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Authentizität und Virtualität

Schön, dass wir uns wieder mit Ihnen als reale Personen treffen können.

Monate der Schließung liegen hinter uns. Wochen der Kurzarbeit für viele Kolleginnen und Kollegen. Und ein Museum, das zahllose Tage keinen Besucher gesehen hat.

Wir sind mit Ihnen in Verbindung geblieben, allerdings war dies über lange Zeit nur virtuell möglich. Digitale Ausstellungseröffnungen, Diskussionsveranstaltungen und Projektpräsentationen im Netz, Infobriefe und Newsletter und einen kontinuierlichen Gesprächsfaden in den sozialen Medien.

Seit Mitte März können Sie unser Welterbe wieder mit eigenen Augen anschauen, die Moderation durch unsere Grubenführer live hören und die authentischen Orte unter Tage besuchen.

Das Weltkulturerbe Rammelsberg ist wieder das, was es ist: Ein authentischer Ort, der nur durch unmittelbarer Begegnung wirklich erfahrbar ist.

Von März bis Mai dieses Jahres haben Sie unserer Kulturangebote nur sehr verhalten angenommen. Fehlende Rahmenbedingungen im Hotel- und Gastronomiegewerbe sowie eine tagesaktuelle Testpflicht haben sicher das Ihrige dazu beigetragen.

Umso mehr freuen wir uns, dass Sie seit Anfang Juni wieder so zahlreich zu uns kommen. Ja, wir müssen uns auch weiterhin an Abstandsregeln und Maskenpflicht halten. Ja, die Gruppengrößen unter Tage sind kleiner und nicht alle Bereiche können in den Tiefen des Berges besichtigt werden.

Aber wir haben vieles für Sie vorbereitet. Die neue Sonderausstellung „Reisen in den Schoß der Mutter Erde- Montantourismus im Harz“ präsentiert Ihnen beispielsweise den Harz in der Wende vom 19. in das 20. Jahrhundert, die Besucherbahn fährt in offenen Wagen in den Berg und auch im Roeder-Stollen wird sich ab Mitte Oktober das große Wasserrad, das Kanekuhler Kehrrad, wieder für Sie drehen.

Wir sind uns einig, Kultur ist mehr als ein gesellschaftliches Ad-On, sie ist die Basis eines gemeinsames Werte- und Handlungshorizonts.

Kulturelle Aktivitäten befrieden Wissen, Neugier und den Wunsch nach Begegnung mit anderen Menschen und Ideen. Kultur ist eine Brücke zu vergessenem „Bekannten“ und zu uns gänzlich scheinbar fremden Ausdrucksformen und Objekten.

Kultur hinterfragt den uns allen innewohnenden Egoismus – jeden Tag ein bisschen.

Sowohl die Corona-Krise als auch die jüngste Flutkatastrophe im Westen Deutschlands lässt uns den Verlust von selbstverständlich geglaubter Sicherheit fühlen. Verhaltensweisen, die nie in Frage standen, müssen revidiert werden, gewohnte Umgangsformen und Umwelten lösen sich gleichsam auf.

Viele von uns reagieren darauf mit einem Forderungskatalog an die Organisationen von Staat und Gesellschaft und mit dem Drang ihr eigenes egoistisches Modell des persönlichen Glücks so weiter zu leben, wie sie es für richtig halten.

Ob Hochwasser oder Corona, beide Krisen erfordern zu ihrer Überwältigung die grundsätzliche Bereitschaft jedes einzelnen zum Lernen und zu Veränderung.

Die Bewahrung gesellschaftlicher Solidarität ist in ihren Grundlagen ein Langzeitprojekt, das den authentischen Menschen erfordert.

Welterbe sein ist genau in diesem Kontext unser Bildungs- und Vermittlungsauftrag.

Seien Sie willkommen zum Dialog.

Bilder vom Harz – Zwei Maler der Romantik und der aufkommende Tourismus

In der Sonderausstellung „Reisen in den Schoß der Mutter Erde – Montantourismus im Harz“ präsentieren wir im fünften von insgesamt neun Museumsräumen mit unterschiedlichen Themenschwerpunkten, Originale, Drucke und Reproduktionen der Maler Friedrich Wilhelm Saxesen (*1792 – †1850) und Wilhelm Ripe (*1818 – †1885).

Beide Maler veräußerten ihre Kunstwerke an Reisende, nicht nur die Originale, sondern vor Allem die kostengünstigen und leichter zu transportierenden Drucke. Denn der nahezu unendlich zu vervielfältigende Stahlstich hatte Anfang des 19. Jahrhunderts endgültig die Drucktechnik des Kupferstichs abgelöst.

Wilhelm Ripe

Der Maler Wilhelm Ripe stammte aus Hahnenklee und ging in Clausthal zur Schule. Zu seinem Repertoire gehörten Gemälde von Städten und Landschaften des Harzes. Ripe malte diese Szenerien vor und der Stecher Albert Schule übertrug die Gemälde auf die Stahlplatte. Besonders durch die Sommerfrischler, Reisende, die über den Sommer der Enge der Städte entflohen, war die Nachfrage nach Souvenirs angewachsen. Also druckte und verkaufte die Goslarer Kunstanstalt und Verlags-Buchhandlung Ed. Brückner Ripes Stahlstiche einzeln oder als Mappe in sogenannten „Harz-Alben“, aber auch Briefpapier, Carte de Visite (Bildkärtchen) oder bedruckte Notizbücher fanden reißenden Absatz bei den Touristen.

Ripes Kunstwerke wirken wie spontan vor Ort skizzierte und später detailgetreu und sorgfältig ergänzte Momentaufnahmen, da sie häufig mit den in der Landschaft oder im städtischen Raum wirkenden Menschen bevölkert sind. Doch jedes Bild von Ripe wurde sorgfältig komponiert, ist oft inhaltlich vielschichtig und konstruiert nach dem „Goldenen Schnitt“. So kann der Bildbetrachter verschiedene Perspektiven einnehmen, sowohl kompositorisch, als auch inhaltlich.

Das Polstertal, Wilhelm Ripe, Sammlung Stadtarchiv Goslar

Der damals in der Regel wohlhabende Reisende kann sich selbst in den Bilder wiederfinden, häufig kontrastiert mit Menschen aus der Harzer Arbeitswelt. So finden sich beispielsweise bei genauerem Hinsehen auf einem Stahlstich des Polstertals bei Altenau sowohl Touristinnen beim Vergnügen auf einer Wiese, als auch die einheimischen Kiepenfrauen, die in ihren Kiepen auf dem Rücken Waren transportieren. Diese Frauen waren häufig mit Bergmännern verheiratet und konnten so für ihre Familie einen einträglichen Nebenerwerb erwirtschaften. Auch trugen sie neben diversen Waren die Taschen und die Ausrüstungen der Harzreisenden.

Die bergbauliche Blütezeit im Harz war zwar im 19. Jahrhundert vorüber, doch am Rammelsberg wurde 1856 ein neues Erzlager entdeckt. Grundsätzlich waren jedoch auch in Goslar die zusätzlichen Einnahmen durch die Reisenden sehr willkommen, da die Bergleute nicht gut verdienten und jedes Nebeneinkommen willkommen war. Der Maler Ripe zeichnete auch die Arbeitswelt des Bergbaus und achtete bei seinen Gemälden auf eine genaue Darstellung der Bergbautechnik und den dazugehörigen Tätigkeiten. Auf vielen Bildern dieses Genres herrscht eine gedrückte Stimmung und auf dem Gemälde „Streckeneinsturz“ kommt neben der Schwermut das Gefühl der Bedrohung hinzu: Nach dem Unglück sind die vom Maler dargestellten Bergleute verschüttet worden. Es ist ein dramatisches Geschehen mit umgestürztem Grubenwagen und Verletzten. Aber sie sind bereits versorgt worden und die Grubenlampen spenden Licht im Dunkel. Es gibt Hoffnung, denn Rettung naht von den über Tage herbeigeeilten Bergleuten. Einer der Eingeschlossenen hat sie bereits bemerkt, während ein anderer noch auf den Knien um Rettung fleht. Ein vielschichtiges Bild, das die täglich vorhandene Gefahr dieser Arbeitswelt und den Zusammenhalt einer gezwungenermaßen verschworenen Gemeinschaft vortrefflich beschreibt. Das Bild gehört zu insgesamt 12 Darstellungen von Stahlstichen zum berg- und hüttenmännischen Arbeiten und Leben, die Ripe zur Bildmappe „Brückners Harz-Berg-Album“ zusammenstellte.

Streckeneinsturz, Wilhelm Ripe, Fotografie der Zeichnung von Zirkler, Sammlung Oberharzer Wasserwirtschaft

Der Künstler wurde also „Chronist“ des damaligen Alltags- und Arbeitslebens des Harzes. Und die Touristen honorierten die qualitativ hervorragenden Drucke. Denn die romantischen, doch detailgetreu gezeichneten Harzszenen verkauften sich gut. Leider bekam der Maler selbst nur einen geringen Lohn und musste an verschieden Goslarer Schulen als Kunstlehrer arbeiten.

Wilhelm Saxesen

Der ursprünglich aus Holstein stammende und später in Clausthal lebende Maler Wilhelm Saxesen gilt heute als einer der wichtigsten Künstler zur Flora und Fauna des Harzes, außerdem schuf er zahlreiche Landschaftsansichten, die, wie die Bilder von Ripe, in Büchern veröffentlicht wurden. Eines der bekanntesten dieser Bücher ist die große Harzmonografie von Dr. Christian Zimmermann: „Das Harzgebirge in besonderer Beziehung auf Natur und Gewerbskunde geschildert – Ein Handbuch für Reisende und Alle, die das Gebirge näher kennen zu lernen wünschen, mit Nachweisungen über Naturschönheiten – In Verbindung mit Freunden unternommen von Dr. Christian Zimmermann“, Darmstadt, Druck und Verlag von Carl Wilhelm Leske, 1834, Kupferstiche von Friedrich Wilhelm Saxesen.

Der Autor Christian Zimmermann schreibt: „In Rücksicht der Auswahl der Landschaftsbilder, die zu diesem Buche gehören, könnte getadelt werden, dass sie vorzüglich dem Oberharze entnommen sind. Es ist dieß aber mit Absicht geschehen, da die schönen Gegenden des Vorharzes und Harzrandes schon vielfach zu künstlerischen Unternehmungen gedient haben, und bei der getroffenen Auswahl wenig bekannte Aussichten und Ansichten geliefert werden sollten.“

Von 1826 bis 1842 unterrichtet Friedrich Wilhelm Saxesen als Zeichenlehrer an der Berg- und Forstschule. Hier lernte er auch den Bergsekretär Zimmermann kennen, ebenfalls Lehrer an dieser Institution. Eine gute Verbindung für gemeinsame Projekte wie Befahrungen mit den Studenten und die Erarbeitung des Handbuchs für Reisende.

Auch Saxesen konnte von seiner Malerei nicht leben und unterrichtete ab 1831 an der Berg- und Forstschule außerdem die Fächer Allgemeine Naturgeschichte, Botanik und Insektologie. Des Weiteren unterrichtete er an der Bergschule Freihandzeichnen und brachte zwei Lehrbücher heraus. Im Nebenerwerb betrieb er einen Handel mit Kupferstichen und Malutensilien aller Art.

Auch sein Malstil ist von der Romantik geprägt, wobei bei ihm weniger das Alltagsleben, als vielmehr die Landschaft und besonders die Natur im Vordergrund stehen. Wie bei Ripe prägen Harmonie und Komposition seine Gemälde. Und auch von vielen seiner Bilder existieren zahlreiche Druckvarianten, die käuflich erworben werden konnten wie von dem Bild „Goslar mit dem Rammelsberg“: Eingerahmt von Bäumen, Buschwerk und Gräsern liegen im Bildhintergrund die Stadt und der Rammelsberg mit seinen Übertageanlagen. Der Blick des Betrachters schweift ins Weite. Im Bildvordergrund sieht man zwei Reiter, ins Gespräch vertieft, die Stadt auf einem Hohlweg verlassend. Links am Wegesrand, mit dem Rücken zum Betrachter, ein Stilmittel der Romantik, dengelt ein sitzender Bauer die Sense. Die Bildkomposition harmonisch ausgleichend sieht man auf der rechten Bildseite einen Bauern, der die Saat ausbringt.

Goslar mit dem Rammelsberg, Wilhelm Saxesen, Grußblatt, Sammlung Goslarer Museum
Goslar mit dem Rammelsberge, Wilhelm Saxesen, Sammlung Goslarer Museum

Besonders eindrucksvoll ist das Ölgemälde „Altenau“, von 1825. Es befindet sich in der Sammlung des Oberharzer Bergwerksmuseums in Clausthal-Zellerfeld: Zwei Reisende stehen mit dem Rücken zum Betrachter und ziehen so seinen Blick in das Bild hinein. Die Naturbetrachtung wird durch dieses Stilmittel der Romantik intensiviert. Kontrastiert wird das Gemälde zusätzlich durch die Komplementärfarben rot und grün.

Altenau, Wilhelm Saxesen, Sammlung Goslarer Museum

Bitte besuchen Sie die noch bis zum 21. November geöffnete Sonderausstellung und lernen Sie weitere Gemälde und Drucke beider Maler kennen.

Hommage au Rammelsberg – 10 Erzbrocken zur Erinnerung an den Erzbergbau erscheinen nach einer Sanierung wieder im neuen Glanz

Die Aktion

Im Jahr 2000 schlug der Kaiserringstipendiat Christoph Wilmsen-Wiegmann mit seinem Kunstwerk „Hommage au Rammelsberg“ eine eindrucksvolle Brücke zwischen der langen Geschichte des Bergbaus am Rammelsberg und der damit untrennbar verbundenen Geschichte der Stadt Goslar.

Dabei wurden, eingepasst in Stahlrahmen, zehn im Rammelsberg gebrochene und durch den Bildhauer künstlerisch bearbeitete Erzbrocken an neun historisch mit dem Erzbergwerk Rammelsberg verbundenen Orten in der Stadt Goslar positioniert. Ein Erzbrocken wurde direkt am Erzbergwerk Rammelsberg aufgebaut.

Der Künstler

Der Bildhauer Christoph Wilmsen-Wiegmann wurde 1956 in Kalkar am Niederrhein geboren. Auf der Suche nach der Kulturgeschichte des Steins bereiste er seit 1975 Europa, Nord- und Mittelamerika, Nordafrika und das Baltikum. Er lebt und arbeitet seit 1986 auf dem Niederheeshof in Kalkar-Appeldorn.

Er studierte in Krefeld und Düsseldorf und seit 1982 erstellt Wilmsen-Wiegmann künstlerische Arbeiten für den privaten und öffentlichen Raum. 1994 war Wilmsen-Wiegmann Kaiserringstipendiat in Goslar. 1999 schuf er die Skulptur „Kaiserstuhl“, die zunächst auf dem Bahnhofsvorplatz stand und heute an der Clausthaler Straße aufgestellt ist. Sprichwörtlich am Rammelsberg (in der Aufbereitungsanlage) schuf er im blankliegenden Schiefer einen konkaven künstlerischen Schliff, der durch Verwitterung im Laufe der Zeit von der Natur zurückerobert wird.

Immer wieder hat Christoph Wilmsen-Wiegmann  historische und politische Ereignisse zum Anlass genommen, um Skulpturen zu schaffen, z.B.  mit dem 1996 durchgeführten Projekt „Buchenwaldstempel“ zur Erinnerung an die Ermordung der Juden im Nationalsozialismus. Auch sein aktuell unter dem Titel „22. Juni 1941 – Dialog und Versöhnung – 27  Millionen“ vorgeschlagenes Projekt, auf der Strecke von Berlin nach Moskau zur Erinnerung an den deutschen Überfall auf die Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg für jeden der 27 Millionen im Krieg getöteten Sowjetbürger ein Baum zu pflanzen, ist als Akt der Versöhnung zwischen beiden Ländern gedacht.

Die Idee

„Grundidee des künstlerischen Projektes ist die Dokumentation der untrennbaren Verbindung von Rammelsberg und Stadt Goslar sowie der Brückenschlag vom Einst zum Heute. Die einerseits in ihrer aus dem Berg gebrochenen Rauheit belassenen, aber anderseits partiell durch die Hand des Künstlers bearbeiteten und polierten Erzbrocken symbolisieren das Spannungsverhältnis zwischen Mensch, Natur und Technik. Durch die Art der Präsentation in Form eines bei allen zehn Erzbrocken gleichen Passepartouts (Stahlrahmen), innerhalb dessen sich das bei allen Erzbrocken unterschiedliche Spiel von Form, Struktur und Steinfarbe frei entfalten kann, wird ein Wiedererkennungseffekt ausgelöst, und es wird deutlich, dass es sich bei dem Projekt um ein künstlerisches Netzwerk handelt.“[1]  

Erzbrocken am Rammelsberg
Hommage au Rammelsberg, Christoph Wilmsen-Wiegmann, Goslar 2000

Über die geschliffene und polierte Oberfläche der Erzbrocken nehmen diese direkt Kontakt mit den Menschen auf, „da sie diese zum Berühren animieren. Die eingearbeitete Hand steht als Metapher für das Handanlegen der Bergleute. Sie stellt den Bezug zum Menschen und zu seiner Hände Arbeit her. Fast jeder Betrachter hat den Wunsch, seine eigene in die künstlich geschaffene Hand zu legen.“[2]

Bergbau „begreifbar“ machen
Hommage au Rammelsberg, Christoph Wilmsen-Wiegmann, Goslar 2000

Die andere Seite der Erzbrocken ist unbearbeitet und zeigt die schroffe, von der Natur gestaltete Seite des Steins.

Die zehn Erzbrocken stehen für je ein Jahrhundert engster Verbindung des Bergbaus mit der Stadt Goslar und bilden einen Brückenschlag von früher zu heute. Damit sollte im weiteren Sinne ein historischer Bezug zwischen den Menschen, der Stadt und dem Rammelsberg von gestern bis heute hergestellt werden.

Die Sanierung

Längst gehören die Erzbrocken zum Alltagsbild der Stadt Goslar. Jedoch hat die Witterung in den letzten 20 Jahren Spuren an der Farbgebung der Rahmen und der aufgedruckten Beschriftung hinterlassen. In Zusammenarbeit mit Klaus Wache von der Schlosserei Strübing und der Fa. Kreutzer, gefördert durch den Stiftsgüterfond der Stadt Goslar, hat das Weltkulturerbe Rammelsberg die Kunstobjekte aus der Werkserie „Hommage au Rammelsberg“ im Frühjahr 2021 sanieren lassen.
Nach intensiven Gesprächen mit dem Künstler konnte eine konstruktive Lösung gefunden werden, die auch an anderen Kunstwerken in der Stadt praktiziert wird. Um zu verhindern, dass die Beschriftungen auf Hinweisschildern auf den Stahlrahmen den skulpturalen Zusammenhang von Stein und Stahl stören, wurden sie auf ins Erdreich neben dem Kunstwerk eingelassenen Edelstahlplatten aufgebracht. Die Stahlrahmen wurden mit einem neuen Anstrich versehen.


Klaus Wache ( 2.v.r) mit Mitarbeitern der Schlosserei Strübing und Dr. Johannes Großewinkelmann (ganz rechts) vom Weltkulturerbe Rammelsberg neben dem sanierten Kunstwerk „Hommage au Rammelsberg“ auf dem Vorplatz der Klauskapelle an der Bergstraße.  Foto: Weltkulturerbe Rammelsberg

Parallel erschien ein Infoblatt mit Erklärungen zu allen Standorten, welches auf der Homepage des Weltkulturerbes Rammelsberg und der Homepage der GMG zum freien Download zur Verfügung steht. Außerdem werden aktuell auf der Facebookseite des Weltkulturerbes Rammelsberg die Bezüge der einzelnen Erzbrockenstandorte zum Bergbau vorgestellt.   

Dr. Johannes Großewinkelmann und Dr. Martin Wetzel


[1] Präsentationskonzept von Chr. Wilmsen-Wiegmann.

[2] Begleitbroschüre zur Kunstaktion.  

Erfolgreicher Abschluss der Grubenführerausbildung

Seit Anfang Juli sind 14 neue Grubenführinnen und Grubenführer am Rammelsberg im Einsatz.

Genau ein Jahr davor, im Juli 2020, suchten die Verantwortlichen des Rammelsberges genau diese Verstärkung. Nach erfolgten Kennenlerngesprächen startete am 1. September der Kurs. In einer Phase, in der noch nicht abzusehen war, dass dieser Kurs durch die sich im November 2020 und März 2021 dramatisch zu spitzende Coronalage etwas ganz besonderes werden sollte.

Befahrung Roeder-Stollen (Foto Martin Wetzel)

Als wir im Januar hier im Blog über die „Halbzeit“ des Ausbildungskurses berichteten, stand eine Idee im Raum, den zu diesem Zeitpunkt nicht durchführbaren Praxisteil „Grubenbahnführung“ durch einen Videoprojekt zumindest in Teilen zu ersetzen. Dieses Projekt wurde im Februar umgesetzt. Die Videos, die eigentlich nur als Notlösung gedacht waren, stellten sich in der Folge für die Kursteilnehmer als sehr nützlich dar. Dennoch konnten diese die praktischen Erfahrungen im Umgang mit den Maschinen nicht ersetzen. Ab Ende März starte, ähnlich wie im Herbst zuvor, der praktische Teil in Einzelbefahrungen und später in Kleinstgruppen. Natürlich war auch zu diesem Zeitpunkt der Kurs und dessen Durchführung immer abhängig von den sich teilweise im Wochentakt änderten Hygieneauflagen. Der theoretische Teil der Ausbildung blieb bis zum Schluss digital in Form von Zoom-Meetings.

Prüfung unter Tage (Foto Martin Wetzel)

Trotz der skizzierten Umstände organisierten sich die Teilnehmer selbst in Lerngruppen, die unabhängig vom eigentlichen Kursplan auch digitale Treffen durchführten und sich so untereinander kennenlernen konnten. Nachdem der theoretische Teil absolviert und in Summe knapp 100 Einzel- und Kleinstgruppenbefahrungen der untertägigen Bereiche mit den Teilnehmern unternommen worden waren, ein Erste-Hilfe-Kurs absolviert und die Sicherheitseinweisung durchgeführt worden war, stand mit den Prüfungen Anfang Juni der Kurs vor seinem Abschluss.

14 Kandidaten meisterten sowohl die schriftliche Prüfung als auch die anschließende praktische Prüfung und stehen somit seit dem 1. Juli den Gästen des Rammelsberges als sachkundige Grubenführer zur Verfügung. Und dies trotz Corona und den damit verbunden Umständen einen Monat früher als vor Jahresfrist geplant.

Seit 1. Juli im Einsatz für unsere Gäste (Foto Martin Wetzel)

Was bei einem abschließenden Bericht nicht fehlen darf, ist der Dank. Herr Dr. Dettmer und Herr Dr. Wetzel bedanken ausdrücklich sich bei allen Kolleginnen und Kollegen, Freunden und Partnern des Hauses, die den Kurs mit Referaten und Themen nicht nur wertvoll bereichert, sondern erst möglich gemacht haben.  Und der letzte Dank gilt den Teilnehmern des Kurses selbst! Ohne deren Flexibilität, Durchhaltevermögen und Beharrlichkeit hätte der Kurs nicht zu einem erfolgreichen Ende geführt werden können.

Nach dem Kurs ist vor dem Kurs! Wer grundsätzliches Interesse hat, als Grubenführerin oder Grubenführer am Rammelsberg tätig zu sein oder Fragen zu dieser Tätigkeit oder der Ausbildung hat, der melde sich bitte per Mail unter: wetzel@rammelsberg.de oder telefonisch unter: 05321 750-156.

„Bis jetzt war alles Spaß …“- Einblicke in die Lehrlingsausbildung am Erzbergwerk Rammelsberg im Zweiten Weltkrieg

Zwischen Fach- und Reichskunde – NS-Berufsausbildung nach 1933

Unter der Parole von der „Überwindung des Ungelernten“ stand der gelernte Facharbeiter nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten zunächst eindeutig im Rampenlicht der beruflichen Bildungsarbeit des Regimes. Robert Ley, Chef der Deutschen Arbeitsfront (DAF), machte die Erziehung der Lehrlinge zu einer der wichtigsten Aufgaben seiner Organisation. Er formulierte 1934 seine Ansprüche an die Berufsausbildung so: „Der Deutsche ist als Kuli zu schade, als Facharbeiter erobert er sich die Welt.“[1]

Die DAF forderte eine Auslese der Berufsanfänger nach körperlicher, rassischer, beruflicher und weltanschaulicher Eignung. Die Ausbildung der Lehrlinge sollte Teil einer Arbeitererziehung sein, die „von der Frucht im Mutterleib bis zur Einsegnung der Leiche“ reicht.[2]

Die Berufsausbildung bot gute Chancen, um Jugendliche auf die Politik des NS-Regimes einzuschwören. Insbesondere die Verbindung der Berufsausbildung mit einer militärischen Erziehung wurde von Carl Arnhold, dem führenden NS-Ideologen in Sachen Lehrlingsausbildung gefordert. Für Arnhold sollte die Geschlossenheit der Lehrwerkstatt als Ersatz für ein militärisches „Lager“ dienen, in dem die „Lehrkameradschaft“ als Übung für die spätere Kameradschaft im Feld geübt werden konnte. Eine starke „Führerhand“ sollte in der Lehrwerkstatt die Berufserziehungsarbeit steuern, und in den Lehrkameradschaften war der paramilitärische Erziehungsanspruch einzulösen.[3] 

Ein solcher Berufsausbildungsansatz passte aber nicht zum möglichst schnellen Einsatz vieler junger Arbeitskräfte in der Industrieproduktion. Denn die deutsche Wirtschaft wurde seit 1934 gezielt auf die Aufrüstung der Wehrmacht ausgerichtet. Dazu brauchte sie neben modernisierten Produktionsverfahren gut ausgebildete Facharbeiter in großer Anzahl in möglichst kurzer Zeit, weil insbesondere nach 1938 ein expliziter Fachkräftemangel in vielen Bereichen der deutschen Industrie herrschte.

Unternehmen und Wirtschaftsverbände drängten deshalb auf eine weitgehend fachliche orientierte Berufsausbildung, die von der Industrie im Laufe der 1930/40er Jahre in Ausbildungs- und Prüfungsordnungen gegossen wurde. Eine Berufserziehung im Sinne der NS-Ideologie musste angesichts insbesondere rüstungswirtschaftlicher Belange zurückgesteckt werden.

Der Konflikt zwischen der ideologischen und der fachlichen Lehrlingsausbildung ist auch am Erzbergwerk Rammelsberg in den 1930er Jahren zu spüren. Und obwohl der ideologische Einfluss auf die Lehrlingsausbildung mit Beginn des Zweiten Weltkriegs schnell an Einfluss verlor, blieb insbesondere die körperliche Disziplinierung der Lehrlinge als vormilitärisches Training erhalten. Tagebucheintragungen des Rammelsberger Berglehrlings Helmut Luft, der im Zweiten Weltkrieg eine Ausbildung zum Bergknappen am Rammelsberg gemacht hat, bestätigen dieses auf eindrucksvolle Weise.

Fakten zur Organisation der Berufsausbildung am Rammelsberg 1938 – 1945

Erst 1934 begann für junge Männer am Erzbergwerk Rammelsberg eine offiziell anerkannte Lehrlingsausbildung, die mit der Knappenprüfung endete. Die Aufsicht über die Lehrlingsausbildung lag beim Oberbergamt.

Ausbildungssteiger Johann Schwinn und Meisterhauer Erich Mauri waren ab 1934 für die Lehrlingsausbildung zuständig. 1942 wurde Schwinn zu einem Auslandseinsatz im jugoslawischen Erzbergbau eingesetzt. Heinrich Buchterkirchen wurde neuer Ausbildungssteiger. Nachdem Buchterkirchen noch kurz vor Kriegsende eingezogen wurde, übernahm Willi Marks diese Aufgabe.[4]

1938 konnten 25 Bergjungleute (Lehrlinge) angeworben werden. Davon waren 14 Schlesier und nur 11 kamen aus Goslar und Umgebung. Von den schlesischen Bergjungleuten haben sechs nach kurzer Zeit ihre Ausbildung abgebrochen. Trotz intensiver Werbemaßnahmen mit Werksbesichtigungen und Elternabende blieb das Interesse der jungen Leute an den Beruf des Bergmanns gering.[5] In den Folgejahren sanken die Lehrlingszahlen am Rammelsberg weiter ab. Andere Industriebranchen und auch die Wehrmacht übten bei den 15 bis16jährigen Schulabgängern einen größeren Anreiz aus, als die schwere und dreckige Arbeit des Bergmanns.  

Nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs sank die Zahl 1940 auf nur 12 neu eingestellte Lehrlinge für den Bergmannsberuf, so dass der Bedarf von 30 Lehrlingen bei weitem nicht gedeckt werden konnte.

Mit der offiziellen Anerkennung des Bergmanns als Facharbeiter wurde das Ausbildungswesen neu geordnet. Die bisherigen Bergjungleute hießen jetzt Berglehrlinge, mit denen ein reichseinheitlicher Lehrvertrag abgeschlossen wurde. Den neuen vom Reichswirtschaftsministerium herausgegebenen Richtlinien entsprechend wurden im Interesse des Ansehens des Lehrberufes „Knappe“ nur solche Volksschüler als Berglehrlinge eingestellt, die das Ziel der 7. oder 8. Schulklasse erreicht haben. Volksschüler aus den übrigen Klassen und Hilfsschüler konnten künftig nur als jugendliche Hilfsarbeiter eingestellt werden.

Die Leitung der Ausbildung sowie der Hauptunterricht in der Berufsschule, die am Erzbergwerk Rammelsberg eingerichtet war, lag ab 1942 in den Händen von Ausbildungssteiger Heinrich Buchterkirchen. DAF-Betriebsobmann Bertram übernahm mit Zustimmung des Oberbergamtes den Unterricht in Reichskunde. Den Unterricht in Arbeitskunde und Werkstoffkunde übernahm Maschinenwerkmeister Graupner.

Am 1. Mai 1942 erhielt das Erzbergwerk Rammelsberg das Leistungsabzeichen in Bronze von der DAF für vorbildliche Berufserziehung.

1943 waren die Nachwuchszahlen weiter rückläufig. Es konnten nur drei Berglehrlinge, ein Betriebsschlosserlehrling sowie ein Bergvermessungslehrling eingestellt werden. Der Bedarf von mindestens 30 Jungen wurde bei weitem nicht gedeckt.

Wegen der schlechten Nachwuchslage wurden1943 auch Hilfsschüler als jugendliche Hilfsarbeiter eingestellt. Wegen der Einziehungstermine zur Wehrmacht wurde die Ausbildung der Berglehrlinge am Erzbergwerk Rammelsberg in den letzten Kriegsjahren von 36 auf 30 Monate verkürzt.[6] 

Aus dem Tagebuch eines Rammelsberger Berglehrlings

Helmut Luft beginnt seine Lehrzeit als Berglehrling am Erzbergwerk Rammelsberg am 1. April 1942.[7] „Es fing nun der Ernst des Lebens an, bis jetzt war alles Spaß. Nach dem ich in der Stadt keine Lehrstelle mehr bekommen habe, habe ich in der Lehrwerkstadt am Rammelsberg angefangen. Es hieß, du kannst später immer noch in der Schlosserei anfangen. Aber mir war es sowieso egal. Ich wollte ja schon immer zum Militär. Die 3 Jahre würde ich auch noch rumkriegen.   

Nach Anfrage ob im zum April am Erzbergwerk Rammelsberg anfangen könnte, bekam ich nach einigen Tagen Bescheid. Ich sollte um 6 Uhr am 1. April am Werk sein. Als ich um 6 Uhr in der Vorhalle ankam, waren schon einige Lehrlinge da. Wir wurden zur Lehrwerkstatt abgeholt. Dort begrüßte uns Herr Mauri, das war unser Ausbilder, dann war da noch Herr Rennenberg der war Vorarbeiter und für Schlosser und Schmiedearbeiten zuständig. Am 1. Tag sollten wir erstmals alles kennen lernen. Wir waren gleich 10 Lehrlinge. (…)

In der Werkstatt waren noch 12 Lehrlinge aus dem 2. Lehrjahr. In der Werkstatt stand eine große Bohrmaschine, und eine starke Schere, zum Eisen abschneiden. Eine Esse und zwei Ambosse waren auch vorhanden. An der Fensterseite standen vier Hobelbänke. Die Werkbank war so mit acht Schraubstöcken besetzt. Unter der Werkbank waren etwa 20 Schubkästen, da war unser Werkzeug drin. Jeder Lehrling hatte ein Schubkasten mit Schloss. Jeder hatte sein Werkzeug, Hammer, Zange, Meißel, Feilen, Winkel, Dorn, Körner, Eisensägen und mehr. (…)

Abb. 1: Blick in die Lehrwerkstatt am Erzbergwerk Rammelsberg,1930er Jahre.
Foto: Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg.

Dann wurde uns unser Frühstücksraum gezeigt. Der Raum war oben im Turm, über der Lehrwerkstatt. (Die Lehrwerkstatt befand sich neben der Kraftzentrale. Der Frühstücksraum war im Turm der Kraftzentrale. J.G.) Da bekam jeder sein Spind. In den Spind kamen Seife, Handtuch und Zahnputzsachen. Im Raum waren zwei Handwaschbecken und eine Dusche. Immer wer Stubendienst hatte, musste den Raum sauber halten. Anschließend gingen wir alle in die Jugendkaue, (…) dort wurde unser Werkzeug und Arbeitszeug aufgehängt.

In unserer Kaue waren 20 Duschen, eine eiskalte. Dann bekam jeder seine Kontrollnummer, ich hatte die Nr. 942. Die Marke war zur Anwesenheitskontrolle.

Zum Schluss wurde uns unser Schulraum gezeigt. Dort begrüßte uns unser Ausbildungssteiger. Es war Herr Buchterkirchen, er war für den Ausbildungsablauf verantwortlich.[8] Buchterkirchen war auch unser Berufsschullehrer. Der Schulraum lag über dem Magazin, wir konnten von hier auf die Rammelsbergerstraße schauen. Über unseren Fenstern stand in großen Buchstaben `Wir kapitulieren nie.´

Wir bekamen noch ein Käppi für die Arbeit. Dann gab es noch einen dunklen Kittel mit schwarzen Kragen und Käppi. Alles mit roten Bisen (Einsatz an Nähten, J.G.) dran. Kittel und Käppi konnten wir mit nach Haus nehmen. Wir durften die Sachen nur am Schultag anziehen. Für die anderen Tage sollten wir Turnhose und Turnschuhe mitbringen.

Abb. 2: Berglehrlinge vor einem Mundloch der Tagesförderstrecke mit Kleidung, die am Schultag getragen wurde, 1930er Jahre. Foto: Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg, Nachlass Günter Schwinn.

Ja und am anderen Tag ging es richtig los, was jetzt kommt spielte sich dann 3 Jahre lang ab.

Wenn wir morgens hoch kamen legten wir unser Turnzeug in die Kaue, am besten im Duschraum, da war es schön warm im Winter. Um 5.45 Uhr rief derjenige, der Stubendienst hatte: `Alles raustreten zum Frühsport´. Wir mussten dann in der Vorhalle Gymnastik machen. Liegestütze, Kniebeugen, Rumpfbeugen, Knie hoch, eben alles was es so gab. Mal mussten wir auf den Hof, auch mal morgens um den Herzberger Teich einen Dauerlauf machen. Oder bis zum Hainholz. Es lag immer am Wetter. Auch kurz in den Herzberger Teich ohne Turnhose. Erich Mauri hatte einen Schlüssel, und um 6 Uhr waren auch noch keine Leute da. Der Sport war immer mit freiem Oberkörper. Nach dem Frühsport wurde kurz kalt geduscht. Dann anziehen und hoch in den Frühstücksraum um die Zähne zu putzen. Nach dem Antreten in der Werkstatt, wurde kurz eingeteilt und jeder ging dahin wo er für den Monat eingeteilt war. Jeder musste immer ein Monat in der Werkstadt Schlosserarbeit oder Zimmermannsarbeit machen. Manche Lehrlinge mussten auch in die Aufbereitung, Magazin, Holzplatz u.s.w. Im zweiten Lehrjahr ging es dann halbtäglich in den Lehrstollen, aber soweit waren wir Neuen noch nicht. Wir mussten erst mal klein anfangen. Holz scheiden mit der Handsäge, Metallwürfel feilen. Alles mit Winkel und ganz genau. Nach ein paar Wochen durften auch wir uns beteiligen an der Herstellung für Sachen die in der Grube gebraucht wurden (…) Klammerhaken, Klotzklammer- und Fahrtenhespen, auch die Spitzhämmer schmieden und härten, Fäustel ausbrennen und wieder anstielen. Im Winter machte das Schmieden Spaß, aber im Sommer wenn es draußen heiß war, war es nicht angenehm.

Abb. 3: Berglehrlinge in Knappenuniform vor der Lehrwerkstatt des Erzbergwerks Rammelsberg.

Rechts mit Schirmmütze Meisterhauer Erich Mauri, 1930er Jahre. Foto: Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg. Nachlass Günter Schwinn.

Nach 3 Monaten Probezeit bekamen wir unseren Lehrvertrag. Im Vertrag stand folgendes:

  1. Lehrjahr  55 RM. – Arbeit über Tage.
  2. Lehrjahr  65 RM. –  Halbes Jahr unter Tage.
  3. Lehrjahr  95 RM. – Das Ganze Jahr unter Tage. 1 Tag wöchentlich Berufsschule. Pro Jahr 18 Tage Urlaub.

Das war alles sehr gut gegenüber anderen Berufen.

Abb. 4: Am Ende der Lehrzeit wurde der Knappenbrief ausgestellt. Knappenbrief des Berglehrlings Helmut Luft. Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg. Nachlass Helmut Luft.

„Aber jetzt (…) zum zweiten Lehrjahr: Wir mussten nun jeden zweiten Monat, immer einen halben Tag unter Tage arbeiten. Immer nach dem Frühsport bis 9 Uhr, dann draußen Frühstück. (…)  Wir hatten für die Arbeit extra einen Lehrstollen, in der Bergeschachtstrecke. Unser Ausbildungshauer waren Herr Hermann Ahrens. Wir mussten da Bohren lernen, mit einer Bohrsäule. Später unter Tage habe ich nie mit so einer Maschine gebohrt. Es gab schon viel modernere Maschinen. Wir mussten auch die Löcher mit Sprengstoff laden, und durften auch mit Zündmaschine die Schüsse abtun. Dann mussten wir den Haufen in die Wagen laden. Wenn der Ort blank war, wurde wieder gebohrt. Wir lernten wie die Löcher richtig angesetzt wurden. (…) Auch Gleis und Schwellen mussten wir lernen zu legen. Wenn wir wieder so 5 bis 6 Meter weiter waren, wurde auch Luft und Wasserleitung nachgelegt. Wo das Gebirge nicht ganz sicher war, mussten wir `Deutschen Türstock´ oder Eisenbögen einziehen. Alle Arbeiten die unter Tage anfielen, mussten wir hier lernen. Bloß langsamer als später. Wir waren ja noch Lehrlinge, und ein Jugendschutzgesetz gab es damals auch schon. Uns Jungens gefiel die Arbeit, und etwas Abenteuer war auch dabei.

Abb. 5: Ausbildungssteiger Johann Schwinn (rechts mit Schirmmütze und Krawatte) und
Meisterhauer Erich Mauri (links daneben, ebenfalls mit Schirmmütze) mit Berglehrlingen, die ihre Lehre 1934 begonnen hatten, auf der Werkstraße des Erzbergwerks Rammelsberges. Foto: Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg. Nachlass Günter Schwinn.

Der Luftkrieg wurde auch immer schlimmer, überall mussten Luftschutzkeller gebaut werden, auch in Goslar. In Goslar gab es schon folgende Keller: Felsenkeller, Wilhelmshöhe, am Schieferweg, am Wall ganz nah am Bismarkdenkmal, dann am Köppelsbleek, und am Petersberg. Um diese Luftschutzkeller aufzufahren, musste das Erzbergwerk Rammelsberg Rammelsberg immer ein paar Leute abstellen. Als letzter wurde der Tiefe-Julius-Fortunatus-Stollen dafür ausgebaut. (…) Beim Ausbau des Stollen zum Luftschutzkeller mussten von uns auch immer drei Lehrlinge runter und mithelfen. Nach dem Frühsport holten wir uns noch Werkzeug, Nagel oder Klotzklammern, gingen immer zu Fuß. Übergabe Holzplatz, Hainholz, Blauer Haufen,  zum Stollen und dann zur Ludwig-Jahnstraße. Dort war der Landschacht, der ist heute noch. Dort war ein Holzhaus mit Haspel zum Drehen, wie früher im Bergbau, hier wurde alles Material runter gehängt.

Unten im Stollen waren zwei Bergleute, die machten dicht über dem Wasser Löcher in die Mauer. Da kamen dann Schienen rein. Und darüber kamen dann Bohlen. Unsere Aufgabe war, immer für Nachschub zu sorgen. Das Material lag oben am Häuschen, es wurde nach Bedarf vom Erzbergwerk Rammelsberg rangefahren. (…) Die Arbeit hat uns sehr gefallen, es war mal was anderes. Unten im Stollen kamen an beiden Seiten Bänke. Eine Wendeltreppe wurde auch eingebaut. Gefrühstückt haben wir auch immer unten auf den Bänken.

Abb. 6: Ausbildungssteiger Johann Schwinn mit Lehrlingen, die ihre Lehre 1935 begonnen hatten, bei einem Ausflug nach Thale.

Aber Berufsschule hatten wir auch. Im ersten Jahr hatten wir immer am Montag Schule. (…)  Den ersten Schultag werde ich nie vergessen. Nach Frühsport gingen wir mit unseren neuen Kitteln zum Schulraum rüber. Nach ein paar Minuten ging die Tür auf und ein Mann mit einer Parteiuniform trat ein. Also wieder ein richtiger Goldfasan. Er sagte: `Mein Name ist Bertram. Ich bin hier am Werk der erste Betriebsratsvorsitzende.[9] Ich mache bei euch die erste Stunde immer Reichskunde.´ Ja und die Stunde sah dann immer so aus: Geschichte der Partei. Oder etwas von Gesetzen. Nürnberger-Gesetze, Ermächtigungsgesetz, Blut und Rassen-Gesetz und natürlich der Vertrag von Versailles. Das wurde immer wieder durch genommen. Immer hatte Bertram das Buch `Mein Kampf´ von Adolf Hitler im Unterricht dabei. Er war ein 110% – Nazi. In der Zweiten Stunde hatten wir immer unseren Ausbildungssteiger Herrn Buchterkirchen. Bergbaukunde und Geologie, war dann dran. Bergbau am Erzbergwerk Rammelsberg und im Harz. Abbauarten früher und heute. Die ganzen Abbaumethoden und Sicherungen wurden durchgenommen. In der dritten Stunde wurde Raumlehre unterrichtet. Da hatten einige von uns noch Mängel. Ich kam aber damit klar. Die vierte Stunde wurde von einem Steiger aus der Schlosserei Maschinenkunde unterrichtet.

Die fünfte Stunde war immer Sport. Immer nach Wetter. Bei guten Wetter wurde ein Waldlauf um den Herzberger Teich angesetzt. Oder 100m-Lauf mit Stoppuhr im Hainholz. Da war eine Bahn mit Sand angelegt. Bei schlechten Wetter blieben wir immer im Schulraum. Dort waren dicke Matten, auch ein Pauschenpferd hatten wir. Wir konnten springen üben. Auch Hechtsprung über 3 bis 5 Mann wurde geübt. Auch Boxhandschuhe waren vorhanden. Von uns waren damals ein paar Jungen im Boxring 38 Goslar. Die mussten immer zusammen antreten, es floss jedes Mal Blut. Meisterhauer Erich Mauri musste die Jungen dann immer trennen.

Um 12 Uhr war die Schule dann immer aus. Wir gingen dann zur Küche wo der andere Jahrgang schon da war. Das Mittagessen war immer sehr gut. Es gab gute Suppen, auch Gemüsesuppen. Es gab auch Kartoffeln mit Fleisch oder Klopse. Nachtisch Pudding oder Obst. Es kostete damals 50 Pf. Wir hatten alle eine Wochenkarte. Aber das wichtigste von allen, wir brauchten keine Lebensmittelkarten abgeben. Für uns Schüler war dann Feierabend, wir konnten nach Haus gehen.

Die eine Stunde die uns vom Schultag fehlte, mussten wir am Donnerstag von 16.00 bis 17.00 Uhr in der Badehalle am Stoben nach holen. Es waren immer 3 Jahrgänge da, wir waren immer 20 Lehrlinge. Ein Drittel von uns konnte nicht schwimmen, ich auch nicht. Wer Nichtschwimmer (war), konnte ins kleine Becken bis zur Kette. Da mussten wir tauchen üben, und von der Treppe Hechtsprung üben. Nach Wochen – mussten wir alle, vom 1 Meter Brett ins große Becken springen. Das hat mir nie gefallen. Immer wenn wir nach der Stange fassten, zog Herr Mauri die Stange wieder fort. Und man schluckte Wasser. Immer einen Tag vor der Schwimmstunde, hatte ich Durchfall vor Angst. Es waren aber noch einige von uns, die Schiss hatten. Zwei sagten eines Tages, sie hätten ihre Badehosen vergessen. Da sagte Herr Mauri, alle Badehosen ausziehen, da wurde eben nackt gebadet. Es hat nie wieder einer die Hose vergessen.

Zwei Lehrlinge die fehlten immer, die bekamen am anderen Tag ein Schild um den Hals, und mussten in der Fensterbank bis Feierabend stehen. Auf den Schild stand: „Ich bin wasserscheu“. Aber es nütze alles nichts, die beiden haben manchen Tag im Fenster gestanden. Die Arbeiter die durchkamen lachten. Ich habe mir gesagt, die Blöße, die gibt’s du dir nie ! Lieber ersaufen ! Wir sind immer wenn das Wetter gut war zum Herzer gegangen. Wir übten mit Korkenring oder Schwimmbüchse. Zum Herbst konnte ich dann endlich schwimmen.“[10]


[1] Zitiert in: Johannes Großewinkelmann: Zwischen Werk- und Schulbank. Duales System und regionale Berufsausbildung in der Solinger Metallindustrie 1869 – 1945, Essen 2004, S. 218.

[2] Zitiert in: Ebda., S. 204.

[3] Vgl. Martin Kipp,u.a.: Erkundungen im Halbdunkel. 15 Studien zur Berufserziehung und Pädagogik im nationalsozialistischen Deutschland, Kassel 1990, S. 34.

[4] Vgl. Peter Eichhorn, Der Röderstollen. Denkmalpflege und Besucherführungen in der Zeit vor der Museumsgründung, Goslar 2010, S. 48f.

[5] Vgl. BGG-Archiv, Goslar. Akte 64/7: Jahresberichte 1938 – 1948. Jahresbericht 1938, S. 27.

[6] Vgl. BGG-Archiv, Goslar. Akte 64/7: Jahresberichte 1938 – 1948.

[7] Aus Gründen der Anpassung an aktuelle Lesegewohnheiten wurden einige stilistische und grammatische Veränderungen an den Auszügen aus dem Tagebuch vorgenommen. Die eingefügten Fotos sind im Tagebuch nicht vorhanden. Sie wurden zu einem Teil für diesen Text aus dem Nachlass des ehemaligen Ausbildungssteiger Johann Schwinn eingefügt. Ich danke seinem Sohn Günter Schwinn und seiner Frau für die freundliche Überlassung. 

[8] Vgl. Nachlass Buchterkirchen in Sammlung des WERBG

[9] Hier verwechselt Helmut Luft offensichtlich die Begrifflichkeiten. Betriebsräte gab es nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten und der Zerschlagung der Gewerkschaften im Mai 1933 nicht mehr. Herr Bertram war Vertrauensmann der Deutschen Arbeitsfront (DAF) am Erzbergwerk Rammelsberg.

[10] Die Textauszüge sind aus den Tagebüchern „Mein Lebenslauf“, H. 1, von Helmut Luft. Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg. Nachlass Helmut Luft. Ich danke Herrn Dieter Luft ganz herzlich, dass er die Tagebücher seines Vaters zur Verfügung gestellt hat.  

Harz-Reiseandenken als Fundstücke aus der Natur

Geschichte und Geschichten aus der Sonderausstellung: „Reisen in den Schoss der Mutter Erde – Montantourismus im Harz“

Die ersten Harz-Andenken, die Reisende mit nach Hause brachten waren Mineralien, Versteinerungen und ungewöhnliche Pflanzen. So brachte beispielsweise im Jahre 1761 der Domdechant Freyherr Spiegel zum Diesenberg von seiner Harzreise ein Büschel Moos als Souvenir mit und dieses Harzmoos inspirierte die Dichterin Anna Louisa Karsch zu ihrem Werk Das Harz-Moos: „Gott zeigt in seiner Schöpfung Werke, Sich über unserm Haupt, sich auf der Erde groß; Er gab der Sonne Glut, er gab dem Löwen Stärke, Und bildete das kleinste Moos, Das an dem Harzberg wächst,  … .“ (Das gesamte Gedicht können Sie in der Sonderausstellung lesen.) Auch Goethe kannte die Karschin, wie sie genannt wurde, und er lobte ihre Werke: „Mir ist alles lieb und werth was treu und stark aus dem Herzen kommt.“ Es ist nicht bekannt, welche Moosart die Dichterin damals betrachtet hatte. Noch heute gibt es im Harz außergewöhnliche Pflanzen und im Nationalpark Harz wachsen zahlreiche Moose, von denen jedoch inzwischen zahlreiche Arten als bestandsgefährdet eingestuft werden. Aus diesem Grund ist es heute strengstens verboten Moose als Harz-Souvenir mit nach Hause zu nehmen!

Portrait der Dichterin Anna Louisa Karsch, Johann David Schleuen (der Ältere), Frontispiz, Radierung, 1770, Sammlung Gleimhaus Halberstadt

Jedoch lassen sich immer noch echte Harz-Mineralien käuflich erwerben, auch wenn man bei seltenen Stücken, tief in die Tasche greifen muss. Denn sie werden seit dem Ende des Bergbaus nicht mehr aus dem Berg herausgeschlagen. Sie stammen hauptsächlich aus Privat-Sammlungen, die von Händlern aufgekauft wurden oder von historischen Halden, wo das Sammeln jedoch inzwischen ebenfalls verboten ist.

Die Faszination Mineralien zu entdecken, zu bestimmen und zu sammeln ist nicht neu und wird zum Beispiel im frühesten allseits bekannten Harz-Reiseführer von Georg Henning Behrens aus dem Jahr 1703 beschrieben. Laut Behrens wurde der Reisende, Curiosus genannt, nach seiner Einfahrt in die Grube zur übertägigen Erzhalde gebracht, wo er sich ein Stück Erz zur Curiosität und zum Andenken mitnehmen konnte. Außerdem könne der Führer, so Behrens, sofern man ihn frage, seltene Stücke beschaffen.

Bereits im 18. und 19. Jahrhundert gab es einen schwungvollen Handel mit Harzer Mineralen. Belegt ist dies zum Beispiel in den Erinnerungen des Johann Christoph Sachses („Der deutsche Gil Blas oder Leben, Wanderungen und Schicksale Johann Christoph Sachses, eines Thüringers, von ihm selbst verfasst“; 1822). Dessen Auftraggeber, ein Bergrat aus Weimar, schickte ihn nach Zellerfeld, um dort bei einem gewissen Schichtmeister Mineralien einzukaufen. Denn sein Auftraggeber betrieb einen einträglichen Mineralien-Handel. Sachse, der mit einer Schubkarre zu Fuß oder per Fuhrwerk in den Harz reiste, erlebte auf dieser Reise zahlreiche Abenteuer. So wurde er in Hasselfeld kurzzeitig festgenommen und später, als er seine Reise fortsetzen durfte, im Wald von zwei Kerls ausgeraubt. Als er schließlich in der Nacht nach Hohegeiß kam, fiel ihn an der Tür des Wirtshauses ein Hund an und biss ihn ins Bein, so dass er am nächsten Morgen nicht mehr weiterreisen konnte. Aber der Wirt schickte einen Boten nach Zellerfeld, der die Mineralien brachte. Nach drei Tagen Pflege war er genesen, fuhr mit den Mineralien nach Weimar zurück und erhielt nach seinem Reisebericht aufgrund der ausgestandenen Gefahren den doppelten Lohn ausgezahlt.


Zeitgenössische Darstellung eines Überfalls auf eine Kutsche. Johann Christoph Sachse war jedoch bei seinem Überfall allein und zu Fuß im Wald unterwegs. Kupferstich von Daniel Chodowiecki, aus J. B. Basedow, 1774, Sammlung Historische Kinder und Jugendliteratur, Seminar für Deutsche Philologie der Universität Göttingen

Einige besondere Mineraliensammlungen waren auch beliebte Anziehungspunkte von Harz-Reisenden. So besaß der Clausthaler Apotheker Johann Christoph Ilsemann Ende des 18. Jahrhunderts eine ansehnliche und allseits berühmte Mineraliensammlung, die auf Anfrage besichtigt werden konnte. Ilsemann unterrichtete Bergschüler in den Fächern Mineralogie, Chemie und Metallurgie. Goethe schreibt in seinem Tagebucheintrag am 9.12.1777: „Früh auf die Hütten, nach Tische by Apothecker Ilsemann sein Cabinet sehn. Abends nach Altenau.“

Bergapotheke Zellerfeld, Atelier Zirkler, um 1900, Oberharzer Bergwerksmuseum Clausthal Zellerfeld

Besondere Montanreisende und solche mit Beziehungen erhielten zudem die Möglichkeit selbsttätig außergewöhnliche Mineralien aus dem Berg heraus zu schlagen. So fuhr im Jahre 1786 Dorothea Schlözer, die Tochter des bekannten Göttinger Historikers und Universitäts-Professors August Ludwig Schlözer, in die Grube Samson in St. Andreasberg ein.

Grubengebäude der Grube Samson, W. Zirkler, Fotografieum 1900, Sammlung Oberharzer Bergwerksmuseum, Clausthal Zellerfeld

Sie schrieb in ihrem Tagebuch: „Auf dem dritten Stoß sah ich einen mächtigen Gang Rothgülden, woran, wenn man nur mit einem Fäustel daran schlug, alles blutroth aussah. Hier bekam man Schlägel und Eisen, und man machte mir selbst ein Stück Krystallinisch Rothgülden (Anm. d. Verf.: Pyrargyrit) los, das mir zum Lohn versprochen war.“ Ein Jahr später im Alter von 17 Jahren erwarb Dorothea Schlözer als erste Frau Deutschlands den Doktortitel in Philosophie.

Pyrargyrit_ oder Rotgülden Erz_Leihgabe Wilfried Liessmann

Diese Reiseandenken und Reiseerzählungen aus dem Harz und weitere außergewöhnliche Objekte und Geschichten finden Sie in der Sonderausstellung „Reisen in den Schoss der Mutter Erde – Montantourismus im Harz“.

Mariano Rinaldi Goñi: Erz – Nornen – Mythen, Farben und Metalle

Schon zum zweiten Mal mussten die Kunsttage am Rammelsberg mit dem Künstler Mariano Rinaldi Goñi aufgrund der Corona-Pandemie verschoben werden. Aber wir sind optimistisch: nächstes Jahr veranstalten wir dieses großartige Event mit live performances, Workshops, Künstlerführungen und vielem mehr! Und damit wir uns schon vorfreuen können, wird es an dieser Stelle in unregelmäßigen Abständen eine kleine Einstimmung vom Künstler selbst geben.

Die Galerie Deschler in Berlin, die Goñis Kunst präsentiert, beschreibt sein künstlerisches Schaffen folgendermaßen:

„Ungestüm, wild und voller Leidenschaft präsentiert Mariano Rinaldi Goñis kräftiger Pinselstrich „Mythen, Farben und Metalle“ auf Leinwand. Die jahrtausendelange Geschichte sowie die Ressourcen, die ihm der Harz zur Verfügung stellt, werden in des Künstlers Emotionen vereint.
Die unbändigen Frauenmotive, die auf den ersten Blick Goñis Leinwänden entspringen, entstammen der germanischen Mythologie und versinnbildlichen die schicksalsbestimmenden Nornen. Sie sind keine mild lächelnden klassisch-griechischen Göttinnen, auch keine selig-verklärten Jungfrauen oder passiv sich hingebenden Venusgestalten, sondern kraftvolle und hitzige Wesen. Goñis Faszination für diese fantastischen Frauen entsteht durch die Bedeutung ihrer Vorgängerinnen, den Hexen, mit welchen der Künstler bereits als Kind in seiner Heimat Argentinien konfrontiert wurde und die sein Gespür für das Verborgene und Mystische aufbrodeln ließen. Sein Großvater entfachte durch mystische Erzählungen aus dem Schwarzwald Goñis Begeisterung für die germanische Mythologie:

Mariano Rinaldi Goñi, Hexe, Öl auf Leinwand, 2020

Die Göttin Gullveig, in der nordischen Mythologie die Göttin des Goldes, bezeichnet die Entstehung der Nornen. Sie gehört dem Geschlecht der Wanen an und war die Hüterin der Schätze, die das damalige Konzept von Gold als Geld verkörperte. Der Neid der Asen auf das Geheimnis des Ursprungs des Reichtums forderte, dass Gullveig dreimal verbrannt wurde. Daraufhin brach ein Krieg zwischen den Wanen und den Asen aus, welcher seine Versöhnung in der Durchmischung beider Völker fand. Die Töchter dieser ersten, dreimal verbrannten Hexe, gehen als die ersten drei Nornenschwestern – Urðr, Verðandi und Skuld – hervor. Sie verkörpern die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, die die Schicksalsfäden der Menschen und Götter spinnen.

Für Goñi schafft der etymologische Hintergrund die Verbindung zur Farbe und dem kraftvollen Ausdruck der Motive auf seiner Leinwand. Die Nornen (Nornier, Nornir nord. „Raunende“) werden jeweils durch eine Rune repräsentiert, welche ihre Bedeutung wiederum in einer Naturgewalt findet. Urðr steht für die Vergangenheit und bedeutet „Schicksal“ beziehungsweise „Gewordene“, ihre Naturgewalt ist Hagel. Verðandi bedeutet „Seiende“ und bezieht sich auf die Gegenwart. Ihr wird die Rune ISA (Is), die Eisrune zugesprochen. Skuld ist die Norne der Zukunft, die „Werdende“. Die Hitze und Gewalt des Feuers schreibt ihr eine unberechenbare Macht zu. So erschöpfen sich Hagel, Eis und Feuer in kräftigem Rot, tiefem Schwarz und reinem Weiß auf Goñis Leinwand.

Sich den Mythologien des Harzes vor Ort hingeben zu können, unter Tage das raue Klima und die eindringliche Gewalt des Berges zu spüren sowie sich mit dessen Ressourcen auseinanderzusetzen, ermöglicht es dem Künstler, sein Schaffen am Rammelsberg noch leidenschaftlicher auszuleben. Die Farben auf seiner Leinwand, angereichert mit Rammelsberger Ocker oder anderen Pigmenten und Mineralen des Harzes, bezeugen die gewaltigen geologischen Prozesse im Erdinnern. Die Lagerstätte des Rammelsberges entstand durch den Austritt heißer, metallhaltiger Thermen am Meeresboden, bezeugt die Gewinnung der kostbaren Minerale, die aus der Tiefe der Erde ans Tageslicht gefördert wurden – und somit als eine Art Archäologie dieser vorgeschichtlichen Ereignisse gelesen werden. Mit der Kraft der Maschinen werden Erzhandel und industrielle Macht vorangetrieben, während die Ängste der Bergleute vor einem unerwarteten Ereignis unter Tage bittere Realität bedeuten. Das Ausgeliefertsein des rationalen Individuums im Angesicht unbeherrschbarer, äußerer Kräfte einer den Menschen weit überragenden Natur, spiegelt sich in einer ähnlichen Unbeherrschbarkeit innerer Kräfte in der irrationalen Natur des Menschen wider.
Die mysteriösen und unfassbaren Kräfte der Natur, die über Leben und Tod entscheiden, werden in allen Kulturen durch Mythen und Legenden ausgedrückt und damit fassbar gemacht. Die Arbeit unter Tage, mit all ihren Gefahren und Unwägbarkeiten, hat auch im Harz viele Mythen und Legenden hervorgebracht.
Mariano Rinaldi Goñis mythologische Auseinandersetzung, ermöglicht die sinnbildliche Formgebung und Sichtbarmachung verborgener, scheinbar zutiefst chaotischer und schicksalsbehafteter Wirkkräfte im Inneren. Durch den emotionalen Prozess in der Schaffensphase des Künstlers an einem Ort des Ursprungs, kommt ein neues Werk zu Tage.“

In vier Kurzfilmen stellt Goñi die Erznornen vor. Hier folgt nun der erste:

Mariano Rinaldi Goñi: „Gullweig“ ©Galerie Deschler, Berlin

Die Kunsttage mit Mariano Rinaldi Goñi werden vom 2. April bis 15. Mai 2022 am Rammelsberg stattfinden. Weitere Informationen auf www.rammelsberg.de/ausstellungen.

Vor 250 Jahren im Berg

Im Oktober 1671 unternehmen die Oberharzer Bergbedienten Hans Schwabe, Daniel Flach und Georg Keller zusammen mit Unterharzer Kollegen eine Befahrung der Rammelsberger Gruben. Dabei stoßen sie auf eine merkwürdige Gattung Mensch, die ihnen vom Harz her offenbar nicht bekannt ist: halbe Arbeiter. Diese finden sich nur an einigen Stellen im Grubengebäude. So arbeitet der Steiger Melcher Ahrens auf der Grube Kanekuhl mit fünf halben Arbeitern, Steiger Hans Friedrich auf der Hohewarte ebenfalls, Steiger Elias Maatsch auf der Lüdersüll dagegen hat zwei ganze Arbeiter. Was unterscheidet die halben von den ganzen?


Darstellung von Bergleuten auf dem Rammelsberger Wetterriss von Jochim Christoph Buchholtz von 1680. Wegen der teils extremen Hitze unter Tage sind die Bergleute nur spärlich bekleidet. Einer von ihnen streift sich mit einem hölzernen „Schweißmesser“ den verkrusteten Schmutz vom Körper. Foto: G. Drechsler

Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein wurden im Rammelsberg die Erze durch Feuersetzen gelöst, bei dem das Erz sich ausdehnte, beim Erkalten wieder zusammenzog und dadurch aus dem Verbund gesprengt wurde. Folge dieser Praxis waren hohe Temperaturen unter Tage. An manchen Örtern waren diese so hoch, dass Arbeiter dort nur eine halbe Schicht lang eingesetzt werden konnten, was sie zu „halben Arbeitern“ machte. „Damit nun ein Arbeiter die Hitze nicht immerfort, sondern wechselweise haben möge, ist von undenklichen Jahren her in Observanz gehalten worden, dass die Arbeiter verteilt, vormittags in die heißen, nachmittags in die kühlen Schichten angewiesen werden. […] Und weil sie halbe Arbeiter genannt werden, wird ihnen auf zwei Gruben ihr Lohn, also auf jeder Grube 15 Groschen, geschrieben. Ganze Arbeiter haben hierselbst 30 Groschen Lohn.“ Den Oberharzer Bergbedienten scheint diese Erläuterung wichtig gewesen zu sein, daher haben sie sie in ihr Protokoll aufgenommen.


Keine „halbe Arbeit“: Mitarbeiter des Projekts „Altbergbau 3D“ unter Tage im Rammelsberg. Foto: A. Schmidt-Händel

Dieser Tage, 250 Jahre später, neigt sich das Forschungsprojekt „Altbergbau 3D“, bei dem Historiker, Archäologen, Markscheider, Informatiker und Fotografen – finanziell unterstützt vom Bundesministerium für Bildung und Forschung – drei Jahre lang gemeinsam über den Rammelsberg gearbeitet haben, seinem Ende zu Im Zuge ihrer Arbeit stießen die Historiker in den Archiven auch auf solche – nicht gesuchte, aber dennoch aufschlussreiche – Informationen, wie die oben erwähnte. Was bei den Forschungen noch so alles zutage trat und wie diese Erkenntnisse verarbeitet wurden, darüber informieren die Projektbeteiligten auf verschiedenen Wegen in den nächsten Wochen und Monaten. Also: Augen aufhalten!

Das „Goethe-Modell“

Wenn man am Rammelsberg umgangssprachlich von dem „Goethe-Modell“ spricht, ist nicht zwangsläufige eine Büste oder ähnliches gemeint, sondern ein dreidimensionales Modell des Rammelsberges, welches die übertägige Situation um das Jahr 1800 abbildet. Trotzdem findet man in der Dauerstellung eine Büste des Dichterfürsten, denn Goethe besuchte und befuhr den Rammelsberg ab 1777 mehrmals und verarbeitete seine Eindrücke besonders das Feuersetzen unter anderen in einem seiner berühmtesten Werke: Faust.

Das Modell zeigt die übertägigen Anlagen des Rammelsberges zu Zeiten des Wirkens von Johann Christoph Roeder, der ein Zeitgenosse Goethes war.
Der Herzberger Teich hat im Modell schon seine Dammerhöhung schon erfahren, die 1768 unter Leitung des damaligen Obergeschworen Roeder durchgeführt worden ist.  Und deutlich ist auch schon das Mundloch des späteren ersten Wasserlaufs des heutigen Roeder-Stollens verzeichnet, durch welches heute die Besucher in den Berg einfahren.
Die inwendige Kehr- und Kunstradtreiberei des Kanekuhler Schachtes und des erst 1804 abgeteuften Neuen Serenissimorum Tiefsten Treibschachtes waren noch nicht in Betrieb. Denn der Kanekuhler Schacht wird noch über ein in den 1750er Jahren installierten übertägigen Kehrrad am Fuße des Dammes mit Kraft versorgt, die im Original über ein 360 m langes Feldgestänge auf das sog Geipel Plateau hin zu dem Schacht transportiert wurde.

Der Geipel des Kenekuhler Schachtes auf Höhe des heutigen Geipel-Plateaus.

Das übertägige Kehrrad mit dem Feldgestänge unterhalb des Dammes des Herzberger Teiches und ein Vermerk zum Standort des Mdl. 1.Wlf. [Mundloch 1. Wasserlauf, M.W.] des späteren Roeder-Stollens, Foto M. Wetzel

Wie passen die Besuche Goethes zu einem Modell des Rammelsberges?

Das Modell selbst schuf der Bergvermessungsinspektor Oskar Langer, der am Clausthaler Oberbergamt unter der Leitung des Berghauptmanns Wilhelm Bornhardt beschäftigt war. Wesentliche Grundlage für das Modell ist eine Zeichnung des Rammelsberges von Melchior Kraus aus dem Jahr 1784, welche dieser für Goethe anfertigte. Was der Grund für den heutigen Namen des Modells ist.
Das Modell ist komplett aus Sperrholz gefertigt und in seinen Details sehr filigran ausgeführt. Langer, der als Markscheider die Arbeit mit maßstäblichen Rissen von Bergwerksanlagen gewohnt war, schuf unter Einbeziehung historischer Literatur dieses einmalige Exponat. Neben dem Goethe-Modell baute er eine Vielzahl von Modellen in unterschiedlichen Ausführungen und Maßstäben, die u.a für das 1928 wiedereröffnete Oberharzer Bergwerksmuseum oder die damalige Clausthaler Bergakademie bestimmt waren. Die maßstäbliche und detailgetreue Arbeit Langers an den Modellen ist eine der Grundlangen des aktuellen Forschungsvorhabens „Altbergbau 3D. Ein interdisziplinäres Projekt zur Erforschung des montanhistorischen Erbes im Harz“.  https://altbergbau3d.de/2021/03/08/die-freien-bergstaedte-clausthal-und-zellerfeld-um-1650-in-3d/

Oskar Langer, im Vordergrund das 1928 von ihm geschaffene hölzerne Modell der freien Bergstädte Clausthal und Zellerfeld um1650, das im Oberharzer Bergwerksmuseum zu sehen ist und Grundlage aktueller Forschung ist. Bild Sammlung Oberharzer Bergwerksmuseum

Neben dem Goethe-Modell baute er 1932 ein filigranes fast transparentes Modell des Rammelsberges im Maßstab 1:1.000, in welchem sowohl die damals gegenwärtige übertägige als auch die unterläge Situation des Rammelsberges zu sehen sind. Im Gegensatz zum Goethe-Modell ist dieses hauptsächlich aus Kupferdrähten und Eisenplättchen gefertigt. Das Modell steht heute im sog. Modellraum, einem Nebenraum der Kaue, und kann dort von den Besuchern betrachtet werden. Ursprünglich stand es aber, wie das Goethe-Modell auch, im sog. Rammelsberg-Zimmer des Heimatmuseums Goslar, welches auf die Initiative seines Chefs, Wilhelm Bornhardt, in den 1930er Jahren eingerichtet wurde und in seiner Gesamtheit die erste museale Rezeption der Rammelsberger Bergbaugeschichte darstellte.

Blick in das Rammelsberg-Zimmer des Goslarer Heimatmuseums, im Vordergrund das Modell „Die Grubenbaue des Rammelsberges nebst Tagesanlagen nachdem Stande vom Jahre 1932“, links hinter dem Pfeiler ist das Goethe-Modell zu erkennen. Bild Sammlung Oberharzer Bergwerksmuseum

Zurzeit ist das Goethe-Modell in der Sonderausstellung „Reisen in den Schoß der Mutter Erde- Montantourismus im Harz“ zu sehen, wo die Besuche Goethes am Rammelsberg ausführlich vorgestellt werden.

Das Goethe-Modell in der Sonderausstellung „Reisen in den Schoß der Mitter Erde- Montantourismus im Harz“, Foto M. Wetzel

Behelfskaue – Gefängnis – Zwangsarbeiterlager: Eine Gebäudebiografie des Schreckens. Teil 1: 1937 – 1941.

Unter dem Motto Gebäude-Geschicht(e)n sollen in loser Folge die Geschichten und die Geschichte von Orten und Räumen auf dem Gelände des Weltkulturerbes Rammelsberg beschrieben werden. Dabei wird der Ort nicht lediglich als eine Geländefläche und der Raum nicht nur als Hülle angesehen. Ort und Raum sind von einer Ordnung bestimmt, die sich mehrfach ändert. Gefragt wird nach dem Wandel örtlicher und räumlicher Ordnungen, nach der betrieblich bedingten Produktion von Raum und danach, wie Orte und Räume soziales Handeln verursacht und verändert haben. Es geht also auch um die Wahrnehmung von Orten und Räumen mit Blick auf die Wirkung des Wandels auf Menschen, die hier arbeiteten und lebten.  

1937 plant die zur Preußischen Bergwerks- und Hütten-Aktiengesellschaft (PREUSSAG) gehörende Unterharzer Berg- und Hüttenwerke G.m.b.H.(UHBH) den Bau einer Behelfskaue für Bergleute auf dem Gelände des Erzbergwerks Rammelsberg. Das Erzbergwerk Rammelsberg war seit Anfang der 1920er Jahre wiederum ein Tochterunternehmen der UHBH. Der Ausbau der Förderung unter Tage und der Aufbau der Erzaufbereitungsanlage im Zuge des nationalsozialistischen „Rammelsberg-Projektes“ kamen schnell voran. Der Ausbau der Sozialgebäude, insbesondere die Fertigstellung einer großen Waschkaue, verzögerte sich. Die Behelfskaue war zur Unterbringung sanitärer Anlagen geplant, weil die Belegschaft des Erzbergwerks Rammelsberg allein in den drei Jahren von 1935 bis 1938 um über 500 Personen auf eine Belegschaft von 862 Arbeitern und 82 Angestellten anwuchs. Die Behelfskaue wurde als Baracke gebaut, da es lediglich eine Übergangslösung war, die kurzfristig wieder abgerissen werden sollte.[1]

Für den Aufbau der Kaue verwendete das Bergwerk das Holz eines alten Stallgebäudes. Die Inneneinrichtung der Kaue kam zum Teil aus anderen PREUSSAG-Betrieben. Eine sparsame Bauplanung war oberste Prämisse für dieses nur auf einige Jahre angelegte Gebäude. In dieser Behelfskaue sollten 329 Arbeiter sich waschen und umziehen können. Die mindere Qualität des Gebäudes wurde in einer Baubeschreibung vom 26. Mai 1937 ausdrücklich hervorgehoben: „Das Gebäude soll aus den beim Abbruch des Pferdestalles gewonnen und noch verwendbaren Materialien errichtet werden. Es hat nur behelfsmäßigen Charakter und wird nach Fertigstellung des geplanten Neubaus der Waschkaue wieder beseitigt.“[2] 


Abb. 1: Auszug aus einem Lageplan. Die Behelfskaue wurde unterhalb der ehemaligen Sieb-
 und Klaubeanlage auf dem Werksgelände des Erzbergwerks Rammelsberg errichtet.  
 BGG-Archiv. Akte Behelfskaue Rammelsberg 1937 – 1946: Lageplan zu einer
 provisorischen Kaue des Erzbergwerks Rammelsberg vom 26. Mai 1937.

Doch nach Fertigstellung der neuen Waschkaue im Zuge der Neugestaltung der Tagesanlagen des Erzbergwerks Rammelsberg zwischen 1935 und 1942 blieb auch die Behelfskaue weiter stehen. Denn nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs und der Okkupation Polens nahm der Einsatz von „Volksdeutschen“, aber auch deportierten polnischen Mitbürgern, sowie Belgiern, Holländern, Jugoslawen und Slowaken in den Betrieben der Unterharzer Berg- und Hüttenwerke G.m.b.H., so auch am Erzbergwerk Rammelsberg, zu. Diese Zwangsarbeiter wurden ab Anfang der 1940er Jahre in der Behelfskaue untergebracht. Viele von ihnen flohen nach kurzer Zeit aus Unzufriedenheit über die Arbeit und die Unterbringung von ihrer neuen Arbeitsstelle. Zu Beginn des Krieges setzte das nationalsozialistische Regime seine wirtschaftlichen Interessen noch mit einem gewissen Entgegenkommen gegenüber den dringend benötigten ausländischen Arbeitern durch. Deshalb wurden ab dem 9. Oktober 1940 zur Verbesserung des Aufenthaltsraums in der ehemaligen Behelfskaue für die Einrichtung „40 Stck. Stühle Modell `Schönheit der Arbeit´ “ angeschafft“[3] und im Juli 1941 die „Vertilgung von Wanzen“ angeordnet.[4]


Abb. 2: Anfang der 1950er Jahre steht das Gebäude der Behelfskaue noch (rechter
Bildrand). Foto: Albert Renger-Patzsch, 1953. Sammlung Weltkulturerbe
Rammelsberg.

Doch im weiteren Verlauf des Krieges wurde die nationalsozialistische Rassenideologie immer stärker als Werkzeug des Regimes eingesetzt, um die Zwangsarbeiter zu drangsalieren und ihre Arbeitskraft möglichst effizient auszubeuten. Dazu gehörte auch die möglichst umfassende Kontrolle ihrer Lebens- und Wohnsituation. Der im März 1940 ausgearbeitete sogenannte `Polenerlass´ bot vor Ort bereits die Möglichkeiten der polizeilichen Kontrolle der Arbeiter. Dieser Erlass ordnete für „polnische Staatsangehörige, die im Reichsgebiet beschäftigt wurden, die isolierte Unterbringung in Barackenlager sowie drakonische Strafen für flüchtige oder `arbeitsscheue´ Arbeiter an.“[5] 

Doch der Einsatz der Zwangsarbeiter aus den besetzten Gebieten brachte nicht den erwarteten Erfolg und durch die weitere Einziehung von Bergleuten zur deutschen Wehrmacht verschärfte sich der Arbeitskräftemangel zunehmend. Das Oberbergamt in Clausthal-Zellerfeld schlug den Einsatz von Kriegsgefangenen am Erzbergwerks Rammelsberg vor.

In der Akte zum Bauschein für die Behelfskaue taucht deshalb am 15. September 1941 eine Bestellung von Stacheldraht auf.[6] Das Bergwerk baute die Behelfskaue erneut auf den neuen Bedarf als Gefängnis für Kriegsgefangene um, die eingesperrt engmaschig überwacht und sanktioniert werden sollten.[7]

Für den Umbau der Behelfskaue in ein Gefängnis gab es genaue Anweisungen: Vergitterung der Fenster; Verdunkelung der Fensterscheiben mit Papier; Unterteilung der vorhandenen Betten durch Bretterwände; Anbringung von Holzrosten unter den Tischen und Sitzplätzen; Absicherung der Türen und Verschließen der Schuhschränke bei Nacht, um Fluchtmöglichkeiten einzudämmen; Einrichtung eines Trockenabort für den Schlafraum; Sicherung der Dachflächen; Verlegen einer Klingelleitung vom Schlafraum zur Wachmannschaft; Bestückung der Kleiderspinde mit Ablagefach; Einrichten einer Arrestzelle im Serenissimorum-Maschinenhaus unter Tage; Anbringen eines Stacheldrahtzaunes um das Gelände, nach genauen Angaben.[8]

In einer Bestellung vom 7. Oktober 1941 werden zusätzliche Fenstervergitterungen und Sicherungselemente für Türen angefordert.[9] Weiterer Bestellungsanforderungen und Kostenvoranschläge belegen, wie akribisch die Einrichtung des Kriegsgefangenenlagers nach den Vorgaben geplant wurde.[10]

Doch nachdem die vorgegebenen Sicherheits- und Sanktionsvorkehrungen für die Behelfskaue eingeleitet waren, kam eine überraschende Wende. Der Einsatz von Kriegsgefangenen wurde im August 1940 abgelehnt. Am 22. Oktober 1941 kommt diese Wende auch in der Organisation dieses Raumes der Unterdrückung an: Die angelieferten Fenstergitter für die Behelfskaue dürfen nicht eingebaut werden, „da statt der zugesagten Kriegsgefangenen Zivilarbeiter zugewiesen sind.“[11] Um aber einen zu hohen Anteil ausländischer Arbeitskräfte an der Belegschaft zu vermeiden, wird der Einzug deutscher Bergleute zur Wehrmacht reduziert. Doch diese kurzfristige Einschränkung konnte nicht lange durchgehalten werden. „Mit der Ausweitung des Krieges richteten sich die Werksleitungen spätestens seit Frühjahr 1941 auf den längerfristigen Entzug von Mitarbeitern ein. Mit intensiven Bemühungen um die Zuteilung von Zwangsarbeitern jeder Art versuchten sie, den Anschluss an den Zug der Kriegswirtschaft zu sichern.“[12]

Deshalb heißt es in einem Schreiben des Erzbergwerks Rammelsberg an die Leitung der Unterharzer Berg- und Hüttenwerke G.m.b.H. vom 8. November 1941: „Da mit einem weiteren Absinken unserer Belegschaftszahl zu rechnen ist, muß nach Möglichkeit ein Ausgleich durch Heranziehung ausländischer Arbeitskräfte geschaffen werden. Zur Unterbringung dieser Arbeitskräfte ist ein Umbau der Hilfskaue in Form eines 6,70 m langen Anbaues erforderlich. In diesem Anbau können weitere 46 Mann untergebracht werden, so dass dann insgesamt Unterbringungsmöglichkeit für 96 Mann besteht.


Abb. 3: Am Standort der ehemaligen Behelfskaue steht heute ein flaches Gebäude
in dem zu Betriebszeiten des Erzbergwerks die Lampenstube, ein Raum für die   
Grubenwehr und ein Pförtnerbereich untergebracht waren. Jetzt wird das Gebäude
von der Museumsverwaltung des Weltkulturerbes Rammelsberg genutzt. In dem Silo
im Vordergrund wurde Zement für den Versatz unter Tage gelagert. Foto: Johannes    
Großewinkelmann, 2021.

Die dichte Beschreibung zur „Biografie“ des Gebäudes, kann aus den Bauakten bis in die Nachkriegsjahre recherchiert werden. Der erste Teil diese Beschreibung zeigt bereits eindrucksvoll, wie ein Raum im Laufe von wenigen Jahren mehrfach seinen `Modus´ wechselt und welche äußerlich sichtbaren Veränderungen das nach sich zog. Dazu kommt die Einbindung vieler Bereiche in diesen Prozess, von der Bauverwaltung der Unterharzer Berg- und Hüttenwerke G.m.b.H. bis zu den Werkstätten des Erzbergwerks Rammelsberg. Es wird quasi aus den einzelnen Baumaßnahmen für viele an diesem Prozess Beteiligte sichtbar, welche Funktion der Raum in verschiedenen Phasen der Unterdrückung zwangsweise am Bergwerk eingesetzter ausländischer Arbeitskräfte haben sollte.

Auch im zweiten Teil dieser Gebäude-Geschichte wird in einem der nächsten Beiträge der Wandel der Behelfskaue in den Jahren von 1942 bis 1945 unter sich dramatisch zuspitzenden Bedingungen mit dem Eintritt Deutschlands in einen „totalen Krieg“ vorgestellt und dadurch werden weitere Zusammenhänge von Raum, Organisation und Unterdrückung im Nationalsozialismus an diesem Ort und in diesem Gebäude sehr konkret nachvollziehbar.


[1] Vgl. BGG-Archiv. Akte Behelfskaue Rammelsberg 1937 – 1946. Lageplan zu einer provisorischen Kaue des Erzbergwerks Rammelsberg vom 26. Mai 1937.

[2] BGG-Archiv. Akte Behelfskaue Rammelsberg 1937 – 1946. Baubeschreibung vom 26. Mai 1937.

[3] BGG-Archiv. Akte Behelfskaue Rammelsberg 1937 – 1946. Bestellung der Unterharzer Berg- und Hüttenwerke G.m.b.H. für das Erzbergwerk Rammelsberg, Goslar vom 8. November 1940.

[4] BGG-Archiv. Akte Behelfskaue Rammelsberg 1937 – 1946. Bestellung an Adolf Wiese Goslar, Am Siechenhof 9 vom 11. Juli 1941.

[5] Bernhard Stier / Johannes Laufer: Von der Preussag zur TUI. Wege und Wandlungen eines Unternehmens 1923 – 2003. Essen 2005, S. 352.

[6] BGG-Archiv. Akte Behelfskaue Rammelsberg 1937 – 1946. Bestellung einer Rolle Stacheldraht beim Kriegsgefangenenlager in Fallingbostel. Vom 25.9.1941. 

[7] BGG-Archiv. Akte Behelfskaue Rammelsberg 1937 – 1946. Vermerk betr. Unterbringung von Kriegsgefangenen in der Hilfskaue vom 2. Oktober 1941.

[8] BGG-Archiv. Akte Behelfskaue Rammelsberg 1937 – 1946. Vermerk betr. Unterbringung von Kriegsgefangenen in der Hilfskaue vom 2. Oktober 1941.

[9] BGG-Archiv. Akte Behelfskaue Rammelsberg 1937 – 1946. Bestellung der Unterharzer Berg- und Hüttenwerke G.m.b.H. für das Erzbergwerk Rammelsberg vom 7. Oktober 1941.

[10] BGG-Archiv. Akte Behelfskaue Rammelsberg 1937 – 1946.

[11] BGG-Archiv. Akte Behelfskaue Rammelsberg 1937 – 1946. Schreiben des Erzbergwerks Rammelsberg an Unterharz, Abt. Einkauf, vom 22. Oktober 1941.

[12] Bernhard Stier, Johannes Laufer: Von der Preussag zur TUI. Wege und Wandlungen eines Unternehmens 1923 – 2003. Essen 2005, S. 353.