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Behelfskaue – Gefängnis – Zwangsarbeiterlager: Eine Gebäudebiografie des Schreckens. Teil 1: 1937 – 1941.

Unter dem Motto Gebäude-Geschicht(e)n sollen in loser Folge die Geschichten und die Geschichte von Orten und Räumen auf dem Gelände des Weltkulturerbes Rammelsberg beschrieben werden. Dabei wird der Ort nicht lediglich als eine Geländefläche und der Raum nicht nur als Hülle angesehen. Ort und Raum sind von einer Ordnung bestimmt, die sich mehrfach ändert. Gefragt wird nach dem Wandel örtlicher und räumlicher Ordnungen, nach der betrieblich bedingten Produktion von Raum und danach, wie Orte und Räume soziales Handeln verursacht und verändert haben. Es geht also auch um die Wahrnehmung von Orten und Räumen mit Blick auf die Wirkung des Wandels auf Menschen, die hier arbeiteten und lebten.  

1937 plant die zur Preußischen Bergwerks- und Hütten-Aktiengesellschaft (PREUSSAG) gehörende Unterharzer Berg- und Hüttenwerke G.m.b.H.(UHBH) den Bau einer Behelfskaue für Bergleute auf dem Gelände des Erzbergwerks Rammelsberg. Das Erzbergwerk Rammelsberg war seit Anfang der 1920er Jahre wiederum ein Tochterunternehmen der UHBH. Der Ausbau der Förderung unter Tage und der Aufbau der Erzaufbereitungsanlage im Zuge des nationalsozialistischen „Rammelsberg-Projektes“ kamen schnell voran. Der Ausbau der Sozialgebäude, insbesondere die Fertigstellung einer großen Waschkaue, verzögerte sich. Die Behelfskaue war zur Unterbringung sanitärer Anlagen geplant, weil die Belegschaft des Erzbergwerks Rammelsberg allein in den drei Jahren von 1935 bis 1938 um über 500 Personen auf eine Belegschaft von 862 Arbeitern und 82 Angestellten anwuchs. Die Behelfskaue wurde als Baracke gebaut, da es lediglich eine Übergangslösung war, die kurzfristig wieder abgerissen werden sollte.[1]

Für den Aufbau der Kaue verwendete das Bergwerk das Holz eines alten Stallgebäudes. Die Inneneinrichtung der Kaue kam zum Teil aus anderen PREUSSAG-Betrieben. Eine sparsame Bauplanung war oberste Prämisse für dieses nur auf einige Jahre angelegte Gebäude. In dieser Behelfskaue sollten 329 Arbeiter sich waschen und umziehen können. Die mindere Qualität des Gebäudes wurde in einer Baubeschreibung vom 26. Mai 1937 ausdrücklich hervorgehoben: „Das Gebäude soll aus den beim Abbruch des Pferdestalles gewonnen und noch verwendbaren Materialien errichtet werden. Es hat nur behelfsmäßigen Charakter und wird nach Fertigstellung des geplanten Neubaus der Waschkaue wieder beseitigt.“[2] 


Abb. 1: Auszug aus einem Lageplan. Die Behelfskaue wurde unterhalb der ehemaligen Sieb-
 und Klaubeanlage auf dem Werksgelände des Erzbergwerks Rammelsberg errichtet.  
 BGG-Archiv. Akte Behelfskaue Rammelsberg 1937 – 1946: Lageplan zu einer
 provisorischen Kaue des Erzbergwerks Rammelsberg vom 26. Mai 1937.

Doch nach Fertigstellung der neuen Waschkaue im Zuge der Neugestaltung der Tagesanlagen des Erzbergwerks Rammelsberg zwischen 1935 und 1942 blieb auch die Behelfskaue weiter stehen. Denn nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs und der Okkupation Polens nahm der Einsatz von „Volksdeutschen“, aber auch deportierten polnischen Mitbürgern, sowie Belgiern, Holländern, Jugoslawen und Slowaken in den Betrieben der Unterharzer Berg- und Hüttenwerke G.m.b.H., so auch am Erzbergwerk Rammelsberg, zu. Diese Zwangsarbeiter wurden ab Anfang der 1940er Jahre in der Behelfskaue untergebracht. Viele von ihnen flohen nach kurzer Zeit aus Unzufriedenheit über die Arbeit und die Unterbringung von ihrer neuen Arbeitsstelle. Zu Beginn des Krieges setzte das nationalsozialistische Regime seine wirtschaftlichen Interessen noch mit einem gewissen Entgegenkommen gegenüber den dringend benötigten ausländischen Arbeitern durch. Deshalb wurden ab dem 9. Oktober 1940 zur Verbesserung des Aufenthaltsraums in der ehemaligen Behelfskaue für die Einrichtung „40 Stck. Stühle Modell `Schönheit der Arbeit´ “ angeschafft“[3] und im Juli 1941 die „Vertilgung von Wanzen“ angeordnet.[4]


Abb. 2: Anfang der 1950er Jahre steht das Gebäude der Behelfskaue noch (rechter
Bildrand). Foto: Albert Renger-Patzsch, 1953. Sammlung Weltkulturerbe
Rammelsberg.

Doch im weiteren Verlauf des Krieges wurde die nationalsozialistische Rassenideologie immer stärker als Werkzeug des Regimes eingesetzt, um die Zwangsarbeiter zu drangsalieren und ihre Arbeitskraft möglichst effizient auszubeuten. Dazu gehörte auch die möglichst umfassende Kontrolle ihrer Lebens- und Wohnsituation. Der im März 1940 ausgearbeitete sogenannte `Polenerlass´ bot vor Ort bereits die Möglichkeiten der polizeilichen Kontrolle der Arbeiter. Dieser Erlass ordnete für „polnische Staatsangehörige, die im Reichsgebiet beschäftigt wurden, die isolierte Unterbringung in Barackenlager sowie drakonische Strafen für flüchtige oder `arbeitsscheue´ Arbeiter an.“[5] 

Doch der Einsatz der Zwangsarbeiter aus den besetzten Gebieten brachte nicht den erwarteten Erfolg und durch die weitere Einziehung von Bergleuten zur deutschen Wehrmacht verschärfte sich der Arbeitskräftemangel zunehmend. Das Oberbergamt in Clausthal-Zellerfeld schlug den Einsatz von Kriegsgefangenen am Erzbergwerks Rammelsberg vor.

In der Akte zum Bauschein für die Behelfskaue taucht deshalb am 15. September 1941 eine Bestellung von Stacheldraht auf.[6] Das Bergwerk baute die Behelfskaue erneut auf den neuen Bedarf als Gefängnis für Kriegsgefangene um, die eingesperrt engmaschig überwacht und sanktioniert werden sollten.[7]

Für den Umbau der Behelfskaue in ein Gefängnis gab es genaue Anweisungen: Vergitterung der Fenster; Verdunkelung der Fensterscheiben mit Papier; Unterteilung der vorhandenen Betten durch Bretterwände; Anbringung von Holzrosten unter den Tischen und Sitzplätzen; Absicherung der Türen und Verschließen der Schuhschränke bei Nacht, um Fluchtmöglichkeiten einzudämmen; Einrichtung eines Trockenabort für den Schlafraum; Sicherung der Dachflächen; Verlegen einer Klingelleitung vom Schlafraum zur Wachmannschaft; Bestückung der Kleiderspinde mit Ablagefach; Einrichten einer Arrestzelle im Serenissimorum-Maschinenhaus unter Tage; Anbringen eines Stacheldrahtzaunes um das Gelände, nach genauen Angaben.[8]

In einer Bestellung vom 7. Oktober 1941 werden zusätzliche Fenstervergitterungen und Sicherungselemente für Türen angefordert.[9] Weiterer Bestellungsanforderungen und Kostenvoranschläge belegen, wie akribisch die Einrichtung des Kriegsgefangenenlagers nach den Vorgaben geplant wurde.[10]

Doch nachdem die vorgegebenen Sicherheits- und Sanktionsvorkehrungen für die Behelfskaue eingeleitet waren, kam eine überraschende Wende. Der Einsatz von Kriegsgefangenen wurde im August 1940 abgelehnt. Am 22. Oktober 1941 kommt diese Wende auch in der Organisation dieses Raumes der Unterdrückung an: Die angelieferten Fenstergitter für die Behelfskaue dürfen nicht eingebaut werden, „da statt der zugesagten Kriegsgefangenen Zivilarbeiter zugewiesen sind.“[11] Um aber einen zu hohen Anteil ausländischer Arbeitskräfte an der Belegschaft zu vermeiden, wird der Einzug deutscher Bergleute zur Wehrmacht reduziert. Doch diese kurzfristige Einschränkung konnte nicht lange durchgehalten werden. „Mit der Ausweitung des Krieges richteten sich die Werksleitungen spätestens seit Frühjahr 1941 auf den längerfristigen Entzug von Mitarbeitern ein. Mit intensiven Bemühungen um die Zuteilung von Zwangsarbeitern jeder Art versuchten sie, den Anschluss an den Zug der Kriegswirtschaft zu sichern.“[12]

Deshalb heißt es in einem Schreiben des Erzbergwerks Rammelsberg an die Leitung der Unterharzer Berg- und Hüttenwerke G.m.b.H. vom 8. November 1941: „Da mit einem weiteren Absinken unserer Belegschaftszahl zu rechnen ist, muß nach Möglichkeit ein Ausgleich durch Heranziehung ausländischer Arbeitskräfte geschaffen werden. Zur Unterbringung dieser Arbeitskräfte ist ein Umbau der Hilfskaue in Form eines 6,70 m langen Anbaues erforderlich. In diesem Anbau können weitere 46 Mann untergebracht werden, so dass dann insgesamt Unterbringungsmöglichkeit für 96 Mann besteht.


Abb. 3: Am Standort der ehemaligen Behelfskaue steht heute ein flaches Gebäude
in dem zu Betriebszeiten des Erzbergwerks die Lampenstube, ein Raum für die   
Grubenwehr und ein Pförtnerbereich untergebracht waren. Jetzt wird das Gebäude
von der Museumsverwaltung des Weltkulturerbes Rammelsberg genutzt. In dem Silo
im Vordergrund wurde Zement für den Versatz unter Tage gelagert. Foto: Johannes    
Großewinkelmann, 2021.

Die dichte Beschreibung zur „Biografie“ des Gebäudes, kann aus den Bauakten bis in die Nachkriegsjahre recherchiert werden. Der erste Teil diese Beschreibung zeigt bereits eindrucksvoll, wie ein Raum im Laufe von wenigen Jahren mehrfach seinen `Modus´ wechselt und welche äußerlich sichtbaren Veränderungen das nach sich zog. Dazu kommt die Einbindung vieler Bereiche in diesen Prozess, von der Bauverwaltung der Unterharzer Berg- und Hüttenwerke G.m.b.H. bis zu den Werkstätten des Erzbergwerks Rammelsberg. Es wird quasi aus den einzelnen Baumaßnahmen für viele an diesem Prozess Beteiligte sichtbar, welche Funktion der Raum in verschiedenen Phasen der Unterdrückung zwangsweise am Bergwerk eingesetzter ausländischer Arbeitskräfte haben sollte.

Auch im zweiten Teil dieser Gebäude-Geschichte wird in einem der nächsten Beiträge der Wandel der Behelfskaue in den Jahren von 1942 bis 1945 unter sich dramatisch zuspitzenden Bedingungen mit dem Eintritt Deutschlands in einen „totalen Krieg“ vorgestellt und dadurch werden weitere Zusammenhänge von Raum, Organisation und Unterdrückung im Nationalsozialismus an diesem Ort und in diesem Gebäude sehr konkret nachvollziehbar.


[1] Vgl. BGG-Archiv. Akte Behelfskaue Rammelsberg 1937 – 1946. Lageplan zu einer provisorischen Kaue des Erzbergwerks Rammelsberg vom 26. Mai 1937.

[2] BGG-Archiv. Akte Behelfskaue Rammelsberg 1937 – 1946. Baubeschreibung vom 26. Mai 1937.

[3] BGG-Archiv. Akte Behelfskaue Rammelsberg 1937 – 1946. Bestellung der Unterharzer Berg- und Hüttenwerke G.m.b.H. für das Erzbergwerk Rammelsberg, Goslar vom 8. November 1940.

[4] BGG-Archiv. Akte Behelfskaue Rammelsberg 1937 – 1946. Bestellung an Adolf Wiese Goslar, Am Siechenhof 9 vom 11. Juli 1941.

[5] Bernhard Stier / Johannes Laufer: Von der Preussag zur TUI. Wege und Wandlungen eines Unternehmens 1923 – 2003. Essen 2005, S. 352.

[6] BGG-Archiv. Akte Behelfskaue Rammelsberg 1937 – 1946. Bestellung einer Rolle Stacheldraht beim Kriegsgefangenenlager in Fallingbostel. Vom 25.9.1941. 

[7] BGG-Archiv. Akte Behelfskaue Rammelsberg 1937 – 1946. Vermerk betr. Unterbringung von Kriegsgefangenen in der Hilfskaue vom 2. Oktober 1941.

[8] BGG-Archiv. Akte Behelfskaue Rammelsberg 1937 – 1946. Vermerk betr. Unterbringung von Kriegsgefangenen in der Hilfskaue vom 2. Oktober 1941.

[9] BGG-Archiv. Akte Behelfskaue Rammelsberg 1937 – 1946. Bestellung der Unterharzer Berg- und Hüttenwerke G.m.b.H. für das Erzbergwerk Rammelsberg vom 7. Oktober 1941.

[10] BGG-Archiv. Akte Behelfskaue Rammelsberg 1937 – 1946.

[11] BGG-Archiv. Akte Behelfskaue Rammelsberg 1937 – 1946. Schreiben des Erzbergwerks Rammelsberg an Unterharz, Abt. Einkauf, vom 22. Oktober 1941.

[12] Bernhard Stier, Johannes Laufer: Von der Preussag zur TUI. Wege und Wandlungen eines Unternehmens 1923 – 2003. Essen 2005, S. 353.

Reparatur – Austausch – Restaurierung: Die Erneuerung der Radwelle des Kanekuhler Kehrrades im Roeder-Stollen gibt Einblicke in das komplexe Thema Industriedenkmalpflege

Was sagt ein Handbuch zum Umgang mit einem Industriedenkmal

Schaut man in das Online-Handbuch „Indumap“ zum Umgang mit Industriedenkmalen[1], werden unter der Rubrik „Leitvorstellungen“ beispielhafte Verfahrensweisen beim Umgang mit Industriedenkmalen vorgeschlagen. Soll ein Objekt nicht seinem unaufhaltsamen Alterungsprozess überlassen oder unter weitgehender Vermeidung von Eingriffen in einem vorgefundenen Zustand konserviert werden, listet das Handbuch folgende mögliche Verfahrensschritte auf: 

  • Reparatur – handwerklich saubere Arbeiten zur Beseitigung von Schäden, die ohne Eingriff zu weiterem Verfall führen würden.
  • Restaurierung – bauliche bzw. restauratorische Maßnahmen aufgrund von eindeutigen Befunden die ggf. einen nicht mehr vorhandenen Zustand aufgreifen bzw. sich diesem annähern.
  • Rekonstruktion – erneute Hinzufügung verlorener Bestandteile eines Denkmals, die von eindeutigen Befunden (z.B. Zeichnungen, Fotos, Spuren am Bauwerk) gestützt sein sollten.

Vor diesem Hintergrund heißt es am 6. September 2017 in einem Antrag des Weltkulturerbes Rammelsberg an das Niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege zur Beantragung von Fördermitteln für das Kanekuhler Kehrrad unter der Rubrik „Maßnahme“ aus heutiger Sicht schon fast lapidar: Instandsetzung der Radwelle des untertägigen Kanekuhler Kehrrades im Roeder-Stollen des Weltkulturerbes Rammelsberg.

Das diese Formulierung der Beginn eines mittlerweile vierjährigen Verfahrens war, in dem alle drei im o.g. Handbuch beschriebenen Verfahrensschritte durchlaufen werden und aus der ursprünglichen Reparatur eine komplette Rekonstruktion des Kanekuhler Kehrrades im Roeder-Stollen des Weltkulturerbes Rammelsberg geworden ist, konntedamals noch niemand ahnen.

Doch zunächst kurz zurück zum Anfang, nämlich zu der Geschichte des Kanekuhler Kehrrades:


Das Kanekuhler Kehrrad im Roeder-Stollen des Weltkulturerbes Rammelsberg im Jahr 2003, noch mit intakter Radwelle. Foto: R. Bothe

Das Kanekuhler Kehrrad befindet sich vom Stollenmundloch ausgehend ca. 55 Meter unter der Erdoberfläche im Liegenden des ehemaligen Erzbergwerkes Rammelsberg. Es handelt sich hierbei um die oberste, erste Kehrradstube des Roeder’schen Wassersystems. Dort steht das Kanekuhler Kehrrad, welches in historischen Zeiten zur Förderung des Erzes im Kanekuhler Schacht diente. Die Radstube selbst ist etwa 11 m hoch (inkl. Wassertrog), ca. 7,5 m breit und zirka 10 m lang.


Isometrische Darstellung des Wasserhaltungs- und Erzförderungssystem im Roeder-Stollen.
In: Heinfried Spier, Historischer Rammelsberg, Wieda 1994, S. 31.

Als Kehrrad ausgeführt kann es seine Drehrichtung umkehren, abhängig davon, welchem der beiden gegensätzlichen Schaufelkränze das Aufschlagwasser zugeführt wird. Mit dem Kehrrad wurde eine Seiltrommel in Bewegung gesetzt, auf die ein Seil mit Erztonne im Schacht auf und ab bewegt werden konnte. Das heutige Kanekuhler Kehrrad ist ein Neubau aus dem Jahre 1996, rekonstruiert anhand von gefundenen Resten eines älteren Rades. Das rekonstruierte Kanekuhler Kehrrad (Lärchenholz), welches einen Durchmesser von etwa 7,64 m besitzt und fast 10 t wiegt, ist mit einer zirka 5 m langen Radwelle (Drehachse) aus Eichenholz ausgestattet.

Das rekonstruierte Kanekuhler Kehrrad kann in Bewegung gesetzt werden, um Besuchern die Mächtigkeit des Rades zu demonstrieren und zu zeigen, mit welcher kleinen Wassermenge ein so gewaltiges Wasserrad in Bewegung gesetzt werden kann. Die Besucher gelangen heute in die Radstube über eine Treppe auf eine Bühne in Höhe des ehemaligen Wasserkastens und können von oben auf seine konstruktiven Details hinabblicken. Um es in Bewegung zu setzen, wird mit einer elektrischen Pumpe Wasser auf das Kehrrad geführt.[2]

Die Rekonstruktion des Kehrrades wurde 1995 als Teil des unter Denkmalschutz stehenden Roeder-Stollens genehmigt.

Die Radwelle besitzt überwiegend einen quadratischen Querschnitt, ist aber an beiden Enden konisch geformt. Das Rad ist mit speziellen Keilen fest mit der Radwelle verbunden. An den Radwellenenden wurden die sog. ‚Doppelkrummzapfen‘ mit der Achse verbunden. Die Krummzapfen dienten früher zur Kraftübertragung auf  ‚Treibstangen‘, mit denen die über das Kehrrad angeordnete Seiltrommel angetrieben wurde. Treibstangen und Seiltrommel sind Mitte der 1990er Jahre nicht rekonstruiert worden.

Nur die Krummzapfen wurden originalgetreu neu gegossen und in passgenaue Schlitze im Wellenholz der Radwelle mittels Stahlringen verspannt. An den Radwellenenden liegen die Krummzapfen in geschmierten Lagerschalen aus Rotguss.

Die Reparatur

Ein Radwellenende wurde vor einigen Jahren von einem Fäulnispilz befallen, der das Holz der Welle auf einer Länge von ca. 80 cm zerstört hat. Als Folge des Pilzbefalls lockerte sich das Kehrrad auf der Welle und begann im Betrieb gefährlich zu schlagen. Das Kehrrad konnte nicht mehr in Bewegung gesetzt werden. Damit war ein wichtiges Element in der Besucherführung durch den Roeder-Stollen ausgefallen.  

Als Reparatur wurde der geschädigte Radwellenkonus abgesägt und durch einen ‚Flansch‘ bzw. eine Adapterkonstruktion aus Stahl ersetzt. Der stählerne Adapter dient der Aufnahme des Krummzapfens.


Mit einem speziellen Adapter aus Stahl wird die Radwelle des Kehrrades zunächst repariert. Foto: Weltkulturerbe Rammelsberg

Diese Reparatur gewährleistete mehrere Jahre wieder einen gesicherten Lauf des Kehrrades, bis der sich weiter ausbreitende Fäulnispilz weitere Teile der Radwelle stark geschädigt hatte. Dadurch wurde die Tragfähigkeit der Radwelle erheblich beeinflusst.

Die Restaurierung

Als zunächst angedachte Maßnahme sollte die Vollholzwelle gegen einen Stahlwelle ausgetauscht werden, um eine abermalige Schädigung der Radwelle zu verhindern. Im intensiven Austausch zwischen dem Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege, der Unteren Denkmalschutzbehörde der Stadt Goslar und dem Weltkulturerbe Rammelsberg wurde im Sommer 2018 auf der Basis des Denkmalschutzes für das gesamte Wasserhaltungs- und Erzförderungssystem im Roeder-Stollen beschlossen, doch wieder eine Vollholzwelle ins Kanekuhler Kehrrad einzusetzen. Aus der Reparatur wurde eine komplexe Restaurierungsmaßnahme für die das Weltkulturerbe Rammelsberg neben Eigenmitteln Fördergelder aus einem Sonderprogramm der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien und des Niedersächsischen Landesamts für Denkmalpflege beantragte.

Der Einsatz einer Vollholzwelle erforderte eine andere Transportplanung als der Einsatz einer wesentlich handlicheren Stahlradwelle. Der mögliche Transport der hölzernen Radwelle (L 490cm / B 60 cm / H 60 cm) mit einem Gewicht von ca. 1,8 t durch das Mundloch des Roeder-Stollens auf dem ersten Wasserlauf bis zur Kanekuhler Kehrradstube musste deshalb zunächst simuliert werden. Der Transportweg wurde mit einem Dummy vermessen. Die Durchgangsweiten auf dem ersten Wasserlauf bis zur Kehrradstube waren ausreichend.

Auf diesem Weg transportierten unsere Vorfahren mit hoher Wahrscheinlichkeit auch schon vor über 200 Jahren die Radwellen der Wasserräder in den Roeder-Stollen.


Mit einem Dummy wird der Transport der neuen Vollholzradwelle für das Kanekuhler Kehrrad im Roeder-Stollen simuliert. Foto: Weltkulturerbe Rammelsberg.

Die neue Vollholzradwelle soll mit neuen Holzschutzmitteln und einer verbesserten Wetterführung (Belüftung) der Kehrradstube vor einem schnellen Befall mit Fäulnispilzen geschützt werden. Insbesondere eine veränderte Wetterführung wird den Luftaustausch in der Kehrradstube beschleunigen und damit dem Anheften des Fäulnispilzes an das Holz der Radwelle entgegenwirken.

Nach einigen Verfahrensverzögerungen bei der Fördermittel- und der Auftragsvergabe konnte Anfang 2020 die Mühlenbaufirma, die 1996 bereits die Rekonstruktion des Kanekuhler Kehrrades vorgenommen hatte, mit dem Einbau der neuen Radwelle beauftragt werden.

Im Sommer 2020 wurde schließlich aus einem kompletten Eichenholzbaustamm die neue Radwelle hergestellt.  


Bearbeitung der neuen Radwelle aus einem kompletten Baumstamm. Foto: Mühlenbau Gottfried Schumann, Mulda.

In der Kanekuhler Kehrradstube musste die alte Radwelle dann aus dem Kehrrad ausgebaut werden. Dafür wurde ein Teil der vorhandenen Besucherbühnen vorübergehend abgebaut und der Museumsbetrieb in diesem Bereich zeitweise eingestellt.

Das Kehrrad konnte auf eine Stützkonstruktion abgesetzt werden, um die alte Radwelle zu entlasten und dann entfernen zu können. Danach zogen die Mühlenbauer die alte Radwelle aus dem Kehrrad.


Stützkonstruktion zum Absetzen das Kehrrades, damit die alte Radwelle demontiert werden konnte. Foto: Weltkulturerbe Rammelsberg

Die neue Radwelle liegt für den Einbau bereit. Foto: Weltkulturerbe Rammelsberg

Für den Transport der neuen Radwelle im Roeder-Stollen wurden spezielle
Transportvorrichtungen gebaut. Foto: Weltkulturerbe Rammelsberg

Die Rekonstruktion der Rekonstruktion

Bereits beim Ausbau der alten Radwelle wurden zusätzliche Schäden durch Fäulnispilze am Radschloss, dass aus Keil- und Viertelstockhölzern besteht und durch den die Radwelle in das Kehrrad geschoben wird, festgestellt. Der Pilzbefall ist stellenweise aufwärts bis in die Haupt- und Sticharme des Kehrrades vorgedrungen. Zur Sicherheit sollten die befallenen Bereiche der Radarme ausgetauscht werden.

Weitere Untersuchungen vor dem Einbau der neuen Radwelle ergaben dann die bittere Wahrheit, dass die Stabilität des gesamten Kehrrades aufgrund des Fäulnispilzbefalls gefährdet ist. Dieses wurde durch ein Holzgutachten bestätigt.

Im letzten Herbst musste dann der ursprüngliche Antrag auf denkmalrechtliche Genehmigung entsprechend abgeändert und die Rekonstruktion des bereits 1996 rekonstruierten Kanekuhler Kehrrades beantragt werden. Da es sich bei der vollständigen Rekonstruktion des Kehrrades um ein neues Projekt handelt, muss das Weltkulturerbe Rammelsberg einen erheblich größeren Eigenmittelanteil aufbringen, um dieses Projekt zu einem erfolgreichen Abschluss bringen zu können.

Zurzeit laufen die Arbeiten zur Demontage des alten Kehrrades und der Rekonstruktion eines neuen Kehrrades. Bis zum Sommer soll der Einbau des neu rekonstruierten Kanekuhler Kehrrades abgeschlossen sein. 

Innerhalb der letzten vier Jahre haben die Arbeiten am Kanekuhler Kehrrad die komplexe Bandbreite der zu Beginn genannten Vorgehensweisen beim Umgang mit Industriedenkmalen quasi im Zeitraffer durchlaufen. Das war in dieser Weise sicherlich ungewöhnlich, aber nicht einzigartig. Viele Industriedenkmale sind ein Konglomerat aus sehr unterschiedlichen Materialien, Techniken und konstruktiven Elementen, die bei der Unterdenkmalschutzstellung nicht alle offensichtlich sind. Erst wenn es gilt, das Denkmal zu erhalten, wird häufig erst die „Büchse der Pandora“ geöffnet. Erst dann bekommt man einen Einblick in die komplexen Zusammenhänge eines technischen Denkmals, dass zunächst als einfach zu beherrschende Konstruktion erscheint, dann aber ein großes Spektrum an bedenkenswerten Herausforderungen preisgibt.    


[1] www.indumap.de/glossar/denkmalbegriff. Letzter Aufruf: 3.03.2021.

[2] Vgl. Hans-Georg Dettmer, „Die meisterhafte Ausführung eines trefflichen Gedankens.“ Der Roeder-Stollen im Rammelsberg, Goslar 2005, S. 20f.


Seemann und Bergmann, zwei gefahrvolle Berufe und ein starkes literarisches Motiv


Dachdecker, Seemann, Bergmann, Kupferstich aus J. B. Basedows Elementarwerk mit den Kupfertafeln von Chodowiecki, Tafel 58 d, 1774,
Sammlung historischer Kinder – Jugendliteratur Uni Göttingen, Seminar für Dt. Philologie

„Es ist doch ein wunderbarer Gegensatz zwischen dem abwechselnden Leben des Seemanns und dem einförmigen des Bergmanns. Mit geschwellten Segeln fliegt jener von Küste zu Küste über das herrliche Meer: lustig wimmelt es in den fremden Häfen von geschäftigen Menschen. Bald bläst ein Sturm, daß die Masten brechen und das Schiff von den starken Wogen wie ein Spielzeug umhergeworfen wird, bald ist es wieder totenstill, und er ruht sich aus hoch oben im Mastkorb und schaut hinaus in den unbegrenzten Raum zwischen Meer und Himmel. Für den Bergmann hingegen gleitet ein Tag wie der andere dahin. Tief unten in dem schwarzen Schacht sitzt er bei seinem Grubenlicht und hämmert das Erz aus dem Berge heraus; still und finster wie hier in seiner Heimat wird es auch in seinem Innern. Nur der Sonntag bringt einige Veränderung; da zieht er sein besseres Kleid an, geht in die Kirche und sieht die Sonne mild in diese und in sein Herz scheinen. Zuweilen kommt er auch nachmittags nach Goslar hinein, hört die Zeitungsneuigkeiten und denkt darüber nach, wie wunderlich die Menschen dort draußen in der Welt umherstürmen; er will vielleicht auch, wenn er noch jung ist, dort hinausfliegen und sich zwischen den andern umhertummeln – aber am Montag sitzt er doch wieder tief unten im Schacht bei seinem Grubenlicht und gebraucht den Hammer, und so geht es fort, bis eine fremde Hand den letzten Hammerschlag auf seinen Sarg tut.“

Dieser einfühlsame Text ist eine Passage aus dem Buch „Reiseschatten“ des berühmten Dichters und Märchenerzählers Hans Christian Andersen. Er schrieb ihn 1837 nach seinem Besuch am Rammelsberg in Goslar.

Der Bergbau war bereits in der Goethezeit (1770-1830) ein beliebtes Thema der Literatur und viele Schriftsteller der Romantik waren ausgebildete Bergbauingenieure, so zum Beispiel Novalis (1772-1801). Und auch das literarisch starke Motiv vom Bergmann und vom Seefahrer und die Gemeinsamkeiten und Gegensätze dieser beiden Berufszweige waren bereits vor Andersen literarisch interessant. Denn die Arbeit in und mit der Natur und deren Gefahren bewirken vielfältige intensive Erfahrungen. Und das Lernen mittels echter Erlebnisse und die daraus gewonnenen Erfahrungen fördern, so Tenor der Zeit, die Persönlichkeitsentwicklung. Die faszinierende Unterwelt verbindet in der Romantik naturwissenschaftliche Forschung und Geologie mit mystischem Erleben und Traumbildern. Der Schriftsteller E. T. A. Hoffmann erdachte 1819 in „Die Bergwerke zu Falun“ die Romanfigur des jungen Seemanns Elis, der jedoch der Seefahrt den Rücken kehrte und ein anständiger Bergmann wurde. Der Gegensatz zwischen Tag und Nacht, Hell und Dunkel, also dem Meer und dem Inneren des Berges, spielt im gesamten Roman eine Rolle.

Und auch Heinrich Heine vergleicht die Naturerlebnisse im Bergwerk und auf dem Meer. Er schrieb 1826 nach seinem Besuch in der Grube Dorothea im Oberharz, im ersten Teil „In den Silberhütten“:

„Wirklich, es war betäubend, das Atmen wurde mir schwer, und mit Mühe hielt ich mich an den glitschrigen Leitersprossen. Ich habe keinen Anflug von sogenannter Angst empfunden, aber, seltsam genug, dort unten in der Tiefe erinnerte ich mich, daß ich im vorigen Jahre, ungefähr um dieselbe Zeit, einen Sturm auf der Nordsee erlebte, und ich meinte jetzt, es sei doch eigentlich recht traulich angenehm, wenn das Schiff hin und her schaukelt, die Winde ihre Trompeterstückchen losblasen, zwischendrein der lustige Matrosenlärmen erschallt und alles frisch überschauert wird von Gottes lieber, freier Luft. Ja, Luft! – Nach Luft schnappend, stieg ich einige Dutzend Leitern wieder in die Höhe, und mein Steiger führte mich durch einen schmalen, sehr langen, in den Berg gehauenen Gang nach der Grube Dorothea.“

Am 25. April 2021 eröffnet am Rammelsberg die Sonderausstellung „Reisen in den Schoß der Mutter Erde“- Montanreisen im Harz. Reiseerinnerung berühmter Literaten wie Hans Christian Andersen oder Johann Wolfgang von Goethe und anderen Reisenden – hinterlassen in Reisetagebüchern, Briefen und Notizen – werden Thema der Ausstellung sein. Sie erzählen von Reisen in den Harz und besonders von „Reisen in den Schoß der Mutter Erde“.

In unserem Blog werden wir nach und nach einzelne Themen dieser Ausstellung beleuchten. Sie dürfen gespannt sein!

(Anm. der Redaktion)

Rammelsberger Sonntags-Matinee vom 31.01.2021

Vortrag: Dr. Katharina Malek und Georg Drechsler – „Die Archäologie des Rammelsberges. Neue Erkenntnisse zum Unbekannten“

Seit 2018 arbeitet ein interdisziplinäres Forschungsteam in Goslar und Clausthal-Zellerfeld an dem Projekt „Altbergbau in 3D. Ein interdisziplinäres Projekt zur Erforschung des montanhistorischen Erbes im Harz“. Das Forschungsprojekt wird für vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) finanziert und hat zum Zeil, mittels modernster Methoden und Techniken neue Einsichten zur Montangeschichte des Harzes zu gewinnen.

In ihrem Vortrag stellen die beiden Archäologen Malek und Drechsler die neusten Erkenntnisse und Untersuchungen zur Archäologie des Rammelsberges vor.

https://www.youtube.com/watch?v=FxV39uuBTq8

Halbzeit in der Grubenführerausbildung am Rammelsberg 2020/2021

Am 1. September 2020 begann die derzeit laufende Ausbildung neuer Grubenführinnen und Grubenführer.

Aufruf zur Ausbildung zum Rammelsberg Grubenführer in der GOSLARSCHEN ZEITUNG vom 2. Juli 2020

18 Kandidatinnen und Kandidaten folgten dem Aufruf des Rammelsberges und starten  in einen knapp zehnmonatigen Kurs, an dessen Ende, nach bestandener Prüfung, die spannende Tätigkeit steht, unseren Gästen auf den Führungen den Rammelsberg zu zeigen.

Als vor fünf Monaten der Kurs begann, spitzte sich die Coronalage ganz langsam wieder zu. Dennoch hinderte es den Kursablauf anfänglich nicht. Die Raumgröße und der gebotene Abstand waren regelkonform und ausreichend. Der Kurs findet jeden Dienstagabend statt und beinhaltet die unterschiedlichsten Themen, wie UNESCO, die Geschichte des Rammelsberges oder bergbauliche Fragen, die in Form von Vorträgen von KollegInnen und auswärtigen ReferentInnen vorgetragen werden. Neben der „grauen Theorie“ ist es die praktische Ausbildung im Berg für die  Führungen durch den Roeder-Stollen und der Grubenbahn der zweite Bestandteil der Ausbildung.

Geplant war, dass man sich in Kleingruppen trifft und im Beisein eines Kollegen möglichst oft die späteren Führungen „durchspielt“ um so die nötige inhaltliche und ortskundige Trittfestigkeit zu erlangen.  Im Oktober war das auch noch möglich, doch dann schlug Corona zu. Mit der Folge, dass man sich nur noch mit einer Personen aus einem anderen Haushalt treffen durfte usw.. Damit verbot sich ein weiteres Treffen des Kurses und Befahrungen in Kleingruppen und der Rammelsberg war ab dem 2. November gezwungen seine Türen bis auf weiteres zu schließen.

Befahrung in Kleingruppen bis November 2020 (Foto: Cornelia Dege)

Zu großem Bedauern aller Beteiligten musste der Kurs vom Rammelsbergsaal in die digitale Welt umziehen. In einem Teil des Internets, der anfänglich auch für uns, um es mit den Worten der Bundeskanzlerin zu sagen: Neuland war – nämlich in Form von Videokonferenzen, die nun die wöchentlichen Treffen ersetzten sollten.
Inzwischen haben mehr virtuelle als reale Treffen stattgefunden, aber dennoch ist es allen Beteiligten gelungen, das hohe Anforderungsniveau  des Kurses zu halten. Beispielhaft hierfür steht das gute bis sehr gute Abschneiden aller Teilnehmer bei einem freiwilligen schriftlichen Zwischentest kurz vor Weihnachten.

Unterricht per Zoom-Meeting (Foto: Rammelsberg)

Für die nächsten Wochen werden die Zoom-Konferenzen das inzwischen bewährte Mittel der Vermittlung bleiben. Aber wie geht es in der praktischen Ausbildung weiter, die seit November brach liegt und bisher nur intensive Befahrungen des Roeder-Stollens beinhaltete? Hierfür planen wir für die nächsten Wochen den Bereich Grubenbahnführungen durch einen Art Videopodcast zu vermitteln. Alles natürlich vor dem Hintergrund so schnell wie möglich wieder in der Lage sein zu können, die Ausbildung tatsächlich und sprichwörtlich bergmännisch korrekt vor Ort fortführen zu können.

„Selbst ganz bekannte Dinge geben im Ausschnitt gesehen vollkommen neue Perspektiven.“ (Albert Renger-Patzsch)

Fotografien von Albert Renger-Patzsch in der Sammlung des Weltkulturerbes Rammelsberg

Von Dr. Johannes Großewinkelmann

Die in der Überschrift zitierte Erkenntnis von Albert Renger-Patzsch gilt bis heute und hat selbst die unvorstellbare Bilderflut des digitalen Zeitalters überlebt. Neue Perspektiven und Blickwinkel schaffen selbst bei einem überaus beliebten Fotoobjekt, wie den Gebäuden des Weltkulturerbes Erzbergwerk Rammelsberg, immer wieder neue Bilder und fotografische Eindrücke. Dabei gehörte gerade die Architektur zu den ältesten Gegenständen der Fotografie, weil Gebäude stillstanden und sie bei den anfänglich langen Belichtungszeiten keine Verwischungen erzeugten.

In den 1920er Jahren entwickelte die Architekturfotografie mit dem am Bauhaus entwickelten `Neuen Sehen´ eine Stilrichtung, die gekennzeichnet war durch harte Anschnitte, technische Genauigkeit bei der Aufnahme, der Entwicklung und Vergrößerung, starke Auf- und Untersichten, Gegenstandstreue sowie Detailhaftigkeit. Der Blick wurde auf Oberflächen, Strukturen und Formen gelenkt, die Bildfläche erhielt eine strenge Ordnung. Doch das `Neue Sehen´ war nicht nur eine Neuorientierung durch neue Perspektiven und den Umgang mit Licht als Gestaltungsfaktor, sondern auch eine thematische Neuorientierung, weil Industriearchitektur als gleichwertiges Thema neben anderen fotografischen Themen eingeführt wurde.

Unter den Architektur- und Industriefotografen steht der Fotograf Albert Renger Patzsch (1897 – 1966) für das Prinzip des ordnenden Blicks. Albert Renger-Patzsch begann Mitte der 1920er Jahre mit dem Fotografieren von Bauwerken und galt schon nach kurzer Zeit als einer der besten Architekturfotografen in Deutschland. Im Dialog mit der gleichzeitig entwickelten `Neuen Sachlichkeit´ in der Kunst erweiterte Albert Renger-Patzsch den reinen dokumentarischen Blick des Industriebildes um einen künstlerischen Ansatz. Er nutzt den Bildausschnitt zur Gestaltung der Fotografie und bezieht dabei die Aufteilung und die Struktur der Fläche in seine Komposition mit ein.[1]

Zahlreiche Unternehmen und Architekten beauftragten ihn, die von ihnen gebauten bzw. entworfenen Bauwerke zu fotografieren. So entstanden schon in den 1920er Jahren Aufnahmen bedeutender Gebäude der zeitgenössischen Industriearchitektur. Das Archiv von Renger-Patzsch und eine Vielzahl seiner Aufnahmen wurden aber 1944 bei einem Wasserschaden im Folkwang-Museum zerstört.

„Da ich nur mit meinem Freund Renger-Patzsch arbeite“[2] – Der Auftrag zur Fotografie der Architektur

Mit der Arbeitsweise von Renger-Patzsch, die ganz wesentlich auf einer Analyse und Komposition der fotografierten Objekte basiert, nimmt er Bezug auf die am Bauhaus propagierte Idee, dass funktionell auch ästhetisch sei. Seine Bildkomposition passte sich nahtlos in Vorstellungen der beiden Industriebaumeister Fritz Schupp und Martin Kremmer ein, die ab Mitte der 1930er Jahre die Architektur der Gebäude des Erzbergwerks Rammelsberg grundlegend neu gestalteten.[3] Sowohl Fotograf als auch Industriearchitekten wollten Anlagen und Maschinen in ihrer Funktion und in ihrer zweckmäßigen Aufstellung sichtbar vorstellen.

Die Entscheidung von Fritz Schupp und Martin Kremmer für den Fotografen Renger-Patzsch basierte sicherlich weniger auf seiner Popularität, die er ab 1928 durch die Veröffentlichung zahlreicher Fotobände erreicht hatte. Aber in diesen Fotobüchern zeigte Renger-Patzsch moderne Industriearchitektur neben historischen Kirchen und älteren Bürgerhäusern und traf damit einen wichtigen Punkt in der Einstellung zum Umgang mit traditioneller und moderner Architektur. 1929 stellten Schupp / Kremmer in ihrer Veröffentlichung `Architekt gegen oder und Ingenieur´ fest: „Wir müssen erkennen, daß die Industrie mit ihren gewaltigen Bauten nicht mehr ein störendes Glied in unserem Stadtbild und in der Landschaft ist, sondern ein Symbol der Arbeit, ein Denkmal der Stadt, das jeder Bürger mit wenigstens ebenso großem Stolz dem Fremden zeigen soll, wie seine öffentlichen Gebäude.“[4]

Außerdem waren 1928 und 1930 zwei Bücher mit Fotographien von Albert Renger-Patzsch erschienen, die sich mit Industrie und Technik als Paradigmen der architektonischen Moderne auseinandersetzten. „Die sachliche Formensprache der beiden Architekten fand ihre Entsprechung in den Fotografien Renger-Patzschs …“[5]

Im Nationalsozialismus stellt Renger-Patzsch weiter aus, veröffentlichte Bücher und nahm zahlreiche Industrieaufträge an. Für die Organisation Todt fotografierte er 1943/44 den Atlantikwall in Frankreich. Er war kein NSDAP-Mitglied, deshalb war es wohl seine Ästhetik der Zeitlosigkeit, die es ermöglichte, dass er auch in den Jahren 1933 bis 1945 weiter fotografieren konnte, während anderen Vertretern des Neuen Sehens und der Neuen Sachlichkeit – meist unter den Vorwürfen des `Kulturbolschewismus´ und der `Entartung´- Berufsverbot erteilt wurde oder sie Deutschland verlassen mussten.[6]

In den 1950er Jahren ließ Fritz Schupp[7] die Tagesanlagen des Erzbergwerks Rammelsberg erneut von Renger-Patzsch fotografieren, um die 1944 zerstörten Fotografien zu ersetzen. Gefragt nach Erwartungshaltungen des Architekten gegenüber den Fotografen sowie nach Details ihrer Zusammenarbeit antwortete Fritz Schupp 1955 der Fotofachzeitschrift `Großbild-Technik´: „Da ich nur mit meinem Freund Renger-Patzsch arbeite, überlasse ich ihm die Wahl des Standpunktes ganz.“[8] Doch der Architekt machte zwei Vorgaben: „Farbphotographien lehnte er vorerst ab und als Staffage komme höchstens ein Mensch – als Maßstab in Frage.“[9]

Abb. 1: Albert Renger-Patzsch: Gesamtansicht der Tagesanlagen des Erzbergwerks Rammelsberg, 1953.
Abb. 2: Albert Renger-Patzsch: Blick von Süd-Westen auf die Gebäude der in den Hang des Rammelsbergs gebauten Erzaufbereitungsanlage, 1953.

Das Projekt „BilderWechsel“: Architekturfotografie von Albert Renger-Patzsch und Stefan Sobotta

Das Weltkulturerbe Rammelsberg konnte mit Fördermitteln des Niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur 2019 einige Fotoaufnahmen von Albert Renger Patzsch vom Erzbergwerk Rammelsberg ankaufen. Der Fotograf Stefan Sobotta hat daraufhin ein Projekt mit dem Titel „BilderWechsel“ initiiert und im letzten Jahr an denselben Orten dieselben Fotografien gemacht wie Albert Renger-Patzsch. In einer kleinen Ausstellung wurden die Bilder von 1953 und 2020 nebeneinander gehängt. Die Orte werden dadurch von zwei Fotografen zu verschiedenen Zeiten erzählt. Es ist nur ein kurzer Ausschnitt der Zeit, ein konservierter Augenblick, der in einer Fotografie erscheint. Das historische Foto von 1953 und das aktuellere Foto von 2020 stehen für sich, doch zusammen erzählen sie im Vergleich eine Geschichte von der Veränderung.[10]

Dieses Erlebnis kann mit moderner Technik noch unmittelbarer vermittelt werden. Am Tag des offenen Denkmals 2020 wurden auf Führungen über das Gelände des Bergwerks auf Tabletts die historischen Fotografien von Albert Renger-Patzsch und die aktuellen Fotografien von Stefan Sobotta übereinander gelegt und konnten dadurch direkt miteinander verglichen werden. Zusätzliche historische Informationen machen den BilderWechsel zu einer lebendigen Geschichte. BilderWechsel schaut hinter die Mauern der gegenwärtigen Ansicht und trägt zum Verständnis des authentischen Ortes bei.

Das Fotoprojekt „BilderWechsel“ wird im Januar 2021 auf der Homepage des Weltkulturerbes Rammelsberg (www.rammelsberg.de) eingestellt. Und ab Mai 2021 wird es auf der Grundlage dieses Fotoprojektes einmal im Monat bis zum September 2021 einen „Architektur-Spaziergang“ über das Gelände am Rammelsberg geben, natürlich nur, wenn die Bestimmungen zur Eindämmung der Corona-Pandemie bis dahin wieder öffentliche Führungen zulassen. 


[1] Vgl zur Fotografie von Albert Renger-Patzsch den Ausstellungskatalog: Heinrich Theodor Grütter (Hg.), Erich Grisar: Ruhrgebietsfotografien 1928-1933, Essen 2016.

[2]Zitiert in: Rolf Sachsse, Bauvolumina und Schlagschatten. Moderne Industriearchitektur und Photographie. In: Wilhelm Busch und Thorsten Scheer (Hg.), Symmetrie und Symbol. Die Industriearchitektur von Fritz Schupp und Martin Kremmer, Köln 2002, S. 195 – 204, S. 197.

[3] Vgl. https://blog.rammelsberg.de/2019/07/fritz-schupp-und-martin-kremmer-die-architekten-der-tagesanlagen-des-erzbergwerkes-rammelsberg-und-die-entwicklung-der-moderne-in-der-industriearchitektur-1918-1933/

[4] Fritz Schupp, Martin Kremmer, Architekt gegen oder und Ingenieur, Berlin 1929, S. 68.

[5] Stefanie Grebe, Präzise, zeitlos und gegenstandsbezogen. Albert Renger-Patzschs fotografische Arbeiten im Ruhrgebiet. In: Stefanie Grebe, Heinrich Theodor Grütter (Hg.), Renger-Patzsch. Die Ruhrgebietsfotografien, Köln 2018, S. 14 – 35, S. 14.

[6] Vgl. ebda., S. 18.

[7] Martin Kremmer war 1945 bei einem Bombenangriff auf Berlin getötet worden.

[8] Zitiert in: Rolf Sachsse, Bauvolumina und Schlagschatten. Moderne Industriearchitektur und Photographie. In: Wilhelm Busch und Thorsten Scheer (Hg.), Symmetrie und Symbol. Die Industriearchitektur von Fritz Schupp und Martin Kremmer, Köln 2002, S. 195 – 204, S. 197..

[9] Ebd.

[10] Vgl. Texte von Stefan Sobotta auf der Seite „BilderWechsel“, die im Januar 2021 auf der Homepage des Weltkulturerbes Rammelsberg (www.rammelsberg.de) veröffentlicht wird. 

Wir freuen uns auf Euch in 2021!

Neujahrsgrüße von Gerhard Lenz (Geschäftsführer/Stiftungsdirektor)

Corona, Kultur und Respektlosigkeit

Die abermalige Schließung der Museen der Bundesrepublik Deutschland am 2. November 2020 war eine politische Entscheidung.

Die musealen Einrichtungen waren nachweislich nicht Orte der Verbreitung von Corona-Infektionen, die Häuser hatten zum Teil über Monate hinweg differenzierte Hygienekonzepte konzipiert und ihren Besucher- und Führungsbetrieb umorganisiert. Neue Führungsformate waren entstanden, Mitarbeiter*innen hatten mit kreativen Ideen den Besuchern nicht nur virtuell neue Horizonte eröffnet und selbst an besonderen Orten, wie den untertägigen Anlagen des Weltkulturerbe Rammelsberg in Goslar, war es aufgrund hoher Investitionen und der Einbringung neuer Lüftungstechnik freier von Aerosolen als in mancher Fußgängerzone.
Trotz dieser – vor dem Hintergrund des Geschilderten – scheinbaren Fehlentscheidung, ist der Beschluss der Bundeskanzlerin und der Ministerpräsidenten der Länder richtig. Bei steigenden Inzidenzen gilt es das Zusammentreffen vieler Menschen an einem Ort zu vermeiden, um die Infektionspotentiale zu minimieren und eine Kontaktbeschränkung umzusetzen.

Wir sollten als Museumsmacher so realistisch sein zu erkennen, dass bei einer hohen Infektionsdichte über kurz oder lang auch wir zu Verbreitungsorten geworden wären; bei beispielswiese bis zu 800 Besuchern täglich am Weltkulturerbe Rammelsberg, hätten auch wir Probleme bekommen die Prozessabläufe auf Dauer auf einem hohem Sicherheitsniveau zu gestalten.

Das heißt, die Museumseinrichtungen der Bundesrepublik Deutschland leisten an dieser Stelle einen solidarischen Beitrag zum Erhalt der Gesundheit der Bürgerinnen und Bürger und zur Aufrechterhaltung der sozialen und wirtschaftlichen Funktionsfähigkeit.
Wer solidarisch handelt, darf allerdings auch Respekt verlangen und erwarten.
Bezüglich ihrer Lockdown Verordnung zum 2. November 2020 benennt die Bundesregierung als zu schließende Bereiche „… Institutionen und Einrichtungen, die der Freizeitgestaltung zuzuordnen sind (…) und ähnliche Einrichtungen“. Museen sind keine Freizeitparke, Fitnesscenter oder Eventlandschaften. Museen sind Träger der Kultur über nationale Grenzen hinweg, sie üben gesellschaftlichen Diskurs ein und vermitteln Werte und Normen. Und sie sind Bildungseinrichtungen – als Welterbestätte wie das Weltkulturerbe Rammelsberg haben sie sogar einen explizierten Bildungsauftrag der Vereinten Nationen. Museen unterscheiden sich also sehr deutlich von Freizeiteinrichtungen beliebiger Couleur.

Rund 7.000 museale Einrichtungen gibt es in der Bundesrepublik Deutschland, sie repräsentieren in ihrer Vielfalt, wie kaum andere Institutionsformen dieser Republik, das vermeintliche Land der „Dichter und Denker“. Jährlich besuchen mehr Menschen die Museen der Republik, als in die Arenen der 1. und 2. Fußballbundesliga strömen. Museale Kultur ist gesellschaftspolitisch solidarisch aber sie verdient eine politische Umgehensweise gemäß ihres gesellschaftlichen Stellenwertes.

Im neuen Infektionsschutzgesetz der Bundesregierung vom 19. November 2020, scheint die „Schräglage zur Kultur“ erkannt worden zu sein. Hier wird ausgeführt, dass die Schließung von kulturellen Orten einer gesonderten Begründung bedürfe, da deren Tätigkeiten grundrechtsrelevant seien.

Ein respektvolles Glückauf sendet Ihnen

Ihr Gerhard Lenz

Vom Ende zum Anfang. Auf der Suche nach der Stunde „Null“ am Ende des Zweiten Weltkriegs

Vom Ende zum Anfang. Auf der Suche nach der Stunde „Null“ am Ende des Zweiten Weltkriegs

Dr. Johannes Großewinkelmann

Die Frage, ob es eine Stunde „Null“ am Ende des Zweiten Weltkriegs gab, ist sicherlich schnell beantwortet: Es gab diese Stunde nicht. Das Leben ging einfach weiter. Doch es gab in Deutschland einen Übergang von der nationalsozialistischen Diktatur in die demokratische Ordnung, vom Krieg in den Frieden, vom KZ-Häftling zum befreiten Menschen, vom Soldaten zum Zivilisten, vom Zwangsarbeiter zum `Displaced Person´, von der Ehefrau zur Witwe, vom Kind zum Kriegsopfer –  die Aufzählung ließe sich noch lange fortschreiben. Wie sah der Übergang zwischen dem Untergang der Diktatur und dem Beginn einer neuen Gesellschaft in Deutschland aus ? Dieser Übergang fand auf ganz vielen Ebenen statt, auf einer gesellschaftlichen genauso wie auf der individuellen Ebene. Ebenso vielfältig ist die Darstellung dieser Übergänge, nicht nur in der historischen Forschung, sondern auch in den Museen oder im Film.   

In den letzten Wochen sind mir parallel, aber unabhängig voneinander, mehrere Darstellungen unterschiedlicher Übergänge, die häufig mit der „Stunde Null“ beschrieben werden, aufgefallen. Eine Darstellung, bei der es sich um einen sehr individuellen Zugriff auf diese „Stunde Null“ handelt, fand ich in der Sammlung des Weltkulturerbes Rammelsberg. Vor einiger Zeit konnten Tagebücher des ehemaligen Rammelsberger Bergmanns Helmut Luft eingesehen und kopiert werden. Die Tagebücher wurden retrospektiv verfasst. Helmut Luft war zum Zeitpunkt des Verfassens bereits über 70 Jahre alt. Die Tagebücher sind deshalb als Lebenserinnerungen zu bewerten.[1]

Allerdings hat Helmut Luft schon während seiner Zeit als Soldat ein besonderes „Kriegstagebuch“ geführt. Auf dieses greift er in seinen später geschrieben Lebenserinnerungen zurück. Die Beschreibung der Kriegszeit ist deshalb von einer stärkeren Authentizität geprägt, als die Schilderung anderer Lebensabschnitte.      

Geboren 1928 in Goslar, hat Helmut Luft zwischen dem 1. April 1942 und dem 29. August 1944 eine Ausbildung zum Bergmann am Erzbergwerk Rammelsberg absolviert. Am 5. Januar 1945 wurde er als Soldat zur Wehrmacht einberufen. Zu seiner Vereidigung als Soldat am 10. Januar 1945 schreibt er in sein Tagebuch: „Vorne auf dem Podest stand ein hoher Offizier und sagte was von Endkampf und das die Feinde nun an Deutschlands Grenzen ständen. Wir Jungen sollten alle auf Flakbatterien verteilt werden. Dafür würden die älteren Soldaten für den Endkampf frei. (…) Die Jungen waren alle so 15 – 18 Jahre alt. Wir waren alle noch jung und glaubten von klein auf, was man uns sagte. (…) Wir dachten wir machen alles richtig.“[2]

Nach einer kurzen Infanterie- und Geschützausbildung wurde Helmut Luft an ein Flakgeschütz in der Nähe von Hannover abkommandiert.  


Zeichnung (2.Mai 1945) von Helmut Luft von der letzten Flakstellung, in der er als Soldat eingesetzt war.
Quelle: Helmut Luft, Tagebücher, Heft 2, S. 61. In: Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg.

Diese Flakeinheit gab am 12. April 1945 wegen der anrückenden amerikanischen Truppen ihre Stellung auf und die Soldaten setzten sich in Richtung ihrer Heimatorte in Bewegung. Helmut Luft marschierte mit sieben Kameraden aus dieser Einheit Richtung Harz. Er schreibt am 13. April 1945 in sein Tagebuch: „Nach ein paar Stunden, wir kamen an einem frisch gepflügten Acker durch, in die erste Furche legte ich meinen Karabiner, mit den Fuss Erde darüber. Die Älteren sagten, `das kannst du doch nicht machen, wenn wir nun auf Deutsche Truppen treffen.´ Ich sagte, `ich gehe nach Hause, da brauch ich keine Waffen. Wir gingen weiter, nach einer halben Stunde schmissen die anderen auch ihr Kram weg. Ich meine Gasmaske auch. Ja, da war uns schon viel leichter.“[3]

Auf dem weiteren Weg trennte sich die Gruppe und Helmut Luft ging mit einem weiteren Kameraden Richtung Goslar weiter. Auf dem Weg wurden sie häufiger angehalten und befragt. Für diese Befragungen hatten sie sich eine Notlüge ausgedacht: „Wir sagten immer dasselbe. Wir hätten beim Bauern gearbeitet in der Lüneburger, der Hof wäre abgebrannt und wollten nach Goslar.“[4]

Nach vier Tagen zu Fuß unterwegs kamen Helmut Luft und sein „Kumpel“ am 16. April 1945 über Jerstedt nach Goslar. Kurz vor Goslar wurden sie durch ehemalige französische Zwangsarbeiter bedroht und mussten mitgeführte Lebensmittel und Zigaretten abgeben. „Nur mein Messer fanden sie nicht. Das habe ich noch heute, ich benutze es jeden Tag beim Essen. Danach gingen wir durch Jerstedt, nach Goslar, es war schon dunkel. Es war Ausgangsverbot. Also auf Umwege weiter. (…) Beide über den Zaun und wir standen auf dem Hof. Es war genau 20.00 Uhr. Ich klopfte und klingelte ein paarmal, dann rief Klaus (sein Bruder, J.G.) von oben `wer ist denn da´. Ich sagte, `hier ist Helmut´. Klaus war damals 4 Jahre alt. Er sagte `Helmut ist nicht da, der ist bei der Flak´. Dann kam meine Mutter runter und ließ uns rein. Alle waren froh, dass ich wieder da war und ich auch. Meine Mutter machte Bratkartoffeln und wir beide hauten rein wir hatten ja den ganzen Tag noch nichts gegessen.“ (…) Ich wollte den ganzen Tag auf dem Sofa liegen. Man durfte sowieso nicht raus. Die Tommys (englische Soldaten, J.G.) fuhren überall Streife. Ich war ja praktisch ein Fahnenflüchtiger. Es war ja immer noch Krieg. Am 3. Tag bin ich dann doch aufgestanden. Meine Eltern sagten, dass Goslar schon am 10. April besetzt wurde. Mittag um 13 Uhr ist der Feind von Astfeld kommend in Goslar eingerückt. Zur gleichen Zeit rückten die letzten (deutschen, J.G.) Soldaten und der Volkssturm durchs Wintertal in den Harz.“[5]

Nachdem Helmut Luft in seinem Tagebuch noch einige Anmerkungen über den weiteren Verlauf des Krieges in der Region macht, beschreibt er die familiäre und seine persönliche Situation beim Übergang von der Kriegs- in die Friedenszeit: „Ja bei uns zu Hause war es gar nicht einfach. Wir hatten ja (…) keine Lebensmittelkarten. Es gab tagelang nur was mit Kartoffeln. Ausgang war von 11.00 bis 12.00 Uhr. Meine Mutter ging dann immer zum Kaufmann, wenn es was gab. Anfang Mai ging ich mit zum Einwohnermeldeamt wegen der Neuen Marken. Ich habe in der ersten Zeit viel gezeichnet. Meistens aus unserer Stellung  (Flakstellung, J.G.) bei Neuloh. Habe die Bilder hier mit ins Heft geheftet. Am 8. Mai war der Krieg vorbei. Die Sieger haben die Nacht mit Leuchtspurmuni. – und alles was knallte rumgeballert. Die Nacht konnten wir alle nicht schlafen. (…) Es war eine ganz schlechte Zeit. Aber Ende Mai ging es am Rammelsberg wieder los. Deutschland brauchte Metall für den Wiederaufbau.“ [6]


Aus der Erinnerung hat Helmut Luft dieses Bild im April 1946 von den bei einem Bombenangriff zerstörten Unterkunftsbaracken gezeichnet, in denen er als Soldat einer Flakeinheit untergebracht war.

Selbst nach über 50 Jahren muss Helmut Luft beim Schreiben der Tagebucheintragungen zu der Kriegszeit emotional sehr ergriffen gewesen sein, denn er unterbricht seine Niederschrift einmal für mehrere Wochen und schreibt am Ende des Kapitels über die Kriegszeit „Ob ich nochmal weiter schreibe weiss ich noch nicht !!!“ [7] Doch Helmut Luft setzt seine Lebenserinnerungen fort und schreibt noch weitere ca. 700 engbeschriebene DinA-5-Seiten voll.

Handschriftliche Gliederung der einzelnen Hefte des Tagebuchs von Helmut Luft.

In Vorbereitung auf einen Lehrauftrag am Historischen Seminar der Leibniz Universität Hannover zum Thema „Montanindustrie im Nationalsozialismus. Das Erzbergwerk Rammelsberg“, den ich im Sommersemester 2020 mit Prof. Dr. Karl-Heinz Schneider durchgeführt habe, las ich die Publikation des englischen Historikers Ian Kershaw „Das Ende. Kampf bis in den Untergang. NS-Deutschland 1944/45.“[8] Ian Kershaw untersucht die Endphase des Zweiten Weltkriegs unter der Frage: Warum kämpften die Deutschen bis zum bitteren Ende weiter?  Dabei betrachtet er insbesondere die Motive in den höchsten politischen und militärischen Führungskreisen, auf die in den letzten Monaten des Krieges der unbedingte Wille zum Durchhalten basierte. Ausführlich beschreibt Kershaw das Verhalten der Führungsriege um Adolf Hitler und der militärischen Führung an den verschieden Frontabschnitten in den letzten Monaten, Wochen und Tagen vor der Kapitulation. Er betrachtet damit im Gegensatz zu den oben vorgestellten Tagebucheintragungen eines einfachen, jungen Soldaten, eine ganz andere Ebene, die der verantwortlichen Täter.

Neben vielen Aspekten, die Ian Kershaw im Einzelnen erforscht, kommt er zu einem sehr grundsätzlichen Fazit in Bezug auf das Ende der Diktatur und des Krieges und damit auf die Schaffung eines neuen Anfangs: „Zuerst ist zu sagen, dass die Bevölkerung, anders als manchmal behauptet wird, nicht bis zum Ende hinter Hitler und dem NS-Regime gestanden hat. (…) Wenig spricht für die Auffassung, die `Volksgemeinschaft´ habe weiterhin Zusammenhalt stiftend und als integrative Kraft hinter den Kriegsanstrengungen gestanden. In Wahrheit hatte sich die hoch gepriesene `Volksgemeinschaft´ schon lange aufgelöst; nun galt: Es rette sich wer kann.“[9]

Doch die meisten Deutschen kämpften weiter und verlängerten damit das alltägliche Leid, denn sie wollten keine Besatzung Deutschlands und schon gar nicht durch die gefürchteten Russen.[10] Damit hielt aber auch der Terror, den das NS-Regime mit immer menschenverachtender Brutalität gegen die eigene Bevölkerung ausübte, weiter an. Der Terror des Regimes nach innen und die Furcht vor einer Besatzung zögerten das Ende deshalb so dramatisch hinaus. Als die Herrschaft des NS-Regimes in den letzten Monaten, Wochen und Tagen zusehends zerfiel, lief es Amok. Bis in die Provinzen nahmen Parteifunktionäre die Dinge mit brutalsten Mitteln selbst in die Hand und schickten unzählige Menschen zur sinnlosen Verteidigung von Dörfern, Städten oder Anlagen in den Tod.[11] 

Diese Bedingungen des lange herausgezögerten Endes bestimmten dann den Anfang der neuen deutschen Gesellschaft nach dem 8. Mai 1945 in beispielloser Weise. Eine kleine Fernsehserie mit dem Titel „Im Schatten der Mörder – Shadowplay“, die vor einigen Tagen im ZDF zu sehen war, greift diese Übergänge, die Menschen am Ende des Krieges machen mussten, anhand fiktiver Geschichten auf. Max McLaughlin (Taylor Kitsch) soll 1946 im kriegszerstörten Berlin in der amerikanischen Besatzungszone eine Polizeieinheit aufbauen. An seiner Seite steht die deutsche Polizistin Elsie (Nina Hoss) mit ihrer „Hilfstruppe“ aus unbewaffneten Frauen und alten Männern. Ziel der beiden ist es, den „Engelmacher“ (Sebastian Koch) zu Fall zu bringen, der vergewaltigten Frauen hilft und sie darüber in sein kriminelles Schwarzmarktimperium rekrutiert. Gleichzeitig will Max seinen Bruder Moritz (Logan Marshall-Green) stellen, der einen tödlichen Privatkrieg gegen entflohene Naziverbrecher führt.

Mit den Mitteln des Spielfilmgenres wird an vielen Stellen in diesem Thriller nicht nur deutlich, wie Menschen aus der Vergangenheit des NS-Regimes eine Last in die neu aufzubauende Gesellschaftsordnung mitnehmen, sondern wie auch die politischen Verhältnisse in den vier Besatzungszonen in Berlin ein Jahr nach Kriegsende noch von den Bedingungen des Kriegendes definiert werden.

Einen völlig anderen Zugang zum Thema wählten im Sommersemester die Studierenden des oben genannten Seminars an der Leibniz Universität Hannover. Durch die Bedingungen zur Eindämmung der Corona-Pandemie als Online-Seminar angelegt, bot sich die Chance, eine intensivere Auswertung von historischem Quellenmaterial vorzunehmen. Es wurden Monats- und Jahresberichte des Erzbergwerks Rammelsberg aus den Jahren von 1939 bis 1952 aus dem ehemaligen Betriebsarchiv der PREUSSAG ausgewertet. Die Auswertung der Berichte konzentrierte sich auf die Übergänge vom Frieden 1938 in den Krieg nach dem 1. September 1939 und auf den Übergang vom Krieg in den Frieden ab April / Mai 1945. Exemplarisch möchte ich einige Aspekte aus den Monatsberichten vom April bis Juni 1945 aufgreifen. Diese Monatsberichte verfasste der damalige Betriebsleiter Wolfgang Huber[12], seit 1937 Mitglied der NSDAP und seit Herbst 1940, nach seiner Beteiligung als Unteroffizier bzw. Feldwebel am Überfall auf Polen und Frankreich, war er Betriebsdirektor des Erzbergwerks Rammelsberg. Wolfgang Huber wurde verantwortlicher Leiter für den Ausländereinsatz, also für den Einsatz der ausländischen Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen am Erzbergwerk Rammelsberg.

Die Monatsberichte richtete der Betriebsdirektor an seinen Vorgesetzten, Dr. Hans-Hermann von Scotti[13], der in der Unterharzer Berg- und Hüttenwerke GmbH als Tochtergesellschaft der PREUSSAG für den Bereich Bergwerke zuständig war. In dem Monatsbericht vom April 1945 heißt es zur Lage des Erzbergwerks Rammelsberg kurz nach Ende des Krieges[14]: „ Im Laufe des 10.4. wurde Goslar durch Einheiten der amerikanischen Armee besetzt. Die Besetzung wurde durch Auslösung von Luftlandealarm gegen 13.45 Uhr bekanntgegeben. Kurz darauf strömten größere Mengen der Bevölkerung zum Werk, um hier Schutz zu suchen für den Fall, dass Kampfhandlungen in der Stadt stattfanden. Mehrere hundert Leute wurden in der Richtschacht- und Bergeschachtstrecke sowie in den Luftschutzräumen unter Tage untergebracht. Nachdem sich herausgestellt hatte, dass nennenswerte Kampfhandlungen in der Stadt nicht erfolgten, verliess die Bevölkerung zwischen 15 und 16 Uhr wieder das Werk.

Der Gruben- und Aufbereitungs- und Tagesbetrieb wurde im Laufe des 10. eingestellt. Mit einer kleinen Notbelegschaft des Maschinenbetriebes konnte jedoch während des ganzen Monats die Wasserhaltung weiterbetrieben werden, da die Stromversorgung sowohl von Oker als auch vom Oberharz her nicht unterbrochen war.“[15]

Nachdem ein Teil der einheimischen Bevölkerung den Tag der Befreiung von der nationalsozialistischen Herrschaft mit wohlwollender Duldung der Betriebsleitung im Schutz der Grubenräume des Erzbergwerks Rammelsberg verbracht hatte, konnte der Betriebsdirektor Huber die Reaktionen einer großen Mehrheit der ausländischen Zwangsarbeiter an diesem Tag nicht verstehen. Er schreibt dazu in seinem Monatsbericht: „Grosse Schwierigkeiten entstanden durch die Ausländer. Die Stadtverwaltung hatte noch am 9.4. den Abtransport sämtlicher Ausländer angeordnet. Gleichzeitig erging durch die Kreisleitung der NSDAP der Auftrag an den unterzeichneten Werksleiter, sämtliche verfügbaren Gefolgschaftsmitglieder, insbesondere alle Ausländer, zum Bau von Strassensperren zur Verfügung zu stellen. Infolgedessen war es nicht möglich, die Fremdarbeiter abzutransportieren.“[16] Wolfgang Huber folgte hier den Anweisungen der Partei und riskierte im Angesicht der amerikanischen Besetzung das Leben der Zwangsarbeiter, in dem er diese zum Bau von Straßensperren eingesetzt hätte. Dazu kam es dann nicht mehr.

Dass die befreiten Zwangsarbeiter nach dem 10. April 1945 nicht mehr so bereitwillig den Anweisungen der Betriebsleitung folgten, notierte Huber fast schon mit Erstaunen: „Neben den rd. 330 bereits seit längerer Zeit am Werk beschäftigten Ausländer, wurden am 11. des Berichtsmonats dem Werk 440 ehemalige sowjetische Kriegsgefangene zur Unterbringung und Verpflegung zugeführt. Sie wurden zunächst in der leerstehenden ehemaligen Hilfskaue untergebracht. Schon bald jedoch drangen sie (…) in das Verwaltungsgebäude ein, belegten hier sämtliche Räume und zerstörten die Büroeinrichtung sowie das Aktenmaterial nahezu restlos. Auch in den Werkstätten wurde insbesondere durch Entwendung des Handwerkszeuges grösserer Schaden angerichtet, gestohlen wurde unter anderem sämtliches vorhandene Filtertuch, rund 750 m. Außerdem verwehrten die Ausländer sämtlichen deutschen das Betreten des Werkes, sodass die Notbelegschaft grössere Schwierigkeiten bei der Erledigung ihrer Arbeiten hatte.“[17]

Aus dem Monatsbericht des Betriebsdirektors Huber wird deutlich, dass er sich der Verbrechen, die er im Rahmen der NS-Herrschaft an den ausländischen Arbeitskräften vor Ort am Erzbergwerk Rammelsberg verübt hat, in keiner Weise bewusst war. Huber bleibt bis in den Mai 1945 noch Werksleiter und muss in den Tagen nach dem Einmarsch der amerikanischen Truppen am 10. April in einer Situation aus plötzlich fehlender Unterstützung durch einen Parteiapparat und aus massivem Autoritätsverlust gegenüber seiner Person einen Notbetrieb des Erzbergwerks aufrecht erhalten, bis die amerikanische Militärregierung am 12. Juni 1945 die Wiederaufnahme der Erzförderung genehmigt.[18] Am 23. Juni 1945 wurde Wolfgang Huber als Betriebsdirektor des Erzbergwerks Rammelsberg von der britischen Militärregierung[19] vom Dienst suspendiert und gegen ihn ein Entnazifizierungsverfahren eingeleitet. Gleichzeitig aber griff die britische Besatzungsmacht auf die bergmännische Kompetenz des ehemaligen Betriebsleiters zurück und setzte Huber wieder als Direktionsassistenz bei den Unterharzer Berg- und Hüttenwerken ein. Nach einem über zwei Jahre sich hinziehenden Untersuchungsverfahren wurde Huber 1947 in die Kategorie II eingestuft, d.h. er galt weiterhin als belastet, als schuldiger Aktivist und Nutznießer des NS-Regimes. Insbesondere waren mit seiner Zustimmung als Betriebsdirektor drastische Strafen gegen Zwangsarbeiter verhängt worden. Das machte ihn zum Mittäter des NS-Systems. Huber zeigte weder direkt nach dem 10. April 1945, als die amerikanischen Truppen in Goslar einmarschierten, noch Jahre später Einsicht in sein verbrecherisches Handeln.

Die vorgestellten Darstellungen vom Ende des diktatorischen NS-Systems und dem Anfang einer neuen gesellschaftlichen Ordnung nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs, diese Suche nach der häufig als „Stunde Null“ bezeichneten Übergangsphase, hat viele Facetten gesellschaftlicher und individueller Umbrüche gezeigt. Häufig steckten sowohl auf gesellschaftlicher, als auch auf individueller Ebene in den Umbruchsprozessen noch Elemente des Vorhergehenden, die entscheidend nicht nur das Zukünftige, sondern auch den Weg in diese Zukunft geprägt haben. Auch deshalb wirkt die Geschichte der nationalsozialistischen Diktatur noch mehrere Generationen nach ihrem Ende weiter auf die Menschen ein.     


[1] Die Tagebücher wurden dem Weltkulturerbe Rammelsberg von Dieter Luft zur Verfügung gestellt. Hierfür gilt ihm ein besonderer Dank. 

[2] Helmut Luft, Tagebücher, Heft 2, S.39 und 60. (Reproduktion) In: Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg. 

[3] Helmut Luft, Tagebücher, Heft 3, S. 59 f. (Reproduktion) In: Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg.

[4] Helmut Luft, Tagebücher, Heft 3, S. 65. (Reproduktion) In: Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg.

[5] Helmut Luft, Tagebücher, Heft 3, S. 67 ff. (Reproduktion) In: Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg.

[6] Helmut Luft, Tagebücher, Heft 3, S. 71 ff. (Reproduktion) In: Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg.

[7] Helmut Luft, Tagebücher, Heft 3, S. 73. (Reproduktion) In: Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg.

[8] Ian Kershaw: Das Ende. Kampf bis in den Untergang. NS-Deutschland 1944/45, München 2013.

[9] Ebda., S. 527 f.

[10] Vgl. ebda., S. 528. 

[11] Vgl. ebda., 530.

[12] Wolfgang Huber, Jahrgang 1901, war in Bernburg an der Saale aufgewachsen. Er studierte nach dem Abitur in Tübingen und an der Technischen Hochschule in Berlin Bergbau. In einer schlagenden Studentenverbindung handelte sich der Student einen Schmiss am rechten Mundwinkel ein. 1928 trat er als Bergassessor bei der PREUSSAG ein. Vgl. Bernhild Vögel, „Wir waren fast noch Kinder“. Die Ostarbeiter am Rammelsberg, Goslar 2003, S. 107 f.

[13] Dr. Hans-Hermann von Scotti war in den Unterharzer Berg- und Hüttenwerken seit 1933 zuständig für die Bergwerksbetriebe. Er war seit dem 1. Mai 1933 Mitglied der NSDAP und übernahm von 1934 bis 1937 auch den Posten des Betriebsdirektors am Erzbergwerk Rammelsberg. Hans-Hermann von Scotti war als Mitglied der Direktion der Unterharzer Berg- und Hüttenwerke insbesondere über alle Maßnahmen zur Bestrafung von ausländischen Zwangsarbeitern informiert. Seine Unterschrift findet sich auch unter einem Schießbefehl an die Wachmannschaft des sogenannten Ostarbeiterlagers. Sie sollten sofort schießen, wenn Zwangsarbeiter ohne Berechtigung das Lager verließen. Vgl. Bernhild Vögel: „Wir waren fast noch Kinder“. Die Ostarbeiter vom Rammelsberg. Goslar 2003, S. 118.

[14] Am 10. April 1945 wurde Goslar durch amerikanische Truppen besetzt.

[15] Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg. Monatsberichte des Erzbergwerks Rammelsberg an die Unterharzer Berg- und Hüttenwerke 1939 bis 1952. Monatsbericht für den April 1945, S. 1.

[16] Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg. Monatsberichte des Erzbergwerks Rammelsberg an die Unterharzer Berg- und Hüttenwerke 1939 bis 1952. Monatsbericht für den April 1945, S. 1.

[17] Ebda., S. 1 f.

[18] Vgl. Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg. Monatsberichte des Erzbergwerks Rammelsberg an die Unterharzer Berg- und Hüttenwerke 1939 bis 1952. Monatsbericht für den Juni 1945, S. 1.

[19] Ende Mai rückten die amerikanischen Truppen aus Goslar ab und eine britische Militärregierung übernahm die Neustrukturierung und Demokratisierung aller Bereiche des zivilen Lebens im Braunschweiger Land.  

30 Jahre Museum am Rammelsberg: Erinnerungsort und Filmkulisse

Genau genommen ist es bereits 32 Jahre her, dass ein Museum am Rammelsberg ins Leben gerufen wurde. Mit breitem öffentlichem Disput war schon seit den frühen 1980er Jahren die Notwendigkeit formuliert worden, die Rammelsberger Anlagen zu erhalten und der Öffentlichkeit museal zugänglich zu machen. Wenige Wochen nach dem Ende der Erzgewinnung gründete der Rat der Stadt Goslar tatsächlich eine Trägergesellschaft für das Haus, das im Oktober 1990 als „Rammelsberger Bergbaumuseum“ seine Türen für das Publikum öffnete. Die Entwicklung der darauf folgenden Jahre findet sich verschiedentlich in Veröffentlichungen des Museums und bleibt an dieser Stelle unberührt.

Beleuchtet sein ein anderer Aspekt der öffentlichen Wahrnehmung: die Filmkulisse Rammelsberg. Von Dokumentationen und Berichten abgesehen, spielte der Rammelsberg als Objekt seiner selbst in den Ergebnissen filmischen Schaffens bisher in keinerlei Rolle, und mitunter taucht er im Fernsehen oder auf der Kinoleinwand so stark verfremdet auf, dass selbst gestandene Rammelsberg-Besucher genau hinschauen müssen, um Altbekanntes . zu entdecken.

„Böse Wetter“ hieß eine Produktion des Mitteldeutschen Rundfunks aus dem Jahr 1999. Ermittler des „Polizeiruf 110“ waren in Bad Grund aktiv und auch am Rammelsberg. Dessen Tagesanlagen waren eindeutig erkennbar, ebenfalls die Straßenzüge in Goslar, das allerdings den Zuschauern als Städtchen Leimerode vorgestellt wurde. Im „Geheimnis im Wald“ des ZDF wurde das Erzbergwerk 2007 zur Brauerei in dem fiktiven Harzort Michenbach. Beide Fälle konnten, wenn auch mit Verzögerung, gelöst werden.

Eine Lösung ganz anderer, nämlich technischer Art realisierte das Team des Kölner TV-Unternehmens Zeitsprung 2003. „Das Wunder von Lengede“, basierend auf dem Grubenunglück von 1963, fand weitgehend in der Aufbereitungsanlage am Bollrich statt. Dort wurde u.a. der damalige Wassereinbruch in der Eisenerzgrube Mathilde in Lengede nachgestellt, mit dem Ergebnis, dass täglich nach Drehschluss 300.000 Liter Wasser durch einen nachgebauten Stollen stürzten: ein beeindruckendes Erlebnis, an dem auch Mitarbeiter und Grubenführer des Rammelsberges teilhaben durften.

Das Wunder von Lengede – Filmaufnahmen 2003 Wassereinbruch am Bollrich

Bedrückend dagegen waren die Untertage-Szenen in Heinrich Breloers Film „Speer und er“, der das Verhältnis zwischen Adolf Hitler und seinem Rüstungsminister Albert Speer thematisiert. Um das gewaltige Heer von Zwangsarbeitern darstellen zu können, die bei Nordhausen untertägig für „des Führers Wunderwaffe“ schuften, leiden und sterben mussten, wurden in Goslar und Umgebung zahlreiche Komparsen akquiriert. Reste des Strohlagers, auf dem die Darsteller sich ausbreiteten, fanden sich noch Jahre später in den Tiefen des Berges.

Drehtag „Speer und er“ am Rammelsberg, 10. Mai 2004

Abschließend sei noch dasjenige Filmereignis erwähnt, an das sich viele Goslarer bis heute erinnern mögen, weil auch einige Straßenzüge der Altstadt zur Kulisse umgewandelt worden waren: George Clooneys „The Monuments Men“ war 2012 das überragende Thema in den regionalen Medien. Am Rammelsberg selbst schuf das Bau-Team der Zweiundzwanzigste Babelsberg Film GmbH unter- und übertägige Kulissen, deren Optik von den Originalen kaum zu unterscheiden war. Bei allem Hype um die anwesenden Weltstars vor Ort – außer Cloony auch John Goodman, Matt Damon, Bill Murry und anderen – hielt sich das Bedauern, dass sämtliche Goslar-Szenen dem Filmschnitt zum Opfer fielen, in Grenzen.

George Clooney und sein Team in der Lohnhalle am Rammelsberg, 2012