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Corona, Kultur und Respektlosigkeit

Die abermalige Schließung der Museen der Bundesrepublik Deutschland am 2. November 2020 war eine politische Entscheidung.

Die musealen Einrichtungen waren nachweislich nicht Orte der Verbreitung von Corona-Infektionen, die Häuser hatten zum Teil über Monate hinweg differenzierte Hygienekonzepte konzipiert und ihren Besucher- und Führungsbetrieb umorganisiert. Neue Führungsformate waren entstanden, Mitarbeiter*innen hatten mit kreativen Ideen den Besuchern nicht nur virtuell neue Horizonte eröffnet und selbst an besonderen Orten, wie den untertägigen Anlagen des Weltkulturerbe Rammelsberg in Goslar, war es aufgrund hoher Investitionen und der Einbringung neuer Lüftungstechnik freier von Aerosolen als in mancher Fußgängerzone.
Trotz dieser – vor dem Hintergrund des Geschilderten – scheinbaren Fehlentscheidung, ist der Beschluss der Bundeskanzlerin und der Ministerpräsidenten der Länder richtig. Bei steigenden Inzidenzen gilt es das Zusammentreffen vieler Menschen an einem Ort zu vermeiden, um die Infektionspotentiale zu minimieren und eine Kontaktbeschränkung umzusetzen.

Wir sollten als Museumsmacher so realistisch sein zu erkennen, dass bei einer hohen Infektionsdichte über kurz oder lang auch wir zu Verbreitungsorten geworden wären; bei beispielswiese bis zu 800 Besuchern täglich am Weltkulturerbe Rammelsberg, hätten auch wir Probleme bekommen die Prozessabläufe auf Dauer auf einem hohem Sicherheitsniveau zu gestalten.

Das heißt, die Museumseinrichtungen der Bundesrepublik Deutschland leisten an dieser Stelle einen solidarischen Beitrag zum Erhalt der Gesundheit der Bürgerinnen und Bürger und zur Aufrechterhaltung der sozialen und wirtschaftlichen Funktionsfähigkeit.
Wer solidarisch handelt, darf allerdings auch Respekt verlangen und erwarten.
Bezüglich ihrer Lockdown Verordnung zum 2. November 2020 benennt die Bundesregierung als zu schließende Bereiche „… Institutionen und Einrichtungen, die der Freizeitgestaltung zuzuordnen sind (…) und ähnliche Einrichtungen“. Museen sind keine Freizeitparke, Fitnesscenter oder Eventlandschaften. Museen sind Träger der Kultur über nationale Grenzen hinweg, sie üben gesellschaftlichen Diskurs ein und vermitteln Werte und Normen. Und sie sind Bildungseinrichtungen – als Welterbestätte wie das Weltkulturerbe Rammelsberg haben sie sogar einen explizierten Bildungsauftrag der Vereinten Nationen. Museen unterscheiden sich also sehr deutlich von Freizeiteinrichtungen beliebiger Couleur.

Rund 7.000 museale Einrichtungen gibt es in der Bundesrepublik Deutschland, sie repräsentieren in ihrer Vielfalt, wie kaum andere Institutionsformen dieser Republik, das vermeintliche Land der „Dichter und Denker“. Jährlich besuchen mehr Menschen die Museen der Republik, als in die Arenen der 1. und 2. Fußballbundesliga strömen. Museale Kultur ist gesellschaftspolitisch solidarisch aber sie verdient eine politische Umgehensweise gemäß ihres gesellschaftlichen Stellenwertes.

Im neuen Infektionsschutzgesetz der Bundesregierung vom 19. November 2020, scheint die „Schräglage zur Kultur“ erkannt worden zu sein. Hier wird ausgeführt, dass die Schließung von kulturellen Orten einer gesonderten Begründung bedürfe, da deren Tätigkeiten grundrechtsrelevant seien.

Ein respektvolles Glückauf sendet Ihnen

Ihr Gerhard Lenz

Vom Ende zum Anfang. Auf der Suche nach der Stunde „Null“ am Ende des Zweiten Weltkriegs

Vom Ende zum Anfang. Auf der Suche nach der Stunde „Null“ am Ende des Zweiten Weltkriegs

Dr. Johannes Großewinkelmann

Die Frage, ob es eine Stunde „Null“ am Ende des Zweiten Weltkriegs gab, ist sicherlich schnell beantwortet: Es gab diese Stunde nicht. Das Leben ging einfach weiter. Doch es gab in Deutschland einen Übergang von der nationalsozialistischen Diktatur in die demokratische Ordnung, vom Krieg in den Frieden, vom KZ-Häftling zum befreiten Menschen, vom Soldaten zum Zivilisten, vom Zwangsarbeiter zum `Displaced Person´, von der Ehefrau zur Witwe, vom Kind zum Kriegsopfer –  die Aufzählung ließe sich noch lange fortschreiben. Wie sah der Übergang zwischen dem Untergang der Diktatur und dem Beginn einer neuen Gesellschaft in Deutschland aus ? Dieser Übergang fand auf ganz vielen Ebenen statt, auf einer gesellschaftlichen genauso wie auf der individuellen Ebene. Ebenso vielfältig ist die Darstellung dieser Übergänge, nicht nur in der historischen Forschung, sondern auch in den Museen oder im Film.   

In den letzten Wochen sind mir parallel, aber unabhängig voneinander, mehrere Darstellungen unterschiedlicher Übergänge, die häufig mit der „Stunde Null“ beschrieben werden, aufgefallen. Eine Darstellung, bei der es sich um einen sehr individuellen Zugriff auf diese „Stunde Null“ handelt, fand ich in der Sammlung des Weltkulturerbes Rammelsberg. Vor einiger Zeit konnten Tagebücher des ehemaligen Rammelsberger Bergmanns Helmut Luft eingesehen und kopiert werden. Die Tagebücher wurden retrospektiv verfasst. Helmut Luft war zum Zeitpunkt des Verfassens bereits über 70 Jahre alt. Die Tagebücher sind deshalb als Lebenserinnerungen zu bewerten.[1]

Allerdings hat Helmut Luft schon während seiner Zeit als Soldat ein besonderes „Kriegstagebuch“ geführt. Auf dieses greift er in seinen später geschrieben Lebenserinnerungen zurück. Die Beschreibung der Kriegszeit ist deshalb von einer stärkeren Authentizität geprägt, als die Schilderung anderer Lebensabschnitte.      

Geboren 1928 in Goslar, hat Helmut Luft zwischen dem 1. April 1942 und dem 29. August 1944 eine Ausbildung zum Bergmann am Erzbergwerk Rammelsberg absolviert. Am 5. Januar 1945 wurde er als Soldat zur Wehrmacht einberufen. Zu seiner Vereidigung als Soldat am 10. Januar 1945 schreibt er in sein Tagebuch: „Vorne auf dem Podest stand ein hoher Offizier und sagte was von Endkampf und das die Feinde nun an Deutschlands Grenzen ständen. Wir Jungen sollten alle auf Flakbatterien verteilt werden. Dafür würden die älteren Soldaten für den Endkampf frei. (…) Die Jungen waren alle so 15 – 18 Jahre alt. Wir waren alle noch jung und glaubten von klein auf, was man uns sagte. (…) Wir dachten wir machen alles richtig.“[2]

Nach einer kurzen Infanterie- und Geschützausbildung wurde Helmut Luft an ein Flakgeschütz in der Nähe von Hannover abkommandiert.  


Zeichnung (2.Mai 1945) von Helmut Luft von der letzten Flakstellung, in der er als Soldat eingesetzt war.
Quelle: Helmut Luft, Tagebücher, Heft 2, S. 61. In: Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg.

Diese Flakeinheit gab am 12. April 1945 wegen der anrückenden amerikanischen Truppen ihre Stellung auf und die Soldaten setzten sich in Richtung ihrer Heimatorte in Bewegung. Helmut Luft marschierte mit sieben Kameraden aus dieser Einheit Richtung Harz. Er schreibt am 13. April 1945 in sein Tagebuch: „Nach ein paar Stunden, wir kamen an einem frisch gepflügten Acker durch, in die erste Furche legte ich meinen Karabiner, mit den Fuss Erde darüber. Die Älteren sagten, `das kannst du doch nicht machen, wenn wir nun auf Deutsche Truppen treffen.´ Ich sagte, `ich gehe nach Hause, da brauch ich keine Waffen. Wir gingen weiter, nach einer halben Stunde schmissen die anderen auch ihr Kram weg. Ich meine Gasmaske auch. Ja, da war uns schon viel leichter.“[3]

Auf dem weiteren Weg trennte sich die Gruppe und Helmut Luft ging mit einem weiteren Kameraden Richtung Goslar weiter. Auf dem Weg wurden sie häufiger angehalten und befragt. Für diese Befragungen hatten sie sich eine Notlüge ausgedacht: „Wir sagten immer dasselbe. Wir hätten beim Bauern gearbeitet in der Lüneburger, der Hof wäre abgebrannt und wollten nach Goslar.“[4]

Nach vier Tagen zu Fuß unterwegs kamen Helmut Luft und sein „Kumpel“ am 16. April 1945 über Jerstedt nach Goslar. Kurz vor Goslar wurden sie durch ehemalige französische Zwangsarbeiter bedroht und mussten mitgeführte Lebensmittel und Zigaretten abgeben. „Nur mein Messer fanden sie nicht. Das habe ich noch heute, ich benutze es jeden Tag beim Essen. Danach gingen wir durch Jerstedt, nach Goslar, es war schon dunkel. Es war Ausgangsverbot. Also auf Umwege weiter. (…) Beide über den Zaun und wir standen auf dem Hof. Es war genau 20.00 Uhr. Ich klopfte und klingelte ein paarmal, dann rief Klaus (sein Bruder, J.G.) von oben `wer ist denn da´. Ich sagte, `hier ist Helmut´. Klaus war damals 4 Jahre alt. Er sagte `Helmut ist nicht da, der ist bei der Flak´. Dann kam meine Mutter runter und ließ uns rein. Alle waren froh, dass ich wieder da war und ich auch. Meine Mutter machte Bratkartoffeln und wir beide hauten rein wir hatten ja den ganzen Tag noch nichts gegessen.“ (…) Ich wollte den ganzen Tag auf dem Sofa liegen. Man durfte sowieso nicht raus. Die Tommys (englische Soldaten, J.G.) fuhren überall Streife. Ich war ja praktisch ein Fahnenflüchtiger. Es war ja immer noch Krieg. Am 3. Tag bin ich dann doch aufgestanden. Meine Eltern sagten, dass Goslar schon am 10. April besetzt wurde. Mittag um 13 Uhr ist der Feind von Astfeld kommend in Goslar eingerückt. Zur gleichen Zeit rückten die letzten (deutschen, J.G.) Soldaten und der Volkssturm durchs Wintertal in den Harz.“[5]

Nachdem Helmut Luft in seinem Tagebuch noch einige Anmerkungen über den weiteren Verlauf des Krieges in der Region macht, beschreibt er die familiäre und seine persönliche Situation beim Übergang von der Kriegs- in die Friedenszeit: „Ja bei uns zu Hause war es gar nicht einfach. Wir hatten ja (…) keine Lebensmittelkarten. Es gab tagelang nur was mit Kartoffeln. Ausgang war von 11.00 bis 12.00 Uhr. Meine Mutter ging dann immer zum Kaufmann, wenn es was gab. Anfang Mai ging ich mit zum Einwohnermeldeamt wegen der Neuen Marken. Ich habe in der ersten Zeit viel gezeichnet. Meistens aus unserer Stellung  (Flakstellung, J.G.) bei Neuloh. Habe die Bilder hier mit ins Heft geheftet. Am 8. Mai war der Krieg vorbei. Die Sieger haben die Nacht mit Leuchtspurmuni. – und alles was knallte rumgeballert. Die Nacht konnten wir alle nicht schlafen. (…) Es war eine ganz schlechte Zeit. Aber Ende Mai ging es am Rammelsberg wieder los. Deutschland brauchte Metall für den Wiederaufbau.“ [6]


Aus der Erinnerung hat Helmut Luft dieses Bild im April 1946 von den bei einem Bombenangriff zerstörten Unterkunftsbaracken gezeichnet, in denen er als Soldat einer Flakeinheit untergebracht war.

Selbst nach über 50 Jahren muss Helmut Luft beim Schreiben der Tagebucheintragungen zu der Kriegszeit emotional sehr ergriffen gewesen sein, denn er unterbricht seine Niederschrift einmal für mehrere Wochen und schreibt am Ende des Kapitels über die Kriegszeit „Ob ich nochmal weiter schreibe weiss ich noch nicht !!!“ [7] Doch Helmut Luft setzt seine Lebenserinnerungen fort und schreibt noch weitere ca. 700 engbeschriebene DinA-5-Seiten voll.

Handschriftliche Gliederung der einzelnen Hefte des Tagebuchs von Helmut Luft.

In Vorbereitung auf einen Lehrauftrag am Historischen Seminar der Leibniz Universität Hannover zum Thema „Montanindustrie im Nationalsozialismus. Das Erzbergwerk Rammelsberg“, den ich im Sommersemester 2020 mit Prof. Dr. Karl-Heinz Schneider durchgeführt habe, las ich die Publikation des englischen Historikers Ian Kershaw „Das Ende. Kampf bis in den Untergang. NS-Deutschland 1944/45.“[8] Ian Kershaw untersucht die Endphase des Zweiten Weltkriegs unter der Frage: Warum kämpften die Deutschen bis zum bitteren Ende weiter?  Dabei betrachtet er insbesondere die Motive in den höchsten politischen und militärischen Führungskreisen, auf die in den letzten Monaten des Krieges der unbedingte Wille zum Durchhalten basierte. Ausführlich beschreibt Kershaw das Verhalten der Führungsriege um Adolf Hitler und der militärischen Führung an den verschieden Frontabschnitten in den letzten Monaten, Wochen und Tagen vor der Kapitulation. Er betrachtet damit im Gegensatz zu den oben vorgestellten Tagebucheintragungen eines einfachen, jungen Soldaten, eine ganz andere Ebene, die der verantwortlichen Täter.

Neben vielen Aspekten, die Ian Kershaw im Einzelnen erforscht, kommt er zu einem sehr grundsätzlichen Fazit in Bezug auf das Ende der Diktatur und des Krieges und damit auf die Schaffung eines neuen Anfangs: „Zuerst ist zu sagen, dass die Bevölkerung, anders als manchmal behauptet wird, nicht bis zum Ende hinter Hitler und dem NS-Regime gestanden hat. (…) Wenig spricht für die Auffassung, die `Volksgemeinschaft´ habe weiterhin Zusammenhalt stiftend und als integrative Kraft hinter den Kriegsanstrengungen gestanden. In Wahrheit hatte sich die hoch gepriesene `Volksgemeinschaft´ schon lange aufgelöst; nun galt: Es rette sich wer kann.“[9]

Doch die meisten Deutschen kämpften weiter und verlängerten damit das alltägliche Leid, denn sie wollten keine Besatzung Deutschlands und schon gar nicht durch die gefürchteten Russen.[10] Damit hielt aber auch der Terror, den das NS-Regime mit immer menschenverachtender Brutalität gegen die eigene Bevölkerung ausübte, weiter an. Der Terror des Regimes nach innen und die Furcht vor einer Besatzung zögerten das Ende deshalb so dramatisch hinaus. Als die Herrschaft des NS-Regimes in den letzten Monaten, Wochen und Tagen zusehends zerfiel, lief es Amok. Bis in die Provinzen nahmen Parteifunktionäre die Dinge mit brutalsten Mitteln selbst in die Hand und schickten unzählige Menschen zur sinnlosen Verteidigung von Dörfern, Städten oder Anlagen in den Tod.[11] 

Diese Bedingungen des lange herausgezögerten Endes bestimmten dann den Anfang der neuen deutschen Gesellschaft nach dem 8. Mai 1945 in beispielloser Weise. Eine kleine Fernsehserie mit dem Titel „Im Schatten der Mörder – Shadowplay“, die vor einigen Tagen im ZDF zu sehen war, greift diese Übergänge, die Menschen am Ende des Krieges machen mussten, anhand fiktiver Geschichten auf. Max McLaughlin (Taylor Kitsch) soll 1946 im kriegszerstörten Berlin in der amerikanischen Besatzungszone eine Polizeieinheit aufbauen. An seiner Seite steht die deutsche Polizistin Elsie (Nina Hoss) mit ihrer „Hilfstruppe“ aus unbewaffneten Frauen und alten Männern. Ziel der beiden ist es, den „Engelmacher“ (Sebastian Koch) zu Fall zu bringen, der vergewaltigten Frauen hilft und sie darüber in sein kriminelles Schwarzmarktimperium rekrutiert. Gleichzeitig will Max seinen Bruder Moritz (Logan Marshall-Green) stellen, der einen tödlichen Privatkrieg gegen entflohene Naziverbrecher führt.

Mit den Mitteln des Spielfilmgenres wird an vielen Stellen in diesem Thriller nicht nur deutlich, wie Menschen aus der Vergangenheit des NS-Regimes eine Last in die neu aufzubauende Gesellschaftsordnung mitnehmen, sondern wie auch die politischen Verhältnisse in den vier Besatzungszonen in Berlin ein Jahr nach Kriegsende noch von den Bedingungen des Kriegendes definiert werden.

Einen völlig anderen Zugang zum Thema wählten im Sommersemester die Studierenden des oben genannten Seminars an der Leibniz Universität Hannover. Durch die Bedingungen zur Eindämmung der Corona-Pandemie als Online-Seminar angelegt, bot sich die Chance, eine intensivere Auswertung von historischem Quellenmaterial vorzunehmen. Es wurden Monats- und Jahresberichte des Erzbergwerks Rammelsberg aus den Jahren von 1939 bis 1952 aus dem ehemaligen Betriebsarchiv der PREUSSAG ausgewertet. Die Auswertung der Berichte konzentrierte sich auf die Übergänge vom Frieden 1938 in den Krieg nach dem 1. September 1939 und auf den Übergang vom Krieg in den Frieden ab April / Mai 1945. Exemplarisch möchte ich einige Aspekte aus den Monatsberichten vom April bis Juni 1945 aufgreifen. Diese Monatsberichte verfasste der damalige Betriebsleiter Wolfgang Huber[12], seit 1937 Mitglied der NSDAP und seit Herbst 1940, nach seiner Beteiligung als Unteroffizier bzw. Feldwebel am Überfall auf Polen und Frankreich, war er Betriebsdirektor des Erzbergwerks Rammelsberg. Wolfgang Huber wurde verantwortlicher Leiter für den Ausländereinsatz, also für den Einsatz der ausländischen Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen am Erzbergwerk Rammelsberg.

Die Monatsberichte richtete der Betriebsdirektor an seinen Vorgesetzten, Dr. Hans-Hermann von Scotti[13], der in der Unterharzer Berg- und Hüttenwerke GmbH als Tochtergesellschaft der PREUSSAG für den Bereich Bergwerke zuständig war. In dem Monatsbericht vom April 1945 heißt es zur Lage des Erzbergwerks Rammelsberg kurz nach Ende des Krieges[14]: „ Im Laufe des 10.4. wurde Goslar durch Einheiten der amerikanischen Armee besetzt. Die Besetzung wurde durch Auslösung von Luftlandealarm gegen 13.45 Uhr bekanntgegeben. Kurz darauf strömten größere Mengen der Bevölkerung zum Werk, um hier Schutz zu suchen für den Fall, dass Kampfhandlungen in der Stadt stattfanden. Mehrere hundert Leute wurden in der Richtschacht- und Bergeschachtstrecke sowie in den Luftschutzräumen unter Tage untergebracht. Nachdem sich herausgestellt hatte, dass nennenswerte Kampfhandlungen in der Stadt nicht erfolgten, verliess die Bevölkerung zwischen 15 und 16 Uhr wieder das Werk.

Der Gruben- und Aufbereitungs- und Tagesbetrieb wurde im Laufe des 10. eingestellt. Mit einer kleinen Notbelegschaft des Maschinenbetriebes konnte jedoch während des ganzen Monats die Wasserhaltung weiterbetrieben werden, da die Stromversorgung sowohl von Oker als auch vom Oberharz her nicht unterbrochen war.“[15]

Nachdem ein Teil der einheimischen Bevölkerung den Tag der Befreiung von der nationalsozialistischen Herrschaft mit wohlwollender Duldung der Betriebsleitung im Schutz der Grubenräume des Erzbergwerks Rammelsberg verbracht hatte, konnte der Betriebsdirektor Huber die Reaktionen einer großen Mehrheit der ausländischen Zwangsarbeiter an diesem Tag nicht verstehen. Er schreibt dazu in seinem Monatsbericht: „Grosse Schwierigkeiten entstanden durch die Ausländer. Die Stadtverwaltung hatte noch am 9.4. den Abtransport sämtlicher Ausländer angeordnet. Gleichzeitig erging durch die Kreisleitung der NSDAP der Auftrag an den unterzeichneten Werksleiter, sämtliche verfügbaren Gefolgschaftsmitglieder, insbesondere alle Ausländer, zum Bau von Strassensperren zur Verfügung zu stellen. Infolgedessen war es nicht möglich, die Fremdarbeiter abzutransportieren.“[16] Wolfgang Huber folgte hier den Anweisungen der Partei und riskierte im Angesicht der amerikanischen Besetzung das Leben der Zwangsarbeiter, in dem er diese zum Bau von Straßensperren eingesetzt hätte. Dazu kam es dann nicht mehr.

Dass die befreiten Zwangsarbeiter nach dem 10. April 1945 nicht mehr so bereitwillig den Anweisungen der Betriebsleitung folgten, notierte Huber fast schon mit Erstaunen: „Neben den rd. 330 bereits seit längerer Zeit am Werk beschäftigten Ausländer, wurden am 11. des Berichtsmonats dem Werk 440 ehemalige sowjetische Kriegsgefangene zur Unterbringung und Verpflegung zugeführt. Sie wurden zunächst in der leerstehenden ehemaligen Hilfskaue untergebracht. Schon bald jedoch drangen sie (…) in das Verwaltungsgebäude ein, belegten hier sämtliche Räume und zerstörten die Büroeinrichtung sowie das Aktenmaterial nahezu restlos. Auch in den Werkstätten wurde insbesondere durch Entwendung des Handwerkszeuges grösserer Schaden angerichtet, gestohlen wurde unter anderem sämtliches vorhandene Filtertuch, rund 750 m. Außerdem verwehrten die Ausländer sämtlichen deutschen das Betreten des Werkes, sodass die Notbelegschaft grössere Schwierigkeiten bei der Erledigung ihrer Arbeiten hatte.“[17]

Aus dem Monatsbericht des Betriebsdirektors Huber wird deutlich, dass er sich der Verbrechen, die er im Rahmen der NS-Herrschaft an den ausländischen Arbeitskräften vor Ort am Erzbergwerk Rammelsberg verübt hat, in keiner Weise bewusst war. Huber bleibt bis in den Mai 1945 noch Werksleiter und muss in den Tagen nach dem Einmarsch der amerikanischen Truppen am 10. April in einer Situation aus plötzlich fehlender Unterstützung durch einen Parteiapparat und aus massivem Autoritätsverlust gegenüber seiner Person einen Notbetrieb des Erzbergwerks aufrecht erhalten, bis die amerikanische Militärregierung am 12. Juni 1945 die Wiederaufnahme der Erzförderung genehmigt.[18] Am 23. Juni 1945 wurde Wolfgang Huber als Betriebsdirektor des Erzbergwerks Rammelsberg von der britischen Militärregierung[19] vom Dienst suspendiert und gegen ihn ein Entnazifizierungsverfahren eingeleitet. Gleichzeitig aber griff die britische Besatzungsmacht auf die bergmännische Kompetenz des ehemaligen Betriebsleiters zurück und setzte Huber wieder als Direktionsassistenz bei den Unterharzer Berg- und Hüttenwerken ein. Nach einem über zwei Jahre sich hinziehenden Untersuchungsverfahren wurde Huber 1947 in die Kategorie II eingestuft, d.h. er galt weiterhin als belastet, als schuldiger Aktivist und Nutznießer des NS-Regimes. Insbesondere waren mit seiner Zustimmung als Betriebsdirektor drastische Strafen gegen Zwangsarbeiter verhängt worden. Das machte ihn zum Mittäter des NS-Systems. Huber zeigte weder direkt nach dem 10. April 1945, als die amerikanischen Truppen in Goslar einmarschierten, noch Jahre später Einsicht in sein verbrecherisches Handeln.

Die vorgestellten Darstellungen vom Ende des diktatorischen NS-Systems und dem Anfang einer neuen gesellschaftlichen Ordnung nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs, diese Suche nach der häufig als „Stunde Null“ bezeichneten Übergangsphase, hat viele Facetten gesellschaftlicher und individueller Umbrüche gezeigt. Häufig steckten sowohl auf gesellschaftlicher, als auch auf individueller Ebene in den Umbruchsprozessen noch Elemente des Vorhergehenden, die entscheidend nicht nur das Zukünftige, sondern auch den Weg in diese Zukunft geprägt haben. Auch deshalb wirkt die Geschichte der nationalsozialistischen Diktatur noch mehrere Generationen nach ihrem Ende weiter auf die Menschen ein.     


[1] Die Tagebücher wurden dem Weltkulturerbe Rammelsberg von Dieter Luft zur Verfügung gestellt. Hierfür gilt ihm ein besonderer Dank. 

[2] Helmut Luft, Tagebücher, Heft 2, S.39 und 60. (Reproduktion) In: Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg. 

[3] Helmut Luft, Tagebücher, Heft 3, S. 59 f. (Reproduktion) In: Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg.

[4] Helmut Luft, Tagebücher, Heft 3, S. 65. (Reproduktion) In: Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg.

[5] Helmut Luft, Tagebücher, Heft 3, S. 67 ff. (Reproduktion) In: Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg.

[6] Helmut Luft, Tagebücher, Heft 3, S. 71 ff. (Reproduktion) In: Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg.

[7] Helmut Luft, Tagebücher, Heft 3, S. 73. (Reproduktion) In: Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg.

[8] Ian Kershaw: Das Ende. Kampf bis in den Untergang. NS-Deutschland 1944/45, München 2013.

[9] Ebda., S. 527 f.

[10] Vgl. ebda., S. 528. 

[11] Vgl. ebda., 530.

[12] Wolfgang Huber, Jahrgang 1901, war in Bernburg an der Saale aufgewachsen. Er studierte nach dem Abitur in Tübingen und an der Technischen Hochschule in Berlin Bergbau. In einer schlagenden Studentenverbindung handelte sich der Student einen Schmiss am rechten Mundwinkel ein. 1928 trat er als Bergassessor bei der PREUSSAG ein. Vgl. Bernhild Vögel, „Wir waren fast noch Kinder“. Die Ostarbeiter am Rammelsberg, Goslar 2003, S. 107 f.

[13] Dr. Hans-Hermann von Scotti war in den Unterharzer Berg- und Hüttenwerken seit 1933 zuständig für die Bergwerksbetriebe. Er war seit dem 1. Mai 1933 Mitglied der NSDAP und übernahm von 1934 bis 1937 auch den Posten des Betriebsdirektors am Erzbergwerk Rammelsberg. Hans-Hermann von Scotti war als Mitglied der Direktion der Unterharzer Berg- und Hüttenwerke insbesondere über alle Maßnahmen zur Bestrafung von ausländischen Zwangsarbeitern informiert. Seine Unterschrift findet sich auch unter einem Schießbefehl an die Wachmannschaft des sogenannten Ostarbeiterlagers. Sie sollten sofort schießen, wenn Zwangsarbeiter ohne Berechtigung das Lager verließen. Vgl. Bernhild Vögel: „Wir waren fast noch Kinder“. Die Ostarbeiter vom Rammelsberg. Goslar 2003, S. 118.

[14] Am 10. April 1945 wurde Goslar durch amerikanische Truppen besetzt.

[15] Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg. Monatsberichte des Erzbergwerks Rammelsberg an die Unterharzer Berg- und Hüttenwerke 1939 bis 1952. Monatsbericht für den April 1945, S. 1.

[16] Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg. Monatsberichte des Erzbergwerks Rammelsberg an die Unterharzer Berg- und Hüttenwerke 1939 bis 1952. Monatsbericht für den April 1945, S. 1.

[17] Ebda., S. 1 f.

[18] Vgl. Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg. Monatsberichte des Erzbergwerks Rammelsberg an die Unterharzer Berg- und Hüttenwerke 1939 bis 1952. Monatsbericht für den Juni 1945, S. 1.

[19] Ende Mai rückten die amerikanischen Truppen aus Goslar ab und eine britische Militärregierung übernahm die Neustrukturierung und Demokratisierung aller Bereiche des zivilen Lebens im Braunschweiger Land.  

30 Jahre Museum am Rammelsberg: Erinnerungsort und Filmkulisse

Genau genommen ist es bereits 32 Jahre her, dass ein Museum am Rammelsberg ins Leben gerufen wurde. Mit breitem öffentlichem Disput war schon seit den frühen 1980er Jahren die Notwendigkeit formuliert worden, die Rammelsberger Anlagen zu erhalten und der Öffentlichkeit museal zugänglich zu machen. Wenige Wochen nach dem Ende der Erzgewinnung gründete der Rat der Stadt Goslar tatsächlich eine Trägergesellschaft für das Haus, das im Oktober 1990 als „Rammelsberger Bergbaumuseum“ seine Türen für das Publikum öffnete. Die Entwicklung der darauf folgenden Jahre findet sich verschiedentlich in Veröffentlichungen des Museums und bleibt an dieser Stelle unberührt.

Beleuchtet sein ein anderer Aspekt der öffentlichen Wahrnehmung: die Filmkulisse Rammelsberg. Von Dokumentationen und Berichten abgesehen, spielte der Rammelsberg als Objekt seiner selbst in den Ergebnissen filmischen Schaffens bisher in keinerlei Rolle, und mitunter taucht er im Fernsehen oder auf der Kinoleinwand so stark verfremdet auf, dass selbst gestandene Rammelsberg-Besucher genau hinschauen müssen, um Altbekanntes . zu entdecken.

„Böse Wetter“ hieß eine Produktion des Mitteldeutschen Rundfunks aus dem Jahr 1999. Ermittler des „Polizeiruf 110“ waren in Bad Grund aktiv und auch am Rammelsberg. Dessen Tagesanlagen waren eindeutig erkennbar, ebenfalls die Straßenzüge in Goslar, das allerdings den Zuschauern als Städtchen Leimerode vorgestellt wurde. Im „Geheimnis im Wald“ des ZDF wurde das Erzbergwerk 2007 zur Brauerei in dem fiktiven Harzort Michenbach. Beide Fälle konnten, wenn auch mit Verzögerung, gelöst werden.

Eine Lösung ganz anderer, nämlich technischer Art realisierte das Team des Kölner TV-Unternehmens Zeitsprung 2003. „Das Wunder von Lengede“, basierend auf dem Grubenunglück von 1963, fand weitgehend in der Aufbereitungsanlage am Bollrich statt. Dort wurde u.a. der damalige Wassereinbruch in der Eisenerzgrube Mathilde in Lengede nachgestellt, mit dem Ergebnis, dass täglich nach Drehschluss 300.000 Liter Wasser durch einen nachgebauten Stollen stürzten: ein beeindruckendes Erlebnis, an dem auch Mitarbeiter und Grubenführer des Rammelsberges teilhaben durften.

Das Wunder von Lengede – Filmaufnahmen 2003 Wassereinbruch am Bollrich

Bedrückend dagegen waren die Untertage-Szenen in Heinrich Breloers Film „Speer und er“, der das Verhältnis zwischen Adolf Hitler und seinem Rüstungsminister Albert Speer thematisiert. Um das gewaltige Heer von Zwangsarbeitern darstellen zu können, die bei Nordhausen untertägig für „des Führers Wunderwaffe“ schuften, leiden und sterben mussten, wurden in Goslar und Umgebung zahlreiche Komparsen akquiriert. Reste des Strohlagers, auf dem die Darsteller sich ausbreiteten, fanden sich noch Jahre später in den Tiefen des Berges.

Drehtag „Speer und er“ am Rammelsberg, 10. Mai 2004

Abschließend sei noch dasjenige Filmereignis erwähnt, an das sich viele Goslarer bis heute erinnern mögen, weil auch einige Straßenzüge der Altstadt zur Kulisse umgewandelt worden waren: George Clooneys „The Monuments Men“ war 2012 das überragende Thema in den regionalen Medien. Am Rammelsberg selbst schuf das Bau-Team der Zweiundzwanzigste Babelsberg Film GmbH unter- und übertägige Kulissen, deren Optik von den Originalen kaum zu unterscheiden war. Bei allem Hype um die anwesenden Weltstars vor Ort – außer Cloony auch John Goodman, Matt Damon, Bill Murry und anderen – hielt sich das Bedauern, dass sämtliche Goslar-Szenen dem Filmschnitt zum Opfer fielen, in Grenzen.

George Clooney und sein Team in der Lohnhalle am Rammelsberg, 2012

Zwangsarbeit am Erzbergwerk Rammelsberg im Nationalsozialismus: Der Arbeitsunfall des Grigori Berestowskij

Foto von Grigori Berestowskij, ca. 1943. Quelle: Bernhild Vögel: „Wir waren fast noch Kinder“. Die Ostarbeiter vom Rammelsberg. Goslar 2003, S. 131.

Im Rahmen eines Seminars zum Thema „Montanindustrie im Nationalsozialismus. Das Beispiel Erzbergwerk Rammelsberg in Goslar“ bei Prof. Dr. Karl-Heinz Schneider (Leibniz-Universität Hannover) und Dr. Johannes Großewinkelmann (Weltkulturerbe Rammelsberg) wurde von einer Studierendengruppe das Thema Zwangsarbeit im Nationalsozialismus bearbeitet. Die Gruppe wollte Schicksale der überwiegend aus Osteuropa stammenden Menschen, die während des Zweiten Weltkrieges zur Arbeit im Erzbergwerk Rammelsberg gezwungen wurden, erforschen.  

Viele Schicksale Rammelsberger Zwangsarbeiter wurden bereits vor ca. 20 Jahren von Bernhild Vögel untersucht und die Ergebnisse dieser Forschung sind in der kulturhistorischen Dauerausstellung des Weltkulturerbes Rammelsberg, sowie in mehreren Publikationen veröffentlicht worden.[1] Erstmalig aber konnten im Seminar Verwaltungsakten, insbesondere Monats- und Jahresberichte des Erzbergwerks Rammelsberg aus den Jahren 1938 bis 1948 zum Thema Zwangsarbeit ausgewertet werden. Diese Akten enthalten Unterlagen, die aus der Perspektive des Verwaltungsapparates und der Bergwerksleitung den alltäglichen Umgang mit den Zwangsarbeitern steuerten. Es ist die Perspektive der Verantwortlichen, der Täter, auf die Zwangsarbeit.

Die Berichte in den Verwaltungsakten sprechen von Zwangs- und Dienstverpflichtungen, von Arbeiten bis zu 60 Stunden pro Woche und „freiwilligen Sonntagsarbeiten“. Sie bestimmen die offiziellen Lebensmittelmengen und tatsächlichen Essensrationen. Sie beschreiben die Unterkünfte, ihre Enge, die minimalistische Ausstattung und den regelmäßigen Befall durch Wanzen, Läuse und Flöhe. Sie schildern die Bekleidung, die nicht mehr als eine unzureichende Bedeckung war. Sie führen akribisch auf, wer wieviel verdient hat und dass für selbstverständliche Sachen, wie Seifenpulver, bezahlt werden musste.

Und sie schildern den Mangel an Gebrauchsgegenständen, wie z. B. Handtüchern, für die Zwangsarbeiter keine Bezugsscheine bekamen. Sie erzählen von unmenschlichen Behandlungen, von Strafen und Demütigungen. Und hinter dieser unzähligen Menge an Verwaltungsmaterial stehen Einzelschicksale, stehen Menschenleben, deren Alltag unter unmenschlichen Bedingungen „verwaltet“ wurde.  


Abbildung des Formulars aus dem Bericht zum Arbeitsunfall von  Grigori Berestowskij, 1943. Quelle: Archiv der Bergbau Goslar GmbH, Betriebsunfälle, Akten-Nr.: 374, Vol. V.

Ein Beispiel aus den Verwaltungsakten ist der Bericht über den Arbeitsunfall des Grigori Berestowskij am 17.04.1943 auf dem untertägigen Verladeplatz der Aufbereitungsanlage. Dazu wurde von einer Seminargruppe ein kurzer Dokumentarfilm erarbeitet, den Sie hier sehen können:  

Von Monika Wergandt und Johannes Großewinkelmann


[1] Vgl. Bernhild Vögel (Hrsg.): System der Willkür. Betriebliche Repression und nationalsozialistische Verfolgung am Rammelsberg und in der Region Braunschweig. Goslar 2002. Vgl. Bernhild Vögel: „Wir waren fast noch Kinder“. Die Ostarbeiter vom Rammelsberg. Goslar 2003.

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Ein rauchender Schornstein

Blick in die Sonderausstellung

Wenn man heutzutage ein Bild eines rauchenden Schornsteines, aus dem sich eine große schwarze wabernde Rauchfahne zieht, sieht, verbindet man das in der Regel nicht mit einem fortschrittlichen Gedanken, sondern es steht beispielhaft für Umweltverschmutzung.  Daher wird es von Industriebetrieben vermieden, in der Außendarstellung mit einem rauchenden Schornstein in Verbindung gebracht zu werden. Das war aber nicht immer so.

Ursula Arndt, Bayer-Werk Leverkusen (Sammlung Neubert)

Ein Blick in unsere Sonderausstellung „Orte der Arbeit“ zeigt dem Betrachter die Genese des Symbols eines abgebildeten Schornsteins. Die Mehrzahl der Bilder, die alle der Epoche der Industriemalerei zugeordnet sind, stammt aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert. Einer Epoche, die in fast allen sozialen und gesellschaftlichen Ausprägungen von der Industrialisierung bestimmt war. Einher mit der umgreifenden Industrialisierung ging der Wettbewerb, sowohl innerhalb eines bestimmten Industriezweiges, als auch ein Wettbewerb, der sich zwischen Nationen abspielte.
Die Darstellung der industriellen Erfolge, der Produktion und der Anlagen war daher immer auch eine Leistungsschau. Oftmals handelt es sich nämlich bei diesen Werken um Auftragsarbeiten der abgebildeten Firmen. Die Bilder dienten in der Folge zur repräsentativen Ausgestaltung von Direktionen oder auch zu profanen Werbezwecken. Riesige qualmende Schornsteine standen gleichsam für wirtschaftlichen Erfolg und sind sehr präsent in der Selbstdarstellung großer Unternehmen, besonders natürlich in der Schwerindustrie. Selbst in der Landschaftsmalerei stehen dunkel rauchende Schlote im Fokus, die nur noch zur bildlichen Ausschmückung mit einer umgebenen Landschaft verbunden zu scheinen.

Otto Straamann, Blick auf Hochöfen (Sammlung Neubert)

Die Wahrzeichen der Industrialisierung „kongruierten“  in dem Weichbild einer Stadt nur mit den Kirchtürmen. Allerdings, im Gegensatz zu den Kirchen, nur für einen bestimmte Dauer. In Zeiten des Kampfes gegen Abgase und zunehmenden Umweltbewusstseins wandelte sich die zugedachte Bedeutung weg vom Fortschrittsglauben bis hin zur teilweisen  Dämonisierung. Daher sind die gezeigten Bilder in der Sonderausstellung „Orte der Arbeit“ gleichsam auch ein Stück Zeitgeschichte. Nicht nur die dort abgebildeten Arbeitsprozesse, wie beispielsweise das Verkoksen von Steinkohle, sondern auch die Selbstreflektion der Industrie hat sich in den vergangenen einhundert Jahren gewandelt bzw. ist nicht mehr existent.

Gerhard Graf; Hochofen-Anlage (Sammlung Neubert)

Sie haben noch bis zum 8. November die Möglichkeit, unsere Sonderausstellung zu sehen. Darüber hinaus haben sie durch unseren Begleitkatalog die Möglichkeit die gezeigten Werke in ruhiger Minute nochmal zu Betrachten.

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Der Winkler Wetterschacht

Bereits im Mittelalter gab es am heutigen Standort des Winkler Wetterschachtes eine Grube mit Schacht unter den Namen „Luddelvinghe“. Es war eine der östlichsten Gruben am Rammelsberg. Der Name der Grube änderte sich im Laufe der Zeit mehrfach, im 18. Jh. hieß sie einige Zeit Julius Winkel und der Schacht Julius-Winkel-Schacht. In der zweiten Hälfte des 19. Jh. wurde dieser Schacht dann mit seinen Tagesanlagen nur noch als „Winkler Wetterschacht“ bezeichnet.

Mit dem Auffinden des Neuen Lagers 1859 rückte der Julius-Winkel-Schacht in die Mitte des untertägigen Grubengebäudes und war damit gut geeignet als ausziehender Wetterschacht. Die Vergrößerung des Grubengebäudes, insbesondere die zunehmende Tiefe machte eine Bewetterung – die Versorgung der Grubenräume mit frischer Luft – immer schwieriger. Die Versorgung der Bergleute mit frischer Luft wurde bis Ende des 19. Jahrhunderts durch ein System ein- und ausziehenden Schächte erreicht. Die Luftzirkulation war im Rammelsberg gut, weil die Grubenräume durch das „Feuersetzen“ erwärmt waren und die warme Luft aus den Schächten auszog und einen Luftstrom erzeugte. Ab Ende der 1870er Jahre drängte der Einsatz druckluftbetriebener Bohrhämmer das „Feuersetzen“ als Abbaumethode schnell zurück. Jetzt konnten Bohrlöcher ins harte Erzgestein gebohrt werden, um dieses mit Sprengstoff aus dem Gebirge zu lösen. Der Wetterzug durch die Erwärmung der Grubenräume ließ nach und musste durch andere Maßnahmen in Gang gesetzt werden.

Ab 1903 versah das Erzbergwerk Rammelsberg den Schacht mit einem größeren, runden Querschnitt, teufte diesen bis auf 188 Meter ab und mauerte ihn aus. Damit wurde der Winkler Wetterschacht bis zu seiner Außerbetriebnahme Mitte der 1960er Jahre der Hauptwetterschacht der Grube.

Zwei Jahre vor Beginn des Ersten Weltkriegs erhielt der Schacht zur Beschleunigung des Wetterzugs einen elektrisch angetriebenen Grubenlüfter. Bereits ab 1905 stand über dem Winkler Wetterschacht ein eisernes Fördergerüst. Die Fördermaschine war in ein Maschinenhaus aus Wellblech untergebracht.

Abb. 1: Das ausgemauerte Füllort und die runde Schachtscheibe des Winkler Wetterschachts auf dem Niveau der Alten Tagesförderstrecke (Foto: Förderverein Weltkulturerbe Erzbergwerk Rammelsberg Goslar/Harz e.V., 2019)

Die Steigerung der Erzförderung in den 1920er Jahren erforderte auch eine Erhöhung des Versatzmaterialtransports, um die ausgeerzten Hohlräume in der Grube füllen zu können. Über einen Haspel konnte im Winkler Wetterschacht Material sowie Versatzmassen aus dem in der Nähe befindlichen Kommunion-Steinbruch befördert werden. Für den Transport des Versatzmaterials vom Steinbruch zum Schacht diente ein Bremsberg.

Abb. 2: Verladen von Versatzmaterial am Fußpunkt des Bremsberges am Winkler Wetterschacht, vor 1939 (Foto: Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg).

Der Versatztransport im Winkler Wetterschacht nahm ab Ende der 1920er Jahre ab, weil mit dem Bergeschacht ab 1928 ein weiterer Schacht speziell für den Bergeversatz abgeteuft wurde. Ab Mitte der 1930er Jahre wurde der Winkler Wetterschacht im Zuge der Modernisierung der Tagesanlagen und des Grubenbetriebs durch das nationalsozialistische „Rammelsbergprojekt“ ausgebaut. In den Jahren von 1935 bis 1939 wurde das Fördergerüst überarbeitet und die bisherigen Wellblechhütten der Tagesanlagen durch Bruchsteingebäude ersetzt. Mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs diente der Winkler Wetterschacht neben dem Bergeschacht und dem Flachen Schacht wieder dem Materialtransport, vor allem für Bausteine und Ausbauholz. Bei steigenden Erzfördermengen in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre sollten die beiden Hauptförderschächte des Erzbergwerks, der Rammelsbergschacht und der Richtschacht, entlastet werden. Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte der Winkler Wetterschacht wieder zu seiner angestammten Funktion zurück, bis 1966 die Werksleitung einen neuen Wetterhochbruch nordwestlich des Maltermeisterturms anlegte und den Schachtbetrieb an dieser Stelle einstellte. Das Fördergerüst des Schachtes wurde im gleichen Jahr abgerissen und die Preussag vermietete die Tagesanlagen an den Harzer Knappenverein (HKV).

Anfang der 1990er Jahre kaufte der HKV die Tagesanlagen mit dem dazugehörigen Gelände. Der Knappenverein nutzt die Teile der Gebäude als Vereinsheim und vermietet Flächen auch an andere Vereine.

Mit dem Einsatz dieselbetriebener Fahrzeuge im Untertagebetrieb seit Anfang der 1970er Jahre bedurfte es größerer Mengen an frischen Wettern. Diese konnte durch die bis dahin verwendete Wetterführung nicht herangeführt werden. Der Winkler Wetterschacht und die Wetterstrecken, die zu ihm führten, waren zu eng und konnten nicht genügend Luft aus der Grube führen. Deswegen wurde ein neuer Hauptgrubenlüfter und ein dicht neben dem Winkler Wetterschacht hoch gebrochenes neues Wetteraufhauen installiert. Diese Wetterstrecke wurde mit einer Umfahrung an die Bergeschachtstrecke angeschlossen und führte den gesamten Abwetterstrom nach über Tage.

Die Bewetterung des Besucherbergwerks im Rammelsberg funktioniert weiterhin durch die vorhandenen Wettereinrichtungen im noch zugänglichen Grubenbereich. Das Weltkulturerbe Rammelsberg nutzt deshalb den Wetterhochbruch neben dem Winkler-Wetterschacht weiterhin als ausziehenden Wetterschacht.

Literatur:

Dettmer, H.-G. (2006): Bergbauspuren auf Schritt und Tritt. 30 Gründe den Rammelsberg zu erwandern, Goslar.

Eichhorn, P. (2006): Schächte des Rammelsberges. – Jahresgabe 2006/2007 für die Fördervereinsmitglieder, Goslar.

Eichhorn, P. (2014): 1964 – 2014. Festschrift zum 50jährigen Bestehen des Harzer Knappenvereins. – Goslar.

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Im Schatten des Weltkulturerbes: Die Armerzaufbereitung am Bollrich

Die Tagesanlagen des Weltkulturerbes Erzbergwerk Rammelsberg in Goslar aus den 1930er Jahren sind weithin bekannt. Dass Fritz Schupp, einer der Architekten, nur wenige Kilometer vom Weltkulturerbe entfernt in den 1950er Jahren ähnliche Gebäude für eine Erzaufbereitungsanlage gebaut hat, bleibt häufig unerwähnt.

Als Folge des Krieges auf der koreanischen Halbinsel stiegen seit dem Sommer 1950 die Blei-, Kupfer- und Zinkpreise auf dem Weltmarkt in wenigen Jahren um das Doppelte. Die Beteiligung von UN-Streitkräften, insbesondere aus den USA, am Korea-Krieg erhöhte die amerikanische Rüstungsproduktion und deren Nachfrage nach Rohstoffen. Westdeutschland hatte freie Produktions- und Förderkapazitäten im Rohstoffsektor. Das Erzbergwerk Rammelsberg steigerte innerhalb von vier Jahren zwischen 1951 und 1955 seine Erzförderung deshalb von 191.000  auf 316.000 Tonnen im Jahr.

Bereits 1950 hatte das  Erzbergwerk Rammelsberg begonnen auch Banderz abzubauen, das an den Rändern des Erzkörpers den Übergang zum erzfreien, „tauben“ Gestein bildete. Dieses Erzgestein mit einem Anteil von 25 Prozent Erz und 75 Prozent Nebengestein wurde „Armerz“ genannt. Es konnte nicht vollständig in der Erzaufbereitung am Rammelsberg verarbeitet werden. Es wurde hier nur zerkleinert und dann direkt auf dem Grubenbahnhof verladen. Von hier aus gelangte es durch den bereits in den 1920er Jahren aufgefahrenen Gelenbeeker Stollen per Grubenbahn zur Aufbereitungsanlage am Bollrich. Hier plante das Essener Büro von Fritz Schupp seit Mitte 1951 den Bau einer Aufbereitungsanlage.

Der Standort außerhalb von Goslar

Der Standort am Bollrich lag verkehrs- und betriebstechnisch günstig. Er lag an der bestehenden Bahnverbindung vom Erzbergwerk Rammelsberg zu den Hüttenwerken im Ortsteil Oker, wo die Erzkonzentrate aus der Erzaufbereitung weiterverarbeitet wurden. Die Armerzaufbereitung am Bollrich konnte ihre Produkte über die normalspurige Bahnstrecke ebenfalls zu den Hütten nach Oker transportieren. Außerdem konnten am Bollrich die Abwässer aus der Aufbereitungsanlage mit einem natürlichen Gefälle in Absitzbecken fließen.   

Den Auftrag zur Planung der Armerzaufbereitungsanlage bekam Fritz Schupp von Paul Ferdinand Hast. Hast hatte bereits 1935 als stramm nationalsozialistisch orientierter Geschäftsführer der Unterharzer Berg- und Hüttenwerke das Büro Schupp / Kremmer – Martin Kremmer war 1945 bei einem Bombenangriff auf Berlin gestorben – für den Bau der Tagesanlagen des Erzbergwerkes Rammelsberg vorgeschlagen.

Die Diskussion am Rammelsberg in den 1930er Jahren um die landschaftliche Lage der geplanten Tagesanlagen wurde auch 20 Jahre später am Bollrich in ähnlicher Weise wieder geführt. Fritz Schupp beschrieb seine Aufgabe im Zentralblatt für Industriebau 1968 rückblickend: „ Deshalb war es unsere Pflicht, hier vor allem auf Wiesen und Wald sowie einzelne Baumgruppen besondere Rücksicht zu nehmen. Für mich als den verantwortlichen Architekten galt es also, das Projekt so zu beeinflussen, daß das Bauwerk ohne Störung des Landschaftsbildes seine betrieblichen Funktionen erfüllen konnte.“

Die Anordnung der Gebäude

Zunächst skizzierte Schupp eine Aufbereitungsanlage in Hanglange, vergleichbar mit der am Rammelsberg. Damit hätte er den Baukomplex weiter ins Gelmketal und aus der Sichtweite der Stadt gerückt. Doch dann entwarf er einen Gebäudekomplex als kompakte Anlage auf einer Hügelkuppe am Bollrich und die Gebäude konnten von der Stadt gesehen werden. Er ordnete die einzelnen Betriebsgebäude so an, dass sie einen zur Südseite hin geöffneten Innenhof bilden und sich zur Landschaft hin auflockern. Die Aufbereitungshalle wird über eine Sheddachkonstruktion belichtet. Die übrigen Gebäudeteile erhielten großzügig verglaste Seitenwände.

Abb. 1: Das geschlossene Gebäudeensemble der Armerzaufbereitung am Bollrich mit der nach Süden geöffneten Hofseite. Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg, Leihgabe Bergbau Goslar GmbH, 1980er Jahre.
Abb. 2: Blick von Süden auf die an den Berghang gebauten Gebäude des Erzbergwerkes Rammelsberg. Foto: Weltkulturerbe Rammelsberg 2010.
Abb. 3: Die Gebäude sind in Stahlbeton-Skelettbauweise gebaut. Die Binder und Dachaufbauten der Aufbereitung sind aus Stahlfachwerk mit seitlichen Lichtbändern. Foto: Johannes Großewinkelmann, Weltkulturerbe Rammelsberg, 2019.

Funktionsweise der Aufbereitung

Das zerkleinerte Banderz des Erzbergwerks wurde in einem Tiefbunker neben der Verladestelle der Aufbereitung entladen. Von dort aus gelangte es über eine Schrägförderanlage zu den Kugelmühlen in die Feinzerkleinerung und wurde mit Wasser versetzt. Die Erztrübe musste danach in das erste Stockwerk gepumpt werden um in der Schwimmaufbereitung mittels chemischer Reagenzien in die Erzbestandteile Blei-Kupfer-Konzentrat, Zinkkonzentrat und Schwefelkies-Konzentrat getrennt zu werden. Danach folgte die Entwässerung der Konzentrate in Eindickern und durch Trommelvakuumfilter. In Waggons verladen konnte es auf der Schiene zu den Hüttenbetrieben in Oker gebracht werden. Das Prinzip der Aufbereitung entsprach Aufbereitungsverfahren am Rammelsberg, aber mit dem Unterschied, dass am Bollrich der Materialfluss nicht durch die Hanglage bedingt von oben nach unten verlief, sondern mit Transportbändern und Pumpen in einem Kreislauf bewegt wurde.

Die kompakte und überschaubare Anlage auf der Hügelkuppe gestaltete die Arbeitswege innerhalb des Gebäudes kurz und eine technisch ausgereifte  Arbeitsorganisation kam mit weniger Personal aus, als dieses in der Erzaufbereitung am Rammelsberg notwendig war.

Die Gestaltung der Fassade

In der Außengestaltung nimmt Schupp die gleichen Elemente auf, die er zusammen mit Martin Kremmer schon 20 Jahre zuvor am Rammelsberg eingesetzt hatte. Die Außenhülle des ausgeziegelten und verputzten Stahlbetonskeletts bildete eine Holzverkleidung, die mit Karbolineum angestrichen ist. Damit sollte sich die Gebäudefassade den traditionellen Holzhäusern im Harz annähern. Mauern wurden im Erdgeschoßbereich teilweise mit regionalen Natursteinen verblendet, um auch hier eine Brücke zur umgebenden Landschaft zu schlagen. 

Abb. 4: Gebäude der Aufbereitungsanlage mit 25 Meter hohem Wasserturm. Foto: Johannes Großewinkelmann, Weltkulturerbe Rammelsberg, 2019.

Trotz der äußeren, traditionellen Gestaltungselemente, erscheinen die klaren kubischen Formen der Armerzaufbereitung am Bollrich, mit den großen Fensterbändern, den flachen Dächern und der großzügigen Verwendung von Stahl, Beton und Glas, der Architektur der klassischen Moderne verpflichtet.

Abb. 5: Der Abwässereindicker war der Übergabepunkt von dem aus ein natürliches Gefälle die Aufbereitunsgsschlämme in die nahe gelegenen Absitzbecken spülte. Mit der Verwendung von Natursteinverblendungen wiederholte Fritz Schupp am Bollrich ein Gestaltungselement, das er bereits am Rammelsberg eingesetzt hatte. Foto: Weltkulturerbe Rammelsberg, Leihgabe Bergbau Goslar GmbH, 1980er Jahre.  

Die Stilllegung

Bereits ein Jahr vor der Stilllegung des Erzbergwerkes Rammelsberg wurde 1987 die Armerzaufbereitung am Bollrich geschlossen, weil der starke Preisverfall bei den Nichteisenmetallen einen wirtschaftlichen Betrieb nicht mehr zuließ. Es gab in den Folgejahren einige Nachnutzungen, u.a. ab 1989 eine von der Preussag initiierte Elektronikschrott-Recyclinganlage, die sich aber langfristig nicht an diesem Standort etablieren konnte. Für die Dreharbeiten zu dem Spielfilm „Das Wunder von Lengede“ (2003), wurde in der Aufbereitungshalle im Erdgeschoß ein Stollenausbau eingebaut, der für die Filmarbeiten geflutet werden konnte. Die Reste dieser Filmkulisse befinden sich weiterhin im Gebäude.

Aktuell werden einige Gebäudeteile noch für die Aufgaben zur Entwässerung des Erzbergwerkes Rammelsberg genutzt, dazu wurde ein neuer Entwässerungsstollen vom Gelände der Armerzaufbereitung Richtung Rammelsberg aufgefahren. Doch eine langfristige Erhaltung der Gebäude ist nicht absehbar. 

Abb. 6: Der stark geschwungene Treppenaufgang im Wasserturm verbindet die verschiedenen Etagen. Foto: Johannes Großewinkelmann, Weltkulturerbe Rammelsberg, 2019.
Abb. 7: Verladestation der Armerzaufbereitungsanlage am Bollrich. Rechts die Schienen mit einer Spurbreite von 600 Millimeter für den Erztransport vom Erzbergwerk Rammelsberg durch den Gelenbeeker Stollen zur Armerzaufbereitung. Links die Schienen mit Normalspurbreite der Bundesbahn, auf denen bis in die 1970er Jahre die Konzentrate der Armerzaufbereitung zu den Hütten transportiert wurden. Foto: Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg, Leihgabe Bergbau Goslar GmbH, 1980er Jahre.

Kultur ist die Grundlage der Freiheit – gerade auch in Corona-Zeiten

Die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland beginnt mit einer Bringschuld: Nach den Gräueltaten der nationalsozialistischen Diktatur war der Beweis anzutreten, dass die neue Republik und ihre Bewohner zu „kulturvollem Handeln“ fähig sein konnten.

Das heißt, es galt neben dem wirtschaftlichen Wiederaufbau, Umgangsformen von Willkür und Irrationalität zu überwinden, historische Anknüpfungspunkte an die Geschichte vor die Zeit des Nationalsozialismus zu finden und eine demokratische Identität, in einer freien Gesellschaft zu definieren oder besser gesagt als Experiment zu wagen.

Zunächst suchte man die Anlehnung an die bedeutenden Phasen der Hochkultur des 18. und 19. Jahrhunderts; zur Überwindung der historischen Realität ein Land „der Richter und Henker“ zu sein, bediente man sich gerne der Allegorie, der wahre Kern läge im Lande „der Dichter und Denker“.

Die sozialen Bewegungen der 60er bis 90er Jahre entwickelten die „Adenauer-Republik“ nachhaltig weiter. Sie schufen das, was man aus der Retrospektive heute, als Breiten- oder Basiskultur bezeichnen würde.

Es „erschufen sich“ Stadtteilzentren, Kunstvereine, Musikinitiativen und Umweltverbände. Neben den Universitäten entstanden Geschichtswerkstätten und Sommerhochschulen und die Museen der Industriekultur fanden ihren Platz neben den Tempeln der Kunst des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts.

Parallel hierzu entwickelten sich staatlich organisierte Film- und Musikfestivals und Kultur und Kunst fanden ihren Ort bis weit jenseits der Metropolen. Trotzdem blieb Kultur in den meisten Landesverfassungen bis in die Gegenwart „eine freiwillige Aufgabe“ staatlichen Handelns.

Diese breite Grundlage kultureller Begegnung, ja kultureller Streitbarkeit, erodierte zunehmend ab den 1990er Jahren.

Die Internationalisierung des Welthandels, die durchgreifende Ökonomisierung aller Lebenswelten und die zunehmende Inszenierung und Eventisierung des Alltags, sowie letztendlich die Ausgestaltung zentraler Lebensfunktionen im Internet, führten in vielen Bereichen der Gesellschaft zu einer „Entortung“ und „Entpersonalisierung“ der Lebenszusammenhänge und in rascher Folge zur Infragestellung von Sinnzusammenhängen und kulturellen Identitäten.

Kultur fand nicht mehr durch, sondern mit und für den Menschen statt. Dies zeigt sich in heutigen Ausdrucksformen, wie der permanenten Notwendigkeit der Organisation von Ehrenamt in Agenturen oder in der Verwechslung von Theaterbesuchen mit „Butterfahrten“ zur Festivalarena „König der Löwen“ in Hamburg.

Trotz all dieser Erosionsprozesse hat der gesellschaftliche Kitt eines gemeinsamen „kulturvollen Handelns“ in der sogenannten „Corona-Krise“ im Wesentlichen gehalten. Möglicherweise waren es gerade die Jahrgänge des „Wertemix“ der 70er und 80er Jahre, also die Akteure der „alten Republik“ der Vorwendezeit, die in einer bemerkenswerten Mischung „aus preußischer Disziplin“ und innerer Freiheit, das Regelwerk des Alltags und den inneren Frieden der Republik zusammengehalten haben.

Umso mehr bedarf es nun mit dem vermeintlichen „Abklingen der Corona-Pandemie“ einer klaren Positionierung der kulturellen Träger, aber auch der staatlichen Alimenteure. Die Entwicklungen in der Corona-Krise haben bewiesen, dass „Kultur eine langfristige Nahrungsquelle“ ist.

Gerade in Zeiten der Flexibilisierung von Gesellschaften, sind nicht nur Gehalt und Arbeitsplatz, sondern gerade auch das kulturelle Umfeld, eine Standortentscheidung.

Indem Menschen kulturell schaffend tätig sind, verändern sie aktiv ihr soziales Umfeld. Das heißt, Menschen, die sich für einen Standort entschieden haben, entwickeln diesen durch Aktivitäten bewusst und unbewusst für Nachfolgende weiter und verändern deren Rahmenbedingungen.

Als Pendant zur Globalisierung entsteht ein steigendes Bedürfnis das eigene Umfeld als einen „besonderen Ort“ definieren zu können, das heißt, authentische, historische Stätten, intakte Naturensembles, gesunde Lebensbedingungen und Chancen sich selbst kreativ auszudrücken gewinnen zunehmend an Bedeutung.

Nicht zuletzt bildet dann auch das materielle kulturelle Potential und der pflegliche Umgang mit demselben das Rückgrat zu neuer Wertschöpfung.

Kultur schafft Identität. Die seelenlosen Betonwüsten der Vorstädte sind Indizien einer gegenteiligen Entwicklung. Die achtlose Vernachlässigung gewachsener kulturräumlicher Beziehungen, führt ganz automatisch zum Verlust gesellschaftlicher Bindeklammern.

Gerade in „Corona-Zeiten“ die in besonderer Art und Weise durch Solidarität und Endsolidarisierung geprägt sind, und vor dem Hintergrund wachsender nationaler Egoismen, ist es für demokratische Gesellschaften angeraten der „Kultur den Rücken zu stärken“ und dies meint explizit einen grenzüberschreitenden, einen internationalen Kulturbegriff.

Gerhard Lenz M.A., Geschäftsführer Erzbergwerk Rammelsberg Goslar GmbH/Direktor Stiftung Welterbe im Harz

Zur aktuellen Sonderausstellung am Rammelsberg: Menschen „neben“ der Arbeit

„Orte der Arbeit“, die aktuelle Sonderausstellung am Ort der Arbeit Rammelsberg: In der Eindickern der Aufbereitungsanlage finden Sie mehr als einhundert Darstellungen zur handwerklichen und industriellen Produktion aus fünf Jahrhunderten. In manchen steht das technische Umfeld im Fokus des jeweiligen Künstlers, in anderen ist es der Mensch, der sich dieses Umfelds bedient oder auch scheinbar von ihm gesteuert wird.

Ein Bild scheint sich diesen Kategorisierungen zu entziehen, denn weder gibt es einen Produktionsprozess wieder, noch sind Menschen als Teile solcher Prozesse darin auszumachen. Richard Gessners Aquarell „Jahrmarkt vor der Hütte“ aus dem Jahr 1950 gehört mit seinen Abmessungen von 48 x 41 cm zu den eher kleinen Exponaten, die der Clausthaler Sammler Prof. Volkmar Neubert dem Rammelsberg ausgeliehen hat.

Aquarell „Jahrmarkt vor der Hütte“ von Richard Gessners, 1950
Foto: Weltkulturerbe Rammelsberg

Im Bildvordergrund ist ein bunter Flickenteppich von Jahrmarktsbuden und Fahrgeschäfte zu sehen, zwischen denen sich einige wenige Menschen, lediglich als bunte Farbtupfer erkennbar, bewegen. Die abendliche Szenerie ist in ein mattes Licht getaucht, das seinen Ursprung in den Buden hat. In seinen schwächer werdenden Schein sind auch die Wohngebäude im Mittelgrund einbezogen. Eine Deutschlandfahne und ein Union Jack in der Bildmitte fügen sich beinahe organisch in das bunte Gewirr ein. Im Hintergrund wird dieses von der finsteren Szenerie einer alles überragenden Hüttenlandschaft abgeschlossen. In ihrer dunklen Massigkeit suggeriert sie dem Betrachter, dass das bunte Treiben inmitten der Wohnhäuser lediglich auf Zeit besteht, als kurzer Lichtblick in einer ansonsten von schwerer Arbeit im Hüttenwerk dominierten Lebenswelt.

Möglicherweise handelt es sich bei der Industriekulisse um das Huckinger Hüttenwerk, die späteren Hüttenwerke Krupp Mannesmann, denen Gessner sein Schaffen seit Ende der 1920er bis in die 1960er Jahre zugewandt hat. Eine detailgetreue Darstellung strebt der Künstler nicht an. Vielmehr zieht das Werk seine Kraft aus dem offensichtlichen Kontrast zwischen kurzweiliger „Freizeit“ der Menschen und der beständigen Gegenwart des Arbeitsortes. Dieser wirkt bedrohlich, und doch gibt er den Menschen Rahmen und Sicherheit.

Die Ausstellung bleibt noch mindestens bis Ende November geöffnet. Eine reich bebilderte Begleitbroschüre ist am Rammelsberg erhältlich.

Eine neue alte Grubenbahn und die alte Grubenbahn

Schon an oftmals haben wir hier im Blog über unsere Grubenbahn berichtet, genau wie über die Restaurierung von einzelnen Wagen.  Die Fahrt mit der Grubenbahn im Rahmen der Führung „Mit der Grubenbahn vor Ort: Bergbau im 20. Jahrhundert“ ist für viele Besucher das eigentliche Highlight ihres Besuches am Berg. Allerdings durften wir seit Mitte März diese Führung in der bekannten Form aufgrund der Coronalage nicht anbieten.

Gegensätze, eine Lok ist bereits fertig restauriert

Aber wir waren in der Zwischenzeit nicht untätig und haben die Führung auf komplett auf neue Füße bzw. Räder gestellt. Statt mit den bekannten gelben geschlossenen Wagen dürfen wir mit zehn Gästen in offenen Wagen in den Berg fahren. Dies ist ab sofort möglich und macht richtig Spaß!

ein ganz beonderes Erlebnis ist die Fahrt mit den offenen Wagen durch den Berg

Die offenen Personenwagen sind sogenannte Beifahrerwagen. Was ist ein Beifahrerwagen, das wird wie folgt beschrieben: „Unter bestimmten Betriebsverhältnissen war es notwendig, Züge mit zwei Bergleuten zu besetzen. Der zweite Mann neben dem Lokfahrer hatte die Aufgabe, während der Zugbeladung das Rollloch zu bedienen und beim Rangieren die Wagen zu kuppeln. Da auf den Akkulokomotiven nur Platz für einen Mann war, baute man alte Erzförderwagen um, indem man seitlich Einstiegsöffnungen einschnitt und innen in Federn aufgehängte Holzbänke einsetzte. Zum Teil wurden diese Wagen auch im Personentransport auf geringer belegten Strecken  eingesetzt.“

In dem Zug fahren unsere Gäste mit zwei 2 Sitzer-Wagen und zwei 3-Sitzer-Wagen. Die 3-Sitzer-Wagen sind Prototypen eines umgebauten Granby-Wagens, die kleineren 2-Sitzer-Wagen sind umgebaute 1000 l Förderwagen. Die oben beschriebenen an Federn aufgehängten Sitze wurden inzwischen durch Bänke mit gepolsterten Rückenlehnen ersetzt. Gezogen wird der Zug von einer Akkulok mit der Bezeichnung SSW EL 9, die seit Anfang der 1950er Jahre am Erzbergwerk Rammelsberg in Betrieb war. Wer sich genauer über den Bahnbetrieb und die eingesetzten Fahrzeuge am Rammelsberg informieren möchte, dem empfehlen wir das 2008 erschienene Buch „Auf stählerneren Wegen“ von unserem Grubenführer Stefan Dützer, aus diesem auch die oben aufgeführten Informationen stammen.  

Ab sofort fahren die Besucher mit den ehemaligen „Beifahrerwagen“ in den Rammelsberg!

Und was macht die bekannte Grubenbahn? Die gelben Wagen und die zughörien Loks mit den betriebsinternen Nummern 14 und 15 werden in der Zwischenzeit von unseren Technikern generalüberholt. Nach schätzungsweise mehr als 100.000 Kilometern Fahrleistung gibt es nicht nur turnusgemäß neue Bremsen, sondern der Zug erhält eine Grundsanierung und am Ende auch einen neuen Anstrich in Signalgelb. 

neuer Anstrich

Die Loks und Wagen stehen momentan zerlegt in der Schlosserei. Genau an dem Ort, an dem sie vor über 40 Jahren zusammengebaut worden sind. Denn die Loks sind am Rammelsberg konstruiert und gebaut wurden. Antriebe und Elektrik stammen von namhaften Herstellen, aber beispielswiese die Lokkästen wurden in einem Schwesterbetrieb in Oker geschnitten und am Rammelsberg zusammengeschweißt. Bei unserer Führung „Blick hinter die Kulissen“ werfen die Besucher selbstverständlich auch einen Blick in die Schlosserei und können sich über den Fortgang der Arbeiten ein Bild machen.

das Innenleben einer Grubenlok