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Die Landschaft am Rammelsberg – Bergbauspuren auf Schritt und Tritt

Bei einer Wanderung durch die Landschaft oberhalb der Rammelsberger Bergwerksanlage erschließen sich uns wunderbare Aussichten. Unser Blick schweift über Berge und Täler, Wald und Wiesen, die Altstadt von Goslar bis weit hinein in das nördliche Harzvorland, wo fern am Horizont die Städte Salzgitter und Wolfenbüttel zu erahnen sind. In unmittelbarer Umgebung erstreckt sich viel Schatten spendendes Grün. Hier und da ist es durchsetzt von kahlen Flächen, auf denen höchstens ein wenig Heidekraut wurzelt, daneben Flechten verschiedenster Art. Unversehens finden wir uns wieder in einer uralten Kulturlandschaft, in der die Relikte einer niedergegangenen Industrie einen ungleichen Kampf gegen die Natur führen. Wo Jahrhunderte lang die Tagesgebäude des alten Bergbaus das Bild der Landschaft dominierten, erobern sich Bäume Sträucher und niedere Pflanzen ihr Terrain zurück.

Bei den spärlich bewachsenen Flächen handelt es sich um Bergehalden, Gestein, das beim Abteufen der Schächte zutage gefördert worden ist. Zahlreiche dieser Schächte setzten einst rund um den mittelalterlichen Maltermeisterturm an. Der Turm selbst – heute ein beliebtes Ausflugslokal – gilt als das älteste erhaltene übertägige Bauwerk des deutschen Bergbaus. Weit über den Bergehalden liegen die mächtigen Blockschutthalden. Ihr flechtenüberzogenes Material entstand als Abraum bei der Gewinnung und Bearbeitung des Sandsteins im Kommunion-Steinbruch. Benötigt wurde dieser, um dem Grubengebäude, das mit zunehmendem Erzabbau mehr und mehr seine Standfestigkeit einbüßte, höhere Stabilität zu verleihen. Die Ansatzpunkte der Schächte zur Abwärtsförderung des Materials sind heute auf den ersten Blick kaum mehr erkennbar. An wenigen Stellen zeichnen sich noch Vertiefungen am Wegesrand ab, Pingen, die davon zeugen, dass das Schüttgut zum Verfüllen der Schächte im Zuge jahrelanger Verdichtung zusammengesackt ist.

Doch auch andernorts lassen sich solche Spuren finden. In Begleitung erfahrener Landschaftsführer haben wir die Möglichkeit, anhand der speziellen Flora und der mannigfachen Bodenmodellierungen Wissenswertes über die montane Vergangenheit des Rammelsberges zu erfahren, denn das, was unter Tage geschah, veränderte auch die Landschaft über Tage.

Das Weltkulturerbe Rammelsberg – Museum & Besucherbergwerk bietet in Kürze drei unterschiedlich lange Touren durch die Kulturlandschaft an: von der einstündigen Schnupper-Tour rund um den „Herzer“ über die anspruchsvollere zweieinhalbstündige bis zur Vierstundentour, die uns bis nahe an die Kuppe des Berges bringt. Der Gang durch die Landschaft wird zugleich ein Gang durch die Bergbaugeschichte: An kaum einem anderen Ort sind so viele montane Sachzeugen auf engstem Raum zu finden wie hier. Dies war einer der Gründe, weshalb der Rammelsberg 1992 gemeinsam mit der Altstadt von Goslar in die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes aufgenommen wurde.

Übrigens: Das Mitführen von Hunden ist bei diesem Angebot des Museums durchaus erlaubt, schließlich war der Hund (bergmännisch: Hunt[1]) schon in alten Zeiten ein zuverlässiger Helfer des Bergmanns.

[1] In vorindustrieller Zeit war „Hunt“ in vielen Bergbauregionen Deutschlands die Bezeichnung für den Förderwagen der Bergleute.

Bilder:

  1. Blick aus dem Kommunion-Steinbruch über den Maltermeisterturm auf die Altstadt von Goslar. Foto: R. Bothe 2006
  2. Die Erzabfuhrweg im Hainholz am Rammelsberg. Foto: R. Bothe 2006
  3. 2010 enthüllte der damalige Präsident des Landesamts für Denkmalpflege eine Informationstafel des Museums zu den Erzabfuhrwegen. Foto: J. Pozowski 2010

„Glückauf, Glückauf, der Steiger kommt…“

Mit diesen Zeilen beginnt ein knapp 500 Jahre altes Bergmannslied. Das sog. „Steigerlied“  mit seiner Vielzahl an unterschiedlichsten Strophen ist mit Sicherheit das bekannteste deutschsprachige Bergmannslied, welches bis in die Gegenwart in vom Bergbau geprägten Regionen zu verschiedensten Anlässen gesungen wird bzw. zu hören ist.
Volkstümliche Lieder aus Bergbauregionen sind ein sicherer Beleg für die Verschmelzung der Lebens- und Arbeitswelt der Bergleute. Musik als Ausgleich aber auch als Begleitung der Arbeit spielte eine sehr große Rolle. Agricola beschreibt dies 1556 folgendermaßen: „ Übrigens begleiten die Knappen ihre Arbeit in den Grubenräumen oft mit schönem Gesang; sie erleichtern sich dadurch die schwere und gefahrvolle Arbeit“. [1]
Natürlich spielte die besondere Festkultur der Bergleute bei der Ausprägung und der Pflege bergbaulicher Musik eine weitere entscheidende Rolle. Einer besonderen Festkultur, die in ihrer Genese aber auch immer abhängig von ihrer Zeit war. So ist es fast eine zwangsläufige Folge, dass sich im 19. Jahrhundert auch in den Bergbaurevieren, einem gesamtgesellschaftlichen Trend folgend, Musikkapellen und Musikvereine gründeten. Diese wurden schnell ein unverrückbarer Teil bergmännischer Feste und Anlässe, wie beispielsweise dem Bergdankfest oder innerbetrieblicher Veranstaltungen.


[1] Vgl. De Re Metallica Libri XII von 1556 von Georg Agricola, Buch V

Citharoedus metallicus. Ein Bergsänger um 1700. Abgebildet im Liederbuch für Berg- und Hüttenleute. Hrsg. vom Berg- und Hüttenmännischen Verein.

Musik vom und am Rammelsberg

Auch am Rammelsberg gründete sich 1838 ein berufsständischer Musikerverein. In das „Rammelsberger Bergmusikkorps“ konnte jeder 18- jährige am Rammelsberg angestellter Knappe, nach vorheriger Eignungsprüfung, aufgenommen werden.
1872 gründete sich an dem zum Rammelsberg zugehörigem Hüttenstandort Oker das „Musikkorps der Hüttenwerke Harz“. [1] Das musikalische Repertoire unterschied sich kaum von dem einer „normalen“ Blaskapelle, das Besondere aber war die berufsständische Herkunft und das damit verbundene Aufnahmekriterium seiner Mitglieder.  

1847 gründete sich in Goslar, als „Gegenstück“ zu dem rein instrumentalen Musikkorps, die „Bergmänische Liedertafel Constantia“, deren Mitglieder ebenfalls ausschließlich Rammelsberger Bergleute sein durften. [2]

Mit dem Ende des aktiven Bergbaus am Nordharzrand 1988, gab es keinen bergmännischen Nachwuchs mehr und die Anlässe für Auftritte  wurden logischerweise weniger. Den drohenden Mitgliedermangel entgegen zu wirken, öffnete sich das Musikkorps erfolgreich auch für Nichtbergleute und Frauen. So spielt beispielsweise das Rammelsberger Musikkorps bis zum heutigen Tag zum Weihnachtlichen Rammelsberg in der Schlosserei.

Wimpel am Schellenbaum des Rammelsberg Bergmusikkorps (Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg)

Klingendes Welterbe

Neben dem Rammelsberger Musikkorps spielen aber auch ganz andere musikalische Formationen in der Schlosserei bzw. auf dem Gelände des heutigen Weltkulturerbes.

Nach der Schließung des Odeon-Theaters fand der Verein Bühnenreif Goslar am Rammelsberg eine neue Spielstätte. Seitdem überrascht er jedes Jahr mit einem neuen Musical seine Zuhörer in den stets restlos ausverkauften Vorstellungen.

Seit 2015 organisiert das MINER’S ROCK mehrmals im Jahr ausverkaufte Konzerte im Weltkulturerbe. Vorrangig deutschsprachige Popmusik namhafter Künstler, wie Jan-Josef Liefers oder Johannes Oerding, sorgen auch hier jedes Mal für ausverkaufte „Schichten“ in der Schlosserei.

Neben der Schlosserei wird aber auch das gesamte Gelände des ehemaligen Bergwerkes „musikalisch“ erschlossen. Das  Internationale Musikfest Goslar/Harz, welches auch ein widerkehrender Gast an Rammelsberg ist, nähert sich auf unterschiedlichste Art und Weise „seiner“ Spielstätte an. 2019 finden drei Veranstaltungen am Berg statt. Am 25. August, 1. und 8. September steht alles unter dem Motto „Moderne Zeiten“, lassen sie sich überraschen!

Johannes Oerding bei MINERS ROCK in der Schlosserei

Glückauf, Glückauf, der Steiger kommt (nach wie vor)…

Und wenn im Frühjahr 2019 über 600 Personen freiwillig und voller Überzeugung zu Beginn einer MINER’S ROCK-Schicht das „Steigerlied“ singen, schließt sich der Kreis zwischen moderner Musikinterpretationen in einem ehemaligen Bergwerk und dem traditionellen Bewahren bergmännischer Tradition genau an dem Ort, der dieses Bewahren zur Aufgabe hat.

[1] Vgl. ausführlich: http://www.blasmusikfreunde-harz.de/huettenmusikkorps_01.htm

[2] Vgl. Wiegand, Gesine: Rammelsberger Bergleute als Musiker. In: Der Rammelsberg. Tausend Jahre Mensch-Natur-Technik. Bd. 1, Goslar 2001, S. 498 ff.

Einmal Erzgebirge und zurück. Historische Migrationsbewegungen von Bergleuten zwischen zwei großen Montanregionen

Am 6. Juli 2019 um 14.40 Uhr deutscher Zeit beschloss die UNESCO auf ihrer Jahrestagung in der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku die Montanregion Erzgebirge/Krusnohorí  auf die Liste des Weltkulturerbes der Menschheit zu setzen. Wir freuen uns sehr mit den Kolleginnen und Kollegen im Erzgebirge, die dies nach hartem und unermüdlichem Ringen geschafft und erreicht haben.

Insgesamt 22 ausgewählte Denkmäler und Orte (17 auf deutsch/sächsischer und 5 auf tschechischer Seite) bezeugen die wichtigsten Bergbaugebiete und Epochen aus insgesamt 800 Jahren Geschichte des sächsisch-böhmischen Erzbergbaus.

Die Geschichte des Bergbaus im Erzgebirge ist an vielen Stellen eng mit der Geschichte des Bergbaus im Harz verbunden. Neben einem stetigen beiderseitigen Technologietransfer war dies vor allem die Migration von Bergleuten samt ihren Familien zwischen den Revieren. [1]

Im 13. Jahrhundert wurden die Oberharzer Gruben hauptsächlich händisch mit Bulgen entwässert. Agricola 6. Buch aus »De re metallica libri XII«

In wesentlichen waren es zwei sich bedingende Ursachen, welche die Harzer Bergleute ab der Mitte des 13. Jahrhunderts dazu veranlassten ihre angestammten Orte und Reviere in Richtung des heutigen Sachsen zu verlassen.

Zum einen befand sich der Bergbau im Harz zu diesem Zeitpunkt in einer wirtschaftlich angespannten Situation. Die erreichten Teufen in den Gruben (50+x m) konnten mit den vorhanden Mitteln (meist per Hand mit sog. Bulgen) nicht mehr ausreichend entwässert und bewettert werden, was die Arbeit unter Tage fast unmöglich brachte.

Zum anderen folgten die Harzer Bergleute damit den hoffnungsvollen Nachrichten aus dem Erzgebirge, wonach sich rund um Freiberg  neue reichhaltige Lagerstätten aufgetan hatten, was schon ab Mitte des 12. Jahrhunderts als sog. „Erstes Berggeschrey“ in die Montangeschichte des Erzgebirges einging. Um die Migration der Harzer Bergeleute attraktiv zu gestalten, waren sie nach der Ansiedlung in ihrer neuen Heimat von fast allen Abgaben befreit. Der Bergbau im Harz und zugehörige Wirtschaftszweige wie das Hüttenwesen kamen zu diesem Zeitpunkt faktisch zum Erliegen.

Der Holzschnitt von 1556 zeigt Bergleute bei der Erzsuche. Agricola 2. Buch aus »De re metallica libri XII«

Erst knapp  300 Jahre später wurde durch den Herzog von Braunschweig-Wolfenbüttel, Heinrich dem Jüngeren, versucht, den Bergbau im Oberharz wieder zu reaktivieren. Hierzu wurden Fachkräfte gebraucht, die es in Harz kaum noch gab. Um für den Zuzug von Bergleuten Anreize zu schaffen, erklärte er am 16. Juni 1524 sein Territorium, des heutigen Gebiet der Gemeinde Bad Grund und wenige Jahre später die Gebiete der heuteigen Wildemann, Lautenthal und Zellerfeld für „bergfrei[1]“. Durch diesen Rechtsakt, der sich an der kursächsischen Annaberger Bergverordnung von 1509 orientierte, löste der Herzog die Bodenschätze von seinem Grundeigentum. Das bedeutete in der Folge, dass jedermann in dem entsprechenden Gebiet nach Erzen graben durfte, allerdings reguliert unter amtlicher Aufsicht, mit entsprechenden Vorschriften und Abgaben an den herzoglichen Hof. [2]

Unter anderem zog dadurch eine Vielzahl von sächsischen Bergleuten in den Harz. Dieser Zuzug von Fachkräften und neue technologische Verfahren, wie die Einrichtung moderner Pumpen ermöglichten den Beginn der wichtigsten und wirtschaftlich stärksten Epoche  des Bergbaus im Oberharz. Die Ansiedlung der Bergleute führte in direkter Folge auch  zu der Gründung der oben genannten vier Bergstädte[3].

Parallel begannen die Arbeiten an einem auf Wasserkraft basierenden Energiesystem zur Entwässerung der Gruben und der Erzförderung nach über Tage. Dieses System, was in den folgenden 300 Jahren stetig ausgebaut und verfeinert wurde, ist seit dem Jahr 2010 Teil des Gesamtwelterbes im Harz. Es handelt sich um das System der Oberharzer Wasserwirtschaft, welches bis heute als sichtbares Zeugnis des Harzer Bergbaus die Landschaft im Oberharz prägt.

[1] Ausführlich zu Bergfreiheit im Oberharz, siehe: Bartels Christof und Slotta Reiner Hrsg, Geschichte des deutschen Bergbaus . band 1 der alteuropäische Bergbau: von den Anfängen bis in die Mitte des 18. Jahrhundert, Münster 2012, S. 355 – 372.

[2] Vgl. hierzu ausführlich u.a. in: Bartels, Christoph; das Erzbergwerk Grund. Die Betriebsgeschichte des Werkes und seiner Vorläufergruben Hilfe Gottes und Bergwerkswohlfahrt von den Anfängen im 16. Jahrhundert bis zur Einstellung 1992, hrsg. von Preussag AG Metall, Goslar 1992, S. 14 ff.

[3] Vgl. Moirch M.; Kleine Chronik der Oberharzer Bergstädte und ihres Erzbergbaus, 3. erweiterte und überarbeite Aufl., Clausthal-Zellerfeld 1954, S.8 ff.

Oberharzer Speicherteiche. Seit August 2010 ist das die Oberharzer Wasserwirtschaft gemeinsam mit der Stadt Goslar und dem Bergwerk Rammelsberg Weltkulturerbe.

Fritz Schupp und Martin Kremmer, die Architekten der Tagesanlagen des Erzbergwerkes Rammelsberg und die Entwicklung der Moderne in der Industriearchitektur (1918–1933)

Der Fabrikbau vor dem Ersten Weltkrieg war überwiegend eine Kompromisslösung unter dem Zwang, „den Ansprüchen der Produktion zu genügen und zugleich kostengünstig und dauerhaft ausgebildet zu sein.“[1] Dieser Einschätzung des Industriedenkmalpflegers Walter Buschmann kann man zunächst kaum folgen, denn die historistischen Fabrikfassaden am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts dienten nicht der Produktion, sondern der Repräsentation. Doch hinter den in allen Varianten ausgeformten historistischen Fassaden dehnten sich überwiegend große Areale reiner Zweckbauten aus. Alfred Krupp lehnte beispielsweise übermäßig repräsentative Fabrikbauten für sein Unternehmen ab. „Alle Mehrkosten für Anlagen, welche keinen weiteren Zweck haben als Ansehen, Stil und Berücksichtigung von Schönheitssinn, müssen für immer verpönt sein.“[2]

Deshalb war das Ingenieurgebäude der Vorläufer der modernen Architektur. Die Konstruktionen der Bauingenieure folgten den Gesetzen der Statik und den Geboten der Sparsamkeit und erreichten dadurch wichtige Schritte der späteren Architektur der Moderne. Über den Ingenieurbau wurde ein wichtiger Verbindungsstrang zur Bauhausmoderne geschaffen.

Seit Anfang des 20. Jahrhunderts sind neben den Ingenieuren immer häufiger auch Architekten an der Planung der Zechenanlagen im Ruhrgebiet beteiligt. Zu den Fördereinrichtungen kamen Kraftwerk, Kauengebäude, Lampenstube, Werkstatt und Verwaltungsgebäude als wichtige Elemente der Tagesanlagen. Als einer der ersten Architekten forderte Johannes Erberich eine gewisse Systematik im Aufbau von Zechenanlagen. Als wichtige Voraussetzung erachtete er die möglichst enge Kooperation der verschiedenen, an der Planung und dem Bau von Bergwerksanlagen, beteiligten Berufsgruppen.[3] Die Gründung des Deutschen Werkbundes1907 gab diesen Bestrebungen eine weitere Dynamik. Fabrik- und Werksgelände waren vor dem Ersten Weltkrieg häufig durch sukzessive Erweiterung planlose, unübersichtliche Anlagen. Der Werkbund forderte eine Ordnung der Gebäude auf einem Industriegelände. Diese Ordnung sollte auch der Proportionierung der Gebäude dienen, die im Einzelnen von innen aus dem Grundriss heraus entwickelt werden mussten. Eine Forderung die Walter Gropius später als fundamentalste Aufgabe der Baukunst betrachtete.[4]

Es waren zunächst Fabrikbauten von Peter Behrens für die Allgemeine Electricitäts-Gesellschaft (AEG) in Berlin ab 1908 und von Walter Gropius und Adolf Meyer für die Fagus-Werke in Alfeld ab 1911, die den Beginn einer Entwicklung besiegelten, die dann nach der Gründung des Bauhauses 1919 stilbildend für das stand, was später als Bauhaus-Stil bezeichnet wurde. Und tatsächlich wurden wichtige Elemente, z.B. Peter Behrens Backsteinbau und die von ihm bevorzugten Materialien Stahl, Glas und Beton in den 1920er Jahren im Industriebau eingesetzt. Fritz Schupp und Martin Kremmer wurden  wichtige Protagonisten dieser Industriebauweise.


Fritz Schupp (1896 – 1974)[5]

Fritz Schupp kam am 22. Dezember 1896 in Krefeld als Sohn eines leitenden Angestellten der dort ansässigen chemischen Industrie zu Welt. An seine Schulausbildung an einem humanistischen Gymnasium in Essen schloss sich ab 1914 ein Architekturstudium zunächst an der Technischen Hochschule in Karlsruhe an. Bereits hier lernte er den aus Berlin stammenden Martin Kremmer kennen.


Martin Kremmer (1894 – 1945)[6]

Martin Kremmer wurde 1894 im polnischen Posen/Poznan als Sohn eines Oberstudiendirektors geboren. Zunächst in Polen zur Schule gegangen, machte Martin Kremmer nach dem Umzug in Berlin sein Abitur und begann 1915 ein Architekturstudium in Karlsruhe. Im Gegensatz zu Fritz Schupp, der wehruntauglich war, leistete Kremmer seinen Militärdienst im Ersten Weltkrieg ab. Während Fritz Schupp sein Studium zunächst in München fortsetze und an der Technischen Hochschule in Stuttgart seine Diplomprüfung machte, wechselte Martin Kremmer von Karlsruhe nach Stuttgart und schloss sein Studium an der Technischen Hochschule in Berlin-Charlottenburg ab.

Fritz Schupp und Martin Kremmer studierten an den damals bedeutendsten deutschen Hochschulen für Architektur in Karlsruhe, Stuttgart, München und Berlin. Ein Studium nach den Kriterien des Neuen Bauens konnten sie noch nicht durchlaufen, weil das Bauhaus erst ab 1927 eine Architekturausbildung anbot. In der Stuttgarter Architektenausbildung wurde aber schon eine Abwendung von der akademischen Abstraktion, hin zu einer handwerklichen Erziehung gefordert. Hieran konnten die Ideen des Bauhauses problemlos anknüpfen.[7] Parallel zum Studium spielte auch bei Fritz Schupp und Martin Kremmer die praktische Arbeit im Architekturbüro eine wesentliche Rolle. 

Die Freundschaft zwischen den beiden veranlasste sie wohl dazu, ab 1922 eine Architektensozietät zu gründen. Es war der Anfang einer erfolgreichen Zusammenarbeit, die durch sich ergänzende Fähigkeiten bestimmt war. Während Fritz Schupp der künstlerisch begabtere war, zeigte Martin Kremmer seine Fähigkeiten als versierter Techniker und Bauleiter. In der Anfangszeit profitierte die Architektengemeinschaft von dem persönlichen Kontakt zwischen Fritz Schupp und Friedrich Wilhelm Schulze Buxloh, der im Vorstand der Vereinigten Stahlwerke AG für mehrere Bergwerke im Ruhrgebiet zuständig war. Schulze Buxloh verschaffte der Bürogemeinschaft die ersten Industrieaufträge. Schnell spezialisierten sich die jungen Architekten auf Bauten für die Montanindustrie. Zwischen 1922 und 1945 errichteten sie 22 Bergwerke, darunter die Steinkohlenzeche Zollverein Schacht 12 in Essen (1927–1932), das Erzbergwerk Rammelsberg bei Goslar (1935–1939), die Odertalkokerei in Deschowitz (1932–1938) und die Zinkhütte in Harlingerode am Harz (1940). [8]

Zunächst arbeiteten die beiden Architekten bis 1927 noch in reiner Ziegelbauweise. Die Bergwerksanlage auf Zollverein kann als ein wichtiger Wendepunkt in der Ausprägung eines eigenen Baustils betrachtet werden. Bei der Schachtanlage Zollverein entwickelten sie mit der in Frankreich zuerst vorgestellten Stahlfachwerkarchitektur ein eigenständiges Ausdrucksmittel der klassischen Moderne und eine wichtige Variante der Bauhaus-Architektur. Stahlfachwerk passte hervorragend zu den Anforderungen der Industrie und besonders des Bergbaus, war schnell zu montieren, gut zu erweitern oder zu verändern, reagierte flexibel auf Erschütterungen und ließ sich bei Bedarf auch schnell wieder demontieren. Es entsprach gestalterisch mit den sichtbaren Stahlprofilen in der Fassade der Ideenwelt des Konstruktivismus und ließ sich zu eindrucksvollen, kubisch geformten Baumassenkompositionen ausbilden.[9]

Die Trennung in tragende Stahlrahmen und vorgehängte Fassade war im Bergbau schon lange bekannt, wurde von Schupp / Kremmer aber in einer bisher nicht gekannten Konsequenz eingesetzt.

Die Baukörper wurden auf Zollverein auf klare kubische Formen reduziert und  diese Gebäude zu einer harmonisch wirkenden Einheit zusammengestellt. Wie einen roten Faden haben die beiden Architekten durch die Gesamtanlage eine Sichtachse gelegt und auf die symmetrische Verteilung der Gebäude entlang dieser Sichtachse Wert gelegt. Dieses Vorgehen bildete die Grundlage für das gesamte weitere Schaffen Schupp / Kremmers im Industriebau. Aber dieser Architekturstil war für die beiden Architekten nichts anderes, als „die Umhüllung einer weitgehend stützenfreien Arbeitsfläche mit einer leichten Schale, die jederzeit an wechselnde Betriebsbedingungen angepaßt werden konnte.“ [10]  [Diese Hülle, die wie] „eine Schachtel über den Inhalt, die betriebliche Einrichtung, gestülpt“ wird, wurde für sie gleichsam zum gestalterischen Prinzip, zum formalen Mittel in Abhängigkeit von der Funktion. „Der Zweck, rücksichtslos anerkannt und erfaßt, sinngemäß durchgebildet, führt somit zur Architektur, zu einer neuen Architektur, die ihre eigenen Gesetze hat.“[11] Die Stahlfachwerkkonstruktion der Gebäude machte es nur schwer möglich, den ähnlich aussehenden Gebäuden eine Funktion zuzuschreiben. Aber Schupp / Kremmer begriffen ihre Anlagen als Gesamtheit, bei der nicht der Einzelbau, sondern „im Rhythmus der Baukörper und Baumassen der Rhythmus der Funktionen zum Ausdruck kommen soll.“[12] In der „Verarbeitung von modernen und traditionellen Einflüssen und dem daraus entstehenden, in dieser Form neuen und einzigartigen Ergebnis lag das Erfolgsrezept der Architekten, die nach eigener Aussage in einer `Zusammenstellung von neu und alt, von Eigenem und Tradition die Richtung des Kommenden´  sahen.“[13]


Anton Meinholz, Werkstattgebäude und Kesselhaus mit Schornstein der Zeche Zollverein, Essen 1934. [14]

Für die beiden Architekten sollten Industrieanlagen etwas Besonderes im Stadtbild sein. Sie sollten wie andere repräsentative Gebäude ein Teil des Stadtbildes, der Landschaft und der sie umgebenden Umwelt sein. „Wir müssen erkennen, daß die Industrie mit ihren gewaltigen Bauten […] ein Symbol der Arbeit, ein Denkmal der Stadt“[15]  ist.

Obwohl in den 1920er Jahren auf der Suche nach einem Architekturstil, lehnten sie eine Eingliederung ihrer Architektur in schematische Zuordnungen in einem Aufsatz aus dem Jahre 1930 konsequent ab: „So, also jetzt macht man flache Dächer, Eckfenster, Stahlmöbel. Aha, das ist endlich etwas Greifbares. Daran werden wir von jetzt an kontrollieren, wer modern ist.“ [16] Sie machten sich für eine Rückbesinnung auf die gestalterischen Werte als Gegenstand von Architektur stark und verschlossen sich damit nicht grundsätzlich gegenüber traditionellen Architekturstilen. Sie wehrten sich damit gegen den ausgeprägten gestalterischen Minimalismus der Bauhaus-Architekten, die alle Anstrengungen auf die Funktion ausrichteten.[17]

Anlässlich des diesjährigen Bauhausjubiläums nehmen wir zusammen mit Ihnen die besondere Architektur des Rammelsberges in unseren Sonntagsführungen „Zwischen Tradition und Moderne – Die Architektur des Rammelsberges“ einmal genauer unter die Lupe. Termine: 5. Mai, 2. Juni, 7. Juli, 4. August, 1. September, 6. Oktober, 11. November jeweils um 11.00 Uhr


[1] Walter Buschmann: Bauhausmoderne und Industriebau. In: Industriekultur 3.18, S. 12 – 13, S. 12.

[2] Ders., S. 12.

[3] Vgl. Wilhelm Busch: F.Schupp, M. Kremmer. Bergbauarchitektur 1919 – 1974, Köln 1980, S. 36.

[4] Kristina Pegels-Hellwig, Bauten für die Industrie. Der zeichnerische Nachlass der Architekten Fritz

   Schupp und Martin Kremmer 1921 – 1971, Bochum 2012, S. 28.

[5] Bildquelle: Kristina Pegels-Hellwig, Bauten für die Industrie. Der zeichnerische Nachlass der Architekten Fritz

Schupp und Martin Kremmer 1921 – 1971, Bochum 2012, S. 79.

[6] Bildquelle: Kristina Pegels-Hellwig, Bauten für die Industrie. Der zeichnerische Nachlass der Architekten Fritz

Schupp und Martin Kremmer 1921 – 1971, Bochum 2012, S.434.

[7] Vgl. Dies., S. 39ff.

[8] Vgl. Michael Farrenkopf: Eine Großzeche für Oberschlesien – Industrieplanungen der 1940er Jahre im Nachlass der Architekten Fritz Schupp und Martin Kremmer im Bergbau-Archiv Bochum. In: Polski Kongres Górniczy 2007, Fundacja Otwartego Museum techniki Górnictwo w czasie, przestrzeni, kulturze. Red. Stanilawa Januszewskiego. Wroclaw 2007, S. 65 – 82, S. 69.

[9] Buschmann (wie Anm. 1), S. 13; Vgl. auch: Walter Buschmann: bauhaus-moderne und industriebau. In: 100 jahre bauhaus. gestaltung und demokratie. Neubeginn und weichenstellungen in rheinland und westfalen, Düsseldorf 2018, S. 14.

[10] Busch, (wie Anm. 3), S. 81.

[11]  Fritz Schupp, Martin Kremmer: Architekt gegen oder und Ingenieur, Berlin 1929, S. 22.

[12] Pegels-Hellwig (wie Anm. 4), S. 94.

[13] Dies., S. 95.

[14] Bildquelle: Stiftung Zollverein (Hg.) Der Blick der Sachlichkeit. Zeche Zollverein im Spiegel der Fotografie, Essen 2016, S. 39.

[15] Busch (wie Anm. 3), S. 82. 

[16] Zitiert bei: Ders., S. 64.

[17] Wilhelm Busch: Anmerkungen zur Bergbauarchitektur – Ihre Geschichte und Rezeption in den letzten 150 Jahren am Beispiel der Zeche Zollverein. In: Wilhelm Busch, Michael Farrenkopf, Rainer Slotta (Hgg.): Der zeichnerische Nachlass der Architekten Fritz Schupp und Martin Kremmer. Inventar und Bestandskatalog, Bochum 2011, S. 28 – 36, S. 31. 

Industriearchitektur im Spiegel der Fotografie 1920 – 1950

Architektur ist der älteste Gegenstand der Photographie. Alle frühen Erfinder des photographischen Verfahrens wählten Gebäude als Objekte aus, denn die hielten ausreichend lange still. „Um 1870 etablierte sich (…) die Architekturphotographie in einem neuen funktionalen Kontext, der Werbung. Bilder von Bauten hatten fortan für die ästhetische Qualität von Fassaden und Ornamenten, von Applikationen und Proportionen zu werben (…).“[1] Je moderner die Architektur wurde, desto stärker konzentrierte sich der Blick der Fotografen auf die Bauvolumina. Endgültig entwickelte sich dieser Fokus in den 1920er Jahren mit der Fotografie der Moderne.

Die Fotografie der Moderne war in den 1920er Jahren mit dem Schlagwort der Neuen Sachlichkeit belegt, so wie dieses Schlagwort als Abwendung von historischer Bewegung auf alle Gebiete gestalterischen Arbeitens angewendet wurde. Sachlichkeit beeinflusste die industrielle Massenproduktion, die Wohnungsbauarchitektur, den Städtebau, das Kunsthandwerk, die Mode, die bildende Kunst und die Fotografie und den Film. Die Fotografie der Neuen Sachlichkeit ist in den 1920er Jahren, wie andere Strömungen in der Kunst und der Architektur, als Reaktion auf die Folgen des Ersten Weltkrieges zu sehen. Die Fotografie der Neuen Sachlichkeit entwickelte sich in einer Zeit der extremen Verunsicherung, einer Zeit der wirtschaftlichen und politischen Krisen, der gesellschaftlichen und kulturellen Kämpfe und Hoffnungen. Fotografie, Film und Rundfunk machten in dieser Zeit große Entwicklungen und Veränderungen mit, sorgten aber insbesondere für eine beschleunigte öffentliche Kommunikation.[2]

Als Stilrichtung der künstlerischen und angewandten Fotografie der 1920er bis 1930er Jahre spiegelte die Neue Sachlichkeit eine Haltung zum Medium Fotografie wider, die sich auf bestimmte Charakteristika des Fotografischen konzentrierte: harte Anschnitte, technische Genauigkeit bei der Aufnahme, der Entwicklung und Vergrößerungstechnik, starke Auf- und Untersichten, Gegenstandstreue sowie Detailhaftigkeit. Der Blick wird auf Oberflächen, Strukturen und Formen gelenkt, die Bildfläche wird geordnet. Die Fotografie der `Neuen Sachlichkeit´ wird durch Begriffe wie: „klar, präzise, sachlich, nüchtern, illusionslos, realistisch, objektiv, zweckmäßig, spröde, gegenstandsbezogen, puristisch, zeitlos, kalt und technisch“ [3] gekennzeichnet.

Die Neue Sachlichkeit grenzte sich klar von der Kunstfotografie ab, die sich an malerischer Formensprache orientierte und auch der experimentelle Charakter der Bauhausfotografie wurde von Vertretern der Neuen Sachlichkeit abgelehnt.[4] „Unter den Protagonisten der Neuen Sachlichkeit steht der Fotograf Albert Renger Patzsch (1897 – 1966)  wohl wie kein anderer  Künstler für das Prinzip des ordnenden Blicks. Sein stilbildendes Schaffen folgte rigoros der selbstgestellten Aufgabe, in der Fotografie dem Wesen des Gegenstandes nachzugehen. Sein 1927 erschienener Fotoband „Die Welt ist schön“ formulierte – bei allen Missverständnissen, die der Buchtitel auslösen sollte – eine Haltung zur Welt, die an eine spezifische Ästhetik der Sachlichkeit gekoppelt war. (…)“[5]

Albert Renger Patzsch definierte die Komposition seiner Bilder entsprechend: „Vor der Aufnahme ist für mich eine genaue Bildvorstellung unerläßlich. (…) Ich gehe dabei von der Wirklichkeit als Raum aus. Dieser Raum soll als Ausschnitt so beschaffen sein, daß er auf die Ebene projiziert eine geordnete Bildfläche ergibt. Er muß so beschaffen sein, daß er nicht als Ausschnitt empfunden wird; es muß durch ihn ein neuer Bildorganismus entstehen, der vom Zufälligen gänzlich befreit erscheint.“[6] Den Einfluss künstlerischer Aspekte auf die Fotografie lehnte Renger-Patzsch ab: „Überlassen wir daher die Kunst den Künstlern und versuchen wir, mit den Mitteln der Photographie Photographien zu schaffen, die durch ihre photographischen Qualitäten bestehen können – ohne daß wir sie von der Kunst borgen.“[7] Für Renger-Patzsch war Fotografie, ganz im Sinne des Bauhausansatzes, auch Handwerk.[8] Die Fotografien von Albert Renger-Patzsch sind überwiegend menschenleer oder zeigen Menschen in einer kühlen bis rein sachlichen Atmosphäre. Der Fotograf war der Ansicht, „dass der Mensch und seine Sozialrealität photographisch nicht erfaßt werden könne, weshalb er sich auf dingliche Themen konzentriere.“[9]  Jörg Boström hat die Abwesenheit von Menschen, auch in den Fotografien späterer Architekturfotografen, nicht nur als sachliche Darstellungsform bezeichnet, sondern als eine bewusste Inszenierung, in der diese Sachlichkeit zur pathetischen Überhöhung der dargestellten Architektur dienen sollte.[10] Diese Fotografien zeigen keine Produktionsbedingungen, die die Form der Architektur bestimmten: „Nichts wird(…) gezeigt über den Produktionsverlauf, die Lichtführung, nichts über die Maschinen und Handgriffe und gar nichts über den gestalteten Raum, in dem Menschen ihr Leben verbringen.[11]  Gezeigt werden nur die Hüllen und oft auch nur die „Fassadenkosmetik“.[12] Der menschenleeren Architekturfotografie fehlt der Zusammenhang zwischen Fassade, Innenraum, Funktion und Arbeitsraum.

Dieser Effekt der sachlichen Fotografie war von den Architekten sicherlich willkommen, stellte er doch die fotografisch inszenierten Industriegebäude gleich mit ehrwürdigen Sakralbauten. Denn „Architektur-Aufnahmen sind dienende Bemühungen um Darstellung und Interpretation von Bauwerken,“ hatte Renger-Patzsch schon 1928 in seiner Publikation „Die Welt ist schön“ festgestellt.[13]

Die Bildkomposition von Albert Renger-Patzsch passte sich nahtlos in die Ordnungsvorstellungen der beiden Industriebaumeister Fritz Schupp und Martin Kremmer, den Architekten der in den 1930er Jahren neu errichteten Tagesanlagen des Erzbergwerkes Rammelsberg, ein. Die sachliche Formensprache der Architekten mit symmetrisch angeordneten Gebäudestrukturen fand ihre Entsprechung in den Fotografien Renger-Patzschs. Fotografie und Architektur wurden geleitet von einer Ordnungsstruktur, die eine Ansicht der Dinge komponieren will. Fritz Schupp und Martin Kremmer engagierten Renger-Patzsch deshalb wiederholt für die fotografische Dokumentation ihrer Bauprojekte, auch für Aufnahmen der Tagesanlagen des Erzbergwerkes Rammelsberg.[14]

Im Nationalsozialismus stellt Renger-Patzsch weiter aus, veröffentlichte Bücher und nahm zahlreiche Industrieaufträge an. „Renger-Patzsch wurde im August 1939 zur Wehrmacht eingezogen und im Februar des folgenden Jahres freigestellt, vermutlich auf Betreiben seiner Auftraggeber aus der Industrie. Für die Organisation Todt fotografierte er 1943/44 den Atlantikwall in Frankreich. Er war kein NSDAP-Mitglied; in der letzten Wahl in der Weimarer Republik hatte er – so gab er es in seinem Entnazifizierungsbogen an – für die rechtsliberale DVP gestimmt. Es stellt sich die Frage, ob es seine Ästhetik der Zeitlosigkeit war, die es Renger-Patzsch ermöglichte, auch in den Jahren 1933 bis 1945 weiter fotografieren zu können, während andere Vertreter des Neuen Sehens und der Neuen Sachlichkeit – meist unter den Vorwürfen des `Kulturbolschewismus´ und der `Entartung´- Deutschland verlassen mussten.“[15]

„Der massive Ausschluss alles Zeitgenössischen – etwa Weltwirtschaftskrise, Faschismus, Weltkrieg – in Renger-Patzschs Fotografien erzeugt eine Atmosphäre der Zeitenthobenheit, die den Wunsch und die Sehnsucht des Fotografen nach die Zeit überdauernden Werten eindrucksvoll visualisiert.“[16]  

Viele Aufnahmen Renger-Patzsch aus 1930er Jahren, wie auch die Rammelsberger Fotografien, wurden 1944 bei einem Brand seines Archivs zerstört. Fritz Schupp bat Renger-Patzsch deshalb in den 1950er erneut, Fotografien des Erzbergwerkes anzufertigen. Die Fotografien Albert Renger-Patzschs vom Erzbergwerk Rammelsberg, der Zinkhütte in Harlingerode und der Armerzaufbereitung am Bollrich sind ausschließlich in den 1950er  Jahren gemacht worden.

Die Nachkriegsfotografien von Renger-Patzsch sind gegenüber seinen Bildern aus den 1920 / 30er Jahren von einer stärkeren Systematik und zyklischen Arbeitsweise geprägt. Außerdem weicht er die starre Abgrenzung zwischen Fotografie und Kunst in den 1950er Jahren etwas auf und spricht von der Fotografie als ein grafisches Verfahren, dass sich zwischen Kunst und Handwerk bewege.[17]

Renger-Patzsch fotografierte Industriearchitektur im Auftrag der Unternehmen und insbesondere der Architekten. Einer der bekanntesten unter seinen Kunden war der Bauhausgründer Walter Gropius. Er sah Bilder des Fotografen vom Fagus-Werk, die dieser im Auftrag des Unternehmens gemacht hatte, und setzte diese später als Werbemittel in Publikationen ein, in denen er seine Bauten vorstellte. Fotografien von Gebäuden dienten den Architekten, die Sichtweise auf ihre Architektur zu steuern. Fritz Schupp und Martin Kremmer etablierten mit den Fotografien von Renger-Patzsch eine sachliche Sichtweise auf die Architektur von Zollverein in Essen und dem Erzbergwerk Rammelsberg in Goslar. Die Architekten kontrollierten die Herausgabe der Fotografien und  steuerten damit „eine angemessene fotografische Interpretation ihrer Bauten. (…) So konnten einzelne Aufnahmen von Bauten (…) zu Ikonen der Architekturfotografie werden und über Generationen die Wahrnehmung der betreffenden Architektur mitbestimmen.“[18]

Ähnlich verhält es sich mit einer Fotografie von Albert Renger-Patzsch, die zu den am meisten kopierten Aufnahmen in der der Fotosammlung der PREUSSAG, der ehemaligen Betreiberin des Erzbergwerkes Rammelsberg gehört. Die Gesamtansicht der Tagesanlagen von einem erhöhten Standpunkt auf dem westlich des Erzbergwerkes gelegenen Herzberg gilt als klassisch zu nennende Ansicht. Dieses Motiv hat in der Folgezeit die Werksfotografien der PREUSSAG wie ein roter Faden durchzogen.

Albert Renger Patzsch, Gesamtansicht der Tagesanlagen, 1950er Jahre. Archiv Ann und Jürgen Wilde 2019, Zülpich/VG Bild-Kunst
Peter Gauditz, Ausschnitt aus einer Gesamtansicht der Tagesanlagen,1974. Dauerleihgabe TUI-AG, Fotoarchiv Preußag, Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg.

In der neuen Sonderausstellung „Industriearchitektur der Moderne im Spiegel der Fotografie. Die Tagesanlagen des Weltkulturerbes Erzbergwerk Rammelsberg“ (23. Juni – 17. November 2019) zeigen wir bisher unbekannte Fotografien von Albert Renger Patzsch von den Gebäuden der Tagesanlagen aus den 1950er Jahren. 

Zur Sonderausstellung ist ein Katalog erschienen:
Symmetrie im Fokus. Die Tagesanlagen des Erzbergwerks Rammelsberg in den Fotografien von Albert Renger-Patzsch und Dieter Blase,  Hildesheim 2019, ISBN 978-3-929559-09-5.



[1] Rolf Sachsse, Bauvolumina und Schlagschatten. Moderne Industriearchitektur und Photographie. In: Wilhelm Busch und Thorsten Scheer (Hg.), Symmetrie und Symbol. Die Industriearchitektur von Fritz Schupp und Martin Kremmer, Köln 2002, S. 195 – 204, S. 195.

[2] Vgl. Stefanie Grebe, Präzise, zeitlos und gegenstandsbezogen. Albert Renger-Patzschs fotografische Arbeiten im Ruhrgebiet. In: Stefanie Grebe, Heinrich Theodor Grütter (Hg.), Renger-Patzsch. Die Ruhrgebietsfotografien, Köln 2018, S. 14 – 35, S. 22f.

[3] Grebe 2018, (wie Anm. 2), S. 26.

[4] Vgl. ebd., S. 26.

[5] Christoph Schaden, , „dasz ich oft zweifelhaft bin“ – Periphere Anmerkungen zu den Blicken der Sachlichkeit. In: Stiftung Zollverein (Hg.), Der Blick der Sachlichkeit. Zeche Zollverein im Spiegel der Fotografie. Essen 2016, S. 72 – 74, S. 73f.

[6] Zitiert nach: Andreas Rossmann, Das Wesen des Ruhrgebiets. Anmerkungen zu Albert Renger-Patzsch, dem Fotografen der Gegenstände. In: Stefanie Grebe, Heinrich Theodor Grütter (Hg.), Renger-Patzsch. Die Ruhrgebietsfotografien, Köln 2018, S. 290 – 297, S. 294.

[7] Albert Renger-Patzsch, Ziele. In: das Deutsche Lichtbild, 1927. Zitiert bei: Reinhold Mißelbeck, Albert Renger-Patzsch. Photographische Photographie, In: Marianne Bieger, u.a. (Hg.) Albert Renger-Patzsch. Späte Industriephotographie, Köln 1993, S. 9 – 13, S. 9.

[8] Vgl. Reinhold Mißelbeck, Albert Renger-Patzsch – Photographische Photographie. In: Marianne Bieger, Florian Hufnagl und Reinhold Mißelbeck, Albert Renger-Patzsch. Späte Industriephotographie, Köln 1993, S. 9 – 13, S. 9.

[9] Marianne Bieger, Der Ingolstädter Auftrag. Bildfunktionen und Darstellungsmodi in den späten Industriephotographien von Alber Renger-Patzsch. In: Marianne Bieger, Florian Hufnagl und Reinhold Mißelbeck, Albert Renger-Patzsch. Späte Industriephotographie, Köln 1993, S. 25 – 36, S. 31.

[10]Vgl. Jörg Boström, Fabrikbau und fotografische Interpretation. In: Florian Böllhoff, Jörg Boström, Bernd Hey (Hg.), Industriearchitektur in Bielefeld. Geschichte und Fotografie, Bielefeld 1986, S. 182 – 191, S. 182.  

[11] Ebd., S. 187.  

[12] Ebd., S. 187.  

[13] Carl Georg Heise (Hg.), Die Welt ist schön. Einhundert photographische Aufnahmen von Albert Renger-Patzsch, München 1928, S. 12. 

[14] Vgl. Thomas Dupke, Thomas Morlang, Kapiteltext „Zechen“. In: Stefanie Grebe, Heinrich Theodor Grütter (Hg.), Renger-Patzsch. Die Ruhrgebietsfotografien, Köln 2018, S. 154.

[15] Grebe 2018,(wie Anm. 2), S. 18.

[16] Ebd., S. 32.

[17] Reinhold Mißelbeck, Albert Renger-Patzsch. Photographische Photographie, In: Marianne Bieger, u.a. (Hg.) Albert Renger-Patzsch. Späte Industriephotographie, Köln 1993, S. 9 – 13, S. 9.

[18] Michael Stöneberg, Wie kommt der Bau ins Blaue Buch ? Über den Prozess der fotografischen Architekturvermittlung. In: Claudia Quiring, Andreas Rothaus und Rainer Stamm, Neue Baukunst. Architektur der Moderne in Bild und Buch, Bielefeld 2013, S. 38 – 47, S. 44.

Sie sind flach, groß, laut, rostig und stinken. – Historische Fahrlader als sachliche Quellen zur Erforschung und Vermittlung neuerer Bergbaugeschichte am Weltkulturerbe Rammelsberg

Forschung und Vermittlung am fahrenden Objekt oder der Umgang mit betriebsbereiten Baufahrzeugen

Meistens sind sie flach, groß, rostig und wenn sie in Betrieb sind, dann sind sie laut und stinken. Der Aufenthalt in ihrer Nähe erscheint zunächst eher unattraktiv, doch dieselbetriebene Fahrlader des ehemaligen Erzbergwerkes Rammelsberg (heute Weltkulturerbe Rammelsberg) sind immer ein Hingucker. Eine Eigenart, die sie scheinbar besonders geeignet macht, um Sachverhalte aus der neueren Geschichte des Bergbaus zu vermitteln.

Übertageanlagen des ehemaligen Erzbergwerkes Rammelsberg, heute Weltkulturerbe Rammelsberg – Museum und Besucherbergwerk – in Goslar

Nach der Stilllegung des Erzbergwerkes Rammelsberg bei Goslar 1988 wurden dieselbetriebene Fahrzeuge aus den untertägigen Grubenräumen geholt und ab 1990 in die Sammlung des Museums und Besucherbergwerks übernommen. Ein Großteil der Fahrzeuge blieb betriebsbereit und in dem Zustand, wie sie von unter Tage ans Tageslicht geholt worden waren. Dieser Umstand hat die Potentiale erhalten, auf der Basis der vorhandenen Materialität der Objekte und der Ergänzung durch zusätzliche Quellen, nicht nur technik-, sondern im gewissen Umfang auch sozial- und betriebsgeschichtliche Forschung zu betreiben. Diesen Forschungspotentialen stehen aber nur begrenzte Möglichkeiten der Vermittlung der Erkenntnisse an ein breites Publikum entgegen. Die Fahrzeuge sind publikumswirksam, aber die Vermittlung ihrer Geschichte wird blockiert durch die Aura ihres „Auftritts“.

Diese, der spezifischen Objektquelle „Fahrzeuge“ anhaftende Diskrepanz, soll Bezugspunkt der folgenden Ausführungen sein.

Die „Zwei“ aus der Sammlung : EIMCO 911 und EIMCO 913

Ich konzentriere den Blick aus einem umfangreichen Fahrzeugpark des Erzbergwerkes Rammelsberg mit Fahrzeugen verschiedenster Art, von Service-, Schieß- und Bohrfahrzeugen, auf zwei Fahrlader mit den Typenbezeichnungen EIMCO 911 und EIMCO 913.

Fahrlader EIMCO 911 (links) und EIMCO 913 LHD auf der Werkstrasse des Weltkulturerbes Rammelsberg.
Foto: Weltkulturerbe Rammelsberg

Der EIMCO 911 ist ein mit einer Knicklenkung ausgestatteter Fahrlader mit einer Motorleistung von 28 KW / 38 PS. Seine Schaufel hat ein Fassungsvermögen von 0,75 qm. Seit 1971 kam der EIMCO 911 am Rammelsberg unter Tage zum Einsatz, um geschossenes (gesprengtes) Erzgestein von der „Ortsbrust“ (dem Ort an dem es aus dem Fels gesprengt wurde) zu Verladeeinrichtungen zu transportieren. Die Abkürzung EIMCO steht für „Eastern Iron and Metal Company“ einem von Joseph Rosenblatt 1927 in Salt Lake City gegründetem Unternehmen. Ursprünglich hatte Rosenblatt mit dem An- und Verkauf gebrauchter Maschinen begonnen, bis ihm der Durchbruch mit einem von ihm patentierten Wurfschaufellader gelang. Wurfschaufellader trugen weltweit im Bergbau zur Mechanisierung der körperlich schweren Verladearbeit bei. EIMCO entwickelte sich mit Wurfschaufelladern, Erzaufbereitungsanlagen und schließlich mit Fahrladern zu einem bis heute international agierendem Bergbauzulieferunternehmen.

Im EIMCO 911 sitzt der Fahrer eingezwängt zwischen Motor im Heck und Ladeschaufel. Das macht seine kompakte Bauweise möglich, ist aber ein ungewöhnlicher Arbeitsplatz. Der Fahrer sitzt in diesem Fahrlader noch wie in einem Auto und muss beim Rückwärtsfahren seinen Körper nach hinten drehen, weil Spiegel an diesen Fahrzeugen nicht vorgesehen waren. In den engen Grubenräumen unter Tage war wenig Platz zum Wenden, deshalb fuhren die Fahrlader häufig rückwärts und die Fahrer saßen in dieser verdrehten Haltung auf dem Fahrzeug.

Die Räder des Fahrladers erhielten Schutzketten, weil die luftgefüllten Reifen vielfach vom scharfkantigen Erzgestein aufgeschnitten wurden. Andere Fahrzeuge wurden deshalb auch mit Vollgummireifen ausgestattet, doch die viel gefahrenen Fahrlader hätten dadurch auf den ungeraden Strecken unter Tage eine sehr schlechte Federung gehabt .

Der vorgestellte EIMCO 911 ist aus verschiedenen Fahrzeugen gleichen Typs zusammengesetzt. So konnten die Fahrzeuge speziellen Notwendigkeiten angepasst oder noch nicht verschlissene Fahrzeugteile langfristig genutzt werden. Das abgebildete Fahrzeug ist betriebsbereit und wird im Museum bei kleinen Räumungsarbeiten im Übertagebereich schonend eingesetzt.

Der EIMCO 913 bekam die Zusatzbezeichnung „LHD“. Damit verwies der Hersteller auf den Einsatz der Fahrzeuge im Zusammenhang mit der Einführung einer veränderten Arbeitstechnik im Erzbergbau. LHD steht für Load-Haul-Dump / Laden-Fördern-Schütten. Während der EIMCO 911 Anfang der 1970er Jahre als Versuchsfahrzeug zur Beschleunigung der Transportarbeiten unter Tage eingesetzt wurde, führte das Erzbergwerk Rammelsberg mit dem EIMCO 913 ab 1974 die neue LHD-Technik ein. Einzelheiten der LHD-Technik werden weiter unten noch besprochen.

EIMCO 913 LHD während einer Veranstaltung auf der Werkstrasse des Weltkulturerbes Rammelsberg
Foto: Weltkulturerbe Rammelsberg

Der abgebildete EIMCO 913 LHD hat das Baujahr 1981, fährt 16 km/h und wiegt 12,7 Tonnen. Er ist 7,5 Meter lang und seine Schaufel fasst 2,3 Kubikmeter. Der Motor dieses Fahrladers hat eine Leistung von 102 KW / 139 PS. Diese technischen Angaben verdeutlichen, dass der EIMCO 913 als „großer Bruder“ des EIMCO 911 bezeichnet werden kann. Die Versuche mit dem kleinen Fahrlader waren so erfolgreich, dass die Betriebsleitung der PREUSSAG, der Betreiberin des Erzbergwerkes Rammelsberg, entschied, mit der dieselbetriebenen Fahrladertechnik die Verladetechnik unter Tage komplett umzustellen.

Der Fahrer sitzt auf dem EIMCO 913 nicht mehr mit Blickrichtung nach vorn, sondern quer zur Fahrtrichtung. Beim Vor- und Rückwärtsfahren braucht der Fahrer dann lediglich den Kopf in die andere Richtung drehen. Eine erhebliche körperliche Erleichterung beim Fahren des Laders, allerdings im Umgang mit dem Fahrzeug ist diese Sitzposition zunächst ungewöhnlich.

Deutlich auch zu erkennen, die typische Lastenverteilung der meisten Frontschaufellader, die im Untertagebereich eingesetzt werden: Das Gewicht der vor der Vorderachse angebrachten Ladeschaufel wird durch den hinter der Hinterachse angesetzten Motor ausgeglichen.

Auch dieses Fahrzeug wird in der Sammlung des Weltkulturerbes Rammelsberg in Goslar betriebsbereit gehalten. Eine zeitaufwendige und kostenintensive Aufbewahrung der Fahrzeuge, die deshalb nur für ausgesuchte Objekte möglich ist. Doch die Funktion der Fahrzeuge ermöglicht das Lesen eines Teils der Objektgeschichte, der ohne Funktion nicht mehr lesbar wäre, z.B. das Erleben der Motorgeräusche eines großvolumigen, luftgekühlten Dieselmotors.

Der vorgestellte EIMCO 913 wurde 1993 noch zeittypisch restauriert, d.h. er wurde neu lackiert und damit sind viele der aussagekräftigen Gebrauchsspuren an diesem Fahrzeug vernichtet worden.

Abbauverfahren und Modernisierung des untertägigen Transports am Erzbergwerk Rammelsberg ab den 1970er Jahren

Der Abbau des Erzlagers erfolgte Anfang der 1970er Jahre, im Prinzip von oben nach unten. Innerhalb dieser generellen Abbaurichtung wurden einzelne Sohlen eingerichtet, die in umgekehrter Richtung, von unten nach oben abgebaut wurden.

Geologisches Profil des Erzlagers im Rammelsberg.
Quelle: Nachlaß Heinrich Stöcker, Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg
Abbauverfahren im Neuen Lager
Quelle: Dr. Elisabeth Clausen, TU Clausthal-Zellerfeld, Materialien für die Ausbildung von Grubenführern 2013

Das Erzlager wurde in Teilbereichen unterfahren. Die unterfahrenen Teile des Erzlagers wurden in Kammern und Pfeilern aufgeteilt. Zunächst wurden die Kammern abgebaut und die Pfeiler sorgten dafür, dass die Standfestigkeit des Deckgebirges erhalten blieb. Nach dem Abbau der Kammern erfolgte das Einbringen des sogenannten Versatzes aus taubem Gestein. Dann wurden die Pfeiler abgebaut und auch mit Versatz gefüllt. Die ausgeerzten Hohlräume konnten dadurch nicht zusammenbrechen und die Stabilität innerhalb der Lagerstätte, die dann auf der darunterliegenden Sohle weiter abgebaut wurde, blieb gewahrt.

Die Abbauhöhe von der 12. zur 10. Sohle betrug 80 Meter. Eine Kammer und ein Pfeiler hatten eine Breite von jeweils 10 Meter und die horizontale Mächtigkeit des Lagers lag bei 100 bis 150 Meter.

Zuschnitt des hochmechanisierten abwärtsgeführten Querbaus (Pfleilerbau)
Quelle: Nachlaß Heinrich Stöcker, Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg

Das Erz wurde vor Ort geschossen (gesprengt). Das geschossene Haufwerk wurde aufgeladen und zu sogenannten Rolllöchern gefahren. Diese Rolllöcher waren Verbindungsröhren, die zu Bunkern auf der tiefsten, der 12. Sohle führten. In diesen Bunkern wurde das Erzgestein zunächst gelagert und dann in Grubenwagen verladen und zum Rammelsbergschacht gefahren. Im Schacht gelangte das Erzgestein dann schließlich aus ca. 480 Meter Tiefe ans Tageslicht.

Der Verladevorgang des vor Ort gesprengten Erzgesteins wurde vor dem Zweiten Weltkrieg noch von Hand, nach 1945 dann mit druckluftbetriebenen Überkopfladern, die auf Schienen fuhren, geleistet.

Schienengebundener Überkopflader unter Tage im Einsatz am Rammelsberg
Foto: TUI-Fotoarchiv Hannover, Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg

Die weitere Mechanisierung und Verbesserung des Abbaus steigerte die Abbaumengen in den 1950er Jahren ständig und die Transportleistungen der Überkopflader stießen an ihre Grenzen. Deshalb wurde in den 1960er Jahren mit Schrappern gearbeitet.

Schrapper mit Förderhaspel in einer Kammer im Einsatz.
Foto: TUI-Fotoarchiv Hannover, Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg

Schrapper waren große Baggerschaufeln, die durch Förderhaspeln über die Sohle gezogen werden konnten. Das gesprengte Erzgestein wurde mit den Schrappern aus der Abbaukammer zu den Rolllöchern über den Boden gezogen. Die Schrappertechnik erhöhte die Transportleistung in den Abbaukammern, war aber durch die stationäre Installation unflexibel und auf längeren Strecken nicht einsetzbar.

Die Steigerung der Abbauquote erforderte ab Anfang der 1970er Jahre eine Verbesserung der Transportleistungen unter Tage. Der Einsatz dieselbetriebener Fahrlader im Abbaubetrieb sollte die alten, schienengebundenen, überwiegend elektrisch oder mit Druckluft betrieben Transportsysteme unter Tage ablösen. Mit der Einführung der Dieselfahrzeuge wurde nicht einfach ein Transportsystem durch ein neues ersetzt, sondern eine Modernisierungswelle in Gang gebracht, die weitreichende technische Veränderungen im Abbauverfahren und tiefe Einschnitte in die bestehenden Arbeitsbedingungen der Bergleute nach sich zogen.

Fortschritte in der Hydrauliktechnik machten stufenlose Fahrantriebe möglich und die Knicklenkung sorgte für die notwendige Wendigkeit der Fahrzeuge in den engen Grubenräumen. Verladen, Transportieren und Verschütten des Erzgesteins in Sammelbunkern wurde durch die Fahrladertechnik zu einem zusammenhängenden Arbeitsvorgang.

Schrägstrecken (Rampen) wurden im Nebengestein aufgefahren, um Verbindungswege zwischen den Teilsohlen herzustellen, auf denen die Dieselfahrzeuge sich innerhalb der Lagerstätte bewegen konnten. Die einzelnen Abbausohlen erhielten Verbindungsstecken von der Hauptrampe, damit die Fahrzeuge die Abbaustellen vor Ort erreichten. Es wurden Arbeitskolonen, bestehend aus Fahrlader, Bohrfahrzeug und Servicefahrzeug, mit einer spezialisierten Arbeitsteilung zusammengestellt. Die Dieselfahrzeuge sollten rund um die Uhr im Einsatz sein und deshalb arbeiteten die Arbeitskolonnen nacheinander an mehreren Abbaupunkten.

Im Gegensatz zur bisherigen Transporttechnik erzeugten die Dieselfahrzeuge einen hohen Schadstoffausstoß. Deshalb musste die Bewetterung durch zusätzliche Strecken, größere Streckenquerschnitte und Zusatzlüfter ausgebaut werden (pro KW Fahrzeugleistung wurde mit einer Frischwetterleistung von 3,5 Kubikmeter pro Minute gerechnet).

Die Fahrzeuge sollten unter Tage gewartet, repariert und instand gehalten werden. Deshalb entstand auf der 11. Sohle eine große Fahrzeugwerkstatt mit Waschplätzen, Ersatzteillager und Reparaturplätzen.

Reparatur am Fahrlader in der Fahrzeugwerkstatt auf der 11. Sohle des Erzbergwerkes Rammelsberg
Foto: Nachlaß Helmut Sassenhagen, Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg

Zunächst betankten die Bergleute die Dieselfahrzeuge aus mobilen Dieseltanks, die auf Schienen bewegt, den Fahrzeugpark versorgten. Doch der Zuwachs an Dieselfahrzeugen machte schließlich die Installation einer Versorgungsleitung für Dieseltreibstoff mit einer gesamten Länge von 1,5 Kilometern erforderlich, die über Schächte und Strecken lief und aus einem übertägigen Treibstofflager untertägige Tankstellen versorgte.

Während 1976  bereits sieben dieselbetriebene Bohrwagen, acht Fahrlader und zwei Servicefahrzeuge, also insgesamt 17 Dieselfahrzeuge im Einsatz waren, gehörten schon zwei Jahre später insgesamt 29 Dieselfahrzeuge zum Unter-Tage-Fahrzeugpark des Erzbergwerkes.

Der Einsatz der Dieselfahrzeuge beschleunigte den Transport unter Tage erheblich und verbesserte die Abbauleistungen pro Mann und Schicht. Mit der Schrappertechnik wurde eine Abbauleistung von 20 Tonnen pro Mann und Schicht erreicht, mit den Fahrladern erreichte man in den 1980er Jahren einen Abbauleistung von 30 Tonnen pro Mann und Schicht. Im Zusammenhang mit weiteren Rationalisierungsmaßnahmen führte der Einsatz der Dieselfahrzeuge zur kontinuierlichen Reduzierung der Belegschaft bis zur Stilllegung des Erzbergwerkes Rammelsberg 1988.

Grafische Darstellung zu Belegschaftszahlen und Abbauleistungen (1970 – 1988)
Quelle: Nachlaß Heinrich Stöcker, Sammlung Weltkulturerbes Rammelsberg

Die Bedienung und Reparatur der Dieselfahrzeuge verlangte neue Qualifikationen von den Bergleuten. Sie mussten zu Fahrzeugführern umgeschult werden und für die Wartung der Fahrzeuge in der großen Reparaturwerkstatt unter Tage wurden Schlosser und Mechaniker eingestellt.

Objektgeschichte und Vermittlungsarbeit

Die beiden historischen Fahrlader sind Objekte, an denen sich die Geschichte des moderneren Bergbaus erforschen und vermitteln lässt. Objektgeschichte führt zu Forschungsergebnissen und Vermittlungsformen, die nur durch die Quellengattung „Objekte“ entstehen können. Objektgeschichte denkt vom Objekt aus, weniger von der Theorie. Darin liegt ihre Stärke und das unterscheidet sie von anderen Formen wissenschaftlichen Forschens und Vermittelns. Doch das Erforschen und Vermitteln an bzw. mit historischen Baufahrzeugen ist mit einer schwierigen Barriere verbunden: „Man kann Objekte am ursprünglichen Ort zeigen, kann sie translozieren und dann original im getreuen Ensemble präsentieren oder Einzelstücke herausziehen und aus didaktisch-analytischen Gründen in neue Zusammenhänge hineinstellen (…). Man kann im Vorführbetrieb (…) versuchen, frühere Arbeitswelten zu vergegenwärtigen, etwa bestimmte Produktionsabläufe, Fertigkeiten, Belastungen, (…) individuelle und gesellschaftliche Bedingungen von Arbeit (…).“ [1]

Bei den beiden vorgestellten Fahrladern ergibt sich die Situation, dass der ursprüngliche Einsatzort 450 Meter unter Tage nicht mehr existiert und die ursprünglichen betrieblichen Zusammenhänge im Übertagebereich nur aufwendig zu rekonstruieren sind.

Über Tage wirken die Fahrlader auf die Besucher völlig anders: Der Klang der großvolumigen Motoren kommt in den engen Räumen unter Tage ganz anders zur Geltung, als über Tage auf der Werkstraße. Oder die Wahrnehmung der Geschwindigkeit, wenn die Lader mit 15 – 25 km/h auf der Werksstraße über Tage fahren, kriechen sie dahin. In den engen untertägigen Strecken wurde diese Geschwindigkeit schneller wahrgenommen.

Neben diesen sinnlich-emotional bedingten Besonderheiten der Objektgeschichte der historischen Fahrlader müssen die Spuren des Gebrauchs und des Umgangs auf den Fahrzeugen gelesen werden. Die Spuren aus der Herstellungszeit werden überlagert von Spuren durch Gebrauch, Alterung, Korrosion oder Verschleiß, durch Defekte oder Beschädigung, Wartung oder Reparatur, durch Farberneuerungen, Umbau, Veränderung des Erscheinungsbildes oder Umbau der Sicherheitsvorkehrungen, durch eigensinnige Anbauten oder Veränderungen und letztlich auch durch die Stilllegung. Der größte Teil dieser Spuren ist entstanden aus der Mensch-Technik-Beziehung. Zum Lesen dieser Spuren kann es sehr wichtig sein, Menschen, die mit diesen Fahrzeugen gearbeitet haben, zu befragen.

In diesen Gesprächen wurden verschiedene Aspekte, die aus der bisher dargestellten Objektgeschichte hervorgegangen sind, vertieft. Immer wenn einzelne Spuren an den Objekten befragt wurden, wurden technische Details mit persönlichen Arbeitserfahrungen verbunden. So wurde auf die persönliche Verantwortung der Fahrer für die Fahrzeuge hingewiesen und auf die wärmenden Effekte der luftgekühlten Motoren bei Pausen. Ein Bergmann erläuterte, dass er als Arbeitshose auf den Fahrladern immer eine Latzhose mit Nierengurt trug, weil er durch den Fahrtwind und die zusätzliche Bewetterung der Grubenräume wegen des Einsatzes der Dieselfahrzeuge immer einen kalten Rücken bekam. Auch bestimmte Fahrtricks und technische Raffinessen der Fahrzeuge, die in keiner technischen Anleitung zu lesen sind, wurden in solchen Gesprächen mit den ehemaligen Fahrern bekannt.

Der Ansatz über die vorgestellten Objekte einen Teil der historischen Entwicklung des Rammelsberger Bergbaus zu erforschen, lässt einen vielschichtigen Ansatz zu. Auf diese Weise entsteht ein engmaschiges Erkenntnisnetz für weitere Forschungsarbeiten, die sich dann auf Ermittlungen über Entstehungszeit, Funktion und Rezeption, mithin auf die sozio-kulturelle Einordnung des Objektes beziehen. Mit Bezug auf die vorgestellten Fahrlader bedeutet dieses beispielsweise, einen Griff ins Film- und Fotoarchiv zu tun, die Auswertung technischer Unterlagen vorzunehmen, Reparaturunterlagen und Wartungspläne zu sichten, Instandhaltungs- und Ersatzteilverzeichnisse auszuwerten.

Diese Forschungsergebnisse in die Vermittlungsarbeit einzusetzen, wird durch die spezielle „Aura“ der Objekte erschwert. Hier tritt der seltene Fall auf, das vielleicht in der Vermittlungsarbeit des Museums die Ergebnisse der Objektgeschichte ohne die sofortige Präsenz der Objekte stattfinden sollte. Eine Situation, die in Museen, als den ausgewiesenen Stätten der objektbezogenen Vermittlungsarbeit, sicherlich eher außergewöhnlich erscheint.

[1] Zweckbronner, Sachquellen, S. 9.

Historische Schmiede am Rammelsberg

Schmiede und Bergbau sind zwei Begriffe, die man vielleicht nicht unbedingt in einem Kontext betrachten würde. Dennoch waren Schmieden bzw. die sogenannten Bergschmieden für den Bergbau über Jahrhunderte hinweg ein wichtiger Bestandteil um den Gesamtbetrieb eines Bergwerkes gewährleisten zu können.

Bergschmieden

Die Bergschmieden dienten hauptsächlich der Herstellung und Reparatur von Werkzeug, des sogenannten bergmännischen Gezähes. Und hierbei besonders der Eisen, welche durch ihren Einsatz im Abbau stumpf wurden.
Ein Holzschnitt aus der Mitte des 16. Jahrhundert zeigt eine Bergschmiede eingebettet in die verschiedenen umgebenden bergbaulichen Tätigkeiten. Mit etwas Phantasie kann man den beiden Schmieden unterstellen, dass sie gerade ein stumpfes Eisen richten. Ebenso ist dem Bild zu entnehmen, dass sich die Bergschmieden meist unmittelbarer in der Nähe der Bergwerke befanden. Es ist daher auch nicht verwunderlich, dass der Weg hinauf zum Rammelsberg, der sich am südlichen Werkszaun des Geländes befindet, umgangssprachlich Schmiedeweg  heißt. 

«Das Sächsische Bergwerk» Holzschnitt ca. 1526. In Heinrich Winkelmann, Der Bergbau in der Kunst, Essen 1958; Bild 133 auf S. 192.

Auf der Führung durch die umgebende Kulturlandschaft des Bergwerks Rammelsberg gehen die Besucher nicht nur über den Schmiedeweg, sondern Sie können sogar die ehemaligen Standorte von zwei Bergschmieden, die bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts im Betrieb waren, entdecken.

Die Schmiede am Rammelsberg zur Betriebszeit

Nicht nur außerhalb des heutigen Museumsgeländes und in alten Zeiten gab es Schmieden am Rammelsberg, sondern auch innerhalb gibt es eine solche, die bis zum Betriebsende 1988 genutzt wurde. Das Gebäude am nördlichen Ende der Werksstraße wurde 1924 neben dem Kesselhaus der Kraftzentrale errichtet. 1938 wurde der Gebäudekomplex durch einen Erweiterungsbau, der Schlosserei, deutlich vergrößert. Bei den Erweiterungsarbeiten wurde die Fassade den gerade fertiggestellten Tagesanlagen optisch angepasst.
In der Schmiede wurden in der Folge alle erdenklichen Arbeiten mit Metall ausgeführt. Von der Herstellung eigenen Werkzeugs bis hin zur Reparatur von Achsen. Die Schmiede verfügte über einen Anschluss an das Gleissystem des Rammelsbergs, war also mit schienengebundenen Fahrzeugen von jedem Punkt des Betriebs über und unter Tage direkt erreichbar.

Die Esse in der Schmiede des Rammelberges

Die Schmiede am Rammelsberg als Teil der musealen Anlage

Von den ehemaligen drei Essen ist heute noch eine voll funktionsfähig. Und diese Funktionsfähigkeit wird bei den regelmäßig stattfindenden Schmiedekursen unter Beweis gestellt. Unter fachkundiger Anleitung stellen die Teilnehmer das typische Alltagswerkzeug der Bergleute, ein so genanntes Tscherpermesser, selbst her.
Ziel des Kurses ist es, alte Handwerkstechniken wie das Schmieden und Feuerschweißen zu vermitteln, die heute schon nicht mehr Bestandteil einer Metallbauer oder Schlosserausbildung sind. Und es wird natürlich die Geschichte vom Tscherpermesser am Rammelsberg genau erläutert. Jeder Teilnehmer führt für sein Messer alle nötigen Arbeitsschritte selbst aus, von der Herstellung des Klingenrohlings bis hin zum fertigen Produkt.

Arbeit am Schmiedehammer

Die Kurse finden an verschiedenen Terminen über das Jahr verteilt jeweils freitags von 16 Uhr bis ca. 21 Uhr und samstags von 10 Uhr bis ca. 18 Uhr statt. Anmeldung und Informationen unter technik@rammelsberg.de.
Die Kosten pro Teilnehmer belaufen sich auf 330 €, inkl. Getränke und Imbiss, der für die Herstellung benötigten Materialien sowie für den Arbeitsschutz erforderliche Schutzausrüstung. Arbeitskleidung und Sicherheitsschuhe müssen allerdings selbst mitgebracht werden.

Neben den Schmiedekursen wird die Schmiede heute als Veranstaltungsraum für bis zu 60 Personen mit ganz besonderem Ambiente genutzt.

Altbergbau 3D – Ein interdisziplinäres Projekt zur Erforschung des montanhistorischen Erbes im Harz

Im Frühjahr letzten Jahres startete am und im Rammelsberg ein interdisziplinäres Projekt zur Erforschung des montanhistorischen Erbes im Harz.

Den beteiligten Institutionen, dem Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege, der Technischen Universität Clausthal und dem Museum und Besucherbergwerk Rammelsberg wurden vom Bundesministerium für Bildung und Forschung  (BMBF) hierfür Mittel in Höher einer halben Million Euro zu Verfügung gestellt.

Das Vorhaben widmet sich seitdem gezielt zwei Bereichen: dem Grubengebäude des heutigen Weltkulturerbes Rammelsberges und den historischen Bergbaumodellen, vornehmlich aus der Sammlung des Oberharzer Bergwerksmuseums in Clausthal Zellerfeld.

Es werden zumeist nicht öffentlich zugängliche Bergwerksabschnitte fotogrammetrisch erfasst, dreidimensional modelliert und mit bereits vorhandenen Forschungsergebnissen, Datenbeständen und Archivalien in Beziehung gesetzt. Eine der Fragen, die diesen Arbeiten zugrunde liegen, ist die nach einer räumlich-funktionalen Beziehungen zu den Grabungsbefunden vom Ausbiss des Alten Lagers. Weiterhin wird erwartet durch das Erfassen noch unbearbeiteter Schriftquellen die Geschichte des Rammelsberges ausführlicher zu beschreiben und bestenfalls mit Befunden vor Ort in ein Verhältnis setzten zu können.

Die Bergbaumodelle werden mit einem Structured-Light-Scannersystem hochauflösend digitalisiert und mit den Standorten ihrer historischen Originale virtuell verknüpft. Auch hier fließen in die Auswertung bereits vorhandene wie noch zu erarbeitende Forschungsergebnisse ein. Aus der Arbeit aller Disziplinen werden neue Erkenntnisse und Impulse für die Erforschung der Montangeschichte des Harzes erwartet. Die geplanten 3D-Gebilde können zudem Bergbauforscherinnen und -forschern in aller Welt online zur Verfügung gestellt werden; sie erhalten aber auch eine besondere Bedeutung für die Vermittlung in die breite Öffentlichkeit. Die Digitalisierung ermöglicht nicht nur Nachbauten, sondern kann mit Methoden der virtuellen Realität z.B. animierte Radstuben auch für Wissenschaftler wie Besucher vor Ort begehbar und in ihrer Komplexität erfahrbar machen. Über den aktuellen Sachstand des Projektes können Sie sich seit Beginn diesen Jahres unter: http://altbergbau3d.de/ informieren. Die Seite wird regelmäßig aktualisiert.

Entwurf und Bau der Tagesanlagen des Erzbergwerkes Rammelsberg durch Fritz Schupp und Martin Kremmer (1935–1939)

Ein Hauptproblem des Erzbergwerkes Rammelsberg bildete bis Anfang der 1930er Jahre die Aufbereitung der Erze. Die feinkörnige Verwachsung des Erzes mit dem Gestein machte die Anwendung aller bis dahin bekannten Erzaufbereitungsverfahren ineffizient, denn das Erz konnte bei sinkenden Weltmarktpreisen nur unrentabel vom tauben Gestein getrennt werden. Bereits seit Anfang der 1920er Jahre hatte es Versuche mit der sogenannten Schwimmaufbereitung gegeben. Diese Aufbereitungsmethode, auch Flotation genannt, wurde aber erst zehn Jahre später mit Hilfe massiver finanzieller Unterstützung des Erzbergwerkes Rammelsberg durch ein Wirtschaftsförderungsprogramm der nationalsozialistischen Regierung zu industrieller Reife gebracht. Die seit Mai 1933 eingesetzte und dem NS-Regime treu ergebene Betriebsleitung des Erzbergwerkes  unter dem Geschäftsführer der Unterharzer Bergwerks- und Hüttenwerke Bergrat Dr. Ing. Paul Ferdinand Hast und dem Betriebsleiter des Erzbergwerkes Rammelsberg Dr. Ing. Hans Hermann v. Scotti wies in der Berliner Reichskanzlei im Kreis hochrangiger Politiker der NSDAP im Juni 1934 auf die Notwendigkeit der geplanten technischen Innovation mit der Einführung einer Schwimmaufbereitung (Flotationsanlage) hin. Nur damit könne die wirtschaftliche Lage des Bergwerks verbessert und der Bedarf an Zink, Blei und Kupfer aus deutschen Erzen ermöglicht werden.[1] Dieses Gespräch war der Beginn einer Entwicklung die ab 1935 mit dem Titel Rammelsbergprojekt umschrieben wurde und neben der Erzförderung den Aufbau einer Zinkhütte in Harlingerode und die Verbesserung der Bleiverhüttung in Oker umfasste. Innerhalb kurzer Zeit wurden 29 Millionen Reichsmark in das Rammelsbergprojekt und in die Modernisierung der Förderung und Verhüttung der Rammelsberger Erze investiert.[2] 

Nach einem Bewerbungsschreiben an den Geschäftsführer der Unterharzer Berg- und Hüttenwerke GmbH im Juni 1935 erhielten die Industriearchitekten Fritz Schupp und Martin Kremmer bereits zwei Monate später den Auftrag zum Bau der neuen Gebäude des Erzbergwerkes. Im Harz stellte die umgebende Mittelgebirgslandschaft zunächst die größte Herausforderung für die Architekten dar. Fritz Schupp schrieb dazu rückblickend in der Goslarschen Zeitung vom 7. Juni 1968: „Ganz anders [als bei der Zinkhütte Harlingerode] war es beim Rammelsberg, der fast noch in das Stadtbild von Goslar hineinreicht und in einer Berglandschaft liegt. Wir haben die Verantwortung, in solcher Landschaft ein Industriewerk zu bauen, sehr ernst genommen.“[3] Mit dem Anpassen der Architektur an die umgebende Landschaft lagen die Architekten auf Linie mit führenden nationalsozialistischen Kulturpolitikern. „Das landschaftsgebundene Bauen, das im Dritten Reich propagiert wurde, war aus dem Heimatschutz des frühen 20. Jahrhunderts […] übernommen worden.“[4] Diese Anwendung des landschaftsgebundenen Bauens nahmen Schupp / Kremmer am Erzbergwerk Rammelsberg vor, um  die nationalsozialistischen Ansprüchen an Architektur mit ihren Vorstellungen vom Industriebau zu kombinieren.

Der Entwurf der Neubauten sah vor, fast alle bestehenden Gebäudeteile auf dem Gelände des Erzbergwerks, bis auf die Kraftzentrale, einige Werkstattgebäude und das Inspektionsgebäude, abzureißen.[5] Symmetrie und Achse bestimmten das neue Architekturkonzept. Die an den Hang des Rammelsbergs gebaute Erzaufbereitungsanlage wurde entsprechend ihrer Bedeutung für das Betriebsergebnis in den Mittelpunkt der Gesamtanlage gerückt. Ihr vorgelagert und symmetrisch auf sie ausgerichtet wurde ein Vorplatz angelegt, der auch als Aufmarschplatz für Betriebsapelle dienen konnte. 

Abb.1: Blick durch das Eingangsportals auf den Ehrenhof und die Aufbereitungsanlage des Erzbergwerkes Rammelsberg. Foto: Stefan Sobotta. Weltkulturerbe Rammelsberg 2017.

Im gleichen Abstand von der Mittelachse des Platzes und des Aufbereitungsgebäudes rahmen auf der Nord- und der Südseite die Magazin- bzw. Verwaltungsgebäude den Vorplatz ein.

Neben der Ost-West-Sichtachse, die quer durch das Aufbereitungsgebäude über den Vorhof bis ins Eingangsportal verläuft, sind an einer zweiten Nord-Süd-Achse entlang der Werkstrasse die Lohnhalle, die Waschkaue, die Schachthalle mit dem Wagenumlauf, die Brecher, Flotations- und Filteranlagen der Aufbereitung, die Kraftzentrale und die Werkstattgebäude ausgerichtet.

Abb. 2: Baustelle der Aufbereitungsanlage des Erzbergwerkes Rammelsberg mit Blick auf die
Stahlfachwerkbauweise, um 1936. Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg.

Auch die Wahl der immer gleichen Elemente und Materialien an den verschiedenen Baukörpern der Bergwerksanlage sollten die Geschlossenheit des Gebäudeensembles demonstrieren. Die Kombination der dunklen Holzvertäfelung auf hell verputzten Betonwänden und die Bruchsteinverkleidung der Stützmauern und Erdgeschossbereiche wurde für alle Gebäude angewandt. Die Verwendung der Holzverkleidung und der Einsatz der Bruchsteinverkleidung war eine Anlehnung an traditionelle Bauweisen im Harz, die bei den nationalsozialistischen Geld- und Auftraggebern auf Wohlwollen stieß.[6] Hinter der Außenfassade verbarg sich größtenteils eine ausgemauerte Stahlfachwerkkonstruktion. 

Abb. 3: Natursteinverblendung als zierendes Element am Gebäude der Erzaufbereitungsanlage des Erzbergwerkes Rammelsberg. Weltkulturerbe Rammelsberg 2016.  

Etwas deutlicher werden die Ambitionen des Architektenduos in Bezug auf die Berücksichtigung politischer Belange der nationalsozialistischen Auftraggeber im Eingangsbereich und der Lohnhalle, der heutigen zentralen Eingangshalle des Weltkulturerbes. Der Bergarbeiter näherte sich dem neuen Haupteingang des Verwaltungsgebäudes mit Lohnhalle und Kauengebäude über den Ehrenhof.

Nach dem Durchschreiten des Eingangs gelangte der Bergarbeiter in einen, gemessen an der folgenden Lohnhalle, niedrigen Vorraum. Die niedrige Decke des Vorraums verursacht eine Art Demutshaltung vor dem, was danach kommen sollte. Denn eine breite Steintreppe führte den Bergmann direkt in die hohe Lohnhalle als den zentralen Ort der Lohnverwaltung. Hier wurde von den einzelnen Reviersteigern wöchentlich an verschiedenen Schaltern der Lohn in einer kleinen Tüte an die Bergleute übergeben. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg entwarf insbesondere Alfred Fischer als Element der Bergwerksverwaltung die repräsentative Lohnhalle.

„Meist über zwei oder drei Geschosse hoch, mit aufwendiger Kachelverkleidung im Sockelbereich (gegen den Schmutz der Bergleute) und getäfelten Decken, häufig auch mit einem Umgang im ersten Geschoß, bildeten die Lohnhallen die direkten Kontaktstellen zwischen den Lohn austeilenden Unternehmen und dem Bergmann. Während des täglichen Betriebsablaufs empfingen die Bergleute ihre Dienstanweisungen von den Steigern, die am Rande der Lohnhalle ihre Büros hatten. Am Zahltag füllte sich die Halle und der Kumpel nahm am Schalter seine Lohntüte entgegen. […] Die Art der Lohnausteilung war natürlich auch eine willkommene Gelegenheit für die Unternehmen, dem kleinen Bergmann ihre Größe baulich vor Augen zu führen und ihm dies auch regelmäßig ins Bewußtsein zu rufen.“[7]

Diese Funktionen der Lohnhalle wurden von den nationalsozialistischen Betriebsführern willkommen aufgenommen und mit Attributen ihrer Machtdemonstration ergänzt.

Die Lohnhalle des Erzbergwerkes Rammelsberg wurde von Schupp / Kremmer ebenfalls symmetrisch gestaltet und die imaginäre Mittelachse leitete den Bergarbeiter beim Hinaufsteigen der Treppe zwangsläufig auf das an der Südwand befindliche Wandbild. Sprichwörtlich im Nacken, also über sich an der Nordseite der Lohnhalle, stand über der Eingangstreppe auf einen Sockel die Büste von Adolf Hitler. Sie wurde flankiert von zwei Hakenkreuzfahnen. Bei Festveranstaltungen in der Lohnhalle richteten die Betriebsführer die Blickrichtung mit der Bestuhlung nicht auf das imposante Wandgemälde, sondern auf die Büste Hitlers aus. 

Abb.4: Innenansicht der Lohnhalle des Erzbergwerkes Rammelsberg mit dem großen Wandbild auf der Südwand, 1938. Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg.

Das große Wandbild an der Südseite spielte dagegen beim alltäglichen Durchqueren der Lohnhalle eine wichtige Rolle. Zusammen mit der Hitler-Büste entfalteten die verschieden inszenierten Symboliken bei Schichtbeginn und –ende, eine subtile Beeinflussung. In der Lohnhalle des Rammelsberges manifestierte sich der Wille der Nationalsozialisten, „der Bergarbeiterschaft einen festgefügten Platz in einer vermeintlichen Volksgemeinschaft zuzuweisen und das alte bergmännische Prinzip der Solidarität und gegenseitigen Hilfe durch eine auf dem Führerprinzip basierende rassistische Ideologie zu ersetzen.“[8]

Das monumentale Wandbild Feierabend des Künstlers Karl Reinecke-Altenau unterstützte die DAF bei der Ideologisierung der Belegschaft. Es zeigt den Gang der ausfahrenden Bergleute in die Kaue, das Reinigen des Körpers, das Umkleiden sowie die Heimkehr zur Familie und das Musizieren als Freizeitaktivität. Im Vordergrund des Bildes steht die überlebensgroße Figur eines dankenden Bergmanns, der den Mittelpunkt der gesamten Bildkomposition bildet. „Diese symbolhafte Zentralfigur steht für ein dem Berufsstand des Bergmannes zugesprochenes Bewusstsein tiefster existentieller Verbundenheit mit einer nicht näher definierten überirdischen, Leben spenden Macht.“[9]

Das Bild Feierabend sollte das Ideal einer nicht nur bei der Arbeit unter Tage, sondern auch nach Feierabend „verschworenen, der bergmännischen Tradition erwachsenen Arbeits-, Standes- und Schicksalsgemeinschaft aus körperlich wie charakterlich gleichartigen Kameraden“[10] vorspielen. Eine solche Kameradschaft wünschte sich das nationalsozialistische Regime als tragendes Element für den Zusammenhalt in allen Lebensbereichen, von der Jugend-, über die Schul- und Berufs- bis zur Wehr- und schließlich der Volksgemeinschaft. Dieses Gemeinschaftsideal sollte blind machen gegenüber der menschenverachtenden, brutalen Behandlung von Menschen, die sich dieser Ideologisierung widersetzen oder nicht ins Bild der nationalsozialistischen Weltanschauung passten. Die Holzbalkendecke und die weiteren rustikalen Elemente der Innenausstattung der Lohnhalle unterstützen, wie in zahlreichen Versammlungsräumen nationalsozialistischer Volks- und Gemeinschaftsbauten, diesen mit traditionellen Stilelementen verknüpften Gemeinschaftsgedanken.


[1] Vgl. Bernhild Vögel: „in die Rohstoffschlacht eingespannt“ Von der drohenden Stilllegung zum Rammelsberg-Projekt. In: R. Roseneck (Hg.): Der Rammelsberg. Tausend Jahre Mensch-Natur-Technik, Goslar 2001, S. 224-237, S. 232.

[2] Vgl. ausführlich zu dieser Problematik: Johannes Großewinkelmann:Erz für Hitlers Wahn – Aspekte nationalsozialistischer Industriepolitik in den Besucherführungen am Weltkulturerbe Rammelsberg. In: Unser Harz, 11 (2016), S. 207–217.

[3]Kristina Pegels-Hellwig: Bauten für die Industrie. Der zeichnerische Nachlass der Architekten Fritz Schupp und Martin Kremmer 1921 – 1971, Bochum 2012,, S. 147.  

[4] Dies., S. 147

[5] Fotos aus der Bauphase der Aufbereitungsanlage zeigen, dass der Abriss der alten Gebäude teilweise erst nach dem Aufbau der neuen Gebäude erfolgte. Dadurch konnte der Betrieb des Bergwerks, ohne Unterbrechungen durch die Baustelle, weitergeführt werden.

[6] Vgl. Reinhard Roseneck: Der Rammelsberg. Arbeitshefte zur Denkmalpflege in Niedersachsen 9, Hannover 1992, S. 31f. Reinhard Roseneck verneint jegliche „heimattümelnden“ Ambitionen in den Entwürfen der Architekten Schupp/Kremmer

[7] Wilhelm Busch: F.Schupp, M. Kremmer. Bergbauarchitektur 1919 – 1974, Köln 1980, S. 40.

[8] Hans-Georg Dettmer: Texte für das Besucherleitsystem, Goslar o.J., o.S. (Unv. Manuskript).

[9] Kai Gurski:“Schönheit der Arbeit „ – Der Künstler Karl Reinecke-Altenau am Rammelsberg, Goslar 2011 S. 64.

[10] Ders., S. 66.

„Wunsch und Wirklichkeit – Landschaft aus der Perspektive ihrer Nutzer“

Vorindustrielle Landschaft als geordneter Ertragsraum

Die Geschichte der Landschaft ist untrennbar verbunden mit der Geschichte der Verfügbarkeit über Ressourcen.

Dies meint zunächst die Erschließung und Ordnung von Raumstrukturen zur Ernährung und zum Erhalt der Existenz von Gruppen, sozialen Zusammenschlüssen oder ganzen Völkern.

Bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts war der Gebrauch der Landschaft durch eine so genannte Streunutzung geprägt. Die Übergänge zwischen Feld, Wald und Wiesen waren fließend, eine Mehrfachnutzung an der Tagesordnung.

Stundenbild März, Herzog von Berry, 1416

Diese, vom Naturraum stark abhängige Nutzung der Landschaft, führte zu einer diskontinuierlichen Versorgung mit Lebensmitteln, die im Besonderen in Hungerkrisen in der Zeit der Vorindustrialisierung mündeten. 

Die Agrarreformer des 19. Jahrhunderts trachteten diesen Umstand durch räumliche Zonierung in Funktionsbereiche zu überwinden und den Naturraum mit einem ökonomischen Blick zu versehen, alles getragen von dem Wunsch die Naturgewalten „in den Griff zu bekommen“ und dem menschlichen Nutzen unterzuordnen.

Rohstoffe und energetische Befreiung

Das so genannte erste Handwerk des Menschen, der Bergbau, führte zur Gewinnung zahlreicher Bodenschätze, die in ihrer verarbeiteten Form die Grundlage für einen weiteren ökonomischen und technologischen Wandel schufen.

Bildkarte Goslar und Rammelsberg, Matz Sincken, 1574

Dieser Prozess der Aneignung der in den tieferen Schichten des Naturraumes vorfindbaren Rohstoffe, war allerdings bis in das späte 19. Jahrhundert durch einen eklatanten Energiemangel charakterisiert.

Bis zu diesem Zeitpunkt waren die Menschen im Wesentlichen auf die Energiekräfte von Sonne, Wind und Wasser angewiesen, die sie selbst als wenig berechenbar, also willkürlich empfanden.

Mit der Gewinnung fossiler Energieträger und im Besonderen mit der Möglichkeit diese in elektrischen Strom umzuwandeln, wurde dieser begrenzende Faktor aufgesprengt.

In einem rasenden Tempo wuchsen innerhalb weniger Jahrzehnte Städte und Industrieareale in den bisher agrarisch determinierten Raum herein.

Was folgte war eine komplexe Zonierung des Raumes, die in Konsequenz im planerischen Sinne Vorränge für die jeweiligen Nutzungsoptionen festlegte. Die einzelnen Funktionszonen wurden durch ein ausdifferenziertes Netz von Verkehrsinfrastrukturen miteinander verbunden.  

Damit wurde vermeintlich die Herrschaft des Menschen über den Raum realisiert und eine weitgehende Unabhängigkeit von den Kräften der Natur in Aussicht gestellt.

Wa(h)re Landschaft im Kopf des Menschen

Im Kontext der Industrialisierung wurden nicht nur die Bäume am Horizont durch Dampfschornsteine abgelöst, denen nur rund 100 Jahre später Windkraftanlagen folgen sollten, sondern die komplexe Ökonomisierung der Landschaft führte auch zur Homogenisierung von Insellagen.

Das heißt ortstypische Merkmale in Architektur, Sprache und Sozialverhalten verschwanden zunehmend und das Tempo des Umbaus führte für die Menschen der jeweiligen Zeit zu Problemen der Wahrnehmung.

Gerade dieser Prozess des „Verschwindens von Landschaft“ führte als Gegenbewegung zu einer Romantisierung derselben.

Bei der Begegnung zwischen den Generationen, offenbart sich das Großmutter und Enkel, den jeweils betrachteten Raum vollständig anders interpretierten, da die ältere Generation noch zahlreiche Spuren in der Landschaft lesen konnte, die der jüngeren in ihrer Existenz nicht wahrnehmbar war.

Die Dechiffrierung der Landschaft erfolgt nämlich nicht nach Regelwerken, sondern ist biografisch und gesellschaftlich determiniert. Sie erfolgt als eine „Sehfigur“, das heißt nur das Wissen um die Landschaft verbunden mit dem Prozess einer emotionalen Begegnung mit derselben, gewährt die Fähigkeit sie zu verstehen.

Oder um es mit anderen Worten zu sagen: Wunsch und Wirklichkeit lassen sich nicht klar trennen, „denn die wahre Landschaft ist im Kopf des jeweils einzelnen.“

Neuer Mensch, Totalität und Reformversuche

Die im Kontext der Industrialisierung entstehende Massengesellschaft, verbunden mit der Durchstrukturierung des Raumes, Mobilität, Kommunikation und generellem Wertewandel, führte am Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert zum Aufkommen zahlreicher Reformbewegungen.

Die komplexe Rationalisierung aller Lebenszusammenhänge, soziale Verwerfung und die Angst vor der zunehmenden Negierung des Individuums im Zusammenhang mit der kapitalistischen Ökonomie erschuf eine weit verbreitete Sehnsucht nach Natürlichkeit als Grundlage der Lebensgestaltung.

Dabei war dem Menschen der Zeit bewusst, dass es kein Zurück zu einer ursprünglichen Natur mehr geben konnte, sondern nur den Weg zu einer, von ihm selbst geformten „kultürlichen“ Natur.

Südraum Leipzig um 1930

Die Reformbewegungen fokussierten sich in vier Schwerpunkten: In der Naturheilkunde als Gegenpol zur technischen Medizin und zu den Unzulänglichkeiten der Versorgung breiter Bevölkerungsschichten. Die Reformpädagogik, die das Kind in den Mittelpunkt stellt und dessen Unterordnung unter ökonomische Zwänge bekämpfen wollte, in die Licht-, Luft- und Sonnenbewegung, die eine neue Einheit von Natur und Körper propagierte sowie in die Siedlungs- und Gartenstadtbewegung, die ein neues Modell von Ökonomie und Leben propagierte.

Im Rahmen der Gartenstadtbewegung entstanden zum Beispiel zahlreiche Mustersiedlungen, die das Verhältnis zwischen Leben und Arbeiten verändern sollte, die Reformpädagogik schuf unter anderem eigene Schulsysteme, das heißt die Auswirkungen sind bis heute zu spüren.

Diese Versuche einer „anderen Kulturalisierung“ des Lebensraumes schufen die Potentiale und Erinnerungsmuster, die auch für heutige Menschen das Motiv zum Widerstand gegen eine komplex ökonomisierte Welt bieten.

Sie implizieren, dass der Wunsch zu einer Kulturalisierung des Naturraumes, keineswegs die Zerstörung desselben für andere Menschen innewohnt.

Ist immer Center Parks Wetter?

Die Versuche von Kulturalisierung von Freiräumen mit unterschiedlichen Wahrnehmungs- und Erlebnisqualitäten, fanden zunächst mit dem Ausbruch des 1. Weltkriegs ihr Ende um dann, nach einer kurzen Blütezeit in den 1920er Jahren, erneut diktatorischen Handeln und Welteroberungsplänen zum Opfer zu fallen.

Nur wenige Gruppierungen knüpften an die „Befreiungsbewegung“ der Jahrhundertwende an, wobei sich allerdings beispielsweise die Architekturen des Bauhauses und die Ideen der Gartenstadtbewegung durchaus nach dem 2. Weltkrieg verbreiten konnten; dies allerdings befreit „von den Zwängen“ der Notwendigkeiten sich als Mensch zu verändern oder positiv gestaltend auf seine Lebensumwelt einzuwirken.

So entstand in der so genannten ersten Welt im Rahmen der Ökonomisierung der kulturellen Aneignung des Raumes eine neue Wertschöpfungsökonomie, die im Kontext von Erlebniswelten, Center Parks, Brandlands und Wellness-Oasen aus der „Befreiung von den Zwängen moderner Gesellschaften“ zunehmend monetären Nutzen schlug.

So vermochten die „bunten Welten des Billy Butlin“ in Großbritannien bis in die 1970er Jahre Millionen von Menschen „Ferien im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit“ nahe zu bringen. Unter abgehängten Gärten mit Pools und künstlichen Möwen donnerte alle 30 Minuten ein Tropengewitter während die Gäste gut geschützt hinter Doppelglasscheiben eine freien Blick auf die tobende Irische See hatten.

Die heutigen Center Parks befreien uns von den Unzulänglichkeiten des Strandes und klimatischen Rahmenbedingungen. So etwa der „Ocean Dom“ in Japan, der nur einige 100 Meter von einem kilometerlangen Sandstrand entfernt mitten im Jahrhunderte alten Küstenwald gelegen unter einer 300 Meter langen Kuppel bei einer konstanten Lufttemperatur von 30 Grad künstliche Wasserfälle, Ozeanwellen für Surfer und inszenierte Sonnenuntergänge präsentiert. Für mehr als eine Millionen Besucher im Jahr wird an warmen Sommertagen das riesige Dach für maximal eine Stunde geöffnet um die Sonnenbelastung für die menschliche Haut möglichst gering zu halten.

Der bemerkenswerte Wunsch des Menschen nach Natur mutiert hier zu einem künstlichen Paradies, oder um es vereinfacht zu sagen „was die Menschen vom Meer erwarten, finden sie nur im Pool.“

Dieser Beitrag soll unseren Gästen einen kleinen Vorgeschmack auf die Sonntags-Matinee am 28.4. geben. Dort wird Herr Gerhard Lenz M.A., Geschäftsführer und Museumsleiter des Weltkulturerbe Rammelsberg sowie Direktor der Stiftung Welterbe im Harz, zu diesem Thema referieren. Der Vortrag findet um 11 Uhr am Rammelsberg statt und ist kostenfrei.