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Sie sind flach, groß, laut, rostig und stinken. – Historische Fahrlader als sachliche Quellen zur Erforschung und Vermittlung neuerer Bergbaugeschichte am Weltkulturerbe Rammelsberg

Forschung und Vermittlung am fahrenden Objekt oder der Umgang mit betriebsbereiten Baufahrzeugen

Meistens sind sie flach, groß, rostig und wenn sie in Betrieb sind, dann sind sie laut und stinken. Der Aufenthalt in ihrer Nähe erscheint zunächst eher unattraktiv, doch dieselbetriebene Fahrlader des ehemaligen Erzbergwerkes Rammelsberg (heute Weltkulturerbe Rammelsberg) sind immer ein Hingucker. Eine Eigenart, die sie scheinbar besonders geeignet macht, um Sachverhalte aus der neueren Geschichte des Bergbaus zu vermitteln.

Übertageanlagen des ehemaligen Erzbergwerkes Rammelsberg, heute Weltkulturerbe Rammelsberg – Museum und Besucherbergwerk – in Goslar

Nach der Stilllegung des Erzbergwerkes Rammelsberg bei Goslar 1988 wurden dieselbetriebene Fahrzeuge aus den untertägigen Grubenräumen geholt und ab 1990 in die Sammlung des Museums und Besucherbergwerks übernommen. Ein Großteil der Fahrzeuge blieb betriebsbereit und in dem Zustand, wie sie von unter Tage ans Tageslicht geholt worden waren. Dieser Umstand hat die Potentiale erhalten, auf der Basis der vorhandenen Materialität der Objekte und der Ergänzung durch zusätzliche Quellen, nicht nur technik-, sondern im gewissen Umfang auch sozial- und betriebsgeschichtliche Forschung zu betreiben. Diesen Forschungspotentialen stehen aber nur begrenzte Möglichkeiten der Vermittlung der Erkenntnisse an ein breites Publikum entgegen. Die Fahrzeuge sind publikumswirksam, aber die Vermittlung ihrer Geschichte wird blockiert durch die Aura ihres „Auftritts“.

Diese, der spezifischen Objektquelle „Fahrzeuge“ anhaftende Diskrepanz, soll Bezugspunkt der folgenden Ausführungen sein.

Die „Zwei“ aus der Sammlung : EIMCO 911 und EIMCO 913

Ich konzentriere den Blick aus einem umfangreichen Fahrzeugpark des Erzbergwerkes Rammelsberg mit Fahrzeugen verschiedenster Art, von Service-, Schieß- und Bohrfahrzeugen, auf zwei Fahrlader mit den Typenbezeichnungen EIMCO 911 und EIMCO 913.

Fahrlader EIMCO 911 (links) und EIMCO 913 LHD auf der Werkstrasse des Weltkulturerbes Rammelsberg.
Foto: Weltkulturerbe Rammelsberg

Der EIMCO 911 ist ein mit einer Knicklenkung ausgestatteter Fahrlader mit einer Motorleistung von 28 KW / 38 PS. Seine Schaufel hat ein Fassungsvermögen von 0,75 qm. Seit 1971 kam der EIMCO 911 am Rammelsberg unter Tage zum Einsatz, um geschossenes (gesprengtes) Erzgestein von der „Ortsbrust“ (dem Ort an dem es aus dem Fels gesprengt wurde) zu Verladeeinrichtungen zu transportieren. Die Abkürzung EIMCO steht für „Eastern Iron and Metal Company“ einem von Joseph Rosenblatt 1927 in Salt Lake City gegründetem Unternehmen. Ursprünglich hatte Rosenblatt mit dem An- und Verkauf gebrauchter Maschinen begonnen, bis ihm der Durchbruch mit einem von ihm patentierten Wurfschaufellader gelang. Wurfschaufellader trugen weltweit im Bergbau zur Mechanisierung der körperlich schweren Verladearbeit bei. EIMCO entwickelte sich mit Wurfschaufelladern, Erzaufbereitungsanlagen und schließlich mit Fahrladern zu einem bis heute international agierendem Bergbauzulieferunternehmen.

Im EIMCO 911 sitzt der Fahrer eingezwängt zwischen Motor im Heck und Ladeschaufel. Das macht seine kompakte Bauweise möglich, ist aber ein ungewöhnlicher Arbeitsplatz. Der Fahrer sitzt in diesem Fahrlader noch wie in einem Auto und muss beim Rückwärtsfahren seinen Körper nach hinten drehen, weil Spiegel an diesen Fahrzeugen nicht vorgesehen waren. In den engen Grubenräumen unter Tage war wenig Platz zum Wenden, deshalb fuhren die Fahrlader häufig rückwärts und die Fahrer saßen in dieser verdrehten Haltung auf dem Fahrzeug.

Die Räder des Fahrladers erhielten Schutzketten, weil die luftgefüllten Reifen vielfach vom scharfkantigen Erzgestein aufgeschnitten wurden. Andere Fahrzeuge wurden deshalb auch mit Vollgummireifen ausgestattet, doch die viel gefahrenen Fahrlader hätten dadurch auf den ungeraden Strecken unter Tage eine sehr schlechte Federung gehabt .

Der vorgestellte EIMCO 911 ist aus verschiedenen Fahrzeugen gleichen Typs zusammengesetzt. So konnten die Fahrzeuge speziellen Notwendigkeiten angepasst oder noch nicht verschlissene Fahrzeugteile langfristig genutzt werden. Das abgebildete Fahrzeug ist betriebsbereit und wird im Museum bei kleinen Räumungsarbeiten im Übertagebereich schonend eingesetzt.

Der EIMCO 913 bekam die Zusatzbezeichnung „LHD“. Damit verwies der Hersteller auf den Einsatz der Fahrzeuge im Zusammenhang mit der Einführung einer veränderten Arbeitstechnik im Erzbergbau. LHD steht für Load-Haul-Dump / Laden-Fördern-Schütten. Während der EIMCO 911 Anfang der 1970er Jahre als Versuchsfahrzeug zur Beschleunigung der Transportarbeiten unter Tage eingesetzt wurde, führte das Erzbergwerk Rammelsberg mit dem EIMCO 913 ab 1974 die neue LHD-Technik ein. Einzelheiten der LHD-Technik werden weiter unten noch besprochen.

EIMCO 913 LHD während einer Veranstaltung auf der Werkstrasse des Weltkulturerbes Rammelsberg
Foto: Weltkulturerbe Rammelsberg

Der abgebildete EIMCO 913 LHD hat das Baujahr 1981, fährt 16 km/h und wiegt 12,7 Tonnen. Er ist 7,5 Meter lang und seine Schaufel fasst 2,3 Kubikmeter. Der Motor dieses Fahrladers hat eine Leistung von 102 KW / 139 PS. Diese technischen Angaben verdeutlichen, dass der EIMCO 913 als „großer Bruder“ des EIMCO 911 bezeichnet werden kann. Die Versuche mit dem kleinen Fahrlader waren so erfolgreich, dass die Betriebsleitung der PREUSSAG, der Betreiberin des Erzbergwerkes Rammelsberg, entschied, mit der dieselbetriebenen Fahrladertechnik die Verladetechnik unter Tage komplett umzustellen.

Der Fahrer sitzt auf dem EIMCO 913 nicht mehr mit Blickrichtung nach vorn, sondern quer zur Fahrtrichtung. Beim Vor- und Rückwärtsfahren braucht der Fahrer dann lediglich den Kopf in die andere Richtung drehen. Eine erhebliche körperliche Erleichterung beim Fahren des Laders, allerdings im Umgang mit dem Fahrzeug ist diese Sitzposition zunächst ungewöhnlich.

Deutlich auch zu erkennen, die typische Lastenverteilung der meisten Frontschaufellader, die im Untertagebereich eingesetzt werden: Das Gewicht der vor der Vorderachse angebrachten Ladeschaufel wird durch den hinter der Hinterachse angesetzten Motor ausgeglichen.

Auch dieses Fahrzeug wird in der Sammlung des Weltkulturerbes Rammelsberg in Goslar betriebsbereit gehalten. Eine zeitaufwendige und kostenintensive Aufbewahrung der Fahrzeuge, die deshalb nur für ausgesuchte Objekte möglich ist. Doch die Funktion der Fahrzeuge ermöglicht das Lesen eines Teils der Objektgeschichte, der ohne Funktion nicht mehr lesbar wäre, z.B. das Erleben der Motorgeräusche eines großvolumigen, luftgekühlten Dieselmotors.

Der vorgestellte EIMCO 913 wurde 1993 noch zeittypisch restauriert, d.h. er wurde neu lackiert und damit sind viele der aussagekräftigen Gebrauchsspuren an diesem Fahrzeug vernichtet worden.

Abbauverfahren und Modernisierung des untertägigen Transports am Erzbergwerk Rammelsberg ab den 1970er Jahren

Der Abbau des Erzlagers erfolgte Anfang der 1970er Jahre, im Prinzip von oben nach unten. Innerhalb dieser generellen Abbaurichtung wurden einzelne Sohlen eingerichtet, die in umgekehrter Richtung, von unten nach oben abgebaut wurden.

Geologisches Profil des Erzlagers im Rammelsberg.
Quelle: Nachlaß Heinrich Stöcker, Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg
Abbauverfahren im Neuen Lager
Quelle: Dr. Elisabeth Clausen, TU Clausthal-Zellerfeld, Materialien für die Ausbildung von Grubenführern 2013

Das Erzlager wurde in Teilbereichen unterfahren. Die unterfahrenen Teile des Erzlagers wurden in Kammern und Pfeilern aufgeteilt. Zunächst wurden die Kammern abgebaut und die Pfeiler sorgten dafür, dass die Standfestigkeit des Deckgebirges erhalten blieb. Nach dem Abbau der Kammern erfolgte das Einbringen des sogenannten Versatzes aus taubem Gestein. Dann wurden die Pfeiler abgebaut und auch mit Versatz gefüllt. Die ausgeerzten Hohlräume konnten dadurch nicht zusammenbrechen und die Stabilität innerhalb der Lagerstätte, die dann auf der darunterliegenden Sohle weiter abgebaut wurde, blieb gewahrt.

Die Abbauhöhe von der 12. zur 10. Sohle betrug 80 Meter. Eine Kammer und ein Pfeiler hatten eine Breite von jeweils 10 Meter und die horizontale Mächtigkeit des Lagers lag bei 100 bis 150 Meter.

Zuschnitt des hochmechanisierten abwärtsgeführten Querbaus (Pfleilerbau)
Quelle: Nachlaß Heinrich Stöcker, Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg

Das Erz wurde vor Ort geschossen (gesprengt). Das geschossene Haufwerk wurde aufgeladen und zu sogenannten Rolllöchern gefahren. Diese Rolllöcher waren Verbindungsröhren, die zu Bunkern auf der tiefsten, der 12. Sohle führten. In diesen Bunkern wurde das Erzgestein zunächst gelagert und dann in Grubenwagen verladen und zum Rammelsbergschacht gefahren. Im Schacht gelangte das Erzgestein dann schließlich aus ca. 480 Meter Tiefe ans Tageslicht.

Der Verladevorgang des vor Ort gesprengten Erzgesteins wurde vor dem Zweiten Weltkrieg noch von Hand, nach 1945 dann mit druckluftbetriebenen Überkopfladern, die auf Schienen fuhren, geleistet.

Schienengebundener Überkopflader unter Tage im Einsatz am Rammelsberg
Foto: TUI-Fotoarchiv Hannover, Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg

Die weitere Mechanisierung und Verbesserung des Abbaus steigerte die Abbaumengen in den 1950er Jahren ständig und die Transportleistungen der Überkopflader stießen an ihre Grenzen. Deshalb wurde in den 1960er Jahren mit Schrappern gearbeitet.

Schrapper mit Förderhaspel in einer Kammer im Einsatz.
Foto: TUI-Fotoarchiv Hannover, Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg

Schrapper waren große Baggerschaufeln, die durch Förderhaspeln über die Sohle gezogen werden konnten. Das gesprengte Erzgestein wurde mit den Schrappern aus der Abbaukammer zu den Rolllöchern über den Boden gezogen. Die Schrappertechnik erhöhte die Transportleistung in den Abbaukammern, war aber durch die stationäre Installation unflexibel und auf längeren Strecken nicht einsetzbar.

Die Steigerung der Abbauquote erforderte ab Anfang der 1970er Jahre eine Verbesserung der Transportleistungen unter Tage. Der Einsatz dieselbetriebener Fahrlader im Abbaubetrieb sollte die alten, schienengebundenen, überwiegend elektrisch oder mit Druckluft betrieben Transportsysteme unter Tage ablösen. Mit der Einführung der Dieselfahrzeuge wurde nicht einfach ein Transportsystem durch ein neues ersetzt, sondern eine Modernisierungswelle in Gang gebracht, die weitreichende technische Veränderungen im Abbauverfahren und tiefe Einschnitte in die bestehenden Arbeitsbedingungen der Bergleute nach sich zogen.

Fortschritte in der Hydrauliktechnik machten stufenlose Fahrantriebe möglich und die Knicklenkung sorgte für die notwendige Wendigkeit der Fahrzeuge in den engen Grubenräumen. Verladen, Transportieren und Verschütten des Erzgesteins in Sammelbunkern wurde durch die Fahrladertechnik zu einem zusammenhängenden Arbeitsvorgang.

Schrägstrecken (Rampen) wurden im Nebengestein aufgefahren, um Verbindungswege zwischen den Teilsohlen herzustellen, auf denen die Dieselfahrzeuge sich innerhalb der Lagerstätte bewegen konnten. Die einzelnen Abbausohlen erhielten Verbindungsstecken von der Hauptrampe, damit die Fahrzeuge die Abbaustellen vor Ort erreichten. Es wurden Arbeitskolonen, bestehend aus Fahrlader, Bohrfahrzeug und Servicefahrzeug, mit einer spezialisierten Arbeitsteilung zusammengestellt. Die Dieselfahrzeuge sollten rund um die Uhr im Einsatz sein und deshalb arbeiteten die Arbeitskolonnen nacheinander an mehreren Abbaupunkten.

Im Gegensatz zur bisherigen Transporttechnik erzeugten die Dieselfahrzeuge einen hohen Schadstoffausstoß. Deshalb musste die Bewetterung durch zusätzliche Strecken, größere Streckenquerschnitte und Zusatzlüfter ausgebaut werden (pro KW Fahrzeugleistung wurde mit einer Frischwetterleistung von 3,5 Kubikmeter pro Minute gerechnet).

Die Fahrzeuge sollten unter Tage gewartet, repariert und instand gehalten werden. Deshalb entstand auf der 11. Sohle eine große Fahrzeugwerkstatt mit Waschplätzen, Ersatzteillager und Reparaturplätzen.

Reparatur am Fahrlader in der Fahrzeugwerkstatt auf der 11. Sohle des Erzbergwerkes Rammelsberg
Foto: Nachlaß Helmut Sassenhagen, Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg

Zunächst betankten die Bergleute die Dieselfahrzeuge aus mobilen Dieseltanks, die auf Schienen bewegt, den Fahrzeugpark versorgten. Doch der Zuwachs an Dieselfahrzeugen machte schließlich die Installation einer Versorgungsleitung für Dieseltreibstoff mit einer gesamten Länge von 1,5 Kilometern erforderlich, die über Schächte und Strecken lief und aus einem übertägigen Treibstofflager untertägige Tankstellen versorgte.

Während 1976  bereits sieben dieselbetriebene Bohrwagen, acht Fahrlader und zwei Servicefahrzeuge, also insgesamt 17 Dieselfahrzeuge im Einsatz waren, gehörten schon zwei Jahre später insgesamt 29 Dieselfahrzeuge zum Unter-Tage-Fahrzeugpark des Erzbergwerkes.

Der Einsatz der Dieselfahrzeuge beschleunigte den Transport unter Tage erheblich und verbesserte die Abbauleistungen pro Mann und Schicht. Mit der Schrappertechnik wurde eine Abbauleistung von 20 Tonnen pro Mann und Schicht erreicht, mit den Fahrladern erreichte man in den 1980er Jahren einen Abbauleistung von 30 Tonnen pro Mann und Schicht. Im Zusammenhang mit weiteren Rationalisierungsmaßnahmen führte der Einsatz der Dieselfahrzeuge zur kontinuierlichen Reduzierung der Belegschaft bis zur Stilllegung des Erzbergwerkes Rammelsberg 1988.

Grafische Darstellung zu Belegschaftszahlen und Abbauleistungen (1970 – 1988)
Quelle: Nachlaß Heinrich Stöcker, Sammlung Weltkulturerbes Rammelsberg

Die Bedienung und Reparatur der Dieselfahrzeuge verlangte neue Qualifikationen von den Bergleuten. Sie mussten zu Fahrzeugführern umgeschult werden und für die Wartung der Fahrzeuge in der großen Reparaturwerkstatt unter Tage wurden Schlosser und Mechaniker eingestellt.

Objektgeschichte und Vermittlungsarbeit

Die beiden historischen Fahrlader sind Objekte, an denen sich die Geschichte des moderneren Bergbaus erforschen und vermitteln lässt. Objektgeschichte führt zu Forschungsergebnissen und Vermittlungsformen, die nur durch die Quellengattung „Objekte“ entstehen können. Objektgeschichte denkt vom Objekt aus, weniger von der Theorie. Darin liegt ihre Stärke und das unterscheidet sie von anderen Formen wissenschaftlichen Forschens und Vermittelns. Doch das Erforschen und Vermitteln an bzw. mit historischen Baufahrzeugen ist mit einer schwierigen Barriere verbunden: „Man kann Objekte am ursprünglichen Ort zeigen, kann sie translozieren und dann original im getreuen Ensemble präsentieren oder Einzelstücke herausziehen und aus didaktisch-analytischen Gründen in neue Zusammenhänge hineinstellen (…). Man kann im Vorführbetrieb (…) versuchen, frühere Arbeitswelten zu vergegenwärtigen, etwa bestimmte Produktionsabläufe, Fertigkeiten, Belastungen, (…) individuelle und gesellschaftliche Bedingungen von Arbeit (…).“ [1]

Bei den beiden vorgestellten Fahrladern ergibt sich die Situation, dass der ursprüngliche Einsatzort 450 Meter unter Tage nicht mehr existiert und die ursprünglichen betrieblichen Zusammenhänge im Übertagebereich nur aufwendig zu rekonstruieren sind.

Über Tage wirken die Fahrlader auf die Besucher völlig anders: Der Klang der großvolumigen Motoren kommt in den engen Räumen unter Tage ganz anders zur Geltung, als über Tage auf der Werkstraße. Oder die Wahrnehmung der Geschwindigkeit, wenn die Lader mit 15 – 25 km/h auf der Werksstraße über Tage fahren, kriechen sie dahin. In den engen untertägigen Strecken wurde diese Geschwindigkeit schneller wahrgenommen.

Neben diesen sinnlich-emotional bedingten Besonderheiten der Objektgeschichte der historischen Fahrlader müssen die Spuren des Gebrauchs und des Umgangs auf den Fahrzeugen gelesen werden. Die Spuren aus der Herstellungszeit werden überlagert von Spuren durch Gebrauch, Alterung, Korrosion oder Verschleiß, durch Defekte oder Beschädigung, Wartung oder Reparatur, durch Farberneuerungen, Umbau, Veränderung des Erscheinungsbildes oder Umbau der Sicherheitsvorkehrungen, durch eigensinnige Anbauten oder Veränderungen und letztlich auch durch die Stilllegung. Der größte Teil dieser Spuren ist entstanden aus der Mensch-Technik-Beziehung. Zum Lesen dieser Spuren kann es sehr wichtig sein, Menschen, die mit diesen Fahrzeugen gearbeitet haben, zu befragen.

In diesen Gesprächen wurden verschiedene Aspekte, die aus der bisher dargestellten Objektgeschichte hervorgegangen sind, vertieft. Immer wenn einzelne Spuren an den Objekten befragt wurden, wurden technische Details mit persönlichen Arbeitserfahrungen verbunden. So wurde auf die persönliche Verantwortung der Fahrer für die Fahrzeuge hingewiesen und auf die wärmenden Effekte der luftgekühlten Motoren bei Pausen. Ein Bergmann erläuterte, dass er als Arbeitshose auf den Fahrladern immer eine Latzhose mit Nierengurt trug, weil er durch den Fahrtwind und die zusätzliche Bewetterung der Grubenräume wegen des Einsatzes der Dieselfahrzeuge immer einen kalten Rücken bekam. Auch bestimmte Fahrtricks und technische Raffinessen der Fahrzeuge, die in keiner technischen Anleitung zu lesen sind, wurden in solchen Gesprächen mit den ehemaligen Fahrern bekannt.

Der Ansatz über die vorgestellten Objekte einen Teil der historischen Entwicklung des Rammelsberger Bergbaus zu erforschen, lässt einen vielschichtigen Ansatz zu. Auf diese Weise entsteht ein engmaschiges Erkenntnisnetz für weitere Forschungsarbeiten, die sich dann auf Ermittlungen über Entstehungszeit, Funktion und Rezeption, mithin auf die sozio-kulturelle Einordnung des Objektes beziehen. Mit Bezug auf die vorgestellten Fahrlader bedeutet dieses beispielsweise, einen Griff ins Film- und Fotoarchiv zu tun, die Auswertung technischer Unterlagen vorzunehmen, Reparaturunterlagen und Wartungspläne zu sichten, Instandhaltungs- und Ersatzteilverzeichnisse auszuwerten.

Diese Forschungsergebnisse in die Vermittlungsarbeit einzusetzen, wird durch die spezielle „Aura“ der Objekte erschwert. Hier tritt der seltene Fall auf, das vielleicht in der Vermittlungsarbeit des Museums die Ergebnisse der Objektgeschichte ohne die sofortige Präsenz der Objekte stattfinden sollte. Eine Situation, die in Museen, als den ausgewiesenen Stätten der objektbezogenen Vermittlungsarbeit, sicherlich eher außergewöhnlich erscheint.

[1] Zweckbronner, Sachquellen, S. 9.

Historische Schmiede am Rammelsberg

Schmiede und Bergbau sind zwei Begriffe, die man vielleicht nicht unbedingt in einem Kontext betrachten würde. Dennoch waren Schmieden bzw. die sogenannten Bergschmieden für den Bergbau über Jahrhunderte hinweg ein wichtiger Bestandteil um den Gesamtbetrieb eines Bergwerkes gewährleisten zu können.

Bergschmieden

Die Bergschmieden dienten hauptsächlich der Herstellung und Reparatur von Werkzeug, des sogenannten bergmännischen Gezähes. Und hierbei besonders der Eisen, welche durch ihren Einsatz im Abbau stumpf wurden.
Ein Holzschnitt aus der Mitte des 16. Jahrhundert zeigt eine Bergschmiede eingebettet in die verschiedenen umgebenden bergbaulichen Tätigkeiten. Mit etwas Phantasie kann man den beiden Schmieden unterstellen, dass sie gerade ein stumpfes Eisen richten. Ebenso ist dem Bild zu entnehmen, dass sich die Bergschmieden meist unmittelbarer in der Nähe der Bergwerke befanden. Es ist daher auch nicht verwunderlich, dass der Weg hinauf zum Rammelsberg, der sich am südlichen Werkszaun des Geländes befindet, umgangssprachlich Schmiedeweg  heißt. 

«Das Sächsische Bergwerk» Holzschnitt ca. 1526. In Heinrich Winkelmann, Der Bergbau in der Kunst, Essen 1958; Bild 133 auf S. 192.

Auf der Führung durch die umgebende Kulturlandschaft des Bergwerks Rammelsberg gehen die Besucher nicht nur über den Schmiedeweg, sondern Sie können sogar die ehemaligen Standorte von zwei Bergschmieden, die bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts im Betrieb waren, entdecken.

Die Schmiede am Rammelsberg zur Betriebszeit

Nicht nur außerhalb des heutigen Museumsgeländes und in alten Zeiten gab es Schmieden am Rammelsberg, sondern auch innerhalb gibt es eine solche, die bis zum Betriebsende 1988 genutzt wurde. Das Gebäude am nördlichen Ende der Werksstraße wurde 1924 neben dem Kesselhaus der Kraftzentrale errichtet. 1938 wurde der Gebäudekomplex durch einen Erweiterungsbau, der Schlosserei, deutlich vergrößert. Bei den Erweiterungsarbeiten wurde die Fassade den gerade fertiggestellten Tagesanlagen optisch angepasst.
In der Schmiede wurden in der Folge alle erdenklichen Arbeiten mit Metall ausgeführt. Von der Herstellung eigenen Werkzeugs bis hin zur Reparatur von Achsen. Die Schmiede verfügte über einen Anschluss an das Gleissystem des Rammelsbergs, war also mit schienengebundenen Fahrzeugen von jedem Punkt des Betriebs über und unter Tage direkt erreichbar.

Die Esse in der Schmiede des Rammelberges

Die Schmiede am Rammelsberg als Teil der musealen Anlage

Von den ehemaligen drei Essen ist heute noch eine voll funktionsfähig. Und diese Funktionsfähigkeit wird bei den regelmäßig stattfindenden Schmiedekursen unter Beweis gestellt. Unter fachkundiger Anleitung stellen die Teilnehmer das typische Alltagswerkzeug der Bergleute, ein so genanntes Tscherpermesser, selbst her.
Ziel des Kurses ist es, alte Handwerkstechniken wie das Schmieden und Feuerschweißen zu vermitteln, die heute schon nicht mehr Bestandteil einer Metallbauer oder Schlosserausbildung sind. Und es wird natürlich die Geschichte vom Tscherpermesser am Rammelsberg genau erläutert. Jeder Teilnehmer führt für sein Messer alle nötigen Arbeitsschritte selbst aus, von der Herstellung des Klingenrohlings bis hin zum fertigen Produkt.

Arbeit am Schmiedehammer

Die Kurse finden an verschiedenen Terminen über das Jahr verteilt jeweils freitags von 16 Uhr bis ca. 21 Uhr und samstags von 10 Uhr bis ca. 18 Uhr statt. Anmeldung und Informationen unter technik@rammelsberg.de.
Die Kosten pro Teilnehmer belaufen sich auf 330 €, inkl. Getränke und Imbiss, der für die Herstellung benötigten Materialien sowie für den Arbeitsschutz erforderliche Schutzausrüstung. Arbeitskleidung und Sicherheitsschuhe müssen allerdings selbst mitgebracht werden.

Neben den Schmiedekursen wird die Schmiede heute als Veranstaltungsraum für bis zu 60 Personen mit ganz besonderem Ambiente genutzt.

Altbergbau 3D – Ein interdisziplinäres Projekt zur Erforschung des montanhistorischen Erbes im Harz

Im Frühjahr letzten Jahres startete am und im Rammelsberg ein interdisziplinäres Projekt zur Erforschung des montanhistorischen Erbes im Harz.

Den beteiligten Institutionen, dem Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege, der Technischen Universität Clausthal und dem Museum und Besucherbergwerk Rammelsberg wurden vom Bundesministerium für Bildung und Forschung  (BMBF) hierfür Mittel in Höher einer halben Million Euro zu Verfügung gestellt.

Das Vorhaben widmet sich seitdem gezielt zwei Bereichen: dem Grubengebäude des heutigen Weltkulturerbes Rammelsberges und den historischen Bergbaumodellen, vornehmlich aus der Sammlung des Oberharzer Bergwerksmuseums in Clausthal Zellerfeld.

Es werden zumeist nicht öffentlich zugängliche Bergwerksabschnitte fotogrammetrisch erfasst, dreidimensional modelliert und mit bereits vorhandenen Forschungsergebnissen, Datenbeständen und Archivalien in Beziehung gesetzt. Eine der Fragen, die diesen Arbeiten zugrunde liegen, ist die nach einer räumlich-funktionalen Beziehungen zu den Grabungsbefunden vom Ausbiss des Alten Lagers. Weiterhin wird erwartet durch das Erfassen noch unbearbeiteter Schriftquellen die Geschichte des Rammelsberges ausführlicher zu beschreiben und bestenfalls mit Befunden vor Ort in ein Verhältnis setzten zu können.

Die Bergbaumodelle werden mit einem Structured-Light-Scannersystem hochauflösend digitalisiert und mit den Standorten ihrer historischen Originale virtuell verknüpft. Auch hier fließen in die Auswertung bereits vorhandene wie noch zu erarbeitende Forschungsergebnisse ein. Aus der Arbeit aller Disziplinen werden neue Erkenntnisse und Impulse für die Erforschung der Montangeschichte des Harzes erwartet. Die geplanten 3D-Gebilde können zudem Bergbauforscherinnen und -forschern in aller Welt online zur Verfügung gestellt werden; sie erhalten aber auch eine besondere Bedeutung für die Vermittlung in die breite Öffentlichkeit. Die Digitalisierung ermöglicht nicht nur Nachbauten, sondern kann mit Methoden der virtuellen Realität z.B. animierte Radstuben auch für Wissenschaftler wie Besucher vor Ort begehbar und in ihrer Komplexität erfahrbar machen. Über den aktuellen Sachstand des Projektes können Sie sich seit Beginn diesen Jahres unter: http://altbergbau3d.de/ informieren. Die Seite wird regelmäßig aktualisiert.

Entwurf und Bau der Tagesanlagen des Erzbergwerkes Rammelsberg durch Fritz Schupp und Martin Kremmer (1935–1939)

Ein Hauptproblem des Erzbergwerkes Rammelsberg bildete bis Anfang der 1930er Jahre die Aufbereitung der Erze. Die feinkörnige Verwachsung des Erzes mit dem Gestein machte die Anwendung aller bis dahin bekannten Erzaufbereitungsverfahren ineffizient, denn das Erz konnte bei sinkenden Weltmarktpreisen nur unrentabel vom tauben Gestein getrennt werden. Bereits seit Anfang der 1920er Jahre hatte es Versuche mit der sogenannten Schwimmaufbereitung gegeben. Diese Aufbereitungsmethode, auch Flotation genannt, wurde aber erst zehn Jahre später mit Hilfe massiver finanzieller Unterstützung des Erzbergwerkes Rammelsberg durch ein Wirtschaftsförderungsprogramm der nationalsozialistischen Regierung zu industrieller Reife gebracht. Die seit Mai 1933 eingesetzte und dem NS-Regime treu ergebene Betriebsleitung des Erzbergwerkes  unter dem Geschäftsführer der Unterharzer Bergwerks- und Hüttenwerke Bergrat Dr. Ing. Paul Ferdinand Hast und dem Betriebsleiter des Erzbergwerkes Rammelsberg Dr. Ing. Hans Hermann v. Scotti wies in der Berliner Reichskanzlei im Kreis hochrangiger Politiker der NSDAP im Juni 1934 auf die Notwendigkeit der geplanten technischen Innovation mit der Einführung einer Schwimmaufbereitung (Flotationsanlage) hin. Nur damit könne die wirtschaftliche Lage des Bergwerks verbessert und der Bedarf an Zink, Blei und Kupfer aus deutschen Erzen ermöglicht werden.[1] Dieses Gespräch war der Beginn einer Entwicklung die ab 1935 mit dem Titel Rammelsbergprojekt umschrieben wurde und neben der Erzförderung den Aufbau einer Zinkhütte in Harlingerode und die Verbesserung der Bleiverhüttung in Oker umfasste. Innerhalb kurzer Zeit wurden 29 Millionen Reichsmark in das Rammelsbergprojekt und in die Modernisierung der Förderung und Verhüttung der Rammelsberger Erze investiert.[2] 

Nach einem Bewerbungsschreiben an den Geschäftsführer der Unterharzer Berg- und Hüttenwerke GmbH im Juni 1935 erhielten die Industriearchitekten Fritz Schupp und Martin Kremmer bereits zwei Monate später den Auftrag zum Bau der neuen Gebäude des Erzbergwerkes. Im Harz stellte die umgebende Mittelgebirgslandschaft zunächst die größte Herausforderung für die Architekten dar. Fritz Schupp schrieb dazu rückblickend in der Goslarschen Zeitung vom 7. Juni 1968: „Ganz anders [als bei der Zinkhütte Harlingerode] war es beim Rammelsberg, der fast noch in das Stadtbild von Goslar hineinreicht und in einer Berglandschaft liegt. Wir haben die Verantwortung, in solcher Landschaft ein Industriewerk zu bauen, sehr ernst genommen.“[3] Mit dem Anpassen der Architektur an die umgebende Landschaft lagen die Architekten auf Linie mit führenden nationalsozialistischen Kulturpolitikern. „Das landschaftsgebundene Bauen, das im Dritten Reich propagiert wurde, war aus dem Heimatschutz des frühen 20. Jahrhunderts […] übernommen worden.“[4] Diese Anwendung des landschaftsgebundenen Bauens nahmen Schupp / Kremmer am Erzbergwerk Rammelsberg vor, um  die nationalsozialistischen Ansprüchen an Architektur mit ihren Vorstellungen vom Industriebau zu kombinieren.

Der Entwurf der Neubauten sah vor, fast alle bestehenden Gebäudeteile auf dem Gelände des Erzbergwerks, bis auf die Kraftzentrale, einige Werkstattgebäude und das Inspektionsgebäude, abzureißen.[5] Symmetrie und Achse bestimmten das neue Architekturkonzept. Die an den Hang des Rammelsbergs gebaute Erzaufbereitungsanlage wurde entsprechend ihrer Bedeutung für das Betriebsergebnis in den Mittelpunkt der Gesamtanlage gerückt. Ihr vorgelagert und symmetrisch auf sie ausgerichtet wurde ein Vorplatz angelegt, der auch als Aufmarschplatz für Betriebsapelle dienen konnte. 

Abb.1: Blick durch das Eingangsportals auf den Ehrenhof und die Aufbereitungsanlage des Erzbergwerkes Rammelsberg. Foto: Stefan Sobotta. Weltkulturerbe Rammelsberg 2017.

Im gleichen Abstand von der Mittelachse des Platzes und des Aufbereitungsgebäudes rahmen auf der Nord- und der Südseite die Magazin- bzw. Verwaltungsgebäude den Vorplatz ein.

Neben der Ost-West-Sichtachse, die quer durch das Aufbereitungsgebäude über den Vorhof bis ins Eingangsportal verläuft, sind an einer zweiten Nord-Süd-Achse entlang der Werkstrasse die Lohnhalle, die Waschkaue, die Schachthalle mit dem Wagenumlauf, die Brecher, Flotations- und Filteranlagen der Aufbereitung, die Kraftzentrale und die Werkstattgebäude ausgerichtet.

Abb. 2: Baustelle der Aufbereitungsanlage des Erzbergwerkes Rammelsberg mit Blick auf die
Stahlfachwerkbauweise, um 1936. Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg.

Auch die Wahl der immer gleichen Elemente und Materialien an den verschiedenen Baukörpern der Bergwerksanlage sollten die Geschlossenheit des Gebäudeensembles demonstrieren. Die Kombination der dunklen Holzvertäfelung auf hell verputzten Betonwänden und die Bruchsteinverkleidung der Stützmauern und Erdgeschossbereiche wurde für alle Gebäude angewandt. Die Verwendung der Holzverkleidung und der Einsatz der Bruchsteinverkleidung war eine Anlehnung an traditionelle Bauweisen im Harz, die bei den nationalsozialistischen Geld- und Auftraggebern auf Wohlwollen stieß.[6] Hinter der Außenfassade verbarg sich größtenteils eine ausgemauerte Stahlfachwerkkonstruktion. 

Abb. 3: Natursteinverblendung als zierendes Element am Gebäude der Erzaufbereitungsanlage des Erzbergwerkes Rammelsberg. Weltkulturerbe Rammelsberg 2016.  

Etwas deutlicher werden die Ambitionen des Architektenduos in Bezug auf die Berücksichtigung politischer Belange der nationalsozialistischen Auftraggeber im Eingangsbereich und der Lohnhalle, der heutigen zentralen Eingangshalle des Weltkulturerbes. Der Bergarbeiter näherte sich dem neuen Haupteingang des Verwaltungsgebäudes mit Lohnhalle und Kauengebäude über den Ehrenhof.

Nach dem Durchschreiten des Eingangs gelangte der Bergarbeiter in einen, gemessen an der folgenden Lohnhalle, niedrigen Vorraum. Die niedrige Decke des Vorraums verursacht eine Art Demutshaltung vor dem, was danach kommen sollte. Denn eine breite Steintreppe führte den Bergmann direkt in die hohe Lohnhalle als den zentralen Ort der Lohnverwaltung. Hier wurde von den einzelnen Reviersteigern wöchentlich an verschiedenen Schaltern der Lohn in einer kleinen Tüte an die Bergleute übergeben. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg entwarf insbesondere Alfred Fischer als Element der Bergwerksverwaltung die repräsentative Lohnhalle.

„Meist über zwei oder drei Geschosse hoch, mit aufwendiger Kachelverkleidung im Sockelbereich (gegen den Schmutz der Bergleute) und getäfelten Decken, häufig auch mit einem Umgang im ersten Geschoß, bildeten die Lohnhallen die direkten Kontaktstellen zwischen den Lohn austeilenden Unternehmen und dem Bergmann. Während des täglichen Betriebsablaufs empfingen die Bergleute ihre Dienstanweisungen von den Steigern, die am Rande der Lohnhalle ihre Büros hatten. Am Zahltag füllte sich die Halle und der Kumpel nahm am Schalter seine Lohntüte entgegen. […] Die Art der Lohnausteilung war natürlich auch eine willkommene Gelegenheit für die Unternehmen, dem kleinen Bergmann ihre Größe baulich vor Augen zu führen und ihm dies auch regelmäßig ins Bewußtsein zu rufen.“[7]

Diese Funktionen der Lohnhalle wurden von den nationalsozialistischen Betriebsführern willkommen aufgenommen und mit Attributen ihrer Machtdemonstration ergänzt.

Die Lohnhalle des Erzbergwerkes Rammelsberg wurde von Schupp / Kremmer ebenfalls symmetrisch gestaltet und die imaginäre Mittelachse leitete den Bergarbeiter beim Hinaufsteigen der Treppe zwangsläufig auf das an der Südwand befindliche Wandbild. Sprichwörtlich im Nacken, also über sich an der Nordseite der Lohnhalle, stand über der Eingangstreppe auf einen Sockel die Büste von Adolf Hitler. Sie wurde flankiert von zwei Hakenkreuzfahnen. Bei Festveranstaltungen in der Lohnhalle richteten die Betriebsführer die Blickrichtung mit der Bestuhlung nicht auf das imposante Wandgemälde, sondern auf die Büste Hitlers aus. 

Abb.4: Innenansicht der Lohnhalle des Erzbergwerkes Rammelsberg mit dem großen Wandbild auf der Südwand, 1938. Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg.

Das große Wandbild an der Südseite spielte dagegen beim alltäglichen Durchqueren der Lohnhalle eine wichtige Rolle. Zusammen mit der Hitler-Büste entfalteten die verschieden inszenierten Symboliken bei Schichtbeginn und –ende, eine subtile Beeinflussung. In der Lohnhalle des Rammelsberges manifestierte sich der Wille der Nationalsozialisten, „der Bergarbeiterschaft einen festgefügten Platz in einer vermeintlichen Volksgemeinschaft zuzuweisen und das alte bergmännische Prinzip der Solidarität und gegenseitigen Hilfe durch eine auf dem Führerprinzip basierende rassistische Ideologie zu ersetzen.“[8]

Das monumentale Wandbild Feierabend des Künstlers Karl Reinecke-Altenau unterstützte die DAF bei der Ideologisierung der Belegschaft. Es zeigt den Gang der ausfahrenden Bergleute in die Kaue, das Reinigen des Körpers, das Umkleiden sowie die Heimkehr zur Familie und das Musizieren als Freizeitaktivität. Im Vordergrund des Bildes steht die überlebensgroße Figur eines dankenden Bergmanns, der den Mittelpunkt der gesamten Bildkomposition bildet. „Diese symbolhafte Zentralfigur steht für ein dem Berufsstand des Bergmannes zugesprochenes Bewusstsein tiefster existentieller Verbundenheit mit einer nicht näher definierten überirdischen, Leben spenden Macht.“[9]

Das Bild Feierabend sollte das Ideal einer nicht nur bei der Arbeit unter Tage, sondern auch nach Feierabend „verschworenen, der bergmännischen Tradition erwachsenen Arbeits-, Standes- und Schicksalsgemeinschaft aus körperlich wie charakterlich gleichartigen Kameraden“[10] vorspielen. Eine solche Kameradschaft wünschte sich das nationalsozialistische Regime als tragendes Element für den Zusammenhalt in allen Lebensbereichen, von der Jugend-, über die Schul- und Berufs- bis zur Wehr- und schließlich der Volksgemeinschaft. Dieses Gemeinschaftsideal sollte blind machen gegenüber der menschenverachtenden, brutalen Behandlung von Menschen, die sich dieser Ideologisierung widersetzen oder nicht ins Bild der nationalsozialistischen Weltanschauung passten. Die Holzbalkendecke und die weiteren rustikalen Elemente der Innenausstattung der Lohnhalle unterstützen, wie in zahlreichen Versammlungsräumen nationalsozialistischer Volks- und Gemeinschaftsbauten, diesen mit traditionellen Stilelementen verknüpften Gemeinschaftsgedanken.


[1] Vgl. Bernhild Vögel: „in die Rohstoffschlacht eingespannt“ Von der drohenden Stilllegung zum Rammelsberg-Projekt. In: R. Roseneck (Hg.): Der Rammelsberg. Tausend Jahre Mensch-Natur-Technik, Goslar 2001, S. 224-237, S. 232.

[2] Vgl. ausführlich zu dieser Problematik: Johannes Großewinkelmann:Erz für Hitlers Wahn – Aspekte nationalsozialistischer Industriepolitik in den Besucherführungen am Weltkulturerbe Rammelsberg. In: Unser Harz, 11 (2016), S. 207–217.

[3]Kristina Pegels-Hellwig: Bauten für die Industrie. Der zeichnerische Nachlass der Architekten Fritz Schupp und Martin Kremmer 1921 – 1971, Bochum 2012,, S. 147.  

[4] Dies., S. 147

[5] Fotos aus der Bauphase der Aufbereitungsanlage zeigen, dass der Abriss der alten Gebäude teilweise erst nach dem Aufbau der neuen Gebäude erfolgte. Dadurch konnte der Betrieb des Bergwerks, ohne Unterbrechungen durch die Baustelle, weitergeführt werden.

[6] Vgl. Reinhard Roseneck: Der Rammelsberg. Arbeitshefte zur Denkmalpflege in Niedersachsen 9, Hannover 1992, S. 31f. Reinhard Roseneck verneint jegliche „heimattümelnden“ Ambitionen in den Entwürfen der Architekten Schupp/Kremmer

[7] Wilhelm Busch: F.Schupp, M. Kremmer. Bergbauarchitektur 1919 – 1974, Köln 1980, S. 40.

[8] Hans-Georg Dettmer: Texte für das Besucherleitsystem, Goslar o.J., o.S. (Unv. Manuskript).

[9] Kai Gurski:“Schönheit der Arbeit „ – Der Künstler Karl Reinecke-Altenau am Rammelsberg, Goslar 2011 S. 64.

[10] Ders., S. 66.

„Wunsch und Wirklichkeit – Landschaft aus der Perspektive ihrer Nutzer“

Vorindustrielle Landschaft als geordneter Ertragsraum

Die Geschichte der Landschaft ist untrennbar verbunden mit der Geschichte der Verfügbarkeit über Ressourcen.

Dies meint zunächst die Erschließung und Ordnung von Raumstrukturen zur Ernährung und zum Erhalt der Existenz von Gruppen, sozialen Zusammenschlüssen oder ganzen Völkern.

Bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts war der Gebrauch der Landschaft durch eine so genannte Streunutzung geprägt. Die Übergänge zwischen Feld, Wald und Wiesen waren fließend, eine Mehrfachnutzung an der Tagesordnung.

Stundenbild März, Herzog von Berry, 1416

Diese, vom Naturraum stark abhängige Nutzung der Landschaft, führte zu einer diskontinuierlichen Versorgung mit Lebensmitteln, die im Besonderen in Hungerkrisen in der Zeit der Vorindustrialisierung mündeten. 

Die Agrarreformer des 19. Jahrhunderts trachteten diesen Umstand durch räumliche Zonierung in Funktionsbereiche zu überwinden und den Naturraum mit einem ökonomischen Blick zu versehen, alles getragen von dem Wunsch die Naturgewalten „in den Griff zu bekommen“ und dem menschlichen Nutzen unterzuordnen.

Rohstoffe und energetische Befreiung

Das so genannte erste Handwerk des Menschen, der Bergbau, führte zur Gewinnung zahlreicher Bodenschätze, die in ihrer verarbeiteten Form die Grundlage für einen weiteren ökonomischen und technologischen Wandel schufen.

Bildkarte Goslar und Rammelsberg, Matz Sincken, 1574

Dieser Prozess der Aneignung der in den tieferen Schichten des Naturraumes vorfindbaren Rohstoffe, war allerdings bis in das späte 19. Jahrhundert durch einen eklatanten Energiemangel charakterisiert.

Bis zu diesem Zeitpunkt waren die Menschen im Wesentlichen auf die Energiekräfte von Sonne, Wind und Wasser angewiesen, die sie selbst als wenig berechenbar, also willkürlich empfanden.

Mit der Gewinnung fossiler Energieträger und im Besonderen mit der Möglichkeit diese in elektrischen Strom umzuwandeln, wurde dieser begrenzende Faktor aufgesprengt.

In einem rasenden Tempo wuchsen innerhalb weniger Jahrzehnte Städte und Industrieareale in den bisher agrarisch determinierten Raum herein.

Was folgte war eine komplexe Zonierung des Raumes, die in Konsequenz im planerischen Sinne Vorränge für die jeweiligen Nutzungsoptionen festlegte. Die einzelnen Funktionszonen wurden durch ein ausdifferenziertes Netz von Verkehrsinfrastrukturen miteinander verbunden.  

Damit wurde vermeintlich die Herrschaft des Menschen über den Raum realisiert und eine weitgehende Unabhängigkeit von den Kräften der Natur in Aussicht gestellt.

Wa(h)re Landschaft im Kopf des Menschen

Im Kontext der Industrialisierung wurden nicht nur die Bäume am Horizont durch Dampfschornsteine abgelöst, denen nur rund 100 Jahre später Windkraftanlagen folgen sollten, sondern die komplexe Ökonomisierung der Landschaft führte auch zur Homogenisierung von Insellagen.

Das heißt ortstypische Merkmale in Architektur, Sprache und Sozialverhalten verschwanden zunehmend und das Tempo des Umbaus führte für die Menschen der jeweiligen Zeit zu Problemen der Wahrnehmung.

Gerade dieser Prozess des „Verschwindens von Landschaft“ führte als Gegenbewegung zu einer Romantisierung derselben.

Bei der Begegnung zwischen den Generationen, offenbart sich das Großmutter und Enkel, den jeweils betrachteten Raum vollständig anders interpretierten, da die ältere Generation noch zahlreiche Spuren in der Landschaft lesen konnte, die der jüngeren in ihrer Existenz nicht wahrnehmbar war.

Die Dechiffrierung der Landschaft erfolgt nämlich nicht nach Regelwerken, sondern ist biografisch und gesellschaftlich determiniert. Sie erfolgt als eine „Sehfigur“, das heißt nur das Wissen um die Landschaft verbunden mit dem Prozess einer emotionalen Begegnung mit derselben, gewährt die Fähigkeit sie zu verstehen.

Oder um es mit anderen Worten zu sagen: Wunsch und Wirklichkeit lassen sich nicht klar trennen, „denn die wahre Landschaft ist im Kopf des jeweils einzelnen.“

Neuer Mensch, Totalität und Reformversuche

Die im Kontext der Industrialisierung entstehende Massengesellschaft, verbunden mit der Durchstrukturierung des Raumes, Mobilität, Kommunikation und generellem Wertewandel, führte am Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert zum Aufkommen zahlreicher Reformbewegungen.

Die komplexe Rationalisierung aller Lebenszusammenhänge, soziale Verwerfung und die Angst vor der zunehmenden Negierung des Individuums im Zusammenhang mit der kapitalistischen Ökonomie erschuf eine weit verbreitete Sehnsucht nach Natürlichkeit als Grundlage der Lebensgestaltung.

Dabei war dem Menschen der Zeit bewusst, dass es kein Zurück zu einer ursprünglichen Natur mehr geben konnte, sondern nur den Weg zu einer, von ihm selbst geformten „kultürlichen“ Natur.

Südraum Leipzig um 1930

Die Reformbewegungen fokussierten sich in vier Schwerpunkten: In der Naturheilkunde als Gegenpol zur technischen Medizin und zu den Unzulänglichkeiten der Versorgung breiter Bevölkerungsschichten. Die Reformpädagogik, die das Kind in den Mittelpunkt stellt und dessen Unterordnung unter ökonomische Zwänge bekämpfen wollte, in die Licht-, Luft- und Sonnenbewegung, die eine neue Einheit von Natur und Körper propagierte sowie in die Siedlungs- und Gartenstadtbewegung, die ein neues Modell von Ökonomie und Leben propagierte.

Im Rahmen der Gartenstadtbewegung entstanden zum Beispiel zahlreiche Mustersiedlungen, die das Verhältnis zwischen Leben und Arbeiten verändern sollte, die Reformpädagogik schuf unter anderem eigene Schulsysteme, das heißt die Auswirkungen sind bis heute zu spüren.

Diese Versuche einer „anderen Kulturalisierung“ des Lebensraumes schufen die Potentiale und Erinnerungsmuster, die auch für heutige Menschen das Motiv zum Widerstand gegen eine komplex ökonomisierte Welt bieten.

Sie implizieren, dass der Wunsch zu einer Kulturalisierung des Naturraumes, keineswegs die Zerstörung desselben für andere Menschen innewohnt.

Ist immer Center Parks Wetter?

Die Versuche von Kulturalisierung von Freiräumen mit unterschiedlichen Wahrnehmungs- und Erlebnisqualitäten, fanden zunächst mit dem Ausbruch des 1. Weltkriegs ihr Ende um dann, nach einer kurzen Blütezeit in den 1920er Jahren, erneut diktatorischen Handeln und Welteroberungsplänen zum Opfer zu fallen.

Nur wenige Gruppierungen knüpften an die „Befreiungsbewegung“ der Jahrhundertwende an, wobei sich allerdings beispielsweise die Architekturen des Bauhauses und die Ideen der Gartenstadtbewegung durchaus nach dem 2. Weltkrieg verbreiten konnten; dies allerdings befreit „von den Zwängen“ der Notwendigkeiten sich als Mensch zu verändern oder positiv gestaltend auf seine Lebensumwelt einzuwirken.

So entstand in der so genannten ersten Welt im Rahmen der Ökonomisierung der kulturellen Aneignung des Raumes eine neue Wertschöpfungsökonomie, die im Kontext von Erlebniswelten, Center Parks, Brandlands und Wellness-Oasen aus der „Befreiung von den Zwängen moderner Gesellschaften“ zunehmend monetären Nutzen schlug.

So vermochten die „bunten Welten des Billy Butlin“ in Großbritannien bis in die 1970er Jahre Millionen von Menschen „Ferien im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit“ nahe zu bringen. Unter abgehängten Gärten mit Pools und künstlichen Möwen donnerte alle 30 Minuten ein Tropengewitter während die Gäste gut geschützt hinter Doppelglasscheiben eine freien Blick auf die tobende Irische See hatten.

Die heutigen Center Parks befreien uns von den Unzulänglichkeiten des Strandes und klimatischen Rahmenbedingungen. So etwa der „Ocean Dom“ in Japan, der nur einige 100 Meter von einem kilometerlangen Sandstrand entfernt mitten im Jahrhunderte alten Küstenwald gelegen unter einer 300 Meter langen Kuppel bei einer konstanten Lufttemperatur von 30 Grad künstliche Wasserfälle, Ozeanwellen für Surfer und inszenierte Sonnenuntergänge präsentiert. Für mehr als eine Millionen Besucher im Jahr wird an warmen Sommertagen das riesige Dach für maximal eine Stunde geöffnet um die Sonnenbelastung für die menschliche Haut möglichst gering zu halten.

Der bemerkenswerte Wunsch des Menschen nach Natur mutiert hier zu einem künstlichen Paradies, oder um es vereinfacht zu sagen „was die Menschen vom Meer erwarten, finden sie nur im Pool.“

Dieser Beitrag soll unseren Gästen einen kleinen Vorgeschmack auf die Sonntags-Matinee am 28.4. geben. Dort wird Herr Gerhard Lenz M.A., Geschäftsführer und Museumsleiter des Weltkulturerbe Rammelsberg sowie Direktor der Stiftung Welterbe im Harz, zu diesem Thema referieren. Der Vortrag findet um 11 Uhr am Rammelsberg statt und ist kostenfrei.

Alexander Calvelli – WeltErbeBilder im Harz

Pünktlich zur Eröffnung der Sonderausstellung „Alexander Calvelli: WeltErbeBilder aus dem Harz“ am 31. März bringt das Weltkulturerbe Rammelsberg einen reich bebilderten Begleitband heraus. Mehr als 140 Motive, knapp beschriftet und mit erläuternden Texten versehen, vermitteln dem Betrachter auf rund 90 Seiten Ein- und Ausblicke in das flächenmäßig größte deutsche Weltkulturerbe. Zugleich gibt der Band einen bunten Querschnitt durch die höchst unterschiedlichen Motive, die auch in der Rammelsberger und in der zeitgleich laufenden Ausstellung im ZisterzienserMuseum Kloster Walkenried zu sehen sind.

Auf dem Gelände des ehemaligen Erzbergwerks Rammelsberg hat Calvelli besonders die technischen Hinterlassenschaften in den Fokus gerückt – vom alles überragenden Fördergerüst bis hinunter in den Rathstiefsten Stollen.

Alexander Calvelli; Erzbergwerk Rammelsberg, Absetzbecken; Acryl/Papier; 14,7×21,1; 2017

Historisch aufs engste verbunden mit dem Rammelsberg ist die Altstadt von Goslar, da ihre Wurzeln im nahe gelegenen Erzberg ruhen und sie diesem eine Zeit höchster wirtschaftlicher Blüte verdankt. Doch auch die jüngere Vergangenheit und ihre Gegenwart lassen getrennte Blicke auf diese beiden beeindruckenden Erscheinungen menschlichen Schaffensdrangs nicht zu. 1992 wurde der Rammelsberg in die Welterbeliste der UNESCO aufgenommen – als erstes technisches Kulturdenkmal überhaupt. Die Listung sah eine gemeinsame Aufnahme mit der Altstadt von Goslar vor, die dem Bergbau am Rammelsberg möglicherweise ihren Ursprung verdankt und die augenfällig geprägt ist von den unterschiedlichen Konjunkturen der Montanbetriebe in ihrer unmittelbaren Umgebung.

Alexander Calvelli; Goslar, Worthstraße 1; Acryl/Papier; 18,5×26,3; 2018

Die unterschiedlichen Einrichtungen der historischen Oberharzer Wasserwirtschaft sind im Werk Calvellis mehrfach vertreten. Der Betrachter folgt dem Weg des Wassers durch enge Gräben und Wasserläufe in Einmündungen von Teichen und durch deren Ausfluten wieder hinaus, trifft auf Maschinerien wie das Polsterberger Hubhaus, das Striegelhäuschen am Carler Teich oder den Kompressor des 19-Lachter-Stollens.

Mehr noch als in der Altstadt von Goslar ließ sich Alexander Calvelli in den Oberharzer Bergstädten von den wenig spektakulären Orten faszinieren, den versteckten Winkeln, den Gassen abseits der großen Straßen. Sie scheinen fast vergessen zu sein und sind mitunter ihrer einstigen Nutzung weit entrückt. Dennoch sind auch sie Zeugen der montanen Vergangenheit des Harzes: die Zechenhäuser etwa, der Zellerfelder Bahnhof oder ein Detail der dortigen Bergapotheke, die Halden oder die Samsoner Tagesgebäude.

Seine Aufnahme in das Weltkulturerbe verdankt das ehemalige Kloster Walkenried nicht seinen architektonischen Monumenten, die die Zeiten überdauert haben, sondern den Montanaktivitäten seiner Bewohner im Mittelalter. Dennoch sind es die architektonischen Zeugen, denen das Interesse des Malers gilt, das Zusammenwirken konstruktiver und dekorativer Elemente, aus dem heraus sich ein Baukörper ergibt: aufragendes Mauerwerk, das sich in den Höhen des Himmels verliert, Maßwerk im Kreuzgang oder ein Rankenspeier, der in sich gekehrt und dennoch den Betrachter fest im Blick zu haben scheint.

An den Harzer Förderschächten hat Alexander Calvelli sein Augenmerk vornehmlich den dynamischen Elementen gewidmet: dem Förderhaspel des Blindschachts am 19-Lachter-Stollen, den Fördermaschinen vom Knesebeck- und vom Ottiliae-Schacht, einer dortige Signaleinrichtung und der Förderbrücke am Achenbach-Schacht.

Alexander Calvelli; Bad Grund, Medingschacht, Seilscheiben; Acryl/Papier; 18,7×28,9; 2017

Sein Blick auf „die“ Harzer Hütten lässt ganz unterschiedliche Motive erstehen: Es finden sich einige der alten Anlagen, wie die Gebäude der Andreasberger Silberhütte, die charakteristischen Kolonnaden der Königshütte in Bad Lauterberg und spärliche Überreste der Silberhütte in Altenau, die einen morbiden Reiz vermitteln. Anders die noch betriebenen Anlagen, der Norzinco und der Harz-Metall GmbH in Oker. Die Innenansichten dieser Betriebe suggerieren Aktivität, ja, die Hitze der Arbeitsprozesse scheint beinahe körperlich spürbar zu sein.

Weltkulturerbe in Acryl. Fotorealistische Bilder von Alexander Calvelli, Goslar 2019.
Der Band ist ab dem 30. März für 16,95 € erhältlich.

Dr. Hans-Georg Dettmer

Der Bergbau im Harz im Museum – die Anfänge

In unserem letzten Beitrag haben wir das Leben und vor allem das Werk Wilhelm Bornhardts vorgestellt, welches untrennbar mit der Musealisierung des Harzer Bergbaus in Clausthal-Zellerfeld verbunden ist.
Jedoch wurde der Harzer Bergbau fast zeitgleich in anderem Museum, nämlich dem Deutschen Museum in München, ebenfalls museal in wertgesetzt. Bereits 1906 eröffnete Oskar von Miller im Keller das Alten Nationalmuseums in München ein provisorisches Anschauungsbergwerk, welches durch das 1925 eröffnete große Anschauungsbergwerk im Deutschen Museum abgelöst wurde. Von Miller  beschäftigte namhafte Bergbaukundige seiner Zeit als Fachberater. So u.a. zwischen 1907 und 1909 den damaligen Leiter Direktor der Berliner Bergakademie, Wilhelm Bornhardt. [1]

Wie sah der Bergbau im Harz eigentlich aus, der ab Mitte der 1920er in Museen Einzug hielt? Beispielgebend zur Beantwortung dieser Frage können hierzu die Fotos, in dem 1893 erschienen Katalog „Bilder aus den Oberharzer Gruben“ des Clausthaler Fotografen Zirkler dienen, welche die authentische Arbeitssituation der Harzer Bergleute zeigen. Ein Bild zeigt einen Bergmann, den sog. Stürzer, während seiner Arbeit an der Hängebank des Serenissimorum Schachtes im Rammelsberg.

Genau die dort abgebildete Szenerie wird in einer dreidimensionalen Installation mit der Bezeichnung: „Historischer Schachtbetrieb“ im Deutschen Museum München gezeigt. Diese Installation wurde im Übrigen unter Verwendung von Originalteilen der Hängebank des Serenissimorum Schachtes aus dem Rammelsberg geschaffen, die zusammen mit Erzstücken und anderen Grubenhölzern und bergbaulichen Artefakten aus dem Oberharz 1919 nach München geliefert wurden.
Der wesentliche Unterscheid zwischen den Darstellungen in München und Clausthal ist, dass der im sog. Anschauungsbergwerk des Deutschen Museums gezeigte Bergbau im Harz[2] nicht das Ende einer Jahrhunderte alten Epoche markiert, sondern durch seine scheinbar archaische und vorindustrielle Erscheinung den Anfang des dortigen Rundgangs in einer sehr umfassenden und möglichst alle Facetten darstellenden Bergbauabteilung bildet.[3]  Dies entspricht genau der Philosophie Oskar von Millers, er wollte Ausstellungsobjekte in einer fortlaufenden Reihe, ausgehend von einfachen hin zum hochentwickelten Technikobjekt, präsentieren. Allerdings konnten durch  die anfängliche Glorifizierung der Technik im Deutschen Museum etwaige Wechselwirkungen zwischen der gezeigten Technik, den Menschen oder der Landschaft nicht aufgezeigt werden.[4]
Die Situation im Harz lies aber zwangsläufig keine Darstellung nachfolgender bergbaulicher Entwicklung mehr zu. Bornhardts Verdienst um den museal dargestellten Harzer Bergbau ist genau das Erkennen der Wechselwirkung zwischen Mensch und Technik und der daraus resultierenden kulturellen Bedeutung des Bergbaus im Harz, lange vor den ersten wirtschafts- oder sozialhistorischen Untersuchungen zu diesem Thema[5]. Des Weiteren erkannten Bornhardt und seine Mitstreiter genau den richtigen Zeitpunktes für eine Transformation, nämlich kurz vor dem Ende des aktiven Bergbaus. Durch die Bemühungen des Vereins ein lebendiges Museum in Clausthal-Zellerfeld zu schaffen, welches besonders die hier lebenden und arbeiteten Menschen in den Fokus stellt,  wird das Thema Bergbau von einem aktiven Arbeitsprozess fast übergangslos zu einem vermittelnden Stück Kulturgeschichte transformiert.

[1] Vgl. ausführlich die Geschichte der Bergbauabteilung des Deutschen Museums: Gundelwein, Andreas; Vermittlung von Bergbau- und Technikgeschichte in einer Zeit ohne aktiven Bergbau in Deutschland. In: Montanregion als historisches Erbe. Reflexionen und Ausblicke, hrsg. vom Weltkulturerbe Rammelsberg Museum und Besucherbergwerk, Goslar 2017, S.111 ff.

[2] Gezeigt wird u.a. auch eine Installation der Erzkahnförderung im Ernst-August-Stollen.

[3] Vgl. Heckel, Wolfgang M. (Hrsg.); Technik. Welt. Wandel. Die Sammlungen des Deutschen Museums, München 2009, S. 6-17.

[4] Vgl. Lörwald, Brigitte; Die Entstehung von Technikmuseen seit Beginn der achtziger Jahre als Folge der Musealisierung von Industrie und Technik, Uni.-Diss Paderborn, S. 75 ff.

[5] Vgl. Kaufhold, Karl Heinrich; Gewerbe, Bergbau und Industrie in der Neuzeit. In: Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Arbeitsgeschichte-Probleme-Perspektiven, hrsg. vom Kaufmann, Karl Heinrich et al., München 2005, S.107.

Wilhelm Bornhardt – Beginn der Musealisierung des Harzer Bergbaus

Friedrich Wilhelm Conrad Eduard Bornhardt wurde am 20. April 1864 als Sohn eines Optikers in Braunschweig geboren.  Er studiert Geologie und übte verschiedene Tätigkeiten im In- und Ausland aus, bis er 1922 zum Berghauptmann des Oberbergamtes in Clausthal berufen wurde, auf eine Stelle, die er bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1929 innehatte.[1]

Das Wirken Bornhardts im Harz ist untrennbar  mit der beginnenden  Musealisierung des Harzer Bergbaus verbunden. Denn das Museum in Zellerfeld und dessen Reaktivierung setzte sich Bornhardt, zwischenzeitlich als erster Vorsitzendender des 1924 gegründeten Oberharzer Geschichts- und Museumsvereins, in besonderem Maße ein.

Das Museum, das als heimatkundliche Sammlung 1892 gegründet wurde, war zum Zeitpunkt des Amtsantrittes Bornhardts der Öffentlichkeit nicht zugänglich. Die vormals in zwei Räumen des Zellerfelder Rathauses gezeigte Sammlung und deren Bestände wurden nach dem Ersten Weltkrieg ausgelagert und nicht wieder präsentiert. Durch die Fusion der beiden Bergstädte am 1. Mai 1924 und die Verlegung der zukünftigen gemeinsamen Verwaltung in das Rathaus nach Clausthal stand das Zellerfelder Rathaus für eine etwaige „Fremdnutzung“ zur Verfügung. Es ist u.a. Bornhardts Drängen zu verdanken, dass in dem leerstehenden Gebäude das geplante Oberharzer Heimatmuseum seinen Platz finden sollte.[2] Am 8. Oktober 1928 konnte das Museum feierlich (wieder-) eröffnet werden. Hinzu kamen jetzt unter Bornhardts Wirken geologische und mineralogische Sammlungen, Modelle und in der Folge ganze bergbauliche Anlagen und Gebäude, die heute auf dem Freigelände des Museums zu besichtigen sind. [3]

Zweifelsohne sind Bornhardts Leistungen um das Oberharzer Bergwerksmuseum und das ebenfalls von ihm gestaltete Rammelsbergzimmer im Goslarer Museum unumstritten. Ohne ihn würde es das heutige Oberharzer Bergwerksmuseum nicht geben. Dennoch wäre es falsch die Existenz dessen, nur auf Bornhardts Wirken zu reduzieren. Das Grundgerüst der Sammlungen des heutigen Oberharzer Bergbaumuseums war das Ergebnis der bergamtlichen Achenbachschen Direktive von 1884 wonach u.a. Bergbau- und Hüttengerätschaften zu sammeln seien. Diese Sammlung wurde nach der Gründung 1892 dem Zellerfelder Museum übergeben.

Dennoch bemühte sich der Verein unter Bornhardt nicht nur um die Wiedereröffnung, sondern vielmehr sollte in der Folge ein Museum geschaffen werden, welches durch einen heimatkundlichen Querschnitt auch die einzigartige Rolle des Bergbaus im Oberharzes darstellen sollte. Denn die Blütezeit des Oberharz Bergbaus näherte sich unaufhaltsam ihrem Ende. Bornhardt und seine Mitstreiter im Oberharzer Geschichts- und Museumsverein erkannten allerdings genau zum richtigen Zeitpunkt die kulturhistorische Klammer, die der Bergbau über die Jahrhunderte im Harz bildete und sie hielten es für wichtig bergbauliche Relikte aus der Zeit für die Nachwelt zu erhalten. Für eine Zeit nach dem Ende des aktiven Bergbaus und der damit verbunden Wirtschaftszweige. Der Bergbau als Sache wird von einem eigentlich aktiven und alltäglichen Prozess zu einem vermittelnden Gegenstand transformiert, der erklärt werden muss. Der Bergbau wird dadurch zwar nicht wieder authentisch oder original, aber er fühlt sich durch die Präsentation in einem eigens dafür geschaffenem Raum scheinbar noch echt an.
Die angedachte regionale Verantwortlichkeit des Museums zu Zeiten Bornhardts hat sich spätestens seit dem 1. August 2010 (Erweiterung des UNESCO-Welterbes im Harz) zu einer und das darf an dieser Stelle betont werden, internationalen Verantwortlichkeit transformiert. Auch wenn sich die Vorstellungswelt Bornhardts mit Sicherheit nicht in solchen Dimensionen bewegte, könnten die heutigen Akteure, ohne sein umtriebiges Tun der Verantwortung und authentischen Vermittlung eines Weltkulturerbes im 21.Jahrhundert nur schwer gerecht werden.

[1] Vgl. ausführliche biographische Angaben in: Hahnemann, Hans: Berghauptmann Wilhelm Bornhardt zum 100. Geburtstag. In: Allgemeiner Harz-Berg-Kalender 1964, Clausthal-Zellerfeld, o.J. [1963], S. 17 ff.

[2] Vgl. hierzu den ausführlichen Schriftverkehr, in: Akte des Oberharzer Bergwerksmuseum; Mittel zur Wiederherstellung des Museums.

[3] Vgl. ausführlich zur Geschichte des Oberharzer Bergwerksmuseums. Küppers-Eichas, Claudia; 1892-1992. 100 Jahre Oberharzer Bergwerksmuseum in Clausthal-Zellerfeld, hrsg. vom Oberharzer Geschichts-und Museumsverein Clausthal-Zellerfeld.

Veranstaltungskalender 2019

Der neue Veranstaltungskalender liegt ab sofort in seiner gedruckten Form vor! Für das Jahr 2019 haben wir nicht nur eine Vielzahl neuer Angebote geschaffen, sondern dem Veranstaltungskalender ein neues Design in Form einer Broschüre gegeben.
Viel Spaß beim Lesen!

Die ersten Sonderführungen im Rahmen des 12. Harzer Kultur Winters starten bereits an diesem Wochenende, an dem der Rammelsberg aufgrund der Zeugnisferien bis 18.00 Uhr geöffnet hat!

Vielen Dank!

Im vergangenen Jahr besuchten den Rammelsberg genau 102.308 Gäste. Zum siebten Mal in Folge konnte damit die „100.000er-Marke“ übertroffen werden.
Wir freuen uns sehr über dieses Ergebnis und möchten uns dafür natürlich bei Ihnen, unseren Besuchern, bedanken. Vielen Dank!

Selbstverständlich haben wir für das Jahr 2019 auch wieder einen abwechslungsreichen Veranstaltungskalender zusammengestellt. Den Auftakt macht die sinnliche Führung am 23. Januar um 18.00 Uhr, in der Sie den Rammelsberg auf eine ganz besondere Art und Weise kennen lernen können.