäulnispilze am Radschloss, dass aus Keil- und Viertelstockhölzern besteht und durch den die Radwelle in das Kehrrad geschoben wird, festgestellt. Der Pilzbefall ist stellenweise aufwärts bis in die Haupt- und Sticharme des Kehrrades vorgedrungen. Zur Sicherheit sollten die befallenen Bereiche der Radarme ausgetauscht werden.

Weitere Untersuchungen vor dem Einbau der neuen Radwelle ergaben dann die bittere Wahrheit, dass die Stabilität des gesamten Kehrrades aufgrund des Fäulnispilzbefalls gefährdet ist. Dieses wurde durch ein Holzgutachten bestätigt.

Im letzten Herbst musste dann der ursprüngliche Antrag auf denkmalrechtliche Genehmigung entsprechend abgeändert und die Rekonstruktion des bereits 1996 rekonstruierten Kanekuhler Kehrrades beantragt werden. Da es sich bei der vollständigen Rekonstruktion des Kehrrades um ein neues Projekt handelt, muss das Weltkulturerbe Rammelsberg einen erheblich größeren Eigenmittelanteil aufbringen, um dieses Projekt zu einem erfolgreichen Abschluss bringen zu können.

Zurzeit laufen die Arbeiten zur Demontage des alten Kehrrades und der Rekonstruktion eines neuen Kehrrades. Bis zum Sommer soll der Einbau des neu rekonstruierten Kanekuhler Kehrrades abgeschlossen sein. 

Innerhalb der letzten vier Jahre haben die Arbeiten am Kanekuhler Kehrrad die komplexe Bandbreite der zu Beginn genannten Vorgehensweisen beim Umgang mit Industriedenkmalen quasi im Zeitraffer durchlaufen. Das war in dieser Weise sicherlich ungewöhnlich, aber nicht einzigartig. Viele Industriedenkmale sind ein Konglomerat aus sehr unterschiedlichen Materialien, Techniken und konstruktiven Elementen, die bei der Unterdenkmalschutzstellung nicht alle offensichtlich sind. Erst wenn es gilt, das Denkmal zu erhalten, wird häufig erst die „Büchse der Pandora“ geöffnet. Erst dann bekommt man einen Einblick in die komplexen Zusammenhänge eines technischen Denkmals, dass zunächst als einfach zu beherrschende Konstruktion erscheint, dann aber ein großes Spektrum an bedenkenswerten Herausforderungen preisgibt.    


[1] www.indumap.de/glossar/denkmalbegriff. Letzter Aufruf: 3.03.2021.

[2] Vgl. Hans-Georg Dettmer, „Die meisterhafte Ausführung eines trefflichen Gedankens.“ Der Roeder-Stollen im Rammelsberg, Goslar 2005, S. 20f.


Seemann und Bergmann, zwei gefahrvolle Berufe und ein starkes literarisches Motiv


Dachdecker, Seemann, Bergmann, Kupferstich aus J. B. Basedows Elementarwerk mit den Kupfertafeln von Chodowiecki, Tafel 58 d, 1774,
Sammlung historischer Kinder – Jugendliteratur Uni Göttingen, Seminar für Dt. Philologie

„Es ist doch ein wunderbarer Gegensatz zwischen dem abwechselnden Leben des Seemanns und dem einförmigen des Bergmanns. Mit geschwellten Segeln fliegt jener von Küste zu Küste über das herrliche Meer: lustig wimmelt es in den fremden Häfen von geschäftigen Menschen. Bald bläst ein Sturm, daß die Masten brechen und das Schiff von den starken Wogen wie ein Spielzeug umhergeworfen wird, bald ist es wieder totenstill, und er ruht sich aus hoch oben im Mastkorb und schaut hinaus in den unbegrenzten Raum zwischen Meer und Himmel. Für den Bergmann hingegen gleitet ein Tag wie der andere dahin. Tief unten in dem schwarzen Schacht sitzt er bei seinem Grubenlicht und hämmert das Erz aus dem Berge heraus; still und finster wie hier in seiner Heimat wird es auch in seinem Innern. Nur der Sonntag bringt einige Veränderung; da zieht er sein besseres Kleid an, geht in die Kirche und sieht die Sonne mild in diese und in sein Herz scheinen. Zuweilen kommt er auch nachmittags nach Goslar hinein, hört die Zeitungsneuigkeiten und denkt darüber nach, wie wunderlich die Menschen dort draußen in der Welt umherstürmen; er will vielleicht auch, wenn er noch jung ist, dort hinausfliegen und sich zwischen den andern umhertummeln – aber am Montag sitzt er doch wieder tief unten im Schacht bei seinem Grubenlicht und gebraucht den Hammer, und so geht es fort, bis eine fremde Hand den letzten Hammerschlag auf seinen Sarg tut.“

Dieser einfühlsame Text ist eine Passage aus dem Buch „Reiseschatten“ des berühmten Dichters und Märchenerzählers Hans Christian Andersen. Er schrieb ihn 1837 nach seinem Besuch am Rammelsberg in Goslar.

Der Bergbau war bereits in der Goethezeit (1770-1830) ein beliebtes Thema der Literatur und viele Schriftsteller der Romantik waren ausgebildete Bergbauingenieure, so zum Beispiel Novalis (1772-1801). Und auch das literarisch starke Motiv vom Bergmann und vom Seefahrer und die Gemeinsamkeiten und Gegensätze dieser beiden Berufszweige waren bereits vor Andersen literarisch interessant. Denn die Arbeit in und mit der Natur und deren Gefahren bewirken vielfältige intensive Erfahrungen. Und das Lernen mittels echter Erlebnisse und die daraus gewonnenen Erfahrungen fördern, so Tenor der Zeit, die Persönlichkeitsentwicklung. Die faszinierende Unterwelt verbindet in der Romantik naturwissenschaftliche Forschung und Geologie mit mystischem Erleben und Traumbildern. Der Schriftsteller E. T. A. Hoffmann erdachte 1819 in „Die Bergwerke zu Falun“ die Romanfigur des jungen Seemanns Elis, der jedoch der Seefahrt den Rücken kehrte und ein anständiger Bergmann wurde. Der Gegensatz zwischen Tag und Nacht, Hell und Dunkel, also dem Meer und dem Inneren des Berges, spielt im gesamten Roman eine Rolle.

Und auch Heinrich Heine vergleicht die Naturerlebnisse im Bergwerk und auf dem Meer. Er schrieb 1826 nach seinem Besuch in der Grube Dorothea im Oberharz, im ersten Teil „In den Silberhütten“:

„Wirklich, es war betäubend, das Atmen wurde mir schwer, und mit Mühe hielt ich mich an den glitschrigen Leitersprossen. Ich habe keinen Anflug von sogenannter Angst empfunden, aber, seltsam genug, dort unten in der Tiefe erinnerte ich mich, daß ich im vorigen Jahre, ungefähr um dieselbe Zeit, einen Sturm auf der Nordsee erlebte, und ich meinte jetzt, es sei doch eigentlich recht traulich angenehm, wenn das Schiff hin und her schaukelt, die Winde ihre Trompeterstückchen losblasen, zwischendrein der lustige Matrosenlärmen erschallt und alles frisch überschauert wird von Gottes lieber, freier Luft. Ja, Luft! – Nach Luft schnappend, stieg ich einige Dutzend Leitern wieder in die Höhe, und mein Steiger führte mich durch einen schmalen, sehr langen, in den Berg gehauenen Gang nach der Grube Dorothea.“

Am 25. April 2021 eröffnet am Rammelsberg die Sonderausstellung „Reisen in den Schoß der Mutter Erde“- Montanreisen im Harz. Reiseerinnerung berühmter Literaten wie Hans Christian Andersen oder Johann Wolfgang von Goethe und anderen Reisenden – hinterlassen in Reisetagebüchern, Briefen und Notizen – werden Thema der Ausstellung sein. Sie erzählen von Reisen in den Harz und besonders von „Reisen in den Schoß der Mutter Erde“.

In unserem Blog werden wir nach und nach einzelne Themen dieser Ausstellung beleuchten. Sie dürfen gespannt sein!

(Anm. der Redaktion)

Rammelsberger Sonntags-Matinee vom 31.01.2021

Vortrag: Dr. Katharina Malek und Georg Drechsler – „Die Archäologie des Rammelsberges. Neue Erkenntnisse zum Unbekannten“

Seit 2018 arbeitet ein interdisziplinäres Forschungsteam in Goslar und Clausthal-Zellerfeld an dem Projekt „Altbergbau in 3D. Ein interdisziplinäres Projekt zur Erforschung des montanhistorischen Erbes im Harz“. Das Forschungsprojekt wird für vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) finanziert und hat zum Zeil, mittels modernster Methoden und Techniken neue Einsichten zur Montangeschichte des Harzes zu gewinnen.

In ihrem Vortrag stellen die beiden Archäologen Malek und Drechsler die neusten Erkenntnisse und Untersuchungen zur Archäologie des Rammelsberges vor.

https://www.youtube.com/watch?v=FxV39uuBTq8