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Das Museum als authentischer Ort der Wissensvermittlung

Die Bundesrepublik Deutschland ist reich an musealen Einrichtungen, die sich in eine Vielzahl von Sparten und mit höchst unterschiedlichen Trägerschaftsmodellen aufgliedern. Gemäß dem Institut für Museumskunde gibt es mehr als 6000 Einrichtungen, die zu mehr oder weniger regelmäßigen Zeiten für die Besucher ihre jeweiligen „Schatzkammern“ öffnen.

Von Kunstgeschichte bis Technikeuphorie gibt es kaum einen Bereich dieser Gesellschaft, der nicht im Rahmen von Sammlungen oder Ausstellungen, als Erinnerungskultur musealisiert worden ist.

Allerdings sind unsere Museen weit mehr als verstaubte Depots der Vergangenheit. Unsere Museen sind Orte von Menschen für Menschen, sind Erinnerungsorte, sind Stätten der Begegnung, der kulturellen Transformation und der Identitätsstiftung für die regionale Bevölkerung.

In gleichem Maße sind sie mit ihren Objekten Inspiration für Freunde, Fremde und Touristen, die möglicherweise keinen Bezug zu Raum und Zeit der jeweiligen Ortslage haben.

Kehrrad im Roeder-Stollen (c) Weltkulturerbe Rammelsberg / S. Sobotta

Kunstrad im Roeder-Stollen (c) Weltkulturerbe Rammelsberg / S. Sobotta

Museen sind greifbare Orte.

Sie liegen, wie die Einrichtungen des Welterbes im Harz, mitten im Lebensraum der Menschen, beleben historische Ensemble und sind oft mit ihren Gebäuden Exponate ihrer selbst.

Museen sind mitten, in einer zunehmend virtuell werdenden Welt, analoge Orte. Sie erzählen Geschichte vom Objekt ausgehend – und sie erzählen diese nie vollständig.

Das heißt, gute Museen sind nicht unbedingt Stätten für digitale 3D-Simulationen, sondern Orte, an denen das „Kopfkino“ so richtig abgehen kann.

Museen sind also Orte, die Objekte, Fakten und Phantasie miteinander verbinden.

In diesem Zusammenhang nimmt die Authentizität der jeweiligen musealen Ortslage eine besondere Rolle ein. Sie ist sowohl atmosphärisch als auch faktisch deutlich mehr, als eine didaktische Inszenierung.

Im Kontext von Welterbestätten ist deren Authentizität ein konstitutives Merkmal der Welterbe-Ernennung.

Das heißt, die Besucher:innen sollen eine möglichst „originalgetreue“ Situation erleben, die durchaus in unterschiedlichen Zeithorizonten wahrnehmbar werden kann. Sie durchlaufen folglich in Gebäudeensembles oder Landschaftsräumen unterschiedliche Jahrhunderte „menschlicher Schöpfungskraft“, in die sich die musealen Präsentationsformen einzuordnen haben.

Im Gegensatz zu einer Gemäldesammlung, die ihren Ort in einem sogenannten „White Cube“ finden kann und mit einer gewissen Beliebigkeit der Ortslage behaftet ist, sind museale Institutionen deren Heimat der authentische Ort, beziehungsweise das authentische Objekt ist, durch eine vollständig andere Bindung an Raum und Zeit geprägt.

Die Besucher:innen bewegen sich in diesen Einrichtungen sehr viel stärker in konkreten „Fenstern in die Zeit“, als dies bei räumlich und zeitlich unabhängigen Expositionen der Fall ist.

Kinder erleben das Museum Weltkulturerbe Rammelsberg (c) Weltkulturerbe Rammelsberg / Sobotta

Kinder erleben das Museum Weltkulturerbe Rammelsberg. Foto: Weltkulturerbe Rammelsberg/Stefan Sobotta/ Visum.

Die gehaltliche Chance der Kombination von Vermittlung und authentischen Ort oder Objekt verdeutlicht aber auch, dass einer digitalen Erfahrbarkeit desselben enge Grenzen gesetzt sind.

Digitalität kann hier nur Hilfsmittel sein, da im Zentrum die unverbrüchliche Authentizität der konkreten Ortslage steht.

Ein Beitrag von Gerhard Lenz, M.A., Stiftungsdirektor Welterbe im Harz.

Das neue Infozentrum in Goslar als „Lesehilfe“ für das UNESCO-Welterbe im Harz

Ein Beitrag von Lea Dirks

„Steig‘ ein in das verborgene Labyrinth der Schätze“

Am 24. April war es soweit: das neue Infozentrum zur Welterbestätte „Bergwerk Rammelsberg, Altstadt von Goslar und Oberharzer Wasserwirtschaft“ hat seine Türen in Goslar geöffnet. Aber worauf können sich Besucher und Besucherinnen ab sofort freuen?

Mit dem Welterbe-Infozentrum im historischen Rathaus in Goslar ist ein Ort entstanden, der das Flächenwelterbe UNESCO-Welterbe im Harz und dessen beeindruckende Geschichte in einer spannenden Ausstellung vorstellt, über touristische Angebote informiert und auf die Originalschauplätze neugierig macht.

Es bietet einen Überblick über die zahlreichen musealen Einrichtungen und die öffentlich zugänglichen Bodendenkmale, die sich auf einer über 220 Quadratkilometern großen Fläche – von Goslar bis nach Walkenried – erstrecken. Das UNESCO-Welterbe im Harz ist eine der vielfältigsten Weltkulturerbestätten Deutschlands und damit das Welterbe-Infozentrum idealer Ausgangspunkt, um die authentischen Orte im Welterbe zu erleben und auf Entdeckungsreise zu gehen.

Historisches Rathaus Goslar (c) Weltkulturerbe Rammelsberg / Sobotta

Historisches Rathaus Goslar (c) Weltkulturerbe Rammelsberg / Sobotta

Ein Gang durch die Ausstellung

Welterbe verbindet

Welterbe sein heißt ein gemeinsames kulturelles Gedächtnis zu haben und Teil einer großen Welterbefamilie zu sein. Zunächst entdecken unsere Gäste daher die Bedeutung der weltweiten UNESCO-Welterbestätten und lernen die Ernennungskriterien kennen, nach denen auch das UNESCO-Welterbe im Harz in die Welterbeliste aufgenommen wurde.

Ein Teil der Welterbefamilie sein. Foto: Stefan Sobotta / Stiftung Welterbe im Harz.

Multimedial durch 3000 Jahre Kulturgeschichte

Weiter geht es in der Ausstellung mit einem regionalen Blick auf die Welterbe- und Montanregion Harz mit ihrer über 3.000-jährigen Kulturgeschichte. Architektur und Siedlungswesen, Bergbau, Landschaftswandel und Wasserwirtschaft – all diese Themen hängen im Welterbe unmittelbar zusammen.

3D-Modell im Welterbe-Infozentrum in Goslar. Foto: Stefan Sobotta / Stiftung Welterbe im Harz.

Herzstück des Welterbe-Infozentrums ist ein 3D-Landschaftsmodell mit einer 7-minütigen Filmprojektion, die den Veränderungsprozess der 3.000 Jahre alten Kulturlandschaft im Westharz verdeutlicht. Der Film bietet den Gästen die einzigartige Möglichkeit sich aus Vogelperspektive einen Überblick über das gesamte UNESCO-Welterbe im Harz zu verschaffen, aber auch dessen beeindruckende Geschichte im „Schnelldurchgang“ kennenzulernen.

Die Vielfalt des Welterbes entdecken

Welche Gebäude, Bodendenkmale und Gewässersysteme über wie unter Tage zum Harzer Welterbe-Ensemble zählen, erfahren Gäste ebenfalls bei ihrem Besuch.  Darunter: der über- und untertägige Rammelsberg mit dem heutigen Museum und Besucherbergwerk und die vom Bergbau geprägte Altstadt von Goslar, die rund um Clausthal-Zellerfeld liegende Oberharzer Wasserwirtschaft mit ihrem über 300 Kilometer langen Teich- und Grabensystem und ihren zahlreichen musealen Einrichtungen.

Routen zu den Welterbestätten. Foto: Stefan Sobotta / Stiftung Welterbe im Harz.

Mit individueller „Roadmap“ auf Entdeckungsreise

Die Welterbe-Orte in unmittelbarer Nähe des Welterbe-Infozentrums rücken bei der lokalen Perspektive und damit im letzten Ausstellungsbereich in den Mittelpunkt: Sechs Hörstationen vermitteln anschaulich, was Sie vor Ort entdecken können. Menschen aus dem Welterbe im Harz sprechen hier ihre persönlichen Empfehlungen und Tipps aus, was im direkten Umfeld zum Welterbe-Infozentrum erlebt werden kann – sei es: eine Führung durch das ehemalige Erzbergwerk Rammelsberg, eine Wanderung an der Auerhahn-Kaskade in Hahnenklee oder der Besuch der altehrwürdigen Kaiserpfalz in Goslar.

Bevor es auf die Tour zu den authentischen Welterbe-Orten geht, kann die eigene Reiseroute an einem Medienterminal zusammengestellt werden. Es bietet zahlreiche Informationen zu touristischen Angeboten und gibt einen Überblick über aktuelle Veranstaltungen. Ob Möglichkeiten bei schlechtem Wetter, barrierearme Orte oder Veranstaltungen für die ganze Familie – die Besucher und Besucherinnen entscheiden ganz individuell. Die eigene „Roadmap“ kann im Anschluss ausgedruckt oder digital auf das Smartphone geladen werden.

Poesie für Frieden

Die Adolf-Grimme-Gesamtschule Goslar ist eine anerkannte UNESCO-Projektschule und Partnerschule des Rammelsberges. Die Schüler*innen der Klasse 9a der AGG haben ihre individuellen Gedanken zum Thema Frieden in Form eines Akrostichons bzw. Mesostichons dargestellt. Diese Friedensbotschaften malten sie (mit Genehmigung der Stadt) mit Kreide in die Fußgängerzone Goslars, um ein kreatives Zeichen für den Frieden zu setzen und mit Passant*innen ins Gespräch zu kommen. Mit dieser Aktion haben sie sich am Aufruf der UNESCO-Bundeskoordination zur Aktion „Gift a poem“ beteiligt, bei der Schüler*innen „Poesie für Frieden“ an öffentlichen Orten „verschenken“.

Verfasserin: Sabine Rehse, Fachbereichsleitung Naturwissenschaften Koordination der UNESCO-Arbeit

Video-Interview mit Mariano Rinaldi Goñi

Sonderausstellung: Erz-Nornen – Mythen, Farben & Metalle

Als eine kleine Vorschau auf unsere am 27. März beginnende Sonderausstellung „Mariano Rinaldi Goñi: Erz-Nornen, Mythen, Farben und Metalle“ sprachen wir mit dem Künstler Goñi selbst in einem kurzen Videointerview über die Sonderausstellung, ihr Begleitprogramm und den künstlerischen Schaffensprozess an sich.

Die Sonderausstellung läuft bis zum 28. Mai. Das Begleitprogramm sieht aus wie folgt:

Workshop: Malen auf Schiefer
Reagenzienbühne
Freitags 8.04.2022 und 22.04.2022, jeweils ab 17.00 Uhr (ca. 1,5 Std.)
Anmeldung unter info@rammelsberg.de
16,00/13,00 €

In diesem Malerei-Workshop lernen Sie den Künstler Mariano Rinaldi Goñi und einige seiner Kunstwerke kennen und dürfen auch selbst künstlerisch tätig sein. In einer kurzen theoretischen Einleitung erfahren Sie zum einen, wie er Farben verarbeitet und komponiert und zum anderen mit welchen Themen er sich in seiner Malerei befasst. Im großen Praxisteil des Workshops malen Sie Ihr eigenes kleines Kunstwerk auf eine Schieferplatte und der Künstler steht Ihnen mit Rat und Tat zur Seite.

Künstler-Führung „Mariano Rinaldi Goñi: Erz-Nornen, Mythen, Farben und Metalle“
Schwerspatraum
Samstag, 09.04.2022 und 23.04.2022, jeweils ab 14.00 Uhr
(ca. 60 Min.)
16,00/13,00 €

Der Künstler Mariano Rinaldi Goñi führt Sie selbst durch die Ausstellung. Sehen Sie durch seine Augen auf die ausgestellten Gemälde und erhalten dabei einen intensiven Einblick in sein künstlerisches Schaffen und seine Inspiration am authentischen Ort der Arbeit. Die jahrtausendelange Geschichte sowie die Ressourcen, die ihm der Harz zur Verfügung stellt, werden in des Künstlers Emotionen vereint und spiegeln sich in seinem Werk wider.

 

Live-Art-Performance „Vor Ihren Augen lässt der Künstler Mariano Rinaldi Goñi ein Kunstwerk entstehen“
Reagenzienbühne
Samstag, 09.04.2022, 23.04.2022, jeweils ab 16.00 Uhr (ca. 1,5 Std.)
16,00/13,00 €

Mit dem Schrägaufzug geht es an der Erzaufbereitung hinauf zur Reagenzienbühne. Hier arbeitet der Künstler an seinem Werk, inmitten des authentischen Ortes – des Ortes, den einst der Lärm des brechenden Erzes und die Atmosphäre harter Arbeit von Mensch und Maschine ausmachte. Bestaunen Sie das künstlerische Schaffen Goñis in Aktion und kommen mit dem Künstler in Gespräch.

 

Vortrag Frau Prof. Dr. Ströter-Bender: „Die drei Nornen in Kunst und Mythologie“
Schwerspatraum
So. 08.5.2022, 11.00 Uhr;
Eintritt frei

Die drei Nornen sind die großen Schicksalsgöttinnen in der germanisch-nordischen Mythologie.  Sie werden Urd (Schicksal), Verdandi (das Werdende) und Skuld (Schuld; das, was sein soll) genannt und spinnen den Lebensfaden der Menschen. Ihre Gestalten begegnen uns auch in Märchen und Sagen, so als die drei Feen. Aber ihre Personifikationen sind sehr viel älter.
Sie weisen weit in die europäische Vor- und Frühgeschichte hinein und sind mit der Verehrung der Mondgöttin, mit Quellen und heiligen Hainen verbunden.
Seit dem 19.  Jahrhundert werden die drei Nornen auch wieder in der Kunst dargestellt. Der Vortrag gibt einen Einblick in die Imagination ihrer Mythologie und damit verbunden, in die Kulturgeschichte.

Frau Prof. Dr. Ströter-Bender ist Kunstpädagogin und Künstlerin, emeritierte Professorin für Kunst und ihre Didaktik an der Universität Paderborn.

 

Finissage „Mariano Rinaldi Goñi: Erz-Nornen, Mythen, Farben und Metalle“
Reagenzienbühne
06.05.2022, 19.00 Uhr
Anmeldung unter info@rammelsberg.de
29,00 €

Auch zum Abschluss der Ausstellung lädt der Rammelsberg zu einer aufsehenerregenden Live-Art-Performance mit Musik, Tanz, Malerei, argentinischem Wein und Fingerfood ein. Erleben Sie eine expressive Show des Künstlers Mariano Rinaldi Goñi und seiner Freunde auf der Reagenzienbühne in der ehemaligen Erzaufbereitungsanlage des Rammelsberges.

Von den Bergleuten lernen!?

Bildung für nachhaltige Entwicklung am Rammelsberg

Von Gesine Reimold

Der Begriff „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ (BNE) wurde bereits auf der UN-Umweltkonferenz von Rio de Janeiro 1992 geprägt und meint eine Bildung, die Menschen dazu befähigen möchte, die Zukunft in einer globalisierten Welt aktiv, eigenverantwortlich und verantwortungsbewusst zu gestalten.

Vielleicht führt diese Bildung und die hoffentlich daraus folgenden Veränderungen dazu, die immer drängender werdenden globalen Herausforderungen wie Klimawandel, Armut oder Raubbau an der Natur abzumildern. Eine Rolle spielt hier der persönliche Beitrag den jeder von uns leisten kann, indem man:frau seine:ihre Art des Konsums überdenkt, um die natürlichen Ressourcen der Erde wie fruchtbares Land, Energie und Wasser zu schützen. Außerdem geht es darum, angepasste Technologien, neue gesamtgesellschaftliche Strukturen und Gesetze zu schaffen, die unser Überleben sichern. Eine wichtige Frage dabei ist, wie wir jetzt und in Zukunft die Rohstoffe unserer Erde nachhaltig nutzen können. Denn wir müssen berücksichtigen, welche Auswirkungen unsere Art zu leben auf die nachfolgenden Generationen hat. Und wir dürfen nicht rücksichtslos Ressourcen auf Kosten von ärmeren Menschen in anderen Erdteilen verbrauchen.  

Jugendliche im Roeder-Stollen, Foto: Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg / Sobotta

Die Welterbestätte Rammelsberg, Altstadt von Goslar und Oberharzer Wasserwirtschaft möchte ihren Beitrag zu diesem Wandel unserer Gesellschaft leisten und nimmt ihren Bildungsauftrag ernst. So haben Schulklassen in der diesjährigen Jugend-Akademie „Von Bergleuten lernen!?“ die Möglichkeit am Beispiel des Rohstoffs Kupfer über die zunehmende Rohstoffverknappung und die daraus folgenden massiven Umweltprobleme nachzudenken. Doch wir beschäftigen uns auch mit einer möglichen Lösung dieser Probleme und mit der Fragestellung ob und wie eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft möglich ist.

Gemeinsam mit dem Institut für Aufbereitung, Deponietechnik und Geomechanik (IFAD) an der TU-Clausthal und in Zusammenarbeit mit dem CvD-Gymnasium in Goslar suchen wir nach Lösungsansätzen, um umweltfreundlich und klimaneutral in die Zukunft zu schauen. Denn gerade der Rohstoff Kupfer eignet sich hervorragend für Recyclingprozesse. Lehrer:innen und Schüler:innen haben vom 25. April bis zum 14. Oktober die Gelegenheit dieses dreistündige Programm zu buchen. Die Schüler werden Unter – und Über Tage unterwegs sein und sich ausgehend vom Abbau der kupferhaltigen Erze am Rammelsberg auch mit den Kupferprodukten und deren Eigenschaften auseinandersetzen, um sich schließlich mit dem modernen Recycling von Kupferprodukten zu befassen. Denn durch das Kupferrecycling wird heute 85% weniger Energie verbraucht als für die Primärproduktion, also Abbau, Aufbereitung und Verhüttung der Erze. Und geringerer Energieverbrauch reduziert wiederum den für den Klimawandel verantwortlichen CO2-Ausstoß.

Jugend-Akademie, Foto: Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg

Über ein weiteres großes Projekt für Schüler des Institut Heritage Studies unter dem Titel „Young Climate Aktion“, das sich mit dem Thema Klimawandel befasst, werde ich demnächst berichten.

 

Räume der Unterdrückung. Neue Geschichtswissenschaftliche und archäologische Forschungen zu den Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern am Erzbergwerk Rammelsberg im Harz

Ein kurzer Überblick zur Quellenlage – aus dem aktuellen ForschungsprojektRäume der Unterdrückung

Von Bernd Wehrenpfennig und Johannes Großewinkelmann

Das oben genannte Projekt begann bereits am 01.10.2021. Während der kommenden zwei Jahre wollen Archäologen und Historiker gemeinsam das System der Zwangsarbeit unter den Nationalsozialisten am Rammelsberg interdisziplinär untersuchen.
Bereits in den 1990er Jahren wurden im Rahmen eines Oral-History-Projekts die Aussagen zahlreicher ukrainischer Zeitzeugen aufgearbeitet, was zu zwei Publikationen und einem Ausstellungsteil in der Dauerausstellung des Weltkulturerbes Rammelsberg führte.[1] Vor dem Hintergrund der bisherigen Erkenntnisse zu den Einzelschicksalen insbesondere der „Ostarbeiter“ am Erzbergwerk Rammelsberg im Zweiten Weltkrieg, sollen in diesem Forschungsprojekt die authentischen Orte und Räume, an und in denen Frauen und Männer vor fast 80 Jahren unter menschenverachtenden Umständen zur Arbeit gezwungen wurden, wohnen und leben mussten, in den Mittelpunkt gerückt werden.
Im Verlauf des Zweiten Weltkrieges waren in fast jedem Ort des Dritten Reiches neben Kriegsgefangenen-Arbeitskommandos auch zivile Zwangsarbeiter aus ganz Europa, und hier zahlenmäßig vor allem „Ostarbeiter“, in Kriegs- und Landwirtschaft beschäftigt, was von enormer ökonomischer Bedeutung war. Geprägt war der Arbeitseinsatz durch mitunter brutalste Behandlung, Unterernährung und schlimmste Arbeitsbedingungen. Das System der Zwangsarbeit, welches von der Wehrmacht, der Zivilverwaltung und den Arbeitgebern betrieben wurde, ist aus der Sicht der Täter, bislang wenig erforscht worden. Daher steht die Forschung zur Verwaltung der Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter in den Betrieben, in der Landwirtschaft oder im Handwerk, noch am Anfang. Doch gerade dieses System bestimmte einen Großteil der Arbeits- und Lebensbedingungen der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter.
Christian Streit hat mit seinem Buch „Keine Kameraden“ eine Vorreiterrolle bei der Erforschung dieser Perspektive am Beispiel der sowjetischen Kriegsgefangenen eingenommen.[2] Dabei stützte er sich notgedrungen vor allem auf Quellen der jeweiligen Führungsebenen aus Staat und Wirtschaft. Die Situation der Kriegsgefangenen wurde dabei, laut Streit quellenmäßig bedingt, kaum behandelt.
Längere Ausführungen zum Arbeitseinsatz von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern finden sich in den Studien von Ulrich Herbert und Hubert Speckner, welche die o.g. Problematik aber nicht umfassend behandeln.[3] In relativ großer Zahl wurden in den letzten drei Jahrzehnten lokale und regionale Studien zur Zwangsarbeit, zu Konzern und Werksgeschichten veröffentlicht, die ebenfalls nur wenige Informationen zum System der Verwaltung und dessen Einfluss auf das Schicksal der Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter enthalten.[4] 
Gleiches gilt für die große Studie von Hans Mommsen und Manfred Grieger über das Volkswagenwerk.[5] Darüber hinaus muss konstatiert werden, dass in der vorhandenen Literatur nicht immer klar zwischen den Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern, zwischen den verschiedenen Ethnien denen sie angehörten und zwischen Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen, zumal denen aus dem Osten, unterschieden wird.
Was die sowjetische, beziehungsweise russische Geschichtsschreibung betrifft, so liegen nur wenige Werke vor, die das Schicksal sowjetischer Bürger in den deutschen Zwangsarbeiterlagern behandeln. Dies dürfte nicht zuletzt den Befehlen 270 und 227 Josef Stalins, des uneingeschränkt regierenden sowjetischen Diktators geschuldet sein. Ersterer wurde am 16.08.1941 erlassen und erklärte jeden gefangengenommenen Rotarmisten zum „niederträchtigen Deserteur“, der seine Heimat verraten habe und dessen Angehörige festzunehmen seien. Zweiterer, datiert vom 28.07.1942, bedrohte jeglichen Rückzug mit dem Tode, was als Druckmittel auf die Rotarmisten angewendet wurde.[6] Nach der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands wurden 5,5 Millionen Menschen, Kriegs- und Zwangsarbeiter, in die Sowjetunion repatriiert (ins Land zurückgelassen), von denen ungefähr ein Fünftel umgehend liquidiert oder zu langen Haftstrafen in Arbeitslagern verurteilt wurden. Hinzu kamen ungezählte Selbstmorde.[7] Noch bis 1992 beinhalteten sowjetische Personalfragebögen Fragen zum Aufenthaltsort jeden Einwohners und seiner Familienangehörigen während des Großen Vaterländischen Krieges (Zweiten Weltkriegs). In ihre vollen Rechte wurden die Betroffenen erst wieder am 24.01.1995 durch Präsidentenerlass eingesetzt.[8] Es ist nicht verwunderlich, dass sich im Nachkriegsrussland die Historiker mit dem Schicksal der sowjetischen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter bislang kaum auseinandergesetzt haben, trugen diese doch das Stigma des Vaterlandsverräters.[9]  
Bleiben die Publikationen zur deutschen Bevölkerung und hier im speziellen zur niedersächsischen Landbevölkerung. Hier ist vor allem die Studie über bäuerliche Verhaltensweisen von Beatrix Herlemann zu nennen, die sich ausführlich mit dem Verhältnis von einheimischer Landbevölkerung und in der Landwirtschaft beschäftigten Ausländern und Kriegsgefangenen auseinandersetzt.[10] Oder die Studie von Raimond Reiter, der sich mit Frauen in Niedersachsen während des Dritten Reiches auseinandersetzt, aber nur wenig über Kontakte zu sowjetischen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern schreibt.[11]
Augenfällig ist, dass der Großteil der genannten Literatur die Ebene der Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter in Kriegswirtschaft und Landwirtschaft, ihre durch deutsche Täter bestimmten Lebens- und Arbeitsbedingungen, kaum erreicht. Gleiches gilt für die Ebene der Beziehungen und Verhältnisse zwischen Landbevölkerung und Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern.
Und wie sieht es am Erzbergwerk Rammelsberg aus? Durch die zwei Reisen von Bernhild Vögel in die Ukraine liegen uns Interviews mit ehemaligen Zwangsarbeitern vor, mit deren Aussagen wir die Quellen der Zwangsarbeiterverwaltung des Erzbergwerks Rammelsbergs bzw. der der übergeordneten Unterharzer Berg- und Hüttenwerke GmbH konfrontieren können.

Um hier ein Beispiel zu nennen. Ein immer wiederkehrender Punkt in den Interviews war der ständige Hunger der Ostarbeiter und Ostarbeiterinnen, die ohnehin auf der nationalsozialistischen Rassenleiter auf der untersten Stufe standen, wohingegen die betrieblichen Quellen stets die Verpflegung als reichlich und gut bezeichnen.

Dennoch erklärt in einer Quelle vom 30.07.1942 der Ostarbeiter Benjamin Rjabuschenko einem Deutschen gegenüber in gebrochenem Deutsch: „Deutscher Kamerad mehr Brot, mehr Fleisch, mehr Kartoffeln, mehr Arbeit. Wir Kameraden Kohl und Wasser, keine Kraft!“ Das Ganze wurde dem Ostarbeiter als „Verächtlichmachung unserer Werksküche“ ausgelegt. Zur Strafe wurde die warme Verpflegung für einige Tage entzogen.[12] Am 17.08.1942 heißt es in der Todesbescheinigung des Ostarbeiters Pjotr Pianow lapidar: „Pilzvergiftung. Hat angeblich Pilze und Vogelbeeren gegessen, ist innerhalb von vier Stunden gestorben.“[13] Und am 24.08.1942 heißt es in einer weiteren Quelle: „Trotzdem die Verpflegung im Lager Oker z.B. gut und reichlich ist […] beschaffen sich die Ostarbeiter laufend andere „Nahrungsmittel“. So hat eine Kontrolle ergeben, daß sich die Ostarbeiter von dem Misthaufen Kaffee-Ersatz (von dem einige mehrere Pfunde auf einmal gegessen haben) und faule Kartoffeln, die für das Schweinefutter nicht mehr geeignet waren, mitgenommen haben, um diese im Lager noch zu kochen. Bei der durchgeführten Kontrolle wurde eine große Karre voll dieser Abfälle den Ostarbeitern abgenommen. Daß durch diese verdorbenen Lebensmittel zumal in der heißen Zeit Vergiftungen die Folge sind, ist erklärlich.“[14] Diese drei kurzen Beispiele bezüglich Hunger versus gute und reichliche Verpflegung dürften für sich selbst sprechen. 

Für das laufende Projekt geht es nun darum, sich diese Quellen aus der Feder der Verwaltung, der Täter, zu erschließen und mit historischen Quellen zu konfrontieren, die zur Analyse der Einzelschicksale z.T. schon in den 1990er Jahren ausgewertet wurden.

Ein Beispiel soll verdeutlichen, wie so etwas aussehen kann. Wichtig ist es zu berücksichtigen, dass Verwaltungssprache eine Sprache der Verschleierung, der Kälte, der Herzlosigkeit, der Unmenschlichkeit ist. Es ist eine Sprache, „die nicht meint, was sie sagt, und nicht sagt, was sie meint. (…) Verharmlosung und Verrohung verbinden sich zu einer Sprache des Uneigentlichen.“[15] Die Sprache versteckt die Wahrheit hinter Worten, die harmlos klingen und doch das Schicksal der Betroffenen auf menschenverachtendste Weise bestimmen. In einer Mitteilung der Unterharzer Berg- und Hüttenwerke GmbH, der Betreiberin des Erzbergwerks Rammelsberg, vom 18. Juli 1944 an das Arbeitsamt in Goslar heißt es zur Unterbringung von an Tuberkulose erkrankten „Ostarbeitern“: „Da wir bei unseren im Aufbau befindlichen Lagern keine Möglichkeit haben, die Kranken genügend zu isolieren und daher eine Übertragung der Krankheit auf gesunde Arbeitskräfte durch Ansteckung befürchtet werden muß, bitten wir, von dort aus zu veranlassen, dass uns die Ostarbeiter in kürzester Zeit abgenommen werden.“[16]

Dieses Zitat veranschaulicht die kalte Sprache der Verwaltungsanweisung, in der deutlich wird, dass nicht „einsatzfähige“, todkranke „Ostarbeiter“ als wirtschaftliche Belastung angesehen wurden, die dem Bergwerk „abgenommen“ werden sollten. Das Schicksal dieser Menschen war den zuständigen Verantwortlichen völlig egal. Können wir über die Einzelschicksale dieser Tuberkolosekranken mehr herausfinden oder müssen wir uns mit den Informationen aus den Verwaltungsakten zufriedengeben? Das Forschungsprojekt versucht Antworten auf solche Fragen zu finden!

 


Abb.: Sterbeurkunde eines erst 19jährigen russischen Zwangsarbeiters des Erzbergwerks Rammelsberg vom 13. April 1944. Die Sterbeurkunde enthält so wenige Angaben zur Herkunft, dass die von der deutschen Verwaltung zugeschriebene Bedeutungslosigkeit des Schicksals dieses jungen Menschen kaum deutlicher zu fassen ist. 

[1]Vögel, Bernhild: „Wir waren fast noch Kinder“ – die Ostarbeiter vom Rammelsberg, Goslar 2003; dies: System der Willkür. Betriebliche Repression und nationalsozialistische Verfolgung am Rammelsberg und in der Region Braunschweig, Goslar 2002.

[2]Streit, Christian: Keine Kameraden. Die Wehrmacht und die sowjetischen Kriegsgefangenen 1941-1945, Stuttgart 1978.

[3]Herbert, Ulrich: Fremdarbeiter. Politik und Praxis des „Ausländer-Einsatzes“ in der Kriegswirtschaft des Dritten Reiches, Bonn 1985; Speckner, Hubert: In der Gewalt des Feindes. Kriegsgefangenenlager in der Ostmark 1939-1945, München 2003.

[4]Fiedler, Gudrun; Ludewig, Hans-Ulrich (Hrsg.): Zwangsarbeit und Kriegswirtschaft im Lande Braunschweig 1939-1945, Braunschweig 2003.

[5]Mommsen, Hans; Grieger, Manfred: Das Volkswagenwerk und seine Arbeiter im Dritten Reich, Düsseldorf 1996.

[6]Overy, Richard: Die Wurzeln des Sieges. Warum die Alliierten den Zweiten Weltkrieg gewannen, Hamburg 2002, S. 373-374.

[7]Merridale, Catherine: Iwans Krieg. Die Rote Armee 1939-1945, Frankfurt/M. 2006, S.384.

[8]Müller, Klaus-Dieter: Die Tragödie der Gefangenschaft und der Sowjetunion 1941-1945, Köln 1998, S. 22..

[9]Osterloh, Jörg: Sowjetische Kriegsgefangene 1941-1945 im Spiegel nationaler und Internationaler UntersuchungenMüller, Klaus-Dieter: Die Tragödie der Gefangenschaft und der Sowjetunion 1941-1945,  Dresden 1995, S. 52.

[10]Herlemann, Beatrix:: „Der Bauer klebt am Hergebrachten“: Bäuerliche Verhaltensweisen unterm Nationalsozialismus auf dem Gebiet des heutigen Niedersachsen, in: Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen, 39, Niedersachsen 1933-1945, Bd. 4, Hannover 1993. 

[11]Reiter, Raimond: Frauen im Dritten Reich in Niedersachsen: Eine Dokumentation, in: Frauen in Geschichte und Gesellschaft, Bd. 33, Pfaffenweiler 1998.

[12]Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg: BGG-Archiv, Akte Ostarbeiter Allgemein, Russische Zivilarbeiter, Quelle vom 30.07.1942.

[13]Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg: BGG-Archiv, Akte Ostarbeiter Allgemein, Todesbescheinigung, Quelle vom 17.08.1942.

[14] Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg: BGG-Archiv, Akte Ausländer Bestimmungen 1, Ostarbeiter, Quelle vom 24.08.1942.

[15] Mathias Döpfner, „Besprechung mit Frühstück“. Wie kann es sein, dass die Ermordung der europäischen Juden in neunzig Minuten bei Kaffee und Cognac beraten wurde ? Der ZDF-Film „Die Wannseekonferenz“ entlarvt die Sprache dessen, was sprachlos macht. In: Welt am Sonntag, Nr. 4, 23. Januar 2022, S. 43.

[16] Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg. BGG-Archiv. Akte Ostarbeiter 2, Abschrift „Nicht einsatzfähige Ostarbeiter“ v. 28. Juli 1944.

Stadtgeschichten – Der tiefe Julius-Fortunatus-Stollen

In diesem Jahr begeht die Stadt Goslar ihr 1.100jähriges Jubiläum.
1.100 Jahre Stadtgeschichte sind auch 1.100 Jahre Bergbaugeschichte, denn die Entwicklung des Bergbaus am und im Rammelsberg ist untrennbar mit der Geschichte der Stadt verbunden. Im Laufe dieses Jahres werden wir hier im Blog mit verschiedenen Beiträgen das Stadtjubiläum aufgreifen, in dem Orte und Begebenheiten vorgestellt werden, die die Stadt- und Rammelsberggeschichte untrennbar miteinander verbinden.
Den Auftakt bildet der tiefe Julius-Fortunatus-Stollen, der nach über 99 Jahren der Aufwältigung am 25. September 1585 fertiggestellt wurde.

Erinnerungstafel am Mundloch. Foto ©Rammelsberg

In der Mitte des 15. Jahrhunderts erreichte der Bergbau am Rammelsberg immer größere Tiefen. Damit einher ging das Problem der sog. „Sümpfung“ der Grubenbaue, d.h. die stete Abführung des anfallenden Grubenwassers. Der Rathstiefste Stollen, als bisheriger Wasserlösungsstollen, lag inzwischen zu hoch um dieser Aufgabe in Gänze nach zu kommen. Daher beschloss 1484 der Rat der Stadt Goslar, der zu diesem Zeitpunkt noch Eigener an den Rammelsberger Gruben war, einen neuen Wasserlösungstollen ca. 45 m tiefer als der Rathtiefste Stollen anlegen zu lassen.

Baubeginn war am 11. Mai 1486. Begonnen wurde im Bereich außerhalb der westlichen Wallanlagen, zwischen dem unterem Wasserloch und dem Breiten Tor. Anfänglich wurden zur Auffahrung des Stollens Bergleute aus der Markgrafschaft Meißen beschäftigt, weshalb der Stollen zu dieser Zeit auch als „Meissner Stollen“ bezeichnet wurde. Aufgefahren wurde der Stollen jedoch nicht nur von einer Seite, sondern von mehreren Schächten  aus, den sog. Lichtlöchern, von denen ausgehend in beide Richtungen gearbeitet wurde. Die Lichtlöcher dienten hauptsächlich der Bewetterung der Strecke. Insgesamt gab es neun Lichtlöcher in unterschiedlichen Entfernungen zueinander. Teilweise mit Flurbezeichnungen, die noch heute in Goslar bekannt sind, wie „Nasser Herbst“ oder „Finkenflucht“ am sog. Bauen Haufen. Der Blaue Haufen selbst ist die ehemalige Abraumhalde des Lichtloches „Finkenflucht“. Der Schacht des Lichtloches „Finkenflucht“ hatte eine Tiefe von über 80 m.

Während des Vortriebs kam es aufgrund technischer Schwierigkeiten und politsicher Ereignisse zu vielfachen Unterbrechungen. Es dauerte insgesamt 99 Jahre bis der neue Stollen seinen Betrieb aufnehmen konnte. Unter anderem hatte der Rat der Stadt Goslar während der Bauphase 1552 durch die Vereinbarungen des Reichenberger Vertrages die Oberhoheit am Rammelsberg an die Braunschweiger Herzöge verloren, was zu einer entscheidenden Verzögerung führte. Die letzte große Arbeitsphase fand unter der Regentschaft des Braunschweiger Herzogs Julius statt, weshalb der Stollen bis heute den Namen „Tiefer-Julius-Fortunatus-Stollen“ trägt.

Straßenschild der Straße „Am Stollen“ in Goslar. Foto ©Rammelsberg

Der Stollen verläuft auf seiner Länge von  ca. 2.580 m ziemlich gerade. Vom Rammelsberg aus in nördlicher Richtung bis zu der heutigen Landmarke „Blauer Haufen“ unterquert er die sog. Bergweisen. Ab dem Gelände des EFZN befindet sich der Verlauf knapp 30 m unter bebautem Gebiet. Er streift das ehemalige Kasernengelände am südöstlichen Ende, kreuzt die Wallstraße, die Straße Am Stollen [sic!] auf Höhe Kreuzung Bozener Straße, die Ludwig-Jahn-Straße in Richtung Rewe-Markt, dessen Gelände und Parkplatz auf der nordwestlichen Seite unterquert wird. Knapp 12 m unter der Kreuzung Reiseckenweg/Bleicheweg nähert er sich den Wallanlagen an, um ungefähr auf Höhe der Tankstelle in Mitten der Wallanlagen nach über Tage zu treten. Genau an der Stelle, wo vor über 500 Jahren die Arbeiten an dem Stollen begannen. Das eher unscheinbare Mundloch ist heute verschlossen und durch Informationstafeln erläutert.

Das heutige Mundloch des Tiefen-Julius-Fortunatus-Stollens in den südöstlichen Wallanlagen. Foto ©Rammelsberg

Nach dem Ende des Bergbaus am Rammelsberg verlor der Julius-Fortunatus-Stollen seine eigentliche Funktion als Wasserlösungsstollen, da das Bergwerk nach dem Betreibsende kontrolliert „absoff“. 1997 wurde der Stollen verschlossen, sodass durch ihn kein Grubenwasser mehr aus dem Rammelsberg abfließen konnte.

Eine Nutzung des Stollens durch das 1990 gegründete Museum am Rammelsberg war und ist nicht vorgesehen, dennoch ist der Stollen nicht funktionslos! Denn es fließt immer noch Wasser durch diesen untertägigen Bereich. Allerdings kein Grubenwasser, sondern übertägiges Sickerwasser, welches sich stetig in der über 2 km langen Strecke, ähnlich einem Drainagerohr sammelt und in Richtung Stadt abfließt. Dieses Wasser wird seit 2004 durch das Goslarer Schwimmbad „Aquantic“ zur Eigenwassergewinnung genutzt. Kurz hinter dem Mundloch wird auf knapp 600 m das anfallende Wasser aufgestaut und durch eine stationäre Anlage abgepumpt. Danach durchläuft es eine Trinkwasseraufbereitungsanlage und steht dem Schwimmbad zur Verfügung.

Auch wenn sich die Funktion deutlich gewandelt hat, dient die ehemalige bergbauliche Anlage bis in die Gegenwart den Bürgerinnen und Bürgern der Stadt.

Gebäudegeschichten

Das Magazingebäude – Teil 2: Nachkriegszeit bis 2000

Von Johannes Großewinkelmann und Monika Wergandt

Im Blog vom 1. Oktober 2021 haben wir die Geschichte der Lagerhaltung am Erzbergwerk Rammelsberg mit dem Bau eines zentralen Magazingebäudes bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs vorgestellt. Die weitere Chronik des Magazins ist zunächst stark von den politischen Ereignissen der Nachkriegszeit geprägt. Mit der Besetzung des Erzbergwerkes Rammelsberg im April 1945 durch die Aliierten (Amerikaner) wurde der Betrieb stillgelegt und eine Notbelegschaft sorgte für die notwendigen Arbeiten zur Offenhaltung der Grube, z.B. die Grubenentwässerung.

Ab Mitte Juni 1945 konnte der Bergwerksbetrieb wieder aufgenommen werden. Nachkriegsbedingte Einschränkungen durch fehlendes Fachpersonal, materielle Mangelzustände sowie durch eine kaum noch vorhandene Infrastruktur bedingten eine deutliche Leistungsminderung. [1]

Mit der Übernahme des Erzbergwerkes Rammelsberg in die britische Besatzungszone im Mai 1945 kam es zu wirtschaftlichen und verwaltungstechnischen Veränderungen, die in den Betriebsablauf integriert werden mussten. Auch das Magazingebäude war davon betroffen. Durch die Verlagerung von Verwaltungsräumen aus Goslar in das Magazingebäude waren Umbau- und Einrichtungsarbeiten notwendig. In einem Schreiben der Unterharzer Berg- und Hüttenwerke (UHBW) vom 4. September 1945 an das Erzbergwerk Rammelsberg wird die „Verlegung der Direktion auf den Rammelsberg“ angekündigt und hierzu sollen u.a. Räume im Magazin geschaffen werden. „Wie bereits mehrfach besprochen, wird aufgrund der durch die neue Lage geschaffenen Verhältnisse – besonders im Hinblick auf eine leichtere Durchführung des Geschäftsbetriebes – der Hauptteil der Direktionsbüros in die Gebäude des Erzbergwerks Rammelsberg verlegt werden. Wir übergeben in der Anlage eine Aufstellung über die Zahl der benötigten Räume und bitten, einen Vorschlag für die Verteilung in Ihrem Verwaltungsgebäude und dem bisher von Ausländern (ehemalige Zwangsarbeiter, J.G.) besetzten Teil des Magazingebäudes baldmöglichst auszuarbeiten.

Als erstes beabsichtigen wir, einzelne Abteilungen in das Verwaltungsgebäude zu verlegen, während im Magazin noch Umbau- und Einrichtungsarbeiten notwendig sein werden. Für letzteres kommt in erster Linie die Einrichtung der Buchhaltung und der Einkaufsabteilung in Betracht.“[2]

Bisher befand sich die Direktion des Erzbergwerks Rammelsberg im Nonnenweg 14 in Goslar. „Am 20. Juni d.J. (1945, J.G.) wurde durch die Militärregierung unser Bürogebäude Nonnenweg 14 beschlagnahmt, sodaß der dort untergebrachte Teil unserer Direktion kurzfristig mit unseren Bürogebäude Schieferweg 7 und 8 untergebracht werden mußte, was nur durch enge Zusammenarbeit aller darin arbeitenden Angestellten möglich war. Unsere Baulichkeiten auf dem Rammelsberg waren damals noch durch Ausländer belegt. Bei dem Stillstand unserer Werke ließ sich die Arbeit in den stark eingeschränkten Räumen zur Not eine Zeit lang durchführen.

Als auf unseren Antrag an das Ausländeramt hin dann später das Magazingebäude Rammelsberg freigemacht wurde, faßten wir den Plan, aus unserem Bürohaus Schieferweg 7 die Verwaltungsstellen herauszunehmen um dringend benötigten Wohnraum für unsere Angestellten zu erhalten, zumal bereits mehrere unserer Wohnhäuser in Goslar durch die Militärregierung beschlagnahmt waren und mit weiteren Räumungen gerechnet werden mußte. Aus diesem Stadium der Planung stammt die Ihnen mitgeteilte Begründung unseres Umbauantrags.

Inzwischen hat sich aber die Situation grundlegend geändert. Anfang Oktober wurde uns die Entscheidung aus dem britischen Hauptquartier mitgeteilt, daß unser Bergbau im Oberharz und Unterharz weiter zu betreiben ist mit dem Ziel, nach Wiederherstellung der Brennstoffversorgung auch die Hütten folgen zu lassen. Dies war bei Stellung unseres Antrages vom 1.10. noch nicht bekannt. Es ergibt sich nunmehr für uns die Notwendigkeit einer wieder gesteigerten Verwaltungstätigkeit, zumal der Betrieb von größeren Werken in dieser Zeit unter besonderen Schwierigkeiten durchgeführt werden muß. Hierzu kommt, daß unsere Gesellschaften nach Abtrennung ganzer Konzernteile in anderen Besatzungsgebieten (gemeint sind z.B. die in Polen betriebenen Preussag-Bergwerke, J.G.) eine Reihe von weiteren Aufgaben zeitweilig mit übernehmen müssen. Wir werden also für absehbare Zeit auch bei erfolgtem Umbau des Magazins Rammelsberg die Räumlichkeiten des Hauses Schieferweg 7 für unsere Zwecke weiter in Anspruch nehmen müssen.“[3] 

Für die Verlegung der Direktion an den Rammelsberg wurden insgesamt 30 Räume gebraucht und ein Kostenaufwand von 14.000 RM kalkuliert.[4] Im Zechenhaus sollten für die Geschäftsführung 13 Räume zur Verfügung gestellt werden. Die anderen Räume sollten im Magazin geschaffen werden.[5]

Im Erd- und Obergeschoß baute die Preussag ein Teil des Lagerraumes zu Büroräumen um. Trennwände wurden eingezogen, Eingangstüren mit Oberlichtern versehen und eine Toilettenanlage eingebaut.[6] 

Abb.: Grundrissskizze vom Magazin mit den Planungen für den Einbau der Büroräume vom 18.09.1945.[7]

In einer Grundrisszeichnung vom 18.09.1945 sind neben zahlreichen Büroräumen im Erdgeschoss auf der östlichen Seite ein Zementlager und im ersten Obergeschoss ein Lebensmittellager vorgesehen. Im Erdgeschoss wird auf der Westseite weiterhin ein großer Raum als Fahrradkeller genutzt. Östlich an den Fahrradkeller schließt sich ein Schulungsraum für Lehrlinge an und für den Ausbildungssteiger ist ein Büro vorgesehen.

Nach Beendigung des Besatzungsstatus im September 1949 übernahm Herr Richard Plümecke die Leitung des zentralen Magazins. Zeitzeugen[8] berichten, dass die Zweiteilung der Bevorratung für das Erzbergwerk, einmal die kleinen Materiallager vor Ort und andererseits das Zentralmagazin, weiter bestand. Allerdings wurden die kleinen Warenlager von dem Zentralmagazin aus versorgt. Aus jeder Arbeiterkolonne wurde ein Mitarbeiter (der sog. Kammerbulle) bestimmt, der für ausreichenden Nachschub verantwortlich war. Er war sowohl für die externen Bestellungen an Fremdfirmen zuständig als auch dafür, dass ausreichend Material aus dem Magazin in das Lager vor Ort gebracht wurde. Wichtig war dies vor allem für Verbrauchsmaterialien,  wie Ersatzteile für Fördermaschinen oder Kugeln für Kugelmühlen, um zeitnah Reparaturen durchführen zu können.

An die Organisation des Magazins und die Besonderheiten der Lagerverwaltung konnten sich einige ehemalige Rammelsberger Bergleute noch gut erinnern: „Im Magazin waren im Eingangsbereich auf der südlichen Seite hinter dem Rolltor zwei Büros. Das vordere war das Büro des Magazinverwalters, im hinteren saßen zwei bis drei Bürokräfte, die die Bestellungen und Abgaben bearbeiteten.

Die Ausgabe des Materials erfolgte an einer langen Theke im Eingangsbereich hinter dem Rolltor. In dieser Theke konnte ein Teil hochgeklappt werden, wenn z.B. größere Sachen durch das Rolltor ins Magazin gefahren wurden. Die Ausgabe des Materials übernahmen zwei bis drei Personen, meistens Bergleute die aufgrund körperlicher Beschwerden nicht mehr einfahren konnten.

Wurde Material unter Tage benötigt, wurde dieses vom Magazin zum Schacht gefahren und dort umgeladen und auf die jeweilige Sohle gebracht.“[9]

Abb.: Durchnummerierte Regale als Ordnungssystem im Magazin, 1998. Foto: Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg.

„Für die Schlosserei wurden die Bestellungen täglich gesammelt und dann an das Magazin gegeben.(…) Die Aufträge für Metalllieferungen gingen direkt an die Stahlhandel Hottenrot in Goslar. Dieser lieferte direkt an das Magazin. Dort konnte der Stahl dann abgeholt werden.

Die Warenausgabe im Magazin war geöffnet von 5.30 Uhr bis 14.00 Uhr. Nach 14.00 Uhr war für die Mittagsschicht ein Mann im Notdienst für die Warenausgabe im Magazin zuständig. Für außergewöhnliche Auslieferungen konnte der betriebsnah wohnende Magazinleiter angerufen werden.

Zur Magazinverwaltung gehörte auch die Tankstelle auf der Werkstraße, gegenüber der Kraftzentrale.“[10]  

Abb.: Tankstelle auf der Werkstraße des Erzbergwerks Rammelsberg gegenüber der Kraftzentrale. Fotorealistisches Bild der Tankstelle des Kölner Malers Alexander Calvellei, Acryl auf Papier. Foto: Alexander Calvelli, 2018. Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg.  

Vom Magazin zum Museumshaus

Im Jahre 1997 entwarf der damalige Geschäftsführer des Weltkulturerbes Rammelsberg und Bezirksdenkmalpfleger Prof. Dr. Reinhard Roseneck ein Konzept zum Ausbau des Museums und Besucherbergwerks im Rahmen der Weltausstellung EXPO 2000. Das Weltkulturerbe Erzbergwerk Rammelsberg zeigte die Interaktionen von Mensch, Natur und Technik auf und bot sich so als Außenstelle für die Weltausstellung Expo 2000 in Hannover an, die sich gerade diese Themen auf die Fahnen geschrieben hatte. Aus diesem Grund unterstützte die Expo-Gesellschaft finanziell eine kulturhistorische Dauerausstellung im Magazingebäude, deren Umbau 1999/2000 erfolgte.

Ziel war es, aus verschiedenen Perspektiven das Zusammenspiel von Mensch, Natur und Technik aufzuzeigen und wie sie sich gegenseitig bedingten. Dazu gehörten die geologischen Voraussetzungen, die technischen Möglichkeiten des Abbaus, die sich im Laufe der Zeit deutlich veränderten, aber auch die Lebensumstände der Menschen und dies alles unter den jeweiligen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Systemen.

Bei der Umwandlung des Magazins in ein Museum unter dem Thema Mensch, Natur, Technik stellte sich die Frage, was weiterhin erhalten werden sollte, was ergänzt werden und wie es präsentiert werden sollte. In dem Konzept von Prof. Roseneck wird das Magazingebäude als ein Gebäude definiert, das nicht durch „eine feste, spezifische Einrichtung (…) oder eine maschinelle Ausrüstung (…) gekennzeichnet ist“[11] und deshalb umfassend für die Schaffung von Ausstellungsflächen umgebaut werden kann.

Außerdem sei schon während der Betriebszeit des Bergwerks das Mittelgeschoß des Magazins „zu hochwertigen Büro und Präsentationsräumen umgebaut worden,“[12] um u.a. die wertvolle Mineralien-Sammlung der Preussag AG Metall präsentieren zu können. 

Diese Voraussetzungen und die „hervorragende Lage, die innere Struktur, die hellen Geschoßebenen (…) sowie die vorhandene Ausstattung mit Heizungs-, Elektro- und Fernmeldeinstallationen“[13]  rechtfertigten für Roseneck den umfassendsten Umbau der inneren Gebäudestruktur auf dem Gelände des Bergwerks. „Während an allen anderen Orten des Rammelsberges authentische Milieus mit ihren Ausstattungen zunächst aus sich heraus dokumentiert werden und die Besucher ansprechen, ist es hier (im Magazin, J.G.) konfliktfrei möglich, übergeordnete Ausstellungsthemen anzusiedeln, die sich mit ihren abstrakten Inhalten nicht über authentische Orte vermitteln lassen.“[14]

Mit dieser Argumentation gingen Reinhard Roseneck und der Braunschweiger Architekt Uwe Kleineberg in die Planungen des Umbaus und ließen außer einem kleinen authentischen Magazinbereich in der oberen Etage, der erst 2021 in den Besitz des Weltkulturerbes Rammelsberg übergegangen ist, fast nur die Gebäudehülle im authentischen Zustand.

Abb.: Grundriss des Obergeschosses des Magazingebäudes nach der Umgestaltung zum Museumshaus. Grundriss. Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg.

Die rechte Hälfte des Obergeschosses im Magazin wurde Ende der 1990er Jahre noch im ursprünglichen Zustand belassen. Die Besucher haben die Möglichkeit, durch transparente Lochblechwände in diesen authentischen Teil des Magazins zu schauen, diesen Raum aber nicht betreten zu können.

Abb.: Regalwand im Magazingebäude Ende der 1990er Jahre. Foto: Richard Bothe, 1998. Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg.

Abb.: Isometrische Ansicht des dreigeschossigen Magazingebäudes mit den Planungen für eine zentrale Treppenablage und den Ausstellungsräumen.[15]

Abb.: Entkernung des Mittelgeschosses im Magazingebäude. Foto: Richard Bothe, 1998. Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg.

Gleichzeitig wurde eine rampenähnliche Treppe eingefügt, die das obere Geschoss mit dem unteren verband.

Abb.: Einbau der Treppenanlage am Ende der 1990er Jahre. Foto: Richard Bothe, 1998.
Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg.

In die mittlere Etage gelangt man über eine Wendeltreppe, die in eine Kirchturmspitze eingefügt wurde und die über zwei Etagen reicht. Grund für die Darstellung dieses Kirchenteils war das Material, aus dem die Verkleidung hergestellt wurde. Hierbei handelt es sich um die mit Bleiplatten vom Turm der Goslarschen Neuwerkkirche. Die Bleiplatten wurden aus Rammelsberger Erz hergestellt. Bei einer Renovierung der Kirchtürme der Neuwerkkirche wurden diese Bleiplatten abgenommen und in der Dauerausstellung im Magazin z.T. wieder eingesetzt.

Abb.: Wendeltreppe innerhalb der Kirchturmspitze. Foto: Richard Bothe, 1998.
Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg.

Abb.: Die mit den alten Bleiplatten verkleidete Kirchturmspitze im Museumshaus Magazin.
Foto: Richard Bothe, 1998. Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg.

Ein kurzer Blick in die Zukunft

Überlegungen zum Umbau der gesamten Dauerausstellung im Museumshaus Magazin werden seit einigen Jahren gemacht. Mit der Übernahme der noch verbliebenen ursprünglichen Magazinflächen in der oberen Etage des Magazingebäudes im Sommer 2021 könnte ein erster Baustein für den Umbau mit verwirklicht werden.

Dabei sollen in diesem Baustein neben der Vermittlung der Geschichte des Gebäudes, die historische Entwicklung der Lagerhaltung am Erzbergwerk Rammelsberg und Sonderausstellungsthemen auf mehreren „Werkstattbühnen“ vorgestellt werden. 

Abb.: Vorstudie für ein 3-D-Modell der obersten Etage des Magazingebäudes. Mit einem 3-D-Modell wird die Arbeit an einer Ausstellungsplanung erleichtert. Bild: TU-Braunschweig, Institut für Bauwerkserhaltung und Tragwerk, 2021.  


[1] Vgl. Rolf Paprotny: Nachkriegszeit. In: Reinhard Roseneck (Hg.): Der Rammelsberg. Tausend Jahre Mensch – Natur – Technik. Goslar 2001. Band 1, S. 256.

[2] BGG-Archiv, Akte Magazingebäude, Akten-Nr. 41/8 b 6., 21.08.1939 bis 19.10.1945.

[3] BGG-Archiv, Akte Magazingebäude, Akten-Nr. 41/8 b 6., 21.08.1939 bis 19.10.1945.  Schreiben der Harzer Berg- und Hüttenwerke und der UHBW an den Oberbürgermeister der Stadt Goslar v. 16. Oktober 1945.

[4] Vgl. BGG-Archiv, Akte Magazingebäude, Akten-Nr. 41/8 b 6., 21.08.1939 bis 19.10.1945. Kostenvoranschlag zur Einrichtung von Büroräumen im Magazingebäude v. 18. September 1945 und Kostenvoranschlag zur Herstellung von Büroräumen im Magazingebäude v. 20. September 1945. 

[5] Vgl. BGG-Archiv, Akte Magazingebäude, Akten-Nr. 41/8 b 6., 21.08.1939 bis 19.10.1945. Schreiben des Erzbergwerks Rammelsberg an die UHBW vom 20. September 1945 betr.: Herstellung von Büroräumen im Magazingebäude.

[6] Vgl. BGG-Archiv, Akte Magazingebäude, Akten-Nr. 41/8 b 6., 21.08.1939 bis 19.10.1945. Baubeschreibung zur Einrichtung von Büroräumen im Magazingebäude v. 29. September 1945.

[7] BGG-Archiv: Akte Magazingebäude. Akten-Nr. 41/8 b 6. 21.08.1939 bis 17.10.1945. Grundriss zur Einrichtung von Büroräumen im Magazingebäude vom 18.09.1945.

 

[9] Transkription des Interviews mit Herrn Schmidt am 21. Juni 2021, geführt von Dr. Johannes Großewinkelmann. Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg.

[10] Transkription des Interviews mit Gerd Schröder am 7. Juni 2021, geführt von Dr. Johannes Großewinkelmann. Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg.

[11] Reinhard Roseneck, Der Rammelsberg. Das Konzept für Besucherbergwerk und Bergbaumuseum, Goslar 1997, S. 134.

[12] Vgl. ebda.

[13] Ebda.

[14] Ebda.

[15] Reinhard Roseneck, Der Rammelsberg. Das Konzept für Besucherbergwerk und Bergbaumuseum, Goslar 1997, S. 137.

„Fremde“ und Einheimische sind Herzlich willkommen!

Liebe Gäste, wir wünschen Ihnen ein frohes Neues Jahr und hoffen, dass Sie trotz der schwierigen Zeiten ihre Zuversicht nicht verlieren!

„Herzlich Willkommen“ Teilnehmer des Bildungsurlaubs: „Bildhafte Industriekultur-
Von der Idee zum fertigen Bild“, 2021

Wir freuen uns über Ihren Besuch und hoffen zudem, dass wir Ihnen 2022 erneut mit unseren Führungen, Ausstellungen und Veranstaltungen Freude machen und Abwechslung bieten können!

Als Weltkulturerbe erwarten wir Gäste aus der ganzen Welt und im Jahr des 1100 jährigen Stadtjubiläums von Goslar freuen wir uns ganz besonders über Besucher aus Goslar und dem Harz, die vielleicht die ein oder andere Führung am Rammelsberg noch nicht mitgemacht haben oder erneut besuchen möchten. Bitte beachten Sie auch unseren neuen Veranstaltungskalender, das umfangreiche Jubiläums-Begleitprogramm und die Sonderausstellung: „1100 Jahre Goslar- Mit Erfolg gebaut“, die am 5. Juni eröffnet wird.

Bereits zu Betriebszeiten des Bergwerks durften Fremde, wie auswärtige Reisende genannt wurden, nach vorheriger Anmeldung in die Grube einfahren. Genaueres über diese Besuche und Besucher des 18. und 19. Jahrhunderts und den aufkommenden Harz-Tourismus können Sie noch bis zum 6. Februar in unserer Sonderausstellung „Reisen in den Schoß der Mutter Erde – Montantourismus im Harz“ erfahren.

Damals wie heute war gutes und ausreichendes Essen und Trinken die Voraussetzung einer erfolgreichen Reise. Und heute stärkt man sich direkt im Rammelsberg-Restaurant vor oder nach einer Führung oder dem Besuch der Ausstellungen. Und wie früher schon, wo jeder Gast gern gesehen wurde, ob Forschungsreisender, Handwerker, Fuhrmann, Student, Adliger, Bildungsbürger, Berg- und Hüttenmann, ist das auch heute so, allein die Unterscheidung der Gäste ist eine andere. Heute kommen sie alle und finden in einem der vielen Hotels, Pensionen, Jugendherbergen oder Ferienwohnungen eine ihren Vorstellungen und Bedürfnissen entsprechende Unterkunft. War die Anzahl der Goslarer Unterkünfte im 19. Jahrhundert auch noch nicht so groß, so gab es aber 1859 in der Stadt schon 5 und 1909 bereits 16 Hotels.

Postkarte „Hotel Kaiserworth“, Verlag von Römmler & Jonas, Dresden, 1897, Stadtarchiv Goslar

In einer Mitteilung der Berliner Beamtenvereinigung heißt es im Jahr 1900: „Der vielbesuchte, althistorische Ort ist reich an Sehenswürdigkeiten, unter welchen die prächtig restaurierte, mit herrlichen Wandgemälden geschmückte Kaiserpfalz unstreitig den ersten Platz einnimmt. Auch das Hotel Kaiserworth am Markt und das Speisehaus Das Brusttuch neben der Marktkirche verdienen hervorgehoben zu werden. Goslar eignet sich als gesunder Ort mit Gebirgsnatur vorzüglich zur Sommerfrische und ist wegen der mäßigen Preise und günstigen Steuerverhältnisse auch Pensionären und Rentiers zum dauerhaften Aufenthalt zu empfehlen.“

Das sogenannte Brusttuch ist eines der ältesten Goslarer Hotels, das seit 1870 als Gasthaus oder Speisehaus genutzt wurde. Ein altes Plakat zeigt, wie im späten 19. Jahrhundert in Touristenregionen das Speiseangebot durch die Einführung der Speisekarte à la carte erweitert wurde. Die Essenszeiten sind also nicht festgelegt und es gibt eine frei verfügbare Auswahl an Speisen. In gewöhnlichen Gaststätten gab es zu dieser Zeit keine freie Wahl des Menüs, sondern nur ein Tagesmenü zum Festpreis.Dieses Table de hôte wurdeim Brusttuchzusätzlich um 13 Uhr angeboten. Dann saßen alle Gäste zum Essen gemeinsam an einer großen Tafel. – Wie sehr würden wir uns heute über ein unbeschwertes gemeinsames Mahl an einer großen Tafel freuen! –

Plakat: „Hotel zum Brusttuch“, Lithographie, G. Keune, um 1900, Sammlung Goslarer Museum

Die Geschichte des Hauses bewahrt zudem einen bergmännischen Hintergrund: Denn das heute wegen seines riesigen und sehr spitzen Daches als Brusttuch (dreieckiges Tuch) titulierte ehemalige Wohnhaus, wurde 1526 im Auftrag von Johannes Thiling erbaut, ein Mann, der ein bedeutender Gruben – und Hüttenbesitzer war. Mit seinen aufwendigen Schnitzereien zeugt es vom Reichtum seines Besitzers, der einem alteingesessenen Patriziergeschlecht entstammte, einen juristischen Magistergrad erworben hatte und zeitweise Stadtsyndikus in Goslar war.

Reisegesellschaft auf den Bergwiesen vor dem Polsterberger Hubhaus, Zirkler, um 1900,
Sammlung Oberharzer Bergwerksmuseum Clausthal-Zellerfeld

Nach 1900 führte der Bahnverkehr dem Harz immer größere Ströme von Reisenden zu, die sich in der Sommerfrische erholen wollten. Auch Berg- und Hüttenwerke, die noch in Betrieb waren wurden von den Reisenden besucht. Aber manches, ursprünglich nur für bergbauliche Zwecke genutzte Gebäude, wurde nun anderen Zwecken zugeführt. Denn fallende Weltmarktpreise und die zunehmende Erschöpfung der Erzlager führten ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur Schließung vieler Harzer Gruben und sukzessive begann bereits die Umnutzung von Bergbauanlagen für touristische Zwecke. So boten auch die Zechenhäuser den Fremden Aufenthalt und Nahrung und den Einheimischen ein Einkommen. Denn ursprünglich war mit der „Aufnahme“ (Inbetriebnahme) einer Grube immer auch ein Zechenhaus errichtet worden. Diese Zechenhäuser waren zugleich Wohn-, Wirtschafts- und Verwaltungsgebäude. Hier hatten die Steiger ihre Dienstzimmer und die Bergleute versammelten sich zur Andacht. Im Zechenhaus wohnte ein Wärter, Hutmann genannt, der auch die Erlaubnis zum Bierausschank hatte. Dieser Umstand und der urwüchsige Charme der einfachen Waldwirtschaften machten die  Zechenhäuser bald zu einem beliebten Ausflugsziel für Reisende aller Art.

Im Jahr 1911 schreibt der Geh. Reg.-Rat Dr. Stegemann aus Braunschweig über das Wirtschaftslebendes Harzes: „Nicht weniger als 27 000 Schweine, 40 000 Ferkel, über 5000 Stück Rindvieh und 7000 Schafe wurden im Jahr 1907 in den Harzstationen zur Entladung gebracht. (…) Der Bierumsatz hat sich in demselben Zeitabschnitt von 5000 Tonnen auf 10 000 Tonnen … vermehrt. Daß der Harz trotz seiner rückgängigen bergbaulichen Produktion in der Lage ist, in so bedeutendem Maße zu konsumieren, ist in der Hauptsache auf das Aufblühen des Fremdenverkehrs zurückzuführen, der allein einen dauernden und ausreichenden Ersatz für die geschwundene Bedeutung des Bergbaus bieten zu können scheint.“[1]

Heute ist der Tourismus für den Harz und die Stadt Goslar ein noch bedeutenderer Wirtschaftszweig geworden. Die Bewohner leben für und mit den Reisenden und freuen sich darauf das anstehende Stadtjubiläum gemeinsam feiern zu können. Mit Umsicht, Besonnenheit und Gestaltungskraft wird es sicherlich möglich sein, das Fest auch in Pandemiezeiten angemessen zu begehen. Unterstützen Sie die Stadt Goslar und ihren Hausberg den Rammelsberg dabei!


[1] „Das Wirtschaftsleben des Harzgebietes“ Vorträge zur Vorbereitung und Durchführung einer Studienfahrt durch den Harz im Winterkursus 1910/11, Hrsg.: Vereinigung für staatswissenschaftliche Fortbildung, Berlin 1911, Selbstverlag, S. 16

Weihnachtsgruß 2021

Es sind nur noch wenige Tage bis zu den Feiertagen und dem Jahresende. Eine traditionelle Zeit, um auf das vergangene Jahr zurückzublicken und in die Zukunft zu schauen. In seiner Weihnachtsbotschaft meldet sich per Video der Geschäftsführer der Weltkulturerbe Rammelsberg GmbH und Direktor der Stiftung UNESCO-Welterbe im Harz, mit guten Wünschen, einem Rückblick auf das Jahr 2021 und einen kleinen Ausblick auf das Jahr 2022. 

Wir wünschen allen frohe Feiertage und einen guten Rusch in das neue Jahr.