UNESCO Logo

Besucher: Schön, dass Sie da sind! Aber wer sind Sie eigentlich? – Besucherorientierung im Weltkulturerbe Rammelsberg

Für lange Zeit wurde in den Museen dieser Welt den Besuchern wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Die Institutionen konzentrierten sich auf ihre klassischen Aufgabenstellungen Sammeln, Bewahren, Erforschen und Präsentieren.
Dabei kam lediglich beim Punkt der Präsentation dem Besucher eine gewisse Rolle zu. Dabei sind doch gerade die Besucher, die Nutznießer unserer Arbeit und deren Interesse der Garant für den Erhalt unserer Häuser. In den letzten Jahren gab es jedoch einen nötigen Wandel in der Wahrnehmung.
Heute findet das Konzept von Besucherorientierung in vielen öffentlich geförderten und privaten Kulturinstitutionen Anwendung und hat einen wichtigen Stellenwert sowohl im Marketing als auch in der Konzeption von Ausstellungen. Besucherorientierung gilt nun als Qualitätsmerkmal zeitgemäßer Museumsarbeit.
Diese zeichnet sich durch zwei Teilbereiche aus. 1. Evaluationen, die die Substanz eines Angebotes und dessen Wahrnehmung durch den Besucher erforschen. 2. Besucherforschung, die sich auf  Elemente der Besucherstatistik konzentriert.

Wir am Rammelsberg haben uns in unseren Bemühungen in einem ersten Schritt für die klassische Besucherforschung entschieden. Doch schon die sich so einfach anhörenden Hauptfragen der Besucherforschung entpuppen sich bei genauerem Hinsehen zu komplexen Fragestellungen, deren Beantwortung alles andere als einfach ist.

Von wohl höchstem Interesse für moderne Museen sind dabei die folgenden Fragen:
Wie motivieren wir Besucherinnen und Besucher zu uns zu kommen? Und: Was hindert Menschen daran uns zu besuchen? Wie erzeugen wir Interesse und Begeisterung? Wie erreichen wir eine langfristige Bindung unserer Besucherinnen und Besucher an unser Haus?

Oft liest man in Bezug auf die Besucherforschung von dem Problem der Betriebsblindheit der Akteure. Man ist als Museumsschaffender schnell davon überzeugt, ganz genau zu wissen, wer seine Besucher sind und was sie sich wünschen. So war es auch bei uns am Rammelsberg.
Es bildete sich aus Beobachtungen eine Meinung heraus, die nicht auf verifizierbaren Belegen beruhte. Diese ging davon, dass ein Großteil unserer Besucherinnen und Besucher aus einem Umkreis von 100 km zu uns kämen.
Dies und eine geplante generelle Neuaufstellung unserer Marketingbemühungen nahmen wir zum Anlass, uns mit den Methoden der Besucherforschung auseinanderzusetzen. Diese teilen sich in drei Hauptpunkte: Befragungen, Beobachtungen und Sekundäranalysen.

Andere Häuser haben inzwischen ganze Abteilungen, deren alleinige Aufgabe die Erforschung der Besucher und Evaluation der Angebote ist.
Uns standen für die Beantwortung unserer Fragen jedoch nicht so umfangreiche Ressourcen zur Verfügung, deshalb suchten wir uns zunächst zwei niedrigschwellige Maßnahmen aus.
Zum einen begannen wir mit der Abfrage von den Postleitzahlen der Heimatorte unserer Besucher. Zum anderen erstellten wir einen kleinen Fragebogen, den wir seit Juli an unsere Gäste ausgeben.

Abb. 1 Fragebogen Vorderseite
Abb. 2 Fragebogen Rückseite

Doch auch mit diesen vergleichsweise einfachen Methoden haben nach einigen Monaten erste interessante Erkenntnisse gewinnen können.

Die Ergebnisse zum Anreiseweg unserer Besucherinnen und Besucher machen deutlich, wie wichtig fundierte Datenerhebungen für einen Museumsbetrieb sind. Die erwähnte Grundannahme, dass unsere Gäste großteils aus einem Umkreis von 100 km zu uns kommen ist deutlich revidiert worden. Siehe Abbildungen 3 und 4. Damit ergeben sich z.B. andere Wirkungskreise für unser Marketing und die Öffentlichkeitsarbeit.


Abb. 3 Entfernung zum Heimatort laut Postleitzahlenabfrage 24.12.2018-25.10.2019

Abb. 4 Entfernung zum Heimatort laut Fragebogen Erhebnung 03.07.2019-23.09.2019

In einer sich immer schneller wandelnden Gesellschaft, in der die Wege der Informationsbeschaffung immer diverser werden, sind die Erkenntnisse über das Informationsverhalten unserer Gäste von hoher Bedeutung. Für uns ist es wichtig zu wissen, durch welche Kanäle wir Kontakt zu unseren Besuchern aufnehmen können. Hierbei können uns nun die Antworten aus unserer Befragung weiterhelfen. (Siehe: Abb. 5)


Abb. 5 Antworten zu Frage 1 des Fragebogens: Wie haben Sie von uns erfahren? 03.07.2019-23.09.2019

Für die Weiterentwicklung unserer Angebote und Programme helfen uns die Erkenntnisse zu den Altersstrukturen und den Erwartungen unserer Besucherinnen und Besucher.

Die ersten Ergebnisse unserer Befragung ergeben die Annahme, dass sämtliche Altersgruppen bei uns relativ gleichmäßig vertreten sind, mit Ausnahme von Kindern und Jugendlichen, die fast ¼ der Befragten ausmacht. Hier könnte man allerdings annehmen, dass Kinder und Jugendliche mehr Freude am Ausfüllen der Fragebögen haben als Erwachsene und deshalb ihr Anteil in den Antworten überdurchschnittlich hoch sein könnte. Um diese Angaben zu verifizieren sollten also in einem weiteren Schritt andere Methoden als Backup genutzt werden, z.B. eine Beobachtung.


Abb. 6 Angaben zum Alter der Befragten. 03.07.2019-23.09.2019

Gerade wir als UNESCO-Weltkulturerbe müssen uns sorgfältig auseinandersetzen mit der Gradwanderung zwischen Erhaltung des authentischen Ortes, Wissensvermittlung und der Wahrnehmung unseres Standortes als Erlebnisort.

In den ersten Ergebnissen der Befragung ist genau dieser Punkt nochmal deutlich geworden. Wir werden mehr als Ort für das besondere Erlebnis wahrgenommen, denn als Museum. Trotzdem besteht auch bei unseren Besucherinnen und Besuchern ein immer wieder bekundeter Wunsch nach Erhaltung der Authentizität.


Abb. 7 Angaben zum Anlass des Besuchs laut Frage 2 des Fragebogens. 03.07.2019-23.09.2019

Wir sind gespannt welche Erkenntnisse wir noch gewinnen werden.

Vielen Dank an unsere Besucherinnen und Besucher, die uns durch die Beantwortung der Fragen unterstützen und natürlich auch an alle Kolleginnen und Kollegen, die bei der Durchführung und Auswertung der Besucherforschung so fleißig mithelfen.

 

Autorin: Jessica Jansen

Barrierefreiheit in einem Besucherbergwerk?!

Der Begriff „Barrierefreiheit“ in einer Industrieanlage oder auch einem Bergwerk, wie dem Rammelsberg, bezieht bzw. bezog sich weniger auf die dort arbeiteten Menschen, sondern auf die Maschinen, die eine entsprechende Infrastruktur benötigen um eine wirtschaftliche Wirkung erzielen zu können. 
Wegen der hohen solidarischen Verbundenheit der Bergleute untereinander, spielte der Mensch ebenfalls eine wichtige Rolle. Schon seit dem Mittelalter gab es am Rammelsberg eine Kasse, in die jeder Bergmann den sog. „Büchsenpfennig“ einzahlte. Das gesammelte Geld stand u.a. Invaliden zu, die nur noch über Tage für deutlich weniger Lohn arbeiten konnten.
Bis in die Gegenwart wurden für Kollegen Vorkehrungen getroffen, sodass sie trotz einer Beeinträchtigung ihrer Arbeit nachgehen konnten. So wurde der Führerstand der Schrägförderanlage so umgebaut, dass dieser von einem Kollegen bedient werden konnte der einen Arm verloren hatte. Aber auch sprachliche Barrieren im Betriebsablauf wurden überwunden. Noch heute findet man eine Vielzahl von mehrsprachigen Warn- und Sicherheitsschildern für die türkischen und spanischen Kollegen, die ab den 1960er Jahren am und im Rammelsberg arbeiteten.

„Rollimobil“ an der Grubenbahn, Rammelsberg

Durch die Umwandlung des Bergwerkes Rammelsberg in ein Museum und Erlebnisort kam dem Begriff „Barrierefreiheit“ natürlich eine ganz andere- nämlich seine eigentliche- Bedeutung zu. Und am Rammelsberg bedeutet das in erster Line, die Schaffung von rollstuhlgerechten Lösungen.
In der Anfangsphase des Museums mussten entsprechende infrastrukturelle Maßnahmen getroffen werden, um einen Besucherverkehr von inzwischen über 100.000 Gästen pro Jahr überhaupt zu ermöglichen. Seien es die neuen Sanitäranlagen oder das Schaffen von Wegen durch die ehemalige Industrieanlage. Bei all diesen Maßnahmen wurde die Erreichbarkeit für Personen in Rollstühlen oder anderen Gehbeeinträchtigungen von Vornherein mit eingeplant. So wurde beim dem Umbau ein rollstuhlgerechtes WC installiert, was auch mit einem Kinderwagen befahrbar ist, wo sich auch der Wickeltisch für die ganz kleinen Gäste befindet.

Aber auch vorhandene Strukturen wurden so umgestaltet, dass sie rollstuhlgerecht werden konnten. Ein prominentes Beispiel hierfür ist das „Rolli-Mobil“, ein speziell umgebauter Grubenbahnwagen, der es zwei Rollstuhlfahrern ermöglicht, an der unter Tage-Führung teil zunehmen. Neben dem „Rolli-Mobil“ wurden in den letzten Jahren eine Vielzahl von kleinen Maßnahmen durchgeführt worden, deren Aufzählung den Rahmen dieses Beitrags sprengen würde. Zusammenfassend kann man sagen, dass bereits ca. 70% der für Besucher zugänglichen Bereiche rollstuhlgerecht ausgelegt sind. Eine Aufzählung finden Sie hier!

Neben konkreten Maßnahmen, die zur Schaffung von Barrierefreiheit geplant und durchgeführt wurden, können sich Maßnahmen auch erst in der Folge als Lösung herausstellen!  Ein Beispiel am Rammelsberg ist die Wiederinbetriebnahme des sog. Schrägaufzuges im Jahr 2014. Ein ursprünglicher Lastenfahrstuhl, der heute für den Personentransport ausgelegt ist und den Aufstieg von über 250 Stufen erspart. Der Einsatz erlaubt es auch Rollstuhlfahren die ehemalige Erzaufbereitungsanlage in Gänze zu erleben.

Seit April 2016 ist der Rammelsberg als Ort offiziell auch für den Bereich Rollstuhlfahrer und Personen mit Gehbeeinträchtigung mit dem deutschlandweiten Zertifikat „Reisen für Alle“ ausgezeichnet und vor kurzem erfolgreich für die kommenden drei Jahre rezertifiziert wurden. Es handelt sich hierbei um keine Selbsteinschätzung des Rammelsberges. Vorausgegangen ist ein aufwendiges Prüfungsverfahren; die Daten und Angaben zur Barrierefreiheit wurden von externen, speziell geschulten Erhebern vor Ort begutachtet und geprüft. Die Daten zur Barrierefreiheit liegen im Detail vor und können von Gästen eingesehen werden. Zudem haben zwei  Mitarbeiter an einer Schulung zum Thema „Barrierefreiheit als Qualitäts- und Komfortmerkmal“ teilgenommen.

Die Schaffung von Barrierefreiheit in einer Kultureinrichtung darf niemals ein Projekt, sondern muss immer ein Prozess sein. Wenn Sie diesen Prozess unterstützen wollen, haben wir in der Lohnhalle eine Spendenbox installiert. Diese „Büchsenpfennige“ kommen der Anschaffung von Rampen für die Ausstellungsbereiche zu Gute. Vielen Dank!

Spendenbox in der Lohnhalle, Rammelsberg

Der andere Blick: Aus den Bilderalben ehemaliger Rammelsberger Bergleute

Fotoarchive von Unternehmen sind für Industriemuseen zu wichtigen Fundstellen geworden, um sich von der Betriebs- und Arbeitswelt ein Bild machen zu können. Doch die Industriefotografie und speziell die Bergbaufotografie ist mehr als die vom Bergbauunternehmen beauftragte Anfertigung von Abbildungen von Werksanlagen und Arbeitern zum Zwecke der Dokumentation, Öffentlichkeitsarbeit und Werbung. Neben der offiziellen Werksfotografie  der PREUSSAG, als letzter Betreiberin des Erzbergwerks Rammelsberg, befindet sich in der Sammlung des heutigen Weltkulturerbes inzwischen ein nicht unerheblicher Bestand an privaten Fotos Rammelsberger Bergleute. 

Doch „nichts ist so schwer zu sehen wie das, was man vor Augen hat,“ behauptete der deutsche Philosoph Walter Benjamin. Diese Behauptung erscheint widersprüchlich, doch zwischen der Moment-Aufnahme, fast beiläufig vom Bergmann während seiner Arbeit unter Tage gemacht und den wohl komponierten Fotos professioneller Fotografen, liegt ein weites, sicht- und unsichtbares Feld. Das Bild auf dem Foto wird nicht nur bestimmt durch die Aufnahmeperspektive des Fotografen, sondern auch durch seine Persönlichkeit, seinen Arbeitsstil, durch die vorhandenen technischen Möglichkeiten der Fotografie und ganz wesentlich durch den gesellschaftlichen Umgang mit den fotografisch erzeugten Bildern.

Foto eines Rammelsberger Bergmanns: Arbeit mit dem Drucklufthammer am Rollloch, 1970er Jahre. Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg.
Offizielle Werkfotografie der PREUSSAG: Bohrwagen im Einsatz unter Tage, 1960er Jahre. Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg, Fotoarchiv PREUSSAG.

Interessant dabei ist, dass in den Fotoalben der Bergleute das Spektrum der Bilder von Abzügen der Werksfotografen, über eigene Aufnahmen vom Arbeitsplatz, von   verschiedenen Feierlichkeiten bis zu Aufnahmen privater Freizeitaktivitäten reicht. Viele der Fotos, die von den Bergleuten gemacht wurden, sind ganz nah am Geschehen und geben Einblicke in die Arbeits- und Lebenswelt, die bisher nur selten zu sehen waren.

Raucherpause unter Tage, 1970er Jahre. Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg

Die Bildmotive bewegen sich überwiegend in einem Spannungsfeld von der Darstellung der harten bergmännischen Arbeit unter Tage und den folkloristischen Aktivitäten der Bergleute bei Umzügen oder Feiern. Eingebunden sind die Fotos teilweise in tagebuchähnliche Beschreibungen von der Arbeit, dem Wohlbefinden und den Gedanken über „die Welt an sich“.

Pausensituation unter Tage, 1970er Jahre. Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg.

Sonntagsmatinee am 29. September 2019, 11.00 Uhr

Am 29.September 2019 greift Dr. Johannes Großewinkelmann um 11.00 Uhr in die große „Fotokiste“ der Museumssammlung. Es werden Bilder ehemaliger Bergleute vom Leben und Arbeiten  unter und über Tage, insbesondere aus den 1960er bis 1980er Jahren gezeigt.

„Göttlich inspirierte Männer von Verstand“ Die Walkenrieder Mönche und ihr Kloster

Die gotische Klosteranlage Walkenried am Südharz, „Sitz“ der Mönche, die im Mittelalter im Harz und am Rammelsberg Montanwirtschaft betrieben, bis Bergbau- und Agrarkrise in der Mitte des 14. Jahrhunderts ihren herausragenden Wirtschaftstätigkeiten ein Ende setzten (Foto: Schönfelder)

Einmal im Jahr werden im Südharzer Klosterort Walkenried – rund eine Autostunde vom Nordharzer Rammelsberg entfernt – alle Kräfte für eine überregional bekannte Großveranstaltung gebündelt: den Klostermarkt Walkenried, der mit seinem besonderen Angebot Jahr für Jahr an einem Wochenende über 10.000 Besucher anzieht. Auch diesen September reisen wieder 25 klösterliche Marktbeschicker aus sieben Bundesländern, aus Österreich und Weißrussland an. So vielfältig wie die hier vertretenen Gemeinschaften ist auch ihr hochwertiges Warenangebot mit breiter Produktpalette.

Alle Jahre wieder: Der Klostermarkt in Walkenried, ein Fest für Leib und Seele, dort wo im Mittelalter asketische Mönche lebten, beteten und arbeiteten. An rund 30 Verkaufsständen gibt es Gutes aus klösterlichen Kellern, Küchen, Werkstätten und Gärten. (Foto: Günter Jentsch, ZisterzienserMuseum Kloster Walkenried)

Zu bestaunen und zu kaufen gibt’s Holz aus Bethlehem, Wein und Saft aus Bayern und aus Österreich, Waren aus Afrika, Herzhaftes und Süßes, Devotionalien und Sekt und Essig, Kunstprodukte, Weihrauch, Kerzen und Ikonen, Wurst und Bier mit Käsestangerln und vieles mehr, aber immer Wichtiges für Körper, Geist und Seele. Viel ist hier von Gastlichkeit und der Lebendigkeit gegenwärtiger Klosterkultur zu spüren.

Auf dem Klostermarkt in Walkenried: Zisterziensermönche (Trappisten) aus dem Kloster Novy Dvur (Tschechien) im Gespräch mit einer Klostermarktbesucherin (Foto: Günter Jentsch, ZisterzienserMuseum Kloster Walkenried)

Das ganze Jahr über und an beiden Klostermarkt-Tagen aber lässt sich hier im ZisterzienserMuseum hinter alten Klostermauern durch die Geschichte wandeln und dabei entdecken, wie fortschrittlich die Walkenrieder Mönche schon im Mittelalter dachten und auch wirtschafteten.

Und so mancher Museumsbesucher zeigt sich zunächst erstaunt, dass ihm hier die mittelalterliche Mönchsgemeinschaft als Rammelsberger Bergherren oder Harzer Hütten- und Forstherren „entgegentreten“.

Einblick in das ZisterzienserMuseum Kloster Walkenried, das unter anderem auch die Montan- und Wasserwirtschaft der mittelalterlichen Mönche aus Walkenried vorstellt (Foto: Stefan Sobotta, Stiftung Welterbe im Harz)

Die Mönche waren eben nicht nur tiefgläubige Gottesmänner, sondern einst auch clevere Geschäftsleute, so dass am Südharz ein weiträumig agierender „Klosterkonzern“ erwuchs. Dies hinterließ Spuren, auch solche, die dazu führten, dass die Klosteranlage Teil des UNESCO-Welterbes Bergwerk Rammelsberg, Altstadt von Goslar und Oberharzer Wasserwirtschaft wurde, einst eines der weltweit größten vorindustriellen Energieversorgungssysteme überhaupt.

Die Walkenrieder Gottesmänner hatten für ihre eigene Montanwirtschaft im frühen 13. Jh. im Harz erste Teich- und Grabensysteme konstruiert, deren Prinzip in der Neuzeit Harzer Bergleute aufgriffen. Im Pandelbachtal bei Seesen bzw. in der Nähe des heutigen Ortsteils „Münchehof“ konnten Archäologen einen mittelalterlichen Hüttenplatz der Walkenrieder Mönche ergraben, die dort ihr Rammelsberger Kupfererz mit Hilfe von klug eingesetzter Wasserkraft verhütteten.

Aus den Tiefen des Rammelsbergs und Made by Kloster Walkenried: Das ZisterzienserMuseum zeigt einen mittelalterlichen „Gusskuchen“, einen Barren aus Rammelsberger Kupfer (metallurgisch nachgewiesen), sowie Rammelsberger Kupfererz (Foto: Günter Jentsch, ZisterzienserMuseum Kloster Walkenried)

Die führende Stellung, die die „göttlich inspirierten Männer von Verstand“, so eine mittelalterliche Goslarer Urkunde, über mehr als 300 Jahre im Oberharzer und im Rammelsberger Montanwesen einnahm, überzeugte das Welterbekomitee der UNESCO.

Von Bedeutung für die Aufnahme in die Welterbeliste war aber auch – im Vergleich mit den auf der UNESCO-Welterbeliste vertretenen Zisterzienserklöstern – die gotische Stilreinheit und nicht zuletzt die überragende bauliche Besonderheit des Klosters, von dem aus die Mönchsgemeinschaft ihre Geschäfte, auch im Bereich der Agrarwirtschaft, betrieb.

Der nördliche Kreuzgangflügel der gotischen Anlage mit seiner Zweischiffigkeit, mit seinem außergewöhnlichen künstlerischem Anspruch und der lichtdurchfluteten Atmosphäre wird noch heute geprägt durch einen unverwechselbaren Hallencharakter. Seit jeher ist er architektonisches Alleinstellungsmerkmal und „Markenzeichen“ Walkenrieds.

Der nördliche Kreuzgangflügel der Walkenrieder Klosteranlage und architektonisches Alleinstellungsmerkmal: der Lesegang. Hier fanden sich die mittelalterlichen Mönche zur Lesung ein und hier fanden die Fußwaschungen statt, die die Mönche untereinander als Demutsgeste und in der Nachfolge Christi vollzogen (Foto: Brigitte Moritz, ZisterzienserMuseum Kloster Walkenried)

In den Sommermonaten und in den Niedersächsischen Ferien ist das ZisterzienserMuseum dienstags bis sonntags und an Feiertagen von 10-17 Uhr geöffnet. Der Klostermarkt, ein Fest für Leib und Seele vor der beeindruckenden Ruine der Klosterkirche und mit Programm für alle Generationen rund um das Kloster, findet statt am 21. und am 22. September 2019 in der Zeit von 10 bis 18 Uhr.

Autorin: Dr. Brigitte Moritz, ZisterzienserMuseum Kloster Walkenried

Die Landschaft am Rammelsberg – Bergbauspuren auf Schritt und Tritt

Bei einer Wanderung durch die Landschaft oberhalb der Rammelsberger Bergwerksanlage erschließen sich uns wunderbare Aussichten. Unser Blick schweift über Berge und Täler, Wald und Wiesen, die Altstadt von Goslar bis weit hinein in das nördliche Harzvorland, wo fern am Horizont die Städte Salzgitter und Wolfenbüttel zu erahnen sind. In unmittelbarer Umgebung erstreckt sich viel Schatten spendendes Grün. Hier und da ist es durchsetzt von kahlen Flächen, auf denen höchstens ein wenig Heidekraut wurzelt, daneben Flechten verschiedenster Art. Unversehens finden wir uns wieder in einer uralten Kulturlandschaft, in der die Relikte einer niedergegangenen Industrie einen ungleichen Kampf gegen die Natur führen. Wo Jahrhunderte lang die Tagesgebäude des alten Bergbaus das Bild der Landschaft dominierten, erobern sich Bäume Sträucher und niedere Pflanzen ihr Terrain zurück.

Bei den spärlich bewachsenen Flächen handelt es sich um Bergehalden, Gestein, das beim Abteufen der Schächte zutage gefördert worden ist. Zahlreiche dieser Schächte setzten einst rund um den mittelalterlichen Maltermeisterturm an. Der Turm selbst – heute ein beliebtes Ausflugslokal – gilt als das älteste erhaltene übertägige Bauwerk des deutschen Bergbaus. Weit über den Bergehalden liegen die mächtigen Blockschutthalden. Ihr flechtenüberzogenes Material entstand als Abraum bei der Gewinnung und Bearbeitung des Sandsteins im Kommunion-Steinbruch. Benötigt wurde dieser, um dem Grubengebäude, das mit zunehmendem Erzabbau mehr und mehr seine Standfestigkeit einbüßte, höhere Stabilität zu verleihen. Die Ansatzpunkte der Schächte zur Abwärtsförderung des Materials sind heute auf den ersten Blick kaum mehr erkennbar. An wenigen Stellen zeichnen sich noch Vertiefungen am Wegesrand ab, Pingen, die davon zeugen, dass das Schüttgut zum Verfüllen der Schächte im Zuge jahrelanger Verdichtung zusammengesackt ist.

Doch auch andernorts lassen sich solche Spuren finden. In Begleitung erfahrener Landschaftsführer haben wir die Möglichkeit, anhand der speziellen Flora und der mannigfachen Bodenmodellierungen Wissenswertes über die montane Vergangenheit des Rammelsberges zu erfahren, denn das, was unter Tage geschah, veränderte auch die Landschaft über Tage.

Das Weltkulturerbe Rammelsberg – Museum & Besucherbergwerk bietet in Kürze drei unterschiedlich lange Touren durch die Kulturlandschaft an: von der einstündigen Schnupper-Tour rund um den „Herzer“ über die anspruchsvollere zweieinhalbstündige bis zur Vierstundentour, die uns bis nahe an die Kuppe des Berges bringt. Der Gang durch die Landschaft wird zugleich ein Gang durch die Bergbaugeschichte: An kaum einem anderen Ort sind so viele montane Sachzeugen auf engstem Raum zu finden wie hier. Dies war einer der Gründe, weshalb der Rammelsberg 1992 gemeinsam mit der Altstadt von Goslar in die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes aufgenommen wurde.

Übrigens: Das Mitführen von Hunden ist bei diesem Angebot des Museums durchaus erlaubt, schließlich war der Hund (bergmännisch: Hunt[1]) schon in alten Zeiten ein zuverlässiger Helfer des Bergmanns.

[1] In vorindustrieller Zeit war „Hunt“ in vielen Bergbauregionen Deutschlands die Bezeichnung für den Förderwagen der Bergleute.

Bilder:

  1. Blick aus dem Kommunion-Steinbruch über den Maltermeisterturm auf die Altstadt von Goslar. Foto: R. Bothe 2006
  2. Die Erzabfuhrweg im Hainholz am Rammelsberg. Foto: R. Bothe 2006
  3. 2010 enthüllte der damalige Präsident des Landesamts für Denkmalpflege eine Informationstafel des Museums zu den Erzabfuhrwegen. Foto: J. Pozowski 2010

„Glückauf, Glückauf, der Steiger kommt…“

Mit diesen Zeilen beginnt ein knapp 500 Jahre altes Bergmannslied. Das sog. „Steigerlied“  mit seiner Vielzahl an unterschiedlichsten Strophen ist mit Sicherheit das bekannteste deutschsprachige Bergmannslied, welches bis in die Gegenwart in vom Bergbau geprägten Regionen zu verschiedensten Anlässen gesungen wird bzw. zu hören ist.
Volkstümliche Lieder aus Bergbauregionen sind ein sicherer Beleg für die Verschmelzung der Lebens- und Arbeitswelt der Bergleute. Musik als Ausgleich aber auch als Begleitung der Arbeit spielte eine sehr große Rolle. Agricola beschreibt dies 1556 folgendermaßen: „ Übrigens begleiten die Knappen ihre Arbeit in den Grubenräumen oft mit schönem Gesang; sie erleichtern sich dadurch die schwere und gefahrvolle Arbeit“. [1]
Natürlich spielte die besondere Festkultur der Bergleute bei der Ausprägung und der Pflege bergbaulicher Musik eine weitere entscheidende Rolle. Einer besonderen Festkultur, die in ihrer Genese aber auch immer abhängig von ihrer Zeit war. So ist es fast eine zwangsläufige Folge, dass sich im 19. Jahrhundert auch in den Bergbaurevieren, einem gesamtgesellschaftlichen Trend folgend, Musikkapellen und Musikvereine gründeten. Diese wurden schnell ein unverrückbarer Teil bergmännischer Feste und Anlässe, wie beispielsweise dem Bergdankfest oder innerbetrieblicher Veranstaltungen.


[1] Vgl. De Re Metallica Libri XII von 1556 von Georg Agricola, Buch V

Citharoedus metallicus. Ein Bergsänger um 1700. Abgebildet im Liederbuch für Berg- und Hüttenleute. Hrsg. vom Berg- und Hüttenmännischen Verein.

Musik vom und am Rammelsberg

Auch am Rammelsberg gründete sich 1838 ein berufsständischer Musikerverein. In das „Rammelsberger Bergmusikkorps“ konnte jeder 18- jährige am Rammelsberg angestellter Knappe, nach vorheriger Eignungsprüfung, aufgenommen werden.
1872 gründete sich an dem zum Rammelsberg zugehörigem Hüttenstandort Oker das „Musikkorps der Hüttenwerke Harz“. [1] Das musikalische Repertoire unterschied sich kaum von dem einer „normalen“ Blaskapelle, das Besondere aber war die berufsständische Herkunft und das damit verbundene Aufnahmekriterium seiner Mitglieder.  

1847 gründete sich in Goslar, als „Gegenstück“ zu dem rein instrumentalen Musikkorps, die „Bergmänische Liedertafel Constantia“, deren Mitglieder ebenfalls ausschließlich Rammelsberger Bergleute sein durften. [2]

Mit dem Ende des aktiven Bergbaus am Nordharzrand 1988, gab es keinen bergmännischen Nachwuchs mehr und die Anlässe für Auftritte  wurden logischerweise weniger. Den drohenden Mitgliedermangel entgegen zu wirken, öffnete sich das Musikkorps erfolgreich auch für Nichtbergleute und Frauen. So spielt beispielsweise das Rammelsberger Musikkorps bis zum heutigen Tag zum Weihnachtlichen Rammelsberg in der Schlosserei.

Wimpel am Schellenbaum des Rammelsberg Bergmusikkorps (Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg)

Klingendes Welterbe

Neben dem Rammelsberger Musikkorps spielen aber auch ganz andere musikalische Formationen in der Schlosserei bzw. auf dem Gelände des heutigen Weltkulturerbes.

Nach der Schließung des Odeon-Theaters fand der Verein Bühnenreif Goslar am Rammelsberg eine neue Spielstätte. Seitdem überrascht er jedes Jahr mit einem neuen Musical seine Zuhörer in den stets restlos ausverkauften Vorstellungen.

Seit 2015 organisiert das MINER’S ROCK mehrmals im Jahr ausverkaufte Konzerte im Weltkulturerbe. Vorrangig deutschsprachige Popmusik namhafter Künstler, wie Jan-Josef Liefers oder Johannes Oerding, sorgen auch hier jedes Mal für ausverkaufte „Schichten“ in der Schlosserei.

Neben der Schlosserei wird aber auch das gesamte Gelände des ehemaligen Bergwerkes „musikalisch“ erschlossen. Das  Internationale Musikfest Goslar/Harz, welches auch ein widerkehrender Gast an Rammelsberg ist, nähert sich auf unterschiedlichste Art und Weise „seiner“ Spielstätte an. 2019 finden drei Veranstaltungen am Berg statt. Am 25. August, 1. und 8. September steht alles unter dem Motto „Moderne Zeiten“, lassen sie sich überraschen!

Johannes Oerding bei MINERS ROCK in der Schlosserei

Glückauf, Glückauf, der Steiger kommt (nach wie vor)…

Und wenn im Frühjahr 2019 über 600 Personen freiwillig und voller Überzeugung zu Beginn einer MINER’S ROCK-Schicht das „Steigerlied“ singen, schließt sich der Kreis zwischen moderner Musikinterpretationen in einem ehemaligen Bergwerk und dem traditionellen Bewahren bergmännischer Tradition genau an dem Ort, der dieses Bewahren zur Aufgabe hat.

[1] Vgl. ausführlich: http://www.blasmusikfreunde-harz.de/huettenmusikkorps_01.htm

[2] Vgl. Wiegand, Gesine: Rammelsberger Bergleute als Musiker. In: Der Rammelsberg. Tausend Jahre Mensch-Natur-Technik. Bd. 1, Goslar 2001, S. 498 ff.

Einmal Erzgebirge und zurück. Historische Migrationsbewegungen von Bergleuten zwischen zwei großen Montanregionen

Am 6. Juli 2019 um 14.40 Uhr deutscher Zeit beschloss die UNESCO auf ihrer Jahrestagung in der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku die Montanregion Erzgebirge/Krusnohorí  auf die Liste des Weltkulturerbes der Menschheit zu setzen. Wir freuen uns sehr mit den Kolleginnen und Kollegen im Erzgebirge, die dies nach hartem und unermüdlichem Ringen geschafft und erreicht haben.

Insgesamt 22 ausgewählte Denkmäler und Orte (17 auf deutsch/sächsischer und 5 auf tschechischer Seite) bezeugen die wichtigsten Bergbaugebiete und Epochen aus insgesamt 800 Jahren Geschichte des sächsisch-böhmischen Erzbergbaus.

Die Geschichte des Bergbaus im Erzgebirge ist an vielen Stellen eng mit der Geschichte des Bergbaus im Harz verbunden. Neben einem stetigen beiderseitigen Technologietransfer war dies vor allem die Migration von Bergleuten samt ihren Familien zwischen den Revieren. [1]

Im 13. Jahrhundert wurden die Oberharzer Gruben hauptsächlich händisch mit Bulgen entwässert. Agricola 6. Buch aus »De re metallica libri XII«

In wesentlichen waren es zwei sich bedingende Ursachen, welche die Harzer Bergleute ab der Mitte des 13. Jahrhunderts dazu veranlassten ihre angestammten Orte und Reviere in Richtung des heutigen Sachsen zu verlassen.

Zum einen befand sich der Bergbau im Harz zu diesem Zeitpunkt in einer wirtschaftlich angespannten Situation. Die erreichten Teufen in den Gruben (50+x m) konnten mit den vorhanden Mitteln (meist per Hand mit sog. Bulgen) nicht mehr ausreichend entwässert und bewettert werden, was die Arbeit unter Tage fast unmöglich brachte.

Zum anderen folgten die Harzer Bergleute damit den hoffnungsvollen Nachrichten aus dem Erzgebirge, wonach sich rund um Freiberg  neue reichhaltige Lagerstätten aufgetan hatten, was schon ab Mitte des 12. Jahrhunderts als sog. „Erstes Berggeschrey“ in die Montangeschichte des Erzgebirges einging. Um die Migration der Harzer Bergeleute attraktiv zu gestalten, waren sie nach der Ansiedlung in ihrer neuen Heimat von fast allen Abgaben befreit. Der Bergbau im Harz und zugehörige Wirtschaftszweige wie das Hüttenwesen kamen zu diesem Zeitpunkt faktisch zum Erliegen.

Der Holzschnitt von 1556 zeigt Bergleute bei der Erzsuche. Agricola 2. Buch aus »De re metallica libri XII«

Erst knapp  300 Jahre später wurde durch den Herzog von Braunschweig-Wolfenbüttel, Heinrich dem Jüngeren, versucht, den Bergbau im Oberharz wieder zu reaktivieren. Hierzu wurden Fachkräfte gebraucht, die es in Harz kaum noch gab. Um für den Zuzug von Bergleuten Anreize zu schaffen, erklärte er am 16. Juni 1524 sein Territorium, des heutigen Gebiet der Gemeinde Bad Grund und wenige Jahre später die Gebiete der heuteigen Wildemann, Lautenthal und Zellerfeld für „bergfrei[1]“. Durch diesen Rechtsakt, der sich an der kursächsischen Annaberger Bergverordnung von 1509 orientierte, löste der Herzog die Bodenschätze von seinem Grundeigentum. Das bedeutete in der Folge, dass jedermann in dem entsprechenden Gebiet nach Erzen graben durfte, allerdings reguliert unter amtlicher Aufsicht, mit entsprechenden Vorschriften und Abgaben an den herzoglichen Hof. [2]

Unter anderem zog dadurch eine Vielzahl von sächsischen Bergleuten in den Harz. Dieser Zuzug von Fachkräften und neue technologische Verfahren, wie die Einrichtung moderner Pumpen ermöglichten den Beginn der wichtigsten und wirtschaftlich stärksten Epoche  des Bergbaus im Oberharz. Die Ansiedlung der Bergleute führte in direkter Folge auch  zu der Gründung der oben genannten vier Bergstädte[3].

Parallel begannen die Arbeiten an einem auf Wasserkraft basierenden Energiesystem zur Entwässerung der Gruben und der Erzförderung nach über Tage. Dieses System, was in den folgenden 300 Jahren stetig ausgebaut und verfeinert wurde, ist seit dem Jahr 2010 Teil des Gesamtwelterbes im Harz. Es handelt sich um das System der Oberharzer Wasserwirtschaft, welches bis heute als sichtbares Zeugnis des Harzer Bergbaus die Landschaft im Oberharz prägt.

[1] Ausführlich zu Bergfreiheit im Oberharz, siehe: Bartels Christof und Slotta Reiner Hrsg, Geschichte des deutschen Bergbaus . band 1 der alteuropäische Bergbau: von den Anfängen bis in die Mitte des 18. Jahrhundert, Münster 2012, S. 355 – 372.

[2] Vgl. hierzu ausführlich u.a. in: Bartels, Christoph; das Erzbergwerk Grund. Die Betriebsgeschichte des Werkes und seiner Vorläufergruben Hilfe Gottes und Bergwerkswohlfahrt von den Anfängen im 16. Jahrhundert bis zur Einstellung 1992, hrsg. von Preussag AG Metall, Goslar 1992, S. 14 ff.

[3] Vgl. Moirch M.; Kleine Chronik der Oberharzer Bergstädte und ihres Erzbergbaus, 3. erweiterte und überarbeite Aufl., Clausthal-Zellerfeld 1954, S.8 ff.

Oberharzer Speicherteiche. Seit August 2010 ist das die Oberharzer Wasserwirtschaft gemeinsam mit der Stadt Goslar und dem Bergwerk Rammelsberg Weltkulturerbe.

Fritz Schupp und Martin Kremmer, die Architekten der Tagesanlagen des Erzbergwerkes Rammelsberg und die Entwicklung der Moderne in der Industriearchitektur (1918–1933)

Der Fabrikbau vor dem Ersten Weltkrieg war überwiegend eine Kompromisslösung unter dem Zwang, „den Ansprüchen der Produktion zu genügen und zugleich kostengünstig und dauerhaft ausgebildet zu sein.“[1] Dieser Einschätzung des Industriedenkmalpflegers Walter Buschmann kann man zunächst kaum folgen, denn die historistischen Fabrikfassaden am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts dienten nicht der Produktion, sondern der Repräsentation. Doch hinter den in allen Varianten ausgeformten historistischen Fassaden dehnten sich überwiegend große Areale reiner Zweckbauten aus. Alfred Krupp lehnte beispielsweise übermäßig repräsentative Fabrikbauten für sein Unternehmen ab. „Alle Mehrkosten für Anlagen, welche keinen weiteren Zweck haben als Ansehen, Stil und Berücksichtigung von Schönheitssinn, müssen für immer verpönt sein.“[2]

Deshalb war das Ingenieurgebäude der Vorläufer der modernen Architektur. Die Konstruktionen der Bauingenieure folgten den Gesetzen der Statik und den Geboten der Sparsamkeit und erreichten dadurch wichtige Schritte der späteren Architektur der Moderne. Über den Ingenieurbau wurde ein wichtiger Verbindungsstrang zur Bauhausmoderne geschaffen.

Seit Anfang des 20. Jahrhunderts sind neben den Ingenieuren immer häufiger auch Architekten an der Planung der Zechenanlagen im Ruhrgebiet beteiligt. Zu den Fördereinrichtungen kamen Kraftwerk, Kauengebäude, Lampenstube, Werkstatt und Verwaltungsgebäude als wichtige Elemente der Tagesanlagen. Als einer der ersten Architekten forderte Johannes Erberich eine gewisse Systematik im Aufbau von Zechenanlagen. Als wichtige Voraussetzung erachtete er die möglichst enge Kooperation der verschiedenen, an der Planung und dem Bau von Bergwerksanlagen, beteiligten Berufsgruppen.[3] Die Gründung des Deutschen Werkbundes1907 gab diesen Bestrebungen eine weitere Dynamik. Fabrik- und Werksgelände waren vor dem Ersten Weltkrieg häufig durch sukzessive Erweiterung planlose, unübersichtliche Anlagen. Der Werkbund forderte eine Ordnung der Gebäude auf einem Industriegelände. Diese Ordnung sollte auch der Proportionierung der Gebäude dienen, die im Einzelnen von innen aus dem Grundriss heraus entwickelt werden mussten. Eine Forderung die Walter Gropius später als fundamentalste Aufgabe der Baukunst betrachtete.[4]

Es waren zunächst Fabrikbauten von Peter Behrens für die Allgemeine Electricitäts-Gesellschaft (AEG) in Berlin ab 1908 und von Walter Gropius und Adolf Meyer für die Fagus-Werke in Alfeld ab 1911, die den Beginn einer Entwicklung besiegelten, die dann nach der Gründung des Bauhauses 1919 stilbildend für das stand, was später als Bauhaus-Stil bezeichnet wurde. Und tatsächlich wurden wichtige Elemente, z.B. Peter Behrens Backsteinbau und die von ihm bevorzugten Materialien Stahl, Glas und Beton in den 1920er Jahren im Industriebau eingesetzt. Fritz Schupp und Martin Kremmer wurden  wichtige Protagonisten dieser Industriebauweise.


Fritz Schupp (1896 – 1974)[5]

Fritz Schupp kam am 22. Dezember 1896 in Krefeld als Sohn eines leitenden Angestellten der dort ansässigen chemischen Industrie zu Welt. An seine Schulausbildung an einem humanistischen Gymnasium in Essen schloss sich ab 1914 ein Architekturstudium zunächst an der Technischen Hochschule in Karlsruhe an. Bereits hier lernte er den aus Berlin stammenden Martin Kremmer kennen.


Martin Kremmer (1894 – 1945)[6]

Martin Kremmer wurde 1894 im polnischen Posen/Poznan als Sohn eines Oberstudiendirektors geboren. Zunächst in Polen zur Schule gegangen, machte Martin Kremmer nach dem Umzug in Berlin sein Abitur und begann 1915 ein Architekturstudium in Karlsruhe. Im Gegensatz zu Fritz Schupp, der wehruntauglich war, leistete Kremmer seinen Militärdienst im Ersten Weltkrieg ab. Während Fritz Schupp sein Studium zunächst in München fortsetze und an der Technischen Hochschule in Stuttgart seine Diplomprüfung machte, wechselte Martin Kremmer von Karlsruhe nach Stuttgart und schloss sein Studium an der Technischen Hochschule in Berlin-Charlottenburg ab.

Fritz Schupp und Martin Kremmer studierten an den damals bedeutendsten deutschen Hochschulen für Architektur in Karlsruhe, Stuttgart, München und Berlin. Ein Studium nach den Kriterien des Neuen Bauens konnten sie noch nicht durchlaufen, weil das Bauhaus erst ab 1927 eine Architekturausbildung anbot. In der Stuttgarter Architektenausbildung wurde aber schon eine Abwendung von der akademischen Abstraktion, hin zu einer handwerklichen Erziehung gefordert. Hieran konnten die Ideen des Bauhauses problemlos anknüpfen.[7] Parallel zum Studium spielte auch bei Fritz Schupp und Martin Kremmer die praktische Arbeit im Architekturbüro eine wesentliche Rolle. 

Die Freundschaft zwischen den beiden veranlasste sie wohl dazu, ab 1922 eine Architektensozietät zu gründen. Es war der Anfang einer erfolgreichen Zusammenarbeit, die durch sich ergänzende Fähigkeiten bestimmt war. Während Fritz Schupp der künstlerisch begabtere war, zeigte Martin Kremmer seine Fähigkeiten als versierter Techniker und Bauleiter. In der Anfangszeit profitierte die Architektengemeinschaft von dem persönlichen Kontakt zwischen Fritz Schupp und Friedrich Wilhelm Schulze Buxloh, der im Vorstand der Vereinigten Stahlwerke AG für mehrere Bergwerke im Ruhrgebiet zuständig war. Schulze Buxloh verschaffte der Bürogemeinschaft die ersten Industrieaufträge. Schnell spezialisierten sich die jungen Architekten auf Bauten für die Montanindustrie. Zwischen 1922 und 1945 errichteten sie 22 Bergwerke, darunter die Steinkohlenzeche Zollverein Schacht 12 in Essen (1927–1932), das Erzbergwerk Rammelsberg bei Goslar (1935–1939), die Odertalkokerei in Deschowitz (1932–1938) und die Zinkhütte in Harlingerode am Harz (1940). [8]

Zunächst arbeiteten die beiden Architekten bis 1927 noch in reiner Ziegelbauweise. Die Bergwerksanlage auf Zollverein kann als ein wichtiger Wendepunkt in der Ausprägung eines eigenen Baustils betrachtet werden. Bei der Schachtanlage Zollverein entwickelten sie mit der in Frankreich zuerst vorgestellten Stahlfachwerkarchitektur ein eigenständiges Ausdrucksmittel der klassischen Moderne und eine wichtige Variante der Bauhaus-Architektur. Stahlfachwerk passte hervorragend zu den Anforderungen der Industrie und besonders des Bergbaus, war schnell zu montieren, gut zu erweitern oder zu verändern, reagierte flexibel auf Erschütterungen und ließ sich bei Bedarf auch schnell wieder demontieren. Es entsprach gestalterisch mit den sichtbaren Stahlprofilen in der Fassade der Ideenwelt des Konstruktivismus und ließ sich zu eindrucksvollen, kubisch geformten Baumassenkompositionen ausbilden.[9]

Die Trennung in tragende Stahlrahmen und vorgehängte Fassade war im Bergbau schon lange bekannt, wurde von Schupp / Kremmer aber in einer bisher nicht gekannten Konsequenz eingesetzt.

Die Baukörper wurden auf Zollverein auf klare kubische Formen reduziert und  diese Gebäude zu einer harmonisch wirkenden Einheit zusammengestellt. Wie einen roten Faden haben die beiden Architekten durch die Gesamtanlage eine Sichtachse gelegt und auf die symmetrische Verteilung der Gebäude entlang dieser Sichtachse Wert gelegt. Dieses Vorgehen bildete die Grundlage für das gesamte weitere Schaffen Schupp / Kremmers im Industriebau. Aber dieser Architekturstil war für die beiden Architekten nichts anderes, als „die Umhüllung einer weitgehend stützenfreien Arbeitsfläche mit einer leichten Schale, die jederzeit an wechselnde Betriebsbedingungen angepaßt werden konnte.“ [10]  [Diese Hülle, die wie] „eine Schachtel über den Inhalt, die betriebliche Einrichtung, gestülpt“ wird, wurde für sie gleichsam zum gestalterischen Prinzip, zum formalen Mittel in Abhängigkeit von der Funktion. „Der Zweck, rücksichtslos anerkannt und erfaßt, sinngemäß durchgebildet, führt somit zur Architektur, zu einer neuen Architektur, die ihre eigenen Gesetze hat.“[11] Die Stahlfachwerkkonstruktion der Gebäude machte es nur schwer möglich, den ähnlich aussehenden Gebäuden eine Funktion zuzuschreiben. Aber Schupp / Kremmer begriffen ihre Anlagen als Gesamtheit, bei der nicht der Einzelbau, sondern „im Rhythmus der Baukörper und Baumassen der Rhythmus der Funktionen zum Ausdruck kommen soll.“[12] In der „Verarbeitung von modernen und traditionellen Einflüssen und dem daraus entstehenden, in dieser Form neuen und einzigartigen Ergebnis lag das Erfolgsrezept der Architekten, die nach eigener Aussage in einer `Zusammenstellung von neu und alt, von Eigenem und Tradition die Richtung des Kommenden´  sahen.“[13]


Anton Meinholz, Werkstattgebäude und Kesselhaus mit Schornstein der Zeche Zollverein, Essen 1934. [14]

Für die beiden Architekten sollten Industrieanlagen etwas Besonderes im Stadtbild sein. Sie sollten wie andere repräsentative Gebäude ein Teil des Stadtbildes, der Landschaft und der sie umgebenden Umwelt sein. „Wir müssen erkennen, daß die Industrie mit ihren gewaltigen Bauten […] ein Symbol der Arbeit, ein Denkmal der Stadt“[15]  ist.

Obwohl in den 1920er Jahren auf der Suche nach einem Architekturstil, lehnten sie eine Eingliederung ihrer Architektur in schematische Zuordnungen in einem Aufsatz aus dem Jahre 1930 konsequent ab: „So, also jetzt macht man flache Dächer, Eckfenster, Stahlmöbel. Aha, das ist endlich etwas Greifbares. Daran werden wir von jetzt an kontrollieren, wer modern ist.“ [16] Sie machten sich für eine Rückbesinnung auf die gestalterischen Werte als Gegenstand von Architektur stark und verschlossen sich damit nicht grundsätzlich gegenüber traditionellen Architekturstilen. Sie wehrten sich damit gegen den ausgeprägten gestalterischen Minimalismus der Bauhaus-Architekten, die alle Anstrengungen auf die Funktion ausrichteten.[17]

Anlässlich des diesjährigen Bauhausjubiläums nehmen wir zusammen mit Ihnen die besondere Architektur des Rammelsberges in unseren Sonntagsführungen „Zwischen Tradition und Moderne – Die Architektur des Rammelsberges“ einmal genauer unter die Lupe. Termine: 5. Mai, 2. Juni, 7. Juli, 4. August, 1. September, 6. Oktober, 11. November jeweils um 11.00 Uhr


[1] Walter Buschmann: Bauhausmoderne und Industriebau. In: Industriekultur 3.18, S. 12 – 13, S. 12.

[2] Ders., S. 12.

[3] Vgl. Wilhelm Busch: F.Schupp, M. Kremmer. Bergbauarchitektur 1919 – 1974, Köln 1980, S. 36.

[4] Kristina Pegels-Hellwig, Bauten für die Industrie. Der zeichnerische Nachlass der Architekten Fritz

   Schupp und Martin Kremmer 1921 – 1971, Bochum 2012, S. 28.

[5] Bildquelle: Kristina Pegels-Hellwig, Bauten für die Industrie. Der zeichnerische Nachlass der Architekten Fritz

Schupp und Martin Kremmer 1921 – 1971, Bochum 2012, S. 79.

[6] Bildquelle: Kristina Pegels-Hellwig, Bauten für die Industrie. Der zeichnerische Nachlass der Architekten Fritz

Schupp und Martin Kremmer 1921 – 1971, Bochum 2012, S.434.

[7] Vgl. Dies., S. 39ff.

[8] Vgl. Michael Farrenkopf: Eine Großzeche für Oberschlesien – Industrieplanungen der 1940er Jahre im Nachlass der Architekten Fritz Schupp und Martin Kremmer im Bergbau-Archiv Bochum. In: Polski Kongres Górniczy 2007, Fundacja Otwartego Museum techniki Górnictwo w czasie, przestrzeni, kulturze. Red. Stanilawa Januszewskiego. Wroclaw 2007, S. 65 – 82, S. 69.

[9] Buschmann (wie Anm. 1), S. 13; Vgl. auch: Walter Buschmann: bauhaus-moderne und industriebau. In: 100 jahre bauhaus. gestaltung und demokratie. Neubeginn und weichenstellungen in rheinland und westfalen, Düsseldorf 2018, S. 14.

[10] Busch, (wie Anm. 3), S. 81.

[11]  Fritz Schupp, Martin Kremmer: Architekt gegen oder und Ingenieur, Berlin 1929, S. 22.

[12] Pegels-Hellwig (wie Anm. 4), S. 94.

[13] Dies., S. 95.

[14] Bildquelle: Stiftung Zollverein (Hg.) Der Blick der Sachlichkeit. Zeche Zollverein im Spiegel der Fotografie, Essen 2016, S. 39.

[15] Busch (wie Anm. 3), S. 82. 

[16] Zitiert bei: Ders., S. 64.

[17] Wilhelm Busch: Anmerkungen zur Bergbauarchitektur – Ihre Geschichte und Rezeption in den letzten 150 Jahren am Beispiel der Zeche Zollverein. In: Wilhelm Busch, Michael Farrenkopf, Rainer Slotta (Hgg.): Der zeichnerische Nachlass der Architekten Fritz Schupp und Martin Kremmer. Inventar und Bestandskatalog, Bochum 2011, S. 28 – 36, S. 31. 

Industriearchitektur im Spiegel der Fotografie 1920 – 1950

Architektur ist der älteste Gegenstand der Photographie. Alle frühen Erfinder des photographischen Verfahrens wählten Gebäude als Objekte aus, denn die hielten ausreichend lange still. „Um 1870 etablierte sich (…) die Architekturphotographie in einem neuen funktionalen Kontext, der Werbung. Bilder von Bauten hatten fortan für die ästhetische Qualität von Fassaden und Ornamenten, von Applikationen und Proportionen zu werben (…).“[1] Je moderner die Architektur wurde, desto stärker konzentrierte sich der Blick der Fotografen auf die Bauvolumina. Endgültig entwickelte sich dieser Fokus in den 1920er Jahren mit der Fotografie der Moderne.

Die Fotografie der Moderne war in den 1920er Jahren mit dem Schlagwort der Neuen Sachlichkeit belegt, so wie dieses Schlagwort als Abwendung von historischer Bewegung auf alle Gebiete gestalterischen Arbeitens angewendet wurde. Sachlichkeit beeinflusste die industrielle Massenproduktion, die Wohnungsbauarchitektur, den Städtebau, das Kunsthandwerk, die Mode, die bildende Kunst und die Fotografie und den Film. Die Fotografie der Neuen Sachlichkeit ist in den 1920er Jahren, wie andere Strömungen in der Kunst und der Architektur, als Reaktion auf die Folgen des Ersten Weltkrieges zu sehen. Die Fotografie der Neuen Sachlichkeit entwickelte sich in einer Zeit der extremen Verunsicherung, einer Zeit der wirtschaftlichen und politischen Krisen, der gesellschaftlichen und kulturellen Kämpfe und Hoffnungen. Fotografie, Film und Rundfunk machten in dieser Zeit große Entwicklungen und Veränderungen mit, sorgten aber insbesondere für eine beschleunigte öffentliche Kommunikation.[2]

Als Stilrichtung der künstlerischen und angewandten Fotografie der 1920er bis 1930er Jahre spiegelte die Neue Sachlichkeit eine Haltung zum Medium Fotografie wider, die sich auf bestimmte Charakteristika des Fotografischen konzentrierte: harte Anschnitte, technische Genauigkeit bei der Aufnahme, der Entwicklung und Vergrößerungstechnik, starke Auf- und Untersichten, Gegenstandstreue sowie Detailhaftigkeit. Der Blick wird auf Oberflächen, Strukturen und Formen gelenkt, die Bildfläche wird geordnet. Die Fotografie der `Neuen Sachlichkeit´ wird durch Begriffe wie: „klar, präzise, sachlich, nüchtern, illusionslos, realistisch, objektiv, zweckmäßig, spröde, gegenstandsbezogen, puristisch, zeitlos, kalt und technisch“ [3] gekennzeichnet.

Die Neue Sachlichkeit grenzte sich klar von der Kunstfotografie ab, die sich an malerischer Formensprache orientierte und auch der experimentelle Charakter der Bauhausfotografie wurde von Vertretern der Neuen Sachlichkeit abgelehnt.[4] „Unter den Protagonisten der Neuen Sachlichkeit steht der Fotograf Albert Renger Patzsch (1897 – 1966)  wohl wie kein anderer  Künstler für das Prinzip des ordnenden Blicks. Sein stilbildendes Schaffen folgte rigoros der selbstgestellten Aufgabe, in der Fotografie dem Wesen des Gegenstandes nachzugehen. Sein 1927 erschienener Fotoband „Die Welt ist schön“ formulierte – bei allen Missverständnissen, die der Buchtitel auslösen sollte – eine Haltung zur Welt, die an eine spezifische Ästhetik der Sachlichkeit gekoppelt war. (…)“[5]

Albert Renger Patzsch definierte die Komposition seiner Bilder entsprechend: „Vor der Aufnahme ist für mich eine genaue Bildvorstellung unerläßlich. (…) Ich gehe dabei von der Wirklichkeit als Raum aus. Dieser Raum soll als Ausschnitt so beschaffen sein, daß er auf die Ebene projiziert eine geordnete Bildfläche ergibt. Er muß so beschaffen sein, daß er nicht als Ausschnitt empfunden wird; es muß durch ihn ein neuer Bildorganismus entstehen, der vom Zufälligen gänzlich befreit erscheint.“[6] Den Einfluss künstlerischer Aspekte auf die Fotografie lehnte Renger-Patzsch ab: „Überlassen wir daher die Kunst den Künstlern und versuchen wir, mit den Mitteln der Photographie Photographien zu schaffen, die durch ihre photographischen Qualitäten bestehen können – ohne daß wir sie von der Kunst borgen.“[7] Für Renger-Patzsch war Fotografie, ganz im Sinne des Bauhausansatzes, auch Handwerk.[8] Die Fotografien von Albert Renger-Patzsch sind überwiegend menschenleer oder zeigen Menschen in einer kühlen bis rein sachlichen Atmosphäre. Der Fotograf war der Ansicht, „dass der Mensch und seine Sozialrealität photographisch nicht erfaßt werden könne, weshalb er sich auf dingliche Themen konzentriere.“[9]  Jörg Boström hat die Abwesenheit von Menschen, auch in den Fotografien späterer Architekturfotografen, nicht nur als sachliche Darstellungsform bezeichnet, sondern als eine bewusste Inszenierung, in der diese Sachlichkeit zur pathetischen Überhöhung der dargestellten Architektur dienen sollte.[10] Diese Fotografien zeigen keine Produktionsbedingungen, die die Form der Architektur bestimmten: „Nichts wird(…) gezeigt über den Produktionsverlauf, die Lichtführung, nichts über die Maschinen und Handgriffe und gar nichts über den gestalteten Raum, in dem Menschen ihr Leben verbringen.[11]  Gezeigt werden nur die Hüllen und oft auch nur die „Fassadenkosmetik“.[12] Der menschenleeren Architekturfotografie fehlt der Zusammenhang zwischen Fassade, Innenraum, Funktion und Arbeitsraum.

Dieser Effekt der sachlichen Fotografie war von den Architekten sicherlich willkommen, stellte er doch die fotografisch inszenierten Industriegebäude gleich mit ehrwürdigen Sakralbauten. Denn „Architektur-Aufnahmen sind dienende Bemühungen um Darstellung und Interpretation von Bauwerken,“ hatte Renger-Patzsch schon 1928 in seiner Publikation „Die Welt ist schön“ festgestellt.[13]

Die Bildkomposition von Albert Renger-Patzsch passte sich nahtlos in die Ordnungsvorstellungen der beiden Industriebaumeister Fritz Schupp und Martin Kremmer, den Architekten der in den 1930er Jahren neu errichteten Tagesanlagen des Erzbergwerkes Rammelsberg, ein. Die sachliche Formensprache der Architekten mit symmetrisch angeordneten Gebäudestrukturen fand ihre Entsprechung in den Fotografien Renger-Patzschs. Fotografie und Architektur wurden geleitet von einer Ordnungsstruktur, die eine Ansicht der Dinge komponieren will. Fritz Schupp und Martin Kremmer engagierten Renger-Patzsch deshalb wiederholt für die fotografische Dokumentation ihrer Bauprojekte, auch für Aufnahmen der Tagesanlagen des Erzbergwerkes Rammelsberg.[14]

Im Nationalsozialismus stellt Renger-Patzsch weiter aus, veröffentlichte Bücher und nahm zahlreiche Industrieaufträge an. „Renger-Patzsch wurde im August 1939 zur Wehrmacht eingezogen und im Februar des folgenden Jahres freigestellt, vermutlich auf Betreiben seiner Auftraggeber aus der Industrie. Für die Organisation Todt fotografierte er 1943/44 den Atlantikwall in Frankreich. Er war kein NSDAP-Mitglied; in der letzten Wahl in der Weimarer Republik hatte er – so gab er es in seinem Entnazifizierungsbogen an – für die rechtsliberale DVP gestimmt. Es stellt sich die Frage, ob es seine Ästhetik der Zeitlosigkeit war, die es Renger-Patzsch ermöglichte, auch in den Jahren 1933 bis 1945 weiter fotografieren zu können, während andere Vertreter des Neuen Sehens und der Neuen Sachlichkeit – meist unter den Vorwürfen des `Kulturbolschewismus´ und der `Entartung´- Deutschland verlassen mussten.“[15]

„Der massive Ausschluss alles Zeitgenössischen – etwa Weltwirtschaftskrise, Faschismus, Weltkrieg – in Renger-Patzschs Fotografien erzeugt eine Atmosphäre der Zeitenthobenheit, die den Wunsch und die Sehnsucht des Fotografen nach die Zeit überdauernden Werten eindrucksvoll visualisiert.“[16]  

Viele Aufnahmen Renger-Patzsch aus 1930er Jahren, wie auch die Rammelsberger Fotografien, wurden 1944 bei einem Brand seines Archivs zerstört. Fritz Schupp bat Renger-Patzsch deshalb in den 1950er erneut, Fotografien des Erzbergwerkes anzufertigen. Die Fotografien Albert Renger-Patzschs vom Erzbergwerk Rammelsberg, der Zinkhütte in Harlingerode und der Armerzaufbereitung am Bollrich sind ausschließlich in den 1950er  Jahren gemacht worden.

Die Nachkriegsfotografien von Renger-Patzsch sind gegenüber seinen Bildern aus den 1920 / 30er Jahren von einer stärkeren Systematik und zyklischen Arbeitsweise geprägt. Außerdem weicht er die starre Abgrenzung zwischen Fotografie und Kunst in den 1950er Jahren etwas auf und spricht von der Fotografie als ein grafisches Verfahren, dass sich zwischen Kunst und Handwerk bewege.[17]

Renger-Patzsch fotografierte Industriearchitektur im Auftrag der Unternehmen und insbesondere der Architekten. Einer der bekanntesten unter seinen Kunden war der Bauhausgründer Walter Gropius. Er sah Bilder des Fotografen vom Fagus-Werk, die dieser im Auftrag des Unternehmens gemacht hatte, und setzte diese später als Werbemittel in Publikationen ein, in denen er seine Bauten vorstellte. Fotografien von Gebäuden dienten den Architekten, die Sichtweise auf ihre Architektur zu steuern. Fritz Schupp und Martin Kremmer etablierten mit den Fotografien von Renger-Patzsch eine sachliche Sichtweise auf die Architektur von Zollverein in Essen und dem Erzbergwerk Rammelsberg in Goslar. Die Architekten kontrollierten die Herausgabe der Fotografien und  steuerten damit „eine angemessene fotografische Interpretation ihrer Bauten. (…) So konnten einzelne Aufnahmen von Bauten (…) zu Ikonen der Architekturfotografie werden und über Generationen die Wahrnehmung der betreffenden Architektur mitbestimmen.“[18]

Ähnlich verhält es sich mit einer Fotografie von Albert Renger-Patzsch, die zu den am meisten kopierten Aufnahmen in der der Fotosammlung der PREUSSAG, der ehemaligen Betreiberin des Erzbergwerkes Rammelsberg gehört. Die Gesamtansicht der Tagesanlagen von einem erhöhten Standpunkt auf dem westlich des Erzbergwerkes gelegenen Herzberg gilt als klassisch zu nennende Ansicht. Dieses Motiv hat in der Folgezeit die Werksfotografien der PREUSSAG wie ein roter Faden durchzogen.

Albert Renger Patzsch, Gesamtansicht der Tagesanlagen, 1950er Jahre. Archiv Ann und Jürgen Wilde 2019, Zülpich/VG Bild-Kunst
Peter Gauditz, Ausschnitt aus einer Gesamtansicht der Tagesanlagen,1974. Dauerleihgabe TUI-AG, Fotoarchiv Preußag, Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg.

In der neuen Sonderausstellung „Industriearchitektur der Moderne im Spiegel der Fotografie. Die Tagesanlagen des Weltkulturerbes Erzbergwerk Rammelsberg“ (23. Juni – 17. November 2019) zeigen wir bisher unbekannte Fotografien von Albert Renger Patzsch von den Gebäuden der Tagesanlagen aus den 1950er Jahren. 

Zur Sonderausstellung ist ein Katalog erschienen:
Symmetrie im Fokus. Die Tagesanlagen des Erzbergwerks Rammelsberg in den Fotografien von Albert Renger-Patzsch und Dieter Blase,  Hildesheim 2019, ISBN 978-3-929559-09-5.



[1] Rolf Sachsse, Bauvolumina und Schlagschatten. Moderne Industriearchitektur und Photographie. In: Wilhelm Busch und Thorsten Scheer (Hg.), Symmetrie und Symbol. Die Industriearchitektur von Fritz Schupp und Martin Kremmer, Köln 2002, S. 195 – 204, S. 195.

[2] Vgl. Stefanie Grebe, Präzise, zeitlos und gegenstandsbezogen. Albert Renger-Patzschs fotografische Arbeiten im Ruhrgebiet. In: Stefanie Grebe, Heinrich Theodor Grütter (Hg.), Renger-Patzsch. Die Ruhrgebietsfotografien, Köln 2018, S. 14 – 35, S. 22f.

[3] Grebe 2018, (wie Anm. 2), S. 26.

[4] Vgl. ebd., S. 26.

[5] Christoph Schaden, , „dasz ich oft zweifelhaft bin“ – Periphere Anmerkungen zu den Blicken der Sachlichkeit. In: Stiftung Zollverein (Hg.), Der Blick der Sachlichkeit. Zeche Zollverein im Spiegel der Fotografie. Essen 2016, S. 72 – 74, S. 73f.

[6] Zitiert nach: Andreas Rossmann, Das Wesen des Ruhrgebiets. Anmerkungen zu Albert Renger-Patzsch, dem Fotografen der Gegenstände. In: Stefanie Grebe, Heinrich Theodor Grütter (Hg.), Renger-Patzsch. Die Ruhrgebietsfotografien, Köln 2018, S. 290 – 297, S. 294.

[7] Albert Renger-Patzsch, Ziele. In: das Deutsche Lichtbild, 1927. Zitiert bei: Reinhold Mißelbeck, Albert Renger-Patzsch. Photographische Photographie, In: Marianne Bieger, u.a. (Hg.) Albert Renger-Patzsch. Späte Industriephotographie, Köln 1993, S. 9 – 13, S. 9.

[8] Vgl. Reinhold Mißelbeck, Albert Renger-Patzsch – Photographische Photographie. In: Marianne Bieger, Florian Hufnagl und Reinhold Mißelbeck, Albert Renger-Patzsch. Späte Industriephotographie, Köln 1993, S. 9 – 13, S. 9.

[9] Marianne Bieger, Der Ingolstädter Auftrag. Bildfunktionen und Darstellungsmodi in den späten Industriephotographien von Alber Renger-Patzsch. In: Marianne Bieger, Florian Hufnagl und Reinhold Mißelbeck, Albert Renger-Patzsch. Späte Industriephotographie, Köln 1993, S. 25 – 36, S. 31.

[10]Vgl. Jörg Boström, Fabrikbau und fotografische Interpretation. In: Florian Böllhoff, Jörg Boström, Bernd Hey (Hg.), Industriearchitektur in Bielefeld. Geschichte und Fotografie, Bielefeld 1986, S. 182 – 191, S. 182.  

[11] Ebd., S. 187.  

[12] Ebd., S. 187.  

[13] Carl Georg Heise (Hg.), Die Welt ist schön. Einhundert photographische Aufnahmen von Albert Renger-Patzsch, München 1928, S. 12. 

[14] Vgl. Thomas Dupke, Thomas Morlang, Kapiteltext „Zechen“. In: Stefanie Grebe, Heinrich Theodor Grütter (Hg.), Renger-Patzsch. Die Ruhrgebietsfotografien, Köln 2018, S. 154.

[15] Grebe 2018,(wie Anm. 2), S. 18.

[16] Ebd., S. 32.

[17] Reinhold Mißelbeck, Albert Renger-Patzsch. Photographische Photographie, In: Marianne Bieger, u.a. (Hg.) Albert Renger-Patzsch. Späte Industriephotographie, Köln 1993, S. 9 – 13, S. 9.

[18] Michael Stöneberg, Wie kommt der Bau ins Blaue Buch ? Über den Prozess der fotografischen Architekturvermittlung. In: Claudia Quiring, Andreas Rothaus und Rainer Stamm, Neue Baukunst. Architektur der Moderne in Bild und Buch, Bielefeld 2013, S. 38 – 47, S. 44.

Sie sind flach, groß, laut, rostig und stinken. – Historische Fahrlader als sachliche Quellen zur Erforschung und Vermittlung neuerer Bergbaugeschichte am Weltkulturerbe Rammelsberg

Forschung und Vermittlung am fahrenden Objekt oder der Umgang mit betriebsbereiten Baufahrzeugen

Meistens sind sie flach, groß, rostig und wenn sie in Betrieb sind, dann sind sie laut und stinken. Der Aufenthalt in ihrer Nähe erscheint zunächst eher unattraktiv, doch dieselbetriebene Fahrlader des ehemaligen Erzbergwerkes Rammelsberg (heute Weltkulturerbe Rammelsberg) sind immer ein Hingucker. Eine Eigenart, die sie scheinbar besonders geeignet macht, um Sachverhalte aus der neueren Geschichte des Bergbaus zu vermitteln.

Übertageanlagen des ehemaligen Erzbergwerkes Rammelsberg, heute Weltkulturerbe Rammelsberg – Museum und Besucherbergwerk – in Goslar

Nach der Stilllegung des Erzbergwerkes Rammelsberg bei Goslar 1988 wurden dieselbetriebene Fahrzeuge aus den untertägigen Grubenräumen geholt und ab 1990 in die Sammlung des Museums und Besucherbergwerks übernommen. Ein Großteil der Fahrzeuge blieb betriebsbereit und in dem Zustand, wie sie von unter Tage ans Tageslicht geholt worden waren. Dieser Umstand hat die Potentiale erhalten, auf der Basis der vorhandenen Materialität der Objekte und der Ergänzung durch zusätzliche Quellen, nicht nur technik-, sondern im gewissen Umfang auch sozial- und betriebsgeschichtliche Forschung zu betreiben. Diesen Forschungspotentialen stehen aber nur begrenzte Möglichkeiten der Vermittlung der Erkenntnisse an ein breites Publikum entgegen. Die Fahrzeuge sind publikumswirksam, aber die Vermittlung ihrer Geschichte wird blockiert durch die Aura ihres „Auftritts“.

Diese, der spezifischen Objektquelle „Fahrzeuge“ anhaftende Diskrepanz, soll Bezugspunkt der folgenden Ausführungen sein.

Die „Zwei“ aus der Sammlung : EIMCO 911 und EIMCO 913

Ich konzentriere den Blick aus einem umfangreichen Fahrzeugpark des Erzbergwerkes Rammelsberg mit Fahrzeugen verschiedenster Art, von Service-, Schieß- und Bohrfahrzeugen, auf zwei Fahrlader mit den Typenbezeichnungen EIMCO 911 und EIMCO 913.

Fahrlader EIMCO 911 (links) und EIMCO 913 LHD auf der Werkstrasse des Weltkulturerbes Rammelsberg.
Foto: Weltkulturerbe Rammelsberg

Der EIMCO 911 ist ein mit einer Knicklenkung ausgestatteter Fahrlader mit einer Motorleistung von 28 KW / 38 PS. Seine Schaufel hat ein Fassungsvermögen von 0,75 qm. Seit 1971 kam der EIMCO 911 am Rammelsberg unter Tage zum Einsatz, um geschossenes (gesprengtes) Erzgestein von der „Ortsbrust“ (dem Ort an dem es aus dem Fels gesprengt wurde) zu Verladeeinrichtungen zu transportieren. Die Abkürzung EIMCO steht für „Eastern Iron and Metal Company“ einem von Joseph Rosenblatt 1927 in Salt Lake City gegründetem Unternehmen. Ursprünglich hatte Rosenblatt mit dem An- und Verkauf gebrauchter Maschinen begonnen, bis ihm der Durchbruch mit einem von ihm patentierten Wurfschaufellader gelang. Wurfschaufellader trugen weltweit im Bergbau zur Mechanisierung der körperlich schweren Verladearbeit bei. EIMCO entwickelte sich mit Wurfschaufelladern, Erzaufbereitungsanlagen und schließlich mit Fahrladern zu einem bis heute international agierendem Bergbauzulieferunternehmen.

Im EIMCO 911 sitzt der Fahrer eingezwängt zwischen Motor im Heck und Ladeschaufel. Das macht seine kompakte Bauweise möglich, ist aber ein ungewöhnlicher Arbeitsplatz. Der Fahrer sitzt in diesem Fahrlader noch wie in einem Auto und muss beim Rückwärtsfahren seinen Körper nach hinten drehen, weil Spiegel an diesen Fahrzeugen nicht vorgesehen waren. In den engen Grubenräumen unter Tage war wenig Platz zum Wenden, deshalb fuhren die Fahrlader häufig rückwärts und die Fahrer saßen in dieser verdrehten Haltung auf dem Fahrzeug.

Die Räder des Fahrladers erhielten Schutzketten, weil die luftgefüllten Reifen vielfach vom scharfkantigen Erzgestein aufgeschnitten wurden. Andere Fahrzeuge wurden deshalb auch mit Vollgummireifen ausgestattet, doch die viel gefahrenen Fahrlader hätten dadurch auf den ungeraden Strecken unter Tage eine sehr schlechte Federung gehabt .

Der vorgestellte EIMCO 911 ist aus verschiedenen Fahrzeugen gleichen Typs zusammengesetzt. So konnten die Fahrzeuge speziellen Notwendigkeiten angepasst oder noch nicht verschlissene Fahrzeugteile langfristig genutzt werden. Das abgebildete Fahrzeug ist betriebsbereit und wird im Museum bei kleinen Räumungsarbeiten im Übertagebereich schonend eingesetzt.

Der EIMCO 913 bekam die Zusatzbezeichnung „LHD“. Damit verwies der Hersteller auf den Einsatz der Fahrzeuge im Zusammenhang mit der Einführung einer veränderten Arbeitstechnik im Erzbergbau. LHD steht für Load-Haul-Dump / Laden-Fördern-Schütten. Während der EIMCO 911 Anfang der 1970er Jahre als Versuchsfahrzeug zur Beschleunigung der Transportarbeiten unter Tage eingesetzt wurde, führte das Erzbergwerk Rammelsberg mit dem EIMCO 913 ab 1974 die neue LHD-Technik ein. Einzelheiten der LHD-Technik werden weiter unten noch besprochen.

EIMCO 913 LHD während einer Veranstaltung auf der Werkstrasse des Weltkulturerbes Rammelsberg
Foto: Weltkulturerbe Rammelsberg

Der abgebildete EIMCO 913 LHD hat das Baujahr 1981, fährt 16 km/h und wiegt 12,7 Tonnen. Er ist 7,5 Meter lang und seine Schaufel fasst 2,3 Kubikmeter. Der Motor dieses Fahrladers hat eine Leistung von 102 KW / 139 PS. Diese technischen Angaben verdeutlichen, dass der EIMCO 913 als „großer Bruder“ des EIMCO 911 bezeichnet werden kann. Die Versuche mit dem kleinen Fahrlader waren so erfolgreich, dass die Betriebsleitung der PREUSSAG, der Betreiberin des Erzbergwerkes Rammelsberg, entschied, mit der dieselbetriebenen Fahrladertechnik die Verladetechnik unter Tage komplett umzustellen.

Der Fahrer sitzt auf dem EIMCO 913 nicht mehr mit Blickrichtung nach vorn, sondern quer zur Fahrtrichtung. Beim Vor- und Rückwärtsfahren braucht der Fahrer dann lediglich den Kopf in die andere Richtung drehen. Eine erhebliche körperliche Erleichterung beim Fahren des Laders, allerdings im Umgang mit dem Fahrzeug ist diese Sitzposition zunächst ungewöhnlich.

Deutlich auch zu erkennen, die typische Lastenverteilung der meisten Frontschaufellader, die im Untertagebereich eingesetzt werden: Das Gewicht der vor der Vorderachse angebrachten Ladeschaufel wird durch den hinter der Hinterachse angesetzten Motor ausgeglichen.

Auch dieses Fahrzeug wird in der Sammlung des Weltkulturerbes Rammelsberg in Goslar betriebsbereit gehalten. Eine zeitaufwendige und kostenintensive Aufbewahrung der Fahrzeuge, die deshalb nur für ausgesuchte Objekte möglich ist. Doch die Funktion der Fahrzeuge ermöglicht das Lesen eines Teils der Objektgeschichte, der ohne Funktion nicht mehr lesbar wäre, z.B. das Erleben der Motorgeräusche eines großvolumigen, luftgekühlten Dieselmotors.

Der vorgestellte EIMCO 913 wurde 1993 noch zeittypisch restauriert, d.h. er wurde neu lackiert und damit sind viele der aussagekräftigen Gebrauchsspuren an diesem Fahrzeug vernichtet worden.

Abbauverfahren und Modernisierung des untertägigen Transports am Erzbergwerk Rammelsberg ab den 1970er Jahren

Der Abbau des Erzlagers erfolgte Anfang der 1970er Jahre, im Prinzip von oben nach unten. Innerhalb dieser generellen Abbaurichtung wurden einzelne Sohlen eingerichtet, die in umgekehrter Richtung, von unten nach oben abgebaut wurden.

Geologisches Profil des Erzlagers im Rammelsberg.
Quelle: Nachlaß Heinrich Stöcker, Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg
Abbauverfahren im Neuen Lager
Quelle: Dr. Elisabeth Clausen, TU Clausthal-Zellerfeld, Materialien für die Ausbildung von Grubenführern 2013

Das Erzlager wurde in Teilbereichen unterfahren. Die unterfahrenen Teile des Erzlagers wurden in Kammern und Pfeilern aufgeteilt. Zunächst wurden die Kammern abgebaut und die Pfeiler sorgten dafür, dass die Standfestigkeit des Deckgebirges erhalten blieb. Nach dem Abbau der Kammern erfolgte das Einbringen des sogenannten Versatzes aus taubem Gestein. Dann wurden die Pfeiler abgebaut und auch mit Versatz gefüllt. Die ausgeerzten Hohlräume konnten dadurch nicht zusammenbrechen und die Stabilität innerhalb der Lagerstätte, die dann auf der darunterliegenden Sohle weiter abgebaut wurde, blieb gewahrt.

Die Abbauhöhe von der 12. zur 10. Sohle betrug 80 Meter. Eine Kammer und ein Pfeiler hatten eine Breite von jeweils 10 Meter und die horizontale Mächtigkeit des Lagers lag bei 100 bis 150 Meter.

Zuschnitt des hochmechanisierten abwärtsgeführten Querbaus (Pfleilerbau)
Quelle: Nachlaß Heinrich Stöcker, Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg

Das Erz wurde vor Ort geschossen (gesprengt). Das geschossene Haufwerk wurde aufgeladen und zu sogenannten Rolllöchern gefahren. Diese Rolllöcher waren Verbindungsröhren, die zu Bunkern auf der tiefsten, der 12. Sohle führten. In diesen Bunkern wurde das Erzgestein zunächst gelagert und dann in Grubenwagen verladen und zum Rammelsbergschacht gefahren. Im Schacht gelangte das Erzgestein dann schließlich aus ca. 480 Meter Tiefe ans Tageslicht.

Der Verladevorgang des vor Ort gesprengten Erzgesteins wurde vor dem Zweiten Weltkrieg noch von Hand, nach 1945 dann mit druckluftbetriebenen Überkopfladern, die auf Schienen fuhren, geleistet.

Schienengebundener Überkopflader unter Tage im Einsatz am Rammelsberg
Foto: TUI-Fotoarchiv Hannover, Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg

Die weitere Mechanisierung und Verbesserung des Abbaus steigerte die Abbaumengen in den 1950er Jahren ständig und die Transportleistungen der Überkopflader stießen an ihre Grenzen. Deshalb wurde in den 1960er Jahren mit Schrappern gearbeitet.

Schrapper mit Förderhaspel in einer Kammer im Einsatz.
Foto: TUI-Fotoarchiv Hannover, Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg

Schrapper waren große Baggerschaufeln, die durch Förderhaspeln über die Sohle gezogen werden konnten. Das gesprengte Erzgestein wurde mit den Schrappern aus der Abbaukammer zu den Rolllöchern über den Boden gezogen. Die Schrappertechnik erhöhte die Transportleistung in den Abbaukammern, war aber durch die stationäre Installation unflexibel und auf längeren Strecken nicht einsetzbar.

Die Steigerung der Abbauquote erforderte ab Anfang der 1970er Jahre eine Verbesserung der Transportleistungen unter Tage. Der Einsatz dieselbetriebener Fahrlader im Abbaubetrieb sollte die alten, schienengebundenen, überwiegend elektrisch oder mit Druckluft betrieben Transportsysteme unter Tage ablösen. Mit der Einführung der Dieselfahrzeuge wurde nicht einfach ein Transportsystem durch ein neues ersetzt, sondern eine Modernisierungswelle in Gang gebracht, die weitreichende technische Veränderungen im Abbauverfahren und tiefe Einschnitte in die bestehenden Arbeitsbedingungen der Bergleute nach sich zogen.

Fortschritte in der Hydrauliktechnik machten stufenlose Fahrantriebe möglich und die Knicklenkung sorgte für die notwendige Wendigkeit der Fahrzeuge in den engen Grubenräumen. Verladen, Transportieren und Verschütten des Erzgesteins in Sammelbunkern wurde durch die Fahrladertechnik zu einem zusammenhängenden Arbeitsvorgang.

Schrägstrecken (Rampen) wurden im Nebengestein aufgefahren, um Verbindungswege zwischen den Teilsohlen herzustellen, auf denen die Dieselfahrzeuge sich innerhalb der Lagerstätte bewegen konnten. Die einzelnen Abbausohlen erhielten Verbindungsstecken von der Hauptrampe, damit die Fahrzeuge die Abbaustellen vor Ort erreichten. Es wurden Arbeitskolonen, bestehend aus Fahrlader, Bohrfahrzeug und Servicefahrzeug, mit einer spezialisierten Arbeitsteilung zusammengestellt. Die Dieselfahrzeuge sollten rund um die Uhr im Einsatz sein und deshalb arbeiteten die Arbeitskolonnen nacheinander an mehreren Abbaupunkten.

Im Gegensatz zur bisherigen Transporttechnik erzeugten die Dieselfahrzeuge einen hohen Schadstoffausstoß. Deshalb musste die Bewetterung durch zusätzliche Strecken, größere Streckenquerschnitte und Zusatzlüfter ausgebaut werden (pro KW Fahrzeugleistung wurde mit einer Frischwetterleistung von 3,5 Kubikmeter pro Minute gerechnet).

Die Fahrzeuge sollten unter Tage gewartet, repariert und instand gehalten werden. Deshalb entstand auf der 11. Sohle eine große Fahrzeugwerkstatt mit Waschplätzen, Ersatzteillager und Reparaturplätzen.

Reparatur am Fahrlader in der Fahrzeugwerkstatt auf der 11. Sohle des Erzbergwerkes Rammelsberg
Foto: Nachlaß Helmut Sassenhagen, Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg

Zunächst betankten die Bergleute die Dieselfahrzeuge aus mobilen Dieseltanks, die auf Schienen bewegt, den Fahrzeugpark versorgten. Doch der Zuwachs an Dieselfahrzeugen machte schließlich die Installation einer Versorgungsleitung für Dieseltreibstoff mit einer gesamten Länge von 1,5 Kilometern erforderlich, die über Schächte und Strecken lief und aus einem übertägigen Treibstofflager untertägige Tankstellen versorgte.

Während 1976  bereits sieben dieselbetriebene Bohrwagen, acht Fahrlader und zwei Servicefahrzeuge, also insgesamt 17 Dieselfahrzeuge im Einsatz waren, gehörten schon zwei Jahre später insgesamt 29 Dieselfahrzeuge zum Unter-Tage-Fahrzeugpark des Erzbergwerkes.

Der Einsatz der Dieselfahrzeuge beschleunigte den Transport unter Tage erheblich und verbesserte die Abbauleistungen pro Mann und Schicht. Mit der Schrappertechnik wurde eine Abbauleistung von 20 Tonnen pro Mann und Schicht erreicht, mit den Fahrladern erreichte man in den 1980er Jahren einen Abbauleistung von 30 Tonnen pro Mann und Schicht. Im Zusammenhang mit weiteren Rationalisierungsmaßnahmen führte der Einsatz der Dieselfahrzeuge zur kontinuierlichen Reduzierung der Belegschaft bis zur Stilllegung des Erzbergwerkes Rammelsberg 1988.

Grafische Darstellung zu Belegschaftszahlen und Abbauleistungen (1970 – 1988)
Quelle: Nachlaß Heinrich Stöcker, Sammlung Weltkulturerbes Rammelsberg

Die Bedienung und Reparatur der Dieselfahrzeuge verlangte neue Qualifikationen von den Bergleuten. Sie mussten zu Fahrzeugführern umgeschult werden und für die Wartung der Fahrzeuge in der großen Reparaturwerkstatt unter Tage wurden Schlosser und Mechaniker eingestellt.

Objektgeschichte und Vermittlungsarbeit

Die beiden historischen Fahrlader sind Objekte, an denen sich die Geschichte des moderneren Bergbaus erforschen und vermitteln lässt. Objektgeschichte führt zu Forschungsergebnissen und Vermittlungsformen, die nur durch die Quellengattung „Objekte“ entstehen können. Objektgeschichte denkt vom Objekt aus, weniger von der Theorie. Darin liegt ihre Stärke und das unterscheidet sie von anderen Formen wissenschaftlichen Forschens und Vermittelns. Doch das Erforschen und Vermitteln an bzw. mit historischen Baufahrzeugen ist mit einer schwierigen Barriere verbunden: „Man kann Objekte am ursprünglichen Ort zeigen, kann sie translozieren und dann original im getreuen Ensemble präsentieren oder Einzelstücke herausziehen und aus didaktisch-analytischen Gründen in neue Zusammenhänge hineinstellen (…). Man kann im Vorführbetrieb (…) versuchen, frühere Arbeitswelten zu vergegenwärtigen, etwa bestimmte Produktionsabläufe, Fertigkeiten, Belastungen, (…) individuelle und gesellschaftliche Bedingungen von Arbeit (…).“ [1]

Bei den beiden vorgestellten Fahrladern ergibt sich die Situation, dass der ursprüngliche Einsatzort 450 Meter unter Tage nicht mehr existiert und die ursprünglichen betrieblichen Zusammenhänge im Übertagebereich nur aufwendig zu rekonstruieren sind.

Über Tage wirken die Fahrlader auf die Besucher völlig anders: Der Klang der großvolumigen Motoren kommt in den engen Räumen unter Tage ganz anders zur Geltung, als über Tage auf der Werkstraße. Oder die Wahrnehmung der Geschwindigkeit, wenn die Lader mit 15 – 25 km/h auf der Werksstraße über Tage fahren, kriechen sie dahin. In den engen untertägigen Strecken wurde diese Geschwindigkeit schneller wahrgenommen.

Neben diesen sinnlich-emotional bedingten Besonderheiten der Objektgeschichte der historischen Fahrlader müssen die Spuren des Gebrauchs und des Umgangs auf den Fahrzeugen gelesen werden. Die Spuren aus der Herstellungszeit werden überlagert von Spuren durch Gebrauch, Alterung, Korrosion oder Verschleiß, durch Defekte oder Beschädigung, Wartung oder Reparatur, durch Farberneuerungen, Umbau, Veränderung des Erscheinungsbildes oder Umbau der Sicherheitsvorkehrungen, durch eigensinnige Anbauten oder Veränderungen und letztlich auch durch die Stilllegung. Der größte Teil dieser Spuren ist entstanden aus der Mensch-Technik-Beziehung. Zum Lesen dieser Spuren kann es sehr wichtig sein, Menschen, die mit diesen Fahrzeugen gearbeitet haben, zu befragen.

In diesen Gesprächen wurden verschiedene Aspekte, die aus der bisher dargestellten Objektgeschichte hervorgegangen sind, vertieft. Immer wenn einzelne Spuren an den Objekten befragt wurden, wurden technische Details mit persönlichen Arbeitserfahrungen verbunden. So wurde auf die persönliche Verantwortung der Fahrer für die Fahrzeuge hingewiesen und auf die wärmenden Effekte der luftgekühlten Motoren bei Pausen. Ein Bergmann erläuterte, dass er als Arbeitshose auf den Fahrladern immer eine Latzhose mit Nierengurt trug, weil er durch den Fahrtwind und die zusätzliche Bewetterung der Grubenräume wegen des Einsatzes der Dieselfahrzeuge immer einen kalten Rücken bekam. Auch bestimmte Fahrtricks und technische Raffinessen der Fahrzeuge, die in keiner technischen Anleitung zu lesen sind, wurden in solchen Gesprächen mit den ehemaligen Fahrern bekannt.

Der Ansatz über die vorgestellten Objekte einen Teil der historischen Entwicklung des Rammelsberger Bergbaus zu erforschen, lässt einen vielschichtigen Ansatz zu. Auf diese Weise entsteht ein engmaschiges Erkenntnisnetz für weitere Forschungsarbeiten, die sich dann auf Ermittlungen über Entstehungszeit, Funktion und Rezeption, mithin auf die sozio-kulturelle Einordnung des Objektes beziehen. Mit Bezug auf die vorgestellten Fahrlader bedeutet dieses beispielsweise, einen Griff ins Film- und Fotoarchiv zu tun, die Auswertung technischer Unterlagen vorzunehmen, Reparaturunterlagen und Wartungspläne zu sichten, Instandhaltungs- und Ersatzteilverzeichnisse auszuwerten.

Diese Forschungsergebnisse in die Vermittlungsarbeit einzusetzen, wird durch die spezielle „Aura“ der Objekte erschwert. Hier tritt der seltene Fall auf, das vielleicht in der Vermittlungsarbeit des Museums die Ergebnisse der Objektgeschichte ohne die sofortige Präsenz der Objekte stattfinden sollte. Eine Situation, die in Museen, als den ausgewiesenen Stätten der objektbezogenen Vermittlungsarbeit, sicherlich eher außergewöhnlich erscheint.

[1] Zweckbronner, Sachquellen, S. 9.