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Mariano Rinaldi Goñi: Erz – Nornen – Mythen, Farben und Metalle

Schon zum zweiten Mal mussten die Kunsttage am Rammelsberg mit dem Künstler Mariano Rinaldi Goñi aufgrund der Corona-Pandemie verschoben werden. Aber wir sind optimistisch: nächstes Jahr veranstalten wir dieses großartige Event mit live performances, Workshops, Künstlerführungen und vielem mehr! Und damit wir uns schon vorfreuen können, wird es an dieser Stelle in unregelmäßigen Abständen eine kleine Einstimmung vom Künstler selbst geben.

Die Galerie Deschler in Berlin, die Goñis Kunst präsentiert, beschreibt sein künstlerisches Schaffen folgendermaßen:

„Ungestüm, wild und voller Leidenschaft präsentiert Mariano Rinaldi Goñis kräftiger Pinselstrich „Mythen, Farben und Metalle“ auf Leinwand. Die jahrtausendelange Geschichte sowie die Ressourcen, die ihm der Harz zur Verfügung stellt, werden in des Künstlers Emotionen vereint.
Die unbändigen Frauenmotive, die auf den ersten Blick Goñis Leinwänden entspringen, entstammen der germanischen Mythologie und versinnbildlichen die schicksalsbestimmenden Nornen. Sie sind keine mild lächelnden klassisch-griechischen Göttinnen, auch keine selig-verklärten Jungfrauen oder passiv sich hingebenden Venusgestalten, sondern kraftvolle und hitzige Wesen. Goñis Faszination für diese fantastischen Frauen entsteht durch die Bedeutung ihrer Vorgängerinnen, den Hexen, mit welchen der Künstler bereits als Kind in seiner Heimat Argentinien konfrontiert wurde und die sein Gespür für das Verborgene und Mystische aufbrodeln ließen. Sein Großvater entfachte durch mystische Erzählungen aus dem Schwarzwald Goñis Begeisterung für die germanische Mythologie:

Mariano Rinaldi Goñi, Hexe, Öl auf Leinwand, 2020

Die Göttin Gullveig, in der nordischen Mythologie die Göttin des Goldes, bezeichnet die Entstehung der Nornen. Sie gehört dem Geschlecht der Wanen an und war die Hüterin der Schätze, die das damalige Konzept von Gold als Geld verkörperte. Der Neid der Asen auf das Geheimnis des Ursprungs des Reichtums forderte, dass Gullveig dreimal verbrannt wurde. Daraufhin brach ein Krieg zwischen den Wanen und den Asen aus, welcher seine Versöhnung in der Durchmischung beider Völker fand. Die Töchter dieser ersten, dreimal verbrannten Hexe, gehen als die ersten drei Nornenschwestern – Urðr, Verðandi und Skuld – hervor. Sie verkörpern die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, die die Schicksalsfäden der Menschen und Götter spinnen.

Für Goñi schafft der etymologische Hintergrund die Verbindung zur Farbe und dem kraftvollen Ausdruck der Motive auf seiner Leinwand. Die Nornen (Nornier, Nornir nord. „Raunende“) werden jeweils durch eine Rune repräsentiert, welche ihre Bedeutung wiederum in einer Naturgewalt findet. Urðr steht für die Vergangenheit und bedeutet „Schicksal“ beziehungsweise „Gewordene“, ihre Naturgewalt ist Hagel. Verðandi bedeutet „Seiende“ und bezieht sich auf die Gegenwart. Ihr wird die Rune ISA (Is), die Eisrune zugesprochen. Skuld ist die Norne der Zukunft, die „Werdende“. Die Hitze und Gewalt des Feuers schreibt ihr eine unberechenbare Macht zu. So erschöpfen sich Hagel, Eis und Feuer in kräftigem Rot, tiefem Schwarz und reinem Weiß auf Goñis Leinwand.

Sich den Mythologien des Harzes vor Ort hingeben zu können, unter Tage das raue Klima und die eindringliche Gewalt des Berges zu spüren sowie sich mit dessen Ressourcen auseinanderzusetzen, ermöglicht es dem Künstler, sein Schaffen am Rammelsberg noch leidenschaftlicher auszuleben. Die Farben auf seiner Leinwand, angereichert mit Rammelsberger Ocker oder anderen Pigmenten und Mineralen des Harzes, bezeugen die gewaltigen geologischen Prozesse im Erdinnern. Die Lagerstätte des Rammelsberges entstand durch den Austritt heißer, metallhaltiger Thermen am Meeresboden, bezeugt die Gewinnung der kostbaren Minerale, die aus der Tiefe der Erde ans Tageslicht gefördert wurden – und somit als eine Art Archäologie dieser vorgeschichtlichen Ereignisse gelesen werden. Mit der Kraft der Maschinen werden Erzhandel und industrielle Macht vorangetrieben, während die Ängste der Bergleute vor einem unerwarteten Ereignis unter Tage bittere Realität bedeuten. Das Ausgeliefertsein des rationalen Individuums im Angesicht unbeherrschbarer, äußerer Kräfte einer den Menschen weit überragenden Natur, spiegelt sich in einer ähnlichen Unbeherrschbarkeit innerer Kräfte in der irrationalen Natur des Menschen wider.
Die mysteriösen und unfassbaren Kräfte der Natur, die über Leben und Tod entscheiden, werden in allen Kulturen durch Mythen und Legenden ausgedrückt und damit fassbar gemacht. Die Arbeit unter Tage, mit all ihren Gefahren und Unwägbarkeiten, hat auch im Harz viele Mythen und Legenden hervorgebracht.
Mariano Rinaldi Goñis mythologische Auseinandersetzung, ermöglicht die sinnbildliche Formgebung und Sichtbarmachung verborgener, scheinbar zutiefst chaotischer und schicksalsbehafteter Wirkkräfte im Inneren. Durch den emotionalen Prozess in der Schaffensphase des Künstlers an einem Ort des Ursprungs, kommt ein neues Werk zu Tage.“

In vier Kurzfilmen stellt Goñi die Erznornen vor. Hier folgt nun der erste:

Mariano Rinaldi Goñi: „Gullweig“ ©Galerie Deschler, Berlin

Die Kunsttage mit Mariano Rinaldi Goñi werden vom 2. April bis 15. Mai 2022 am Rammelsberg stattfinden. Weitere Informationen auf www.rammelsberg.de/ausstellungen.

Vor 250 Jahren im Berg

Im Oktober 1671 unternehmen die Oberharzer Bergbedienten Hans Schwabe, Daniel Flach und Georg Keller zusammen mit Unterharzer Kollegen eine Befahrung der Rammelsberger Gruben. Dabei stoßen sie auf eine merkwürdige Gattung Mensch, die ihnen vom Harz her offenbar nicht bekannt ist: halbe Arbeiter. Diese finden sich nur an einigen Stellen im Grubengebäude. So arbeitet der Steiger Melcher Ahrens auf der Grube Kanekuhl mit fünf halben Arbeitern, Steiger Hans Friedrich auf der Hohewarte ebenfalls, Steiger Elias Maatsch auf der Lüdersüll dagegen hat zwei ganze Arbeiter. Was unterscheidet die halben von den ganzen?


Darstellung von Bergleuten auf dem Rammelsberger Wetterriss von Jochim Christoph Buchholtz von 1680. Wegen der teils extremen Hitze unter Tage sind die Bergleute nur spärlich bekleidet. Einer von ihnen streift sich mit einem hölzernen „Schweißmesser“ den verkrusteten Schmutz vom Körper. Foto: G. Drechsler

Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein wurden im Rammelsberg die Erze durch Feuersetzen gelöst, bei dem das Erz sich ausdehnte, beim Erkalten wieder zusammenzog und dadurch aus dem Verbund gesprengt wurde. Folge dieser Praxis waren hohe Temperaturen unter Tage. An manchen Örtern waren diese so hoch, dass Arbeiter dort nur eine halbe Schicht lang eingesetzt werden konnten, was sie zu „halben Arbeitern“ machte. „Damit nun ein Arbeiter die Hitze nicht immerfort, sondern wechselweise haben möge, ist von undenklichen Jahren her in Observanz gehalten worden, dass die Arbeiter verteilt, vormittags in die heißen, nachmittags in die kühlen Schichten angewiesen werden. […] Und weil sie halbe Arbeiter genannt werden, wird ihnen auf zwei Gruben ihr Lohn, also auf jeder Grube 15 Groschen, geschrieben. Ganze Arbeiter haben hierselbst 30 Groschen Lohn.“ Den Oberharzer Bergbedienten scheint diese Erläuterung wichtig gewesen zu sein, daher haben sie sie in ihr Protokoll aufgenommen.


Keine „halbe Arbeit“: Mitarbeiter des Projekts „Altbergbau 3D“ unter Tage im Rammelsberg. Foto: A. Schmidt-Händel

Dieser Tage, 250 Jahre später, neigt sich das Forschungsprojekt „Altbergbau 3D“, bei dem Historiker, Archäologen, Markscheider, Informatiker und Fotografen – finanziell unterstützt vom Bundesministerium für Bildung und Forschung – drei Jahre lang gemeinsam über den Rammelsberg gearbeitet haben, seinem Ende zu Im Zuge ihrer Arbeit stießen die Historiker in den Archiven auch auf solche – nicht gesuchte, aber dennoch aufschlussreiche – Informationen, wie die oben erwähnte. Was bei den Forschungen noch so alles zutage trat und wie diese Erkenntnisse verarbeitet wurden, darüber informieren die Projektbeteiligten auf verschiedenen Wegen in den nächsten Wochen und Monaten. Also: Augen aufhalten!

Das „Goethe-Modell“

Wenn man am Rammelsberg umgangssprachlich von dem „Goethe-Modell“ spricht, ist nicht zwangsläufige eine Büste oder ähnliches gemeint, sondern ein dreidimensionales Modell des Rammelsberges, welches die übertägige Situation um das Jahr 1800 abbildet. Trotzdem findet man in der Dauerstellung eine Büste des Dichterfürsten, denn Goethe besuchte und befuhr den Rammelsberg ab 1777 mehrmals und verarbeitete seine Eindrücke besonders das Feuersetzen unter anderen in einem seiner berühmtesten Werke: Faust.

Das Modell zeigt die übertägigen Anlagen des Rammelsberges zu Zeiten des Wirkens von Johann Christoph Roeder, der ein Zeitgenosse Goethes war.
Der Herzberger Teich hat im Modell schon seine Dammerhöhung schon erfahren, die 1768 unter Leitung des damaligen Obergeschworen Roeder durchgeführt worden ist.  Und deutlich ist auch schon das Mundloch des späteren ersten Wasserlaufs des heutigen Roeder-Stollens verzeichnet, durch welches heute die Besucher in den Berg einfahren.
Die inwendige Kehr- und Kunstradtreiberei des Kanekuhler Schachtes und des erst 1804 abgeteuften Neuen Serenissimorum Tiefsten Treibschachtes waren noch nicht in Betrieb. Denn der Kanekuhler Schacht wird noch über ein in den 1750er Jahren installierten übertägigen Kehrrad am Fuße des Dammes mit Kraft versorgt, die im Original über ein 360 m langes Feldgestänge auf das sog Geipel Plateau hin zu dem Schacht transportiert wurde.

Der Geipel des Kenekuhler Schachtes auf Höhe des heutigen Geipel-Plateaus.

Das übertägige Kehrrad mit dem Feldgestänge unterhalb des Dammes des Herzberger Teiches und ein Vermerk zum Standort des Mdl. 1.Wlf. [Mundloch 1. Wasserlauf, M.W.] des späteren Roeder-Stollens, Foto M. Wetzel

Wie passen die Besuche Goethes zu einem Modell des Rammelsberges?

Das Modell selbst schuf der Bergvermessungsinspektor Oskar Langer, der am Clausthaler Oberbergamt unter der Leitung des Berghauptmanns Wilhelm Bornhardt beschäftigt war. Wesentliche Grundlage für das Modell ist eine Zeichnung des Rammelsberges von Melchior Kraus aus dem Jahr 1784, welche dieser für Goethe anfertigte. Was der Grund für den heutigen Namen des Modells ist.
Das Modell ist komplett aus Sperrholz gefertigt und in seinen Details sehr filigran ausgeführt. Langer, der als Markscheider die Arbeit mit maßstäblichen Rissen von Bergwerksanlagen gewohnt war, schuf unter Einbeziehung historischer Literatur dieses einmalige Exponat. Neben dem Goethe-Modell baute er eine Vielzahl von Modellen in unterschiedlichen Ausführungen und Maßstäben, die u.a für das 1928 wiedereröffnete Oberharzer Bergwerksmuseum oder die damalige Clausthaler Bergakademie bestimmt waren. Die maßstäbliche und detailgetreue Arbeit Langers an den Modellen ist eine der Grundlangen des aktuellen Forschungsvorhabens „Altbergbau 3D. Ein interdisziplinäres Projekt zur Erforschung des montanhistorischen Erbes im Harz“.  https://altbergbau3d.de/2021/03/08/die-freien-bergstaedte-clausthal-und-zellerfeld-um-1650-in-3d/

Oskar Langer, im Vordergrund das 1928 von ihm geschaffene hölzerne Modell der freien Bergstädte Clausthal und Zellerfeld um1650, das im Oberharzer Bergwerksmuseum zu sehen ist und Grundlage aktueller Forschung ist. Bild Sammlung Oberharzer Bergwerksmuseum

Neben dem Goethe-Modell baute er 1932 ein filigranes fast transparentes Modell des Rammelsberges im Maßstab 1:1.000, in welchem sowohl die damals gegenwärtige übertägige als auch die unterläge Situation des Rammelsberges zu sehen sind. Im Gegensatz zum Goethe-Modell ist dieses hauptsächlich aus Kupferdrähten und Eisenplättchen gefertigt. Das Modell steht heute im sog. Modellraum, einem Nebenraum der Kaue, und kann dort von den Besuchern betrachtet werden. Ursprünglich stand es aber, wie das Goethe-Modell auch, im sog. Rammelsberg-Zimmer des Heimatmuseums Goslar, welches auf die Initiative seines Chefs, Wilhelm Bornhardt, in den 1930er Jahren eingerichtet wurde und in seiner Gesamtheit die erste museale Rezeption der Rammelsberger Bergbaugeschichte darstellte.

Blick in das Rammelsberg-Zimmer des Goslarer Heimatmuseums, im Vordergrund das Modell „Die Grubenbaue des Rammelsberges nebst Tagesanlagen nachdem Stande vom Jahre 1932“, links hinter dem Pfeiler ist das Goethe-Modell zu erkennen. Bild Sammlung Oberharzer Bergwerksmuseum

Zurzeit ist das Goethe-Modell in der Sonderausstellung „Reisen in den Schoß der Mutter Erde- Montantourismus im Harz“ zu sehen, wo die Besuche Goethes am Rammelsberg ausführlich vorgestellt werden.

Das Goethe-Modell in der Sonderausstellung „Reisen in den Schoß der Mitter Erde- Montantourismus im Harz“, Foto M. Wetzel

Behelfskaue – Gefängnis – Zwangsarbeiterlager: Eine Gebäudebiografie des Schreckens. Teil 1: 1937 – 1941.

Unter dem Motto Gebäude-Geschicht(e)n sollen in loser Folge die Geschichten und die Geschichte von Orten und Räumen auf dem Gelände des Weltkulturerbes Rammelsberg beschrieben werden. Dabei wird der Ort nicht lediglich als eine Geländefläche und der Raum nicht nur als Hülle angesehen. Ort und Raum sind von einer Ordnung bestimmt, die sich mehrfach ändert. Gefragt wird nach dem Wandel örtlicher und räumlicher Ordnungen, nach der betrieblich bedingten Produktion von Raum und danach, wie Orte und Räume soziales Handeln verursacht und verändert haben. Es geht also auch um die Wahrnehmung von Orten und Räumen mit Blick auf die Wirkung des Wandels auf Menschen, die hier arbeiteten und lebten.  

1937 plant die zur Preußischen Bergwerks- und Hütten-Aktiengesellschaft (PREUSSAG) gehörende Unterharzer Berg- und Hüttenwerke G.m.b.H.(UHBH) den Bau einer Behelfskaue für Bergleute auf dem Gelände des Erzbergwerks Rammelsberg. Das Erzbergwerk Rammelsberg war seit Anfang der 1920er Jahre wiederum ein Tochterunternehmen der UHBH. Der Ausbau der Förderung unter Tage und der Aufbau der Erzaufbereitungsanlage im Zuge des nationalsozialistischen „Rammelsberg-Projektes“ kamen schnell voran. Der Ausbau der Sozialgebäude, insbesondere die Fertigstellung einer großen Waschkaue, verzögerte sich. Die Behelfskaue war zur Unterbringung sanitärer Anlagen geplant, weil die Belegschaft des Erzbergwerks Rammelsberg allein in den drei Jahren von 1935 bis 1938 um über 500 Personen auf eine Belegschaft von 862 Arbeitern und 82 Angestellten anwuchs. Die Behelfskaue wurde als Baracke gebaut, da es lediglich eine Übergangslösung war, die kurzfristig wieder abgerissen werden sollte.[1]

Für den Aufbau der Kaue verwendete das Bergwerk das Holz eines alten Stallgebäudes. Die Inneneinrichtung der Kaue kam zum Teil aus anderen PREUSSAG-Betrieben. Eine sparsame Bauplanung war oberste Prämisse für dieses nur auf einige Jahre angelegte Gebäude. In dieser Behelfskaue sollten 329 Arbeiter sich waschen und umziehen können. Die mindere Qualität des Gebäudes wurde in einer Baubeschreibung vom 26. Mai 1937 ausdrücklich hervorgehoben: „Das Gebäude soll aus den beim Abbruch des Pferdestalles gewonnen und noch verwendbaren Materialien errichtet werden. Es hat nur behelfsmäßigen Charakter und wird nach Fertigstellung des geplanten Neubaus der Waschkaue wieder beseitigt.“[2] 


Abb. 1: Auszug aus einem Lageplan. Die Behelfskaue wurde unterhalb der ehemaligen Sieb-
 und Klaubeanlage auf dem Werksgelände des Erzbergwerks Rammelsberg errichtet.  
 BGG-Archiv. Akte Behelfskaue Rammelsberg 1937 – 1946: Lageplan zu einer
 provisorischen Kaue des Erzbergwerks Rammelsberg vom 26. Mai 1937.

Doch nach Fertigstellung der neuen Waschkaue im Zuge der Neugestaltung der Tagesanlagen des Erzbergwerks Rammelsberg zwischen 1935 und 1942 blieb auch die Behelfskaue weiter stehen. Denn nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs und der Okkupation Polens nahm der Einsatz von „Volksdeutschen“, aber auch deportierten polnischen Mitbürgern, sowie Belgiern, Holländern, Jugoslawen und Slowaken in den Betrieben der Unterharzer Berg- und Hüttenwerke G.m.b.H., so auch am Erzbergwerk Rammelsberg, zu. Diese Zwangsarbeiter wurden ab Anfang der 1940er Jahre in der Behelfskaue untergebracht. Viele von ihnen flohen nach kurzer Zeit aus Unzufriedenheit über die Arbeit und die Unterbringung von ihrer neuen Arbeitsstelle. Zu Beginn des Krieges setzte das nationalsozialistische Regime seine wirtschaftlichen Interessen noch mit einem gewissen Entgegenkommen gegenüber den dringend benötigten ausländischen Arbeitern durch. Deshalb wurden ab dem 9. Oktober 1940 zur Verbesserung des Aufenthaltsraums in der ehemaligen Behelfskaue für die Einrichtung „40 Stck. Stühle Modell `Schönheit der Arbeit´ “ angeschafft“[3] und im Juli 1941 die „Vertilgung von Wanzen“ angeordnet.[4]


Abb. 2: Anfang der 1950er Jahre steht das Gebäude der Behelfskaue noch (rechter
Bildrand). Foto: Albert Renger-Patzsch, 1953. Sammlung Weltkulturerbe
Rammelsberg.

Doch im weiteren Verlauf des Krieges wurde die nationalsozialistische Rassenideologie immer stärker als Werkzeug des Regimes eingesetzt, um die Zwangsarbeiter zu drangsalieren und ihre Arbeitskraft möglichst effizient auszubeuten. Dazu gehörte auch die möglichst umfassende Kontrolle ihrer Lebens- und Wohnsituation. Der im März 1940 ausgearbeitete sogenannte `Polenerlass´ bot vor Ort bereits die Möglichkeiten der polizeilichen Kontrolle der Arbeiter. Dieser Erlass ordnete für „polnische Staatsangehörige, die im Reichsgebiet beschäftigt wurden, die isolierte Unterbringung in Barackenlager sowie drakonische Strafen für flüchtige oder `arbeitsscheue´ Arbeiter an.“[5] 

Doch der Einsatz der Zwangsarbeiter aus den besetzten Gebieten brachte nicht den erwarteten Erfolg und durch die weitere Einziehung von Bergleuten zur deutschen Wehrmacht verschärfte sich der Arbeitskräftemangel zunehmend. Das Oberbergamt in Clausthal-Zellerfeld schlug den Einsatz von Kriegsgefangenen am Erzbergwerks Rammelsberg vor.

In der Akte zum Bauschein für die Behelfskaue taucht deshalb am 15. September 1941 eine Bestellung von Stacheldraht auf.[6] Das Bergwerk baute die Behelfskaue erneut auf den neuen Bedarf als Gefängnis für Kriegsgefangene um, die eingesperrt engmaschig überwacht und sanktioniert werden sollten.[7]

Für den Umbau der Behelfskaue in ein Gefängnis gab es genaue Anweisungen: Vergitterung der Fenster; Verdunkelung der Fensterscheiben mit Papier; Unterteilung der vorhandenen Betten durch Bretterwände; Anbringung von Holzrosten unter den Tischen und Sitzplätzen; Absicherung der Türen und Verschließen der Schuhschränke bei Nacht, um Fluchtmöglichkeiten einzudämmen; Einrichtung eines Trockenabort für den Schlafraum; Sicherung der Dachflächen; Verlegen einer Klingelleitung vom Schlafraum zur Wachmannschaft; Bestückung der Kleiderspinde mit Ablagefach; Einrichten einer Arrestzelle im Serenissimorum-Maschinenhaus unter Tage; Anbringen eines Stacheldrahtzaunes um das Gelände, nach genauen Angaben.[8]

In einer Bestellung vom 7. Oktober 1941 werden zusätzliche Fenstervergitterungen und Sicherungselemente für Türen angefordert.[9] Weiterer Bestellungsanforderungen und Kostenvoranschläge belegen, wie akribisch die Einrichtung des Kriegsgefangenenlagers nach den Vorgaben geplant wurde.[10]

Doch nachdem die vorgegebenen Sicherheits- und Sanktionsvorkehrungen für die Behelfskaue eingeleitet waren, kam eine überraschende Wende. Der Einsatz von Kriegsgefangenen wurde im August 1940 abgelehnt. Am 22. Oktober 1941 kommt diese Wende auch in der Organisation dieses Raumes der Unterdrückung an: Die angelieferten Fenstergitter für die Behelfskaue dürfen nicht eingebaut werden, „da statt der zugesagten Kriegsgefangenen Zivilarbeiter zugewiesen sind.“[11] Um aber einen zu hohen Anteil ausländischer Arbeitskräfte an der Belegschaft zu vermeiden, wird der Einzug deutscher Bergleute zur Wehrmacht reduziert. Doch diese kurzfristige Einschränkung konnte nicht lange durchgehalten werden. „Mit der Ausweitung des Krieges richteten sich die Werksleitungen spätestens seit Frühjahr 1941 auf den längerfristigen Entzug von Mitarbeitern ein. Mit intensiven Bemühungen um die Zuteilung von Zwangsarbeitern jeder Art versuchten sie, den Anschluss an den Zug der Kriegswirtschaft zu sichern.“[12]

Deshalb heißt es in einem Schreiben des Erzbergwerks Rammelsberg an die Leitung der Unterharzer Berg- und Hüttenwerke G.m.b.H. vom 8. November 1941: „Da mit einem weiteren Absinken unserer Belegschaftszahl zu rechnen ist, muß nach Möglichkeit ein Ausgleich durch Heranziehung ausländischer Arbeitskräfte geschaffen werden. Zur Unterbringung dieser Arbeitskräfte ist ein Umbau der Hilfskaue in Form eines 6,70 m langen Anbaues erforderlich. In diesem Anbau können weitere 46 Mann untergebracht werden, so dass dann insgesamt Unterbringungsmöglichkeit für 96 Mann besteht.


Abb. 3: Am Standort der ehemaligen Behelfskaue steht heute ein flaches Gebäude
in dem zu Betriebszeiten des Erzbergwerks die Lampenstube, ein Raum für die   
Grubenwehr und ein Pförtnerbereich untergebracht waren. Jetzt wird das Gebäude
von der Museumsverwaltung des Weltkulturerbes Rammelsberg genutzt. In dem Silo
im Vordergrund wurde Zement für den Versatz unter Tage gelagert. Foto: Johannes    
Großewinkelmann, 2021.

Die dichte Beschreibung zur „Biografie“ des Gebäudes, kann aus den Bauakten bis in die Nachkriegsjahre recherchiert werden. Der erste Teil diese Beschreibung zeigt bereits eindrucksvoll, wie ein Raum im Laufe von wenigen Jahren mehrfach seinen `Modus´ wechselt und welche äußerlich sichtbaren Veränderungen das nach sich zog. Dazu kommt die Einbindung vieler Bereiche in diesen Prozess, von der Bauverwaltung der Unterharzer Berg- und Hüttenwerke G.m.b.H. bis zu den Werkstätten des Erzbergwerks Rammelsberg. Es wird quasi aus den einzelnen Baumaßnahmen für viele an diesem Prozess Beteiligte sichtbar, welche Funktion der Raum in verschiedenen Phasen der Unterdrückung zwangsweise am Bergwerk eingesetzter ausländischer Arbeitskräfte haben sollte.

Auch im zweiten Teil dieser Gebäude-Geschichte wird in einem der nächsten Beiträge der Wandel der Behelfskaue in den Jahren von 1942 bis 1945 unter sich dramatisch zuspitzenden Bedingungen mit dem Eintritt Deutschlands in einen „totalen Krieg“ vorgestellt und dadurch werden weitere Zusammenhänge von Raum, Organisation und Unterdrückung im Nationalsozialismus an diesem Ort und in diesem Gebäude sehr konkret nachvollziehbar.


[1] Vgl. BGG-Archiv. Akte Behelfskaue Rammelsberg 1937 – 1946. Lageplan zu einer provisorischen Kaue des Erzbergwerks Rammelsberg vom 26. Mai 1937.

[2] BGG-Archiv. Akte Behelfskaue Rammelsberg 1937 – 1946. Baubeschreibung vom 26. Mai 1937.

[3] BGG-Archiv. Akte Behelfskaue Rammelsberg 1937 – 1946. Bestellung der Unterharzer Berg- und Hüttenwerke G.m.b.H. für das Erzbergwerk Rammelsberg, Goslar vom 8. November 1940.

[4] BGG-Archiv. Akte Behelfskaue Rammelsberg 1937 – 1946. Bestellung an Adolf Wiese Goslar, Am Siechenhof 9 vom 11. Juli 1941.

[5] Bernhard Stier / Johannes Laufer: Von der Preussag zur TUI. Wege und Wandlungen eines Unternehmens 1923 – 2003. Essen 2005, S. 352.

[6] BGG-Archiv. Akte Behelfskaue Rammelsberg 1937 – 1946. Bestellung einer Rolle Stacheldraht beim Kriegsgefangenenlager in Fallingbostel. Vom 25.9.1941. 

[7] BGG-Archiv. Akte Behelfskaue Rammelsberg 1937 – 1946. Vermerk betr. Unterbringung von Kriegsgefangenen in der Hilfskaue vom 2. Oktober 1941.

[8] BGG-Archiv. Akte Behelfskaue Rammelsberg 1937 – 1946. Vermerk betr. Unterbringung von Kriegsgefangenen in der Hilfskaue vom 2. Oktober 1941.

[9] BGG-Archiv. Akte Behelfskaue Rammelsberg 1937 – 1946. Bestellung der Unterharzer Berg- und Hüttenwerke G.m.b.H. für das Erzbergwerk Rammelsberg vom 7. Oktober 1941.

[10] BGG-Archiv. Akte Behelfskaue Rammelsberg 1937 – 1946.

[11] BGG-Archiv. Akte Behelfskaue Rammelsberg 1937 – 1946. Schreiben des Erzbergwerks Rammelsberg an Unterharz, Abt. Einkauf, vom 22. Oktober 1941.

[12] Bernhard Stier, Johannes Laufer: Von der Preussag zur TUI. Wege und Wandlungen eines Unternehmens 1923 – 2003. Essen 2005, S. 353.

Reparatur – Austausch – Restaurierung: Die Erneuerung der Radwelle des Kanekuhler Kehrrades im Roeder-Stollen gibt Einblicke in das komplexe Thema Industriedenkmalpflege

Was sagt ein Handbuch zum Umgang mit einem Industriedenkmal

Schaut man in das Online-Handbuch „Indumap“ zum Umgang mit Industriedenkmalen[1], werden unter der Rubrik „Leitvorstellungen“ beispielhafte Verfahrensweisen beim Umgang mit Industriedenkmalen vorgeschlagen. Soll ein Objekt nicht seinem unaufhaltsamen Alterungsprozess überlassen oder unter weitgehender Vermeidung von Eingriffen in einem vorgefundenen Zustand konserviert werden, listet das Handbuch folgende mögliche Verfahrensschritte auf: 

  • Reparatur – handwerklich saubere Arbeiten zur Beseitigung von Schäden, die ohne Eingriff zu weiterem Verfall führen würden.
  • Restaurierung – bauliche bzw. restauratorische Maßnahmen aufgrund von eindeutigen Befunden die ggf. einen nicht mehr vorhandenen Zustand aufgreifen bzw. sich diesem annähern.
  • Rekonstruktion – erneute Hinzufügung verlorener Bestandteile eines Denkmals, die von eindeutigen Befunden (z.B. Zeichnungen, Fotos, Spuren am Bauwerk) gestützt sein sollten.

Vor diesem Hintergrund heißt es am 6. September 2017 in einem Antrag des Weltkulturerbes Rammelsberg an das Niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege zur Beantragung von Fördermitteln für das Kanekuhler Kehrrad unter der Rubrik „Maßnahme“ aus heutiger Sicht schon fast lapidar: Instandsetzung der Radwelle des untertägigen Kanekuhler Kehrrades im Roeder-Stollen des Weltkulturerbes Rammelsberg.

Das diese Formulierung der Beginn eines mittlerweile vierjährigen Verfahrens war, in dem alle drei im o.g. Handbuch beschriebenen Verfahrensschritte durchlaufen werden und aus der ursprünglichen Reparatur eine komplette Rekonstruktion des Kanekuhler Kehrrades im Roeder-Stollen des Weltkulturerbes Rammelsberg geworden ist, konntedamals noch niemand ahnen.

Doch zunächst kurz zurück zum Anfang, nämlich zu der Geschichte des Kanekuhler Kehrrades:


Das Kanekuhler Kehrrad im Roeder-Stollen des Weltkulturerbes Rammelsberg im Jahr 2003, noch mit intakter Radwelle. Foto: R. Bothe

Das Kanekuhler Kehrrad befindet sich vom Stollenmundloch ausgehend ca. 55 Meter unter der Erdoberfläche im Liegenden des ehemaligen Erzbergwerkes Rammelsberg. Es handelt sich hierbei um die oberste, erste Kehrradstube des Roeder’schen Wassersystems. Dort steht das Kanekuhler Kehrrad, welches in historischen Zeiten zur Förderung des Erzes im Kanekuhler Schacht diente. Die Radstube selbst ist etwa 11 m hoch (inkl. Wassertrog), ca. 7,5 m breit und zirka 10 m lang.


Isometrische Darstellung des Wasserhaltungs- und Erzförderungssystem im Roeder-Stollen.
In: Heinfried Spier, Historischer Rammelsberg, Wieda 1994, S. 31.

Als Kehrrad ausgeführt kann es seine Drehrichtung umkehren, abhängig davon, welchem der beiden gegensätzlichen Schaufelkränze das Aufschlagwasser zugeführt wird. Mit dem Kehrrad wurde eine Seiltrommel in Bewegung gesetzt, auf die ein Seil mit Erztonne im Schacht auf und ab bewegt werden konnte. Das heutige Kanekuhler Kehrrad ist ein Neubau aus dem Jahre 1996, rekonstruiert anhand von gefundenen Resten eines älteren Rades. Das rekonstruierte Kanekuhler Kehrrad (Lärchenholz), welches einen Durchmesser von etwa 7,64 m besitzt und fast 10 t wiegt, ist mit einer zirka 5 m langen Radwelle (Drehachse) aus Eichenholz ausgestattet.

Das rekonstruierte Kanekuhler Kehrrad kann in Bewegung gesetzt werden, um Besuchern die Mächtigkeit des Rades zu demonstrieren und zu zeigen, mit welcher kleinen Wassermenge ein so gewaltiges Wasserrad in Bewegung gesetzt werden kann. Die Besucher gelangen heute in die Radstube über eine Treppe auf eine Bühne in Höhe des ehemaligen Wasserkastens und können von oben auf seine konstruktiven Details hinabblicken. Um es in Bewegung zu setzen, wird mit einer elektrischen Pumpe Wasser auf das Kehrrad geführt.[2]

Die Rekonstruktion des Kehrrades wurde 1995 als Teil des unter Denkmalschutz stehenden Roeder-Stollens genehmigt.

Die Radwelle besitzt überwiegend einen quadratischen Querschnitt, ist aber an beiden Enden konisch geformt. Das Rad ist mit speziellen Keilen fest mit der Radwelle verbunden. An den Radwellenenden wurden die sog. ‚Doppelkrummzapfen‘ mit der Achse verbunden. Die Krummzapfen dienten früher zur Kraftübertragung auf  ‚Treibstangen‘, mit denen die über das Kehrrad angeordnete Seiltrommel angetrieben wurde. Treibstangen und Seiltrommel sind Mitte der 1990er Jahre nicht rekonstruiert worden.

Nur die Krummzapfen wurden originalgetreu neu gegossen und in passgenaue Schlitze im Wellenholz der Radwelle mittels Stahlringen verspannt. An den Radwellenenden liegen die Krummzapfen in geschmierten Lagerschalen aus Rotguss.

Die Reparatur

Ein Radwellenende wurde vor einigen Jahren von einem Fäulnispilz befallen, der das Holz der Welle auf einer Länge von ca. 80 cm zerstört hat. Als Folge des Pilzbefalls lockerte sich das Kehrrad auf der Welle und begann im Betrieb gefährlich zu schlagen. Das Kehrrad konnte nicht mehr in Bewegung gesetzt werden. Damit war ein wichtiges Element in der Besucherführung durch den Roeder-Stollen ausgefallen.  

Als Reparatur wurde der geschädigte Radwellenkonus abgesägt und durch einen ‚Flansch‘ bzw. eine Adapterkonstruktion aus Stahl ersetzt. Der stählerne Adapter dient der Aufnahme des Krummzapfens.


Mit einem speziellen Adapter aus Stahl wird die Radwelle des Kehrrades zunächst repariert. Foto: Weltkulturerbe Rammelsberg

Diese Reparatur gewährleistete mehrere Jahre wieder einen gesicherten Lauf des Kehrrades, bis der sich weiter ausbreitende Fäulnispilz weitere Teile der Radwelle stark geschädigt hatte. Dadurch wurde die Tragfähigkeit der Radwelle erheblich beeinflusst.

Die Restaurierung

Als zunächst angedachte Maßnahme sollte die Vollholzwelle gegen einen Stahlwelle ausgetauscht werden, um eine abermalige Schädigung der Radwelle zu verhindern. Im intensiven Austausch zwischen dem Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege, der Unteren Denkmalschutzbehörde der Stadt Goslar und dem Weltkulturerbe Rammelsberg wurde im Sommer 2018 auf der Basis des Denkmalschutzes für das gesamte Wasserhaltungs- und Erzförderungssystem im Roeder-Stollen beschlossen, doch wieder eine Vollholzwelle ins Kanekuhler Kehrrad einzusetzen. Aus der Reparatur wurde eine komplexe Restaurierungsmaßnahme für die das Weltkulturerbe Rammelsberg neben Eigenmitteln Fördergelder aus einem Sonderprogramm der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien und des Niedersächsischen Landesamts für Denkmalpflege beantragte.

Der Einsatz einer Vollholzwelle erforderte eine andere Transportplanung als der Einsatz einer wesentlich handlicheren Stahlradwelle. Der mögliche Transport der hölzernen Radwelle (L 490cm / B 60 cm / H 60 cm) mit einem Gewicht von ca. 1,8 t durch das Mundloch des Roeder-Stollens auf dem ersten Wasserlauf bis zur Kanekuhler Kehrradstube musste deshalb zunächst simuliert werden. Der Transportweg wurde mit einem Dummy vermessen. Die Durchgangsweiten auf dem ersten Wasserlauf bis zur Kehrradstube waren ausreichend.

Auf diesem Weg transportierten unsere Vorfahren mit hoher Wahrscheinlichkeit auch schon vor über 200 Jahren die Radwellen der Wasserräder in den Roeder-Stollen.


Mit einem Dummy wird der Transport der neuen Vollholzradwelle für das Kanekuhler Kehrrad im Roeder-Stollen simuliert. Foto: Weltkulturerbe Rammelsberg.

Die neue Vollholzradwelle soll mit neuen Holzschutzmitteln und einer verbesserten Wetterführung (Belüftung) der Kehrradstube vor einem schnellen Befall mit Fäulnispilzen geschützt werden. Insbesondere eine veränderte Wetterführung wird den Luftaustausch in der Kehrradstube beschleunigen und damit dem Anheften des Fäulnispilzes an das Holz der Radwelle entgegenwirken.

Nach einigen Verfahrensverzögerungen bei der Fördermittel- und der Auftragsvergabe konnte Anfang 2020 die Mühlenbaufirma, die 1996 bereits die Rekonstruktion des Kanekuhler Kehrrades vorgenommen hatte, mit dem Einbau der neuen Radwelle beauftragt werden.

Im Sommer 2020 wurde schließlich aus einem kompletten Eichenholzbaustamm die neue Radwelle hergestellt.  


Bearbeitung der neuen Radwelle aus einem kompletten Baumstamm. Foto: Mühlenbau Gottfried Schumann, Mulda.

In der Kanekuhler Kehrradstube musste die alte Radwelle dann aus dem Kehrrad ausgebaut werden. Dafür wurde ein Teil der vorhandenen Besucherbühnen vorübergehend abgebaut und der Museumsbetrieb in diesem Bereich zeitweise eingestellt.

Das Kehrrad konnte auf eine Stützkonstruktion abgesetzt werden, um die alte Radwelle zu entlasten und dann entfernen zu können. Danach zogen die Mühlenbauer die alte Radwelle aus dem Kehrrad.


Stützkonstruktion zum Absetzen das Kehrrades, damit die alte Radwelle demontiert werden konnte. Foto: Weltkulturerbe Rammelsberg

Die neue Radwelle liegt für den Einbau bereit. Foto: Weltkulturerbe Rammelsberg

Für den Transport der neuen Radwelle im Roeder-Stollen wurden spezielle
Transportvorrichtungen gebaut. Foto: Weltkulturerbe Rammelsberg

Die Rekonstruktion der Rekonstruktion

Bereits beim Ausbau der alten Radwelle wurden zusätzliche Schäden durch Fäulnispilze am Radschloss, dass aus Keil- und Viertelstockhölzern besteht und durch den die Radwelle in das Kehrrad geschoben wird, festgestellt. Der Pilzbefall ist stellenweise aufwärts bis in die Haupt- und Sticharme des Kehrrades vorgedrungen. Zur Sicherheit sollten die befallenen Bereiche der Radarme ausgetauscht werden.

Weitere Untersuchungen vor dem Einbau der neuen Radwelle ergaben dann die bittere Wahrheit, dass die Stabilität des gesamten Kehrrades aufgrund des Fäulnispilzbefalls gefährdet ist. Dieses wurde durch ein Holzgutachten bestätigt.

Im letzten Herbst musste dann der ursprüngliche Antrag auf denkmalrechtliche Genehmigung entsprechend abgeändert und die Rekonstruktion des bereits 1996 rekonstruierten Kanekuhler Kehrrades beantragt werden. Da es sich bei der vollständigen Rekonstruktion des Kehrrades um ein neues Projekt handelt, muss das Weltkulturerbe Rammelsberg einen erheblich größeren Eigenmittelanteil aufbringen, um dieses Projekt zu einem erfolgreichen Abschluss bringen zu können.

Zurzeit laufen die Arbeiten zur Demontage des alten Kehrrades und der Rekonstruktion eines neuen Kehrrades. Bis zum Sommer soll der Einbau des neu rekonstruierten Kanekuhler Kehrrades abgeschlossen sein. 

Innerhalb der letzten vier Jahre haben die Arbeiten am Kanekuhler Kehrrad die komplexe Bandbreite der zu Beginn genannten Vorgehensweisen beim Umgang mit Industriedenkmalen quasi im Zeitraffer durchlaufen. Das war in dieser Weise sicherlich ungewöhnlich, aber nicht einzigartig. Viele Industriedenkmale sind ein Konglomerat aus sehr unterschiedlichen Materialien, Techniken und konstruktiven Elementen, die bei der Unterdenkmalschutzstellung nicht alle offensichtlich sind. Erst wenn es gilt, das Denkmal zu erhalten, wird häufig erst die „Büchse der Pandora“ geöffnet. Erst dann bekommt man einen Einblick in die komplexen Zusammenhänge eines technischen Denkmals, dass zunächst als einfach zu beherrschende Konstruktion erscheint, dann aber ein großes Spektrum an bedenkenswerten Herausforderungen preisgibt.    


[1] www.indumap.de/glossar/denkmalbegriff. Letzter Aufruf: 3.03.2021.

[2] Vgl. Hans-Georg Dettmer, „Die meisterhafte Ausführung eines trefflichen Gedankens.“ Der Roeder-Stollen im Rammelsberg, Goslar 2005, S. 20f.


Seemann und Bergmann, zwei gefahrvolle Berufe und ein starkes literarisches Motiv


Dachdecker, Seemann, Bergmann, Kupferstich aus J. B. Basedows Elementarwerk mit den Kupfertafeln von Chodowiecki, Tafel 58 d, 1774,
Sammlung historischer Kinder – Jugendliteratur Uni Göttingen, Seminar für Dt. Philologie

„Es ist doch ein wunderbarer Gegensatz zwischen dem abwechselnden Leben des Seemanns und dem einförmigen des Bergmanns. Mit geschwellten Segeln fliegt jener von Küste zu Küste über das herrliche Meer: lustig wimmelt es in den fremden Häfen von geschäftigen Menschen. Bald bläst ein Sturm, daß die Masten brechen und das Schiff von den starken Wogen wie ein Spielzeug umhergeworfen wird, bald ist es wieder totenstill, und er ruht sich aus hoch oben im Mastkorb und schaut hinaus in den unbegrenzten Raum zwischen Meer und Himmel. Für den Bergmann hingegen gleitet ein Tag wie der andere dahin. Tief unten in dem schwarzen Schacht sitzt er bei seinem Grubenlicht und hämmert das Erz aus dem Berge heraus; still und finster wie hier in seiner Heimat wird es auch in seinem Innern. Nur der Sonntag bringt einige Veränderung; da zieht er sein besseres Kleid an, geht in die Kirche und sieht die Sonne mild in diese und in sein Herz scheinen. Zuweilen kommt er auch nachmittags nach Goslar hinein, hört die Zeitungsneuigkeiten und denkt darüber nach, wie wunderlich die Menschen dort draußen in der Welt umherstürmen; er will vielleicht auch, wenn er noch jung ist, dort hinausfliegen und sich zwischen den andern umhertummeln – aber am Montag sitzt er doch wieder tief unten im Schacht bei seinem Grubenlicht und gebraucht den Hammer, und so geht es fort, bis eine fremde Hand den letzten Hammerschlag auf seinen Sarg tut.“

Dieser einfühlsame Text ist eine Passage aus dem Buch „Reiseschatten“ des berühmten Dichters und Märchenerzählers Hans Christian Andersen. Er schrieb ihn 1837 nach seinem Besuch am Rammelsberg in Goslar.

Der Bergbau war bereits in der Goethezeit (1770-1830) ein beliebtes Thema der Literatur und viele Schriftsteller der Romantik waren ausgebildete Bergbauingenieure, so zum Beispiel Novalis (1772-1801). Und auch das literarisch starke Motiv vom Bergmann und vom Seefahrer und die Gemeinsamkeiten und Gegensätze dieser beiden Berufszweige waren bereits vor Andersen literarisch interessant. Denn die Arbeit in und mit der Natur und deren Gefahren bewirken vielfältige intensive Erfahrungen. Und das Lernen mittels echter Erlebnisse und die daraus gewonnenen Erfahrungen fördern, so Tenor der Zeit, die Persönlichkeitsentwicklung. Die faszinierende Unterwelt verbindet in der Romantik naturwissenschaftliche Forschung und Geologie mit mystischem Erleben und Traumbildern. Der Schriftsteller E. T. A. Hoffmann erdachte 1819 in „Die Bergwerke zu Falun“ die Romanfigur des jungen Seemanns Elis, der jedoch der Seefahrt den Rücken kehrte und ein anständiger Bergmann wurde. Der Gegensatz zwischen Tag und Nacht, Hell und Dunkel, also dem Meer und dem Inneren des Berges, spielt im gesamten Roman eine Rolle.

Und auch Heinrich Heine vergleicht die Naturerlebnisse im Bergwerk und auf dem Meer. Er schrieb 1826 nach seinem Besuch in der Grube Dorothea im Oberharz, im ersten Teil „In den Silberhütten“:

„Wirklich, es war betäubend, das Atmen wurde mir schwer, und mit Mühe hielt ich mich an den glitschrigen Leitersprossen. Ich habe keinen Anflug von sogenannter Angst empfunden, aber, seltsam genug, dort unten in der Tiefe erinnerte ich mich, daß ich im vorigen Jahre, ungefähr um dieselbe Zeit, einen Sturm auf der Nordsee erlebte, und ich meinte jetzt, es sei doch eigentlich recht traulich angenehm, wenn das Schiff hin und her schaukelt, die Winde ihre Trompeterstückchen losblasen, zwischendrein der lustige Matrosenlärmen erschallt und alles frisch überschauert wird von Gottes lieber, freier Luft. Ja, Luft! – Nach Luft schnappend, stieg ich einige Dutzend Leitern wieder in die Höhe, und mein Steiger führte mich durch einen schmalen, sehr langen, in den Berg gehauenen Gang nach der Grube Dorothea.“

Am 25. April 2021 eröffnet am Rammelsberg die Sonderausstellung „Reisen in den Schoß der Mutter Erde“- Montanreisen im Harz. Reiseerinnerung berühmter Literaten wie Hans Christian Andersen oder Johann Wolfgang von Goethe und anderen Reisenden – hinterlassen in Reisetagebüchern, Briefen und Notizen – werden Thema der Ausstellung sein. Sie erzählen von Reisen in den Harz und besonders von „Reisen in den Schoß der Mutter Erde“.

In unserem Blog werden wir nach und nach einzelne Themen dieser Ausstellung beleuchten. Sie dürfen gespannt sein!

(Anm. der Redaktion)

Rammelsberger Sonntags-Matinee vom 31.01.2021

Vortrag: Dr. Katharina Malek und Georg Drechsler – „Die Archäologie des Rammelsberges. Neue Erkenntnisse zum Unbekannten“

Seit 2018 arbeitet ein interdisziplinäres Forschungsteam in Goslar und Clausthal-Zellerfeld an dem Projekt „Altbergbau in 3D. Ein interdisziplinäres Projekt zur Erforschung des montanhistorischen Erbes im Harz“. Das Forschungsprojekt wird für vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) finanziert und hat zum Zeil, mittels modernster Methoden und Techniken neue Einsichten zur Montangeschichte des Harzes zu gewinnen.

In ihrem Vortrag stellen die beiden Archäologen Malek und Drechsler die neusten Erkenntnisse und Untersuchungen zur Archäologie des Rammelsberges vor.

https://www.youtube.com/watch?v=FxV39uuBTq8

Halbzeit in der Grubenführerausbildung am Rammelsberg 2020/2021

Am 1. September 2020 begann die derzeit laufende Ausbildung neuer Grubenführinnen und Grubenführer.

Aufruf zur Ausbildung zum Rammelsberg Grubenführer in der GOSLARSCHEN ZEITUNG vom 2. Juli 2020

18 Kandidatinnen und Kandidaten folgten dem Aufruf des Rammelsberges und starten  in einen knapp zehnmonatigen Kurs, an dessen Ende, nach bestandener Prüfung, die spannende Tätigkeit steht, unseren Gästen auf den Führungen den Rammelsberg zu zeigen.

Als vor fünf Monaten der Kurs begann, spitzte sich die Coronalage ganz langsam wieder zu. Dennoch hinderte es den Kursablauf anfänglich nicht. Die Raumgröße und der gebotene Abstand waren regelkonform und ausreichend. Der Kurs findet jeden Dienstagabend statt und beinhaltet die unterschiedlichsten Themen, wie UNESCO, die Geschichte des Rammelsberges oder bergbauliche Fragen, die in Form von Vorträgen von KollegInnen und auswärtigen ReferentInnen vorgetragen werden. Neben der „grauen Theorie“ ist es die praktische Ausbildung im Berg für die  Führungen durch den Roeder-Stollen und der Grubenbahn der zweite Bestandteil der Ausbildung.

Geplant war, dass man sich in Kleingruppen trifft und im Beisein eines Kollegen möglichst oft die späteren Führungen „durchspielt“ um so die nötige inhaltliche und ortskundige Trittfestigkeit zu erlangen.  Im Oktober war das auch noch möglich, doch dann schlug Corona zu. Mit der Folge, dass man sich nur noch mit einer Personen aus einem anderen Haushalt treffen durfte usw.. Damit verbot sich ein weiteres Treffen des Kurses und Befahrungen in Kleingruppen und der Rammelsberg war ab dem 2. November gezwungen seine Türen bis auf weiteres zu schließen.

Befahrung in Kleingruppen bis November 2020 (Foto: Cornelia Dege)

Zu großem Bedauern aller Beteiligten musste der Kurs vom Rammelsbergsaal in die digitale Welt umziehen. In einem Teil des Internets, der anfänglich auch für uns, um es mit den Worten der Bundeskanzlerin zu sagen: Neuland war – nämlich in Form von Videokonferenzen, die nun die wöchentlichen Treffen ersetzten sollten.
Inzwischen haben mehr virtuelle als reale Treffen stattgefunden, aber dennoch ist es allen Beteiligten gelungen, das hohe Anforderungsniveau  des Kurses zu halten. Beispielhaft hierfür steht das gute bis sehr gute Abschneiden aller Teilnehmer bei einem freiwilligen schriftlichen Zwischentest kurz vor Weihnachten.

Unterricht per Zoom-Meeting (Foto: Rammelsberg)

Für die nächsten Wochen werden die Zoom-Konferenzen das inzwischen bewährte Mittel der Vermittlung bleiben. Aber wie geht es in der praktischen Ausbildung weiter, die seit November brach liegt und bisher nur intensive Befahrungen des Roeder-Stollens beinhaltete? Hierfür planen wir für die nächsten Wochen den Bereich Grubenbahnführungen durch einen Art Videopodcast zu vermitteln. Alles natürlich vor dem Hintergrund so schnell wie möglich wieder in der Lage sein zu können, die Ausbildung tatsächlich und sprichwörtlich bergmännisch korrekt vor Ort fortführen zu können.

„Selbst ganz bekannte Dinge geben im Ausschnitt gesehen vollkommen neue Perspektiven.“ (Albert Renger-Patzsch)

Fotografien von Albert Renger-Patzsch in der Sammlung des Weltkulturerbes Rammelsberg

Von Dr. Johannes Großewinkelmann

Die in der Überschrift zitierte Erkenntnis von Albert Renger-Patzsch gilt bis heute und hat selbst die unvorstellbare Bilderflut des digitalen Zeitalters überlebt. Neue Perspektiven und Blickwinkel schaffen selbst bei einem überaus beliebten Fotoobjekt, wie den Gebäuden des Weltkulturerbes Erzbergwerk Rammelsberg, immer wieder neue Bilder und fotografische Eindrücke. Dabei gehörte gerade die Architektur zu den ältesten Gegenständen der Fotografie, weil Gebäude stillstanden und sie bei den anfänglich langen Belichtungszeiten keine Verwischungen erzeugten.

In den 1920er Jahren entwickelte die Architekturfotografie mit dem am Bauhaus entwickelten `Neuen Sehen´ eine Stilrichtung, die gekennzeichnet war durch harte Anschnitte, technische Genauigkeit bei der Aufnahme, der Entwicklung und Vergrößerung, starke Auf- und Untersichten, Gegenstandstreue sowie Detailhaftigkeit. Der Blick wurde auf Oberflächen, Strukturen und Formen gelenkt, die Bildfläche erhielt eine strenge Ordnung. Doch das `Neue Sehen´ war nicht nur eine Neuorientierung durch neue Perspektiven und den Umgang mit Licht als Gestaltungsfaktor, sondern auch eine thematische Neuorientierung, weil Industriearchitektur als gleichwertiges Thema neben anderen fotografischen Themen eingeführt wurde.

Unter den Architektur- und Industriefotografen steht der Fotograf Albert Renger Patzsch (1897 – 1966) für das Prinzip des ordnenden Blicks. Albert Renger-Patzsch begann Mitte der 1920er Jahre mit dem Fotografieren von Bauwerken und galt schon nach kurzer Zeit als einer der besten Architekturfotografen in Deutschland. Im Dialog mit der gleichzeitig entwickelten `Neuen Sachlichkeit´ in der Kunst erweiterte Albert Renger-Patzsch den reinen dokumentarischen Blick des Industriebildes um einen künstlerischen Ansatz. Er nutzt den Bildausschnitt zur Gestaltung der Fotografie und bezieht dabei die Aufteilung und die Struktur der Fläche in seine Komposition mit ein.[1]

Zahlreiche Unternehmen und Architekten beauftragten ihn, die von ihnen gebauten bzw. entworfenen Bauwerke zu fotografieren. So entstanden schon in den 1920er Jahren Aufnahmen bedeutender Gebäude der zeitgenössischen Industriearchitektur. Das Archiv von Renger-Patzsch und eine Vielzahl seiner Aufnahmen wurden aber 1944 bei einem Wasserschaden im Folkwang-Museum zerstört.

„Da ich nur mit meinem Freund Renger-Patzsch arbeite“[2] – Der Auftrag zur Fotografie der Architektur

Mit der Arbeitsweise von Renger-Patzsch, die ganz wesentlich auf einer Analyse und Komposition der fotografierten Objekte basiert, nimmt er Bezug auf die am Bauhaus propagierte Idee, dass funktionell auch ästhetisch sei. Seine Bildkomposition passte sich nahtlos in Vorstellungen der beiden Industriebaumeister Fritz Schupp und Martin Kremmer ein, die ab Mitte der 1930er Jahre die Architektur der Gebäude des Erzbergwerks Rammelsberg grundlegend neu gestalteten.[3] Sowohl Fotograf als auch Industriearchitekten wollten Anlagen und Maschinen in ihrer Funktion und in ihrer zweckmäßigen Aufstellung sichtbar vorstellen.

Die Entscheidung von Fritz Schupp und Martin Kremmer für den Fotografen Renger-Patzsch basierte sicherlich weniger auf seiner Popularität, die er ab 1928 durch die Veröffentlichung zahlreicher Fotobände erreicht hatte. Aber in diesen Fotobüchern zeigte Renger-Patzsch moderne Industriearchitektur neben historischen Kirchen und älteren Bürgerhäusern und traf damit einen wichtigen Punkt in der Einstellung zum Umgang mit traditioneller und moderner Architektur. 1929 stellten Schupp / Kremmer in ihrer Veröffentlichung `Architekt gegen oder und Ingenieur´ fest: „Wir müssen erkennen, daß die Industrie mit ihren gewaltigen Bauten nicht mehr ein störendes Glied in unserem Stadtbild und in der Landschaft ist, sondern ein Symbol der Arbeit, ein Denkmal der Stadt, das jeder Bürger mit wenigstens ebenso großem Stolz dem Fremden zeigen soll, wie seine öffentlichen Gebäude.“[4]

Außerdem waren 1928 und 1930 zwei Bücher mit Fotographien von Albert Renger-Patzsch erschienen, die sich mit Industrie und Technik als Paradigmen der architektonischen Moderne auseinandersetzten. „Die sachliche Formensprache der beiden Architekten fand ihre Entsprechung in den Fotografien Renger-Patzschs …“[5]

Im Nationalsozialismus stellt Renger-Patzsch weiter aus, veröffentlichte Bücher und nahm zahlreiche Industrieaufträge an. Für die Organisation Todt fotografierte er 1943/44 den Atlantikwall in Frankreich. Er war kein NSDAP-Mitglied, deshalb war es wohl seine Ästhetik der Zeitlosigkeit, die es ermöglichte, dass er auch in den Jahren 1933 bis 1945 weiter fotografieren konnte, während anderen Vertretern des Neuen Sehens und der Neuen Sachlichkeit – meist unter den Vorwürfen des `Kulturbolschewismus´ und der `Entartung´- Berufsverbot erteilt wurde oder sie Deutschland verlassen mussten.[6]

In den 1950er Jahren ließ Fritz Schupp[7] die Tagesanlagen des Erzbergwerks Rammelsberg erneut von Renger-Patzsch fotografieren, um die 1944 zerstörten Fotografien zu ersetzen. Gefragt nach Erwartungshaltungen des Architekten gegenüber den Fotografen sowie nach Details ihrer Zusammenarbeit antwortete Fritz Schupp 1955 der Fotofachzeitschrift `Großbild-Technik´: „Da ich nur mit meinem Freund Renger-Patzsch arbeite, überlasse ich ihm die Wahl des Standpunktes ganz.“[8] Doch der Architekt machte zwei Vorgaben: „Farbphotographien lehnte er vorerst ab und als Staffage komme höchstens ein Mensch – als Maßstab in Frage.“[9]

Abb. 1: Albert Renger-Patzsch: Gesamtansicht der Tagesanlagen des Erzbergwerks Rammelsberg, 1953.
Abb. 2: Albert Renger-Patzsch: Blick von Süd-Westen auf die Gebäude der in den Hang des Rammelsbergs gebauten Erzaufbereitungsanlage, 1953.

Das Projekt „BilderWechsel“: Architekturfotografie von Albert Renger-Patzsch und Stefan Sobotta

Das Weltkulturerbe Rammelsberg konnte mit Fördermitteln des Niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur 2019 einige Fotoaufnahmen von Albert Renger Patzsch vom Erzbergwerk Rammelsberg ankaufen. Der Fotograf Stefan Sobotta hat daraufhin ein Projekt mit dem Titel „BilderWechsel“ initiiert und im letzten Jahr an denselben Orten dieselben Fotografien gemacht wie Albert Renger-Patzsch. In einer kleinen Ausstellung wurden die Bilder von 1953 und 2020 nebeneinander gehängt. Die Orte werden dadurch von zwei Fotografen zu verschiedenen Zeiten erzählt. Es ist nur ein kurzer Ausschnitt der Zeit, ein konservierter Augenblick, der in einer Fotografie erscheint. Das historische Foto von 1953 und das aktuellere Foto von 2020 stehen für sich, doch zusammen erzählen sie im Vergleich eine Geschichte von der Veränderung.[10]

Dieses Erlebnis kann mit moderner Technik noch unmittelbarer vermittelt werden. Am Tag des offenen Denkmals 2020 wurden auf Führungen über das Gelände des Bergwerks auf Tabletts die historischen Fotografien von Albert Renger-Patzsch und die aktuellen Fotografien von Stefan Sobotta übereinander gelegt und konnten dadurch direkt miteinander verglichen werden. Zusätzliche historische Informationen machen den BilderWechsel zu einer lebendigen Geschichte. BilderWechsel schaut hinter die Mauern der gegenwärtigen Ansicht und trägt zum Verständnis des authentischen Ortes bei.

Das Fotoprojekt „BilderWechsel“ wird im Januar 2021 auf der Homepage des Weltkulturerbes Rammelsberg (www.rammelsberg.de) eingestellt. Und ab Mai 2021 wird es auf der Grundlage dieses Fotoprojektes einmal im Monat bis zum September 2021 einen „Architektur-Spaziergang“ über das Gelände am Rammelsberg geben, natürlich nur, wenn die Bestimmungen zur Eindämmung der Corona-Pandemie bis dahin wieder öffentliche Führungen zulassen. 


[1] Vgl zur Fotografie von Albert Renger-Patzsch den Ausstellungskatalog: Heinrich Theodor Grütter (Hg.), Erich Grisar: Ruhrgebietsfotografien 1928-1933, Essen 2016.

[2]Zitiert in: Rolf Sachsse, Bauvolumina und Schlagschatten. Moderne Industriearchitektur und Photographie. In: Wilhelm Busch und Thorsten Scheer (Hg.), Symmetrie und Symbol. Die Industriearchitektur von Fritz Schupp und Martin Kremmer, Köln 2002, S. 195 – 204, S. 197.

[3] Vgl. https://blog.rammelsberg.de/2019/07/fritz-schupp-und-martin-kremmer-die-architekten-der-tagesanlagen-des-erzbergwerkes-rammelsberg-und-die-entwicklung-der-moderne-in-der-industriearchitektur-1918-1933/

[4] Fritz Schupp, Martin Kremmer, Architekt gegen oder und Ingenieur, Berlin 1929, S. 68.

[5] Stefanie Grebe, Präzise, zeitlos und gegenstandsbezogen. Albert Renger-Patzschs fotografische Arbeiten im Ruhrgebiet. In: Stefanie Grebe, Heinrich Theodor Grütter (Hg.), Renger-Patzsch. Die Ruhrgebietsfotografien, Köln 2018, S. 14 – 35, S. 14.

[6] Vgl. ebda., S. 18.

[7] Martin Kremmer war 1945 bei einem Bombenangriff auf Berlin getötet worden.

[8] Zitiert in: Rolf Sachsse, Bauvolumina und Schlagschatten. Moderne Industriearchitektur und Photographie. In: Wilhelm Busch und Thorsten Scheer (Hg.), Symmetrie und Symbol. Die Industriearchitektur von Fritz Schupp und Martin Kremmer, Köln 2002, S. 195 – 204, S. 197..

[9] Ebd.

[10] Vgl. Texte von Stefan Sobotta auf der Seite „BilderWechsel“, die im Januar 2021 auf der Homepage des Weltkulturerbes Rammelsberg (www.rammelsberg.de) veröffentlicht wird. 

Wir freuen uns auf Euch in 2021!

Neujahrsgrüße von Gerhard Lenz (Geschäftsführer/Stiftungsdirektor)