UNESCO Logo

30 Jahre Grubenbahnführung

 

In diesen Tagen jähren sich die Jungfernfahrt unserer Grubenbahn und die zugehörige Führung zum 30. mal.  Obwohl die Fahrzeuge selbst mit knapp 45 Jahren schon deutlich älter sind, da es sich um Originale aus der Rammelsberger Betriebszeit von vor 1988 handelt.

Lok Nr. 15 im Jahr 2023.

30 Jahre – aber eigentlich auch schon älter

Die Personenwagen wurden zwischen 1975 und 1976 neu beschafft und die Loks wurden in ihrer heutigen Ausführung 1977 gebaut. Obwohl eine zeitliche Nähe besteht, sind die Loks und die Wagen nie in einem Zugverband zusammen unterwegs gewesen, da sie zu unterschiedlichen Zwecken beschafft wurden und in unterschiedlichen Bereichen des Bergwerkes zu Einsatz kamen.
Die Loks waren auf der 8. Sohle zum Transport von Versatzmaterial (Material zum Verfüllen ausgeerzter Grubenbaue) im Einsatz und die Wagen fuhren noch tiefer im Berg auf der 10. – 12. Sohle und transportierten dort die Bergleute vom Rammelsbergschacht zu ihren Arbeitsplätzen.
Nach dem Betriebsende 1988 wurden die Fahrzeuge nach über Tage verbracht. Ab 1993 erstmal zu einem Zug zusammengestellt und für die damals noch geplante Führung „Mit der Grubenbahn vor Ort: Bergbau im 20. Jahrhundert“ vorgesehen. Diese Führung hat nun schon 30 Jahre Bestand und damit sind die Loks und Wagen schon deutlich länger im musealen Einsatz für unsere Gäste als ursprünglich untertage für die Bergleute. Einen ausführlichen Einblick über die Geschichte des gleisgebundenen Personentransportes am Rammelsberg und Geschichten „rechts und links des Gleises“ finden Sie auch auf unserem YouTube Kanal: https://www.youtube.com/watch?v=lgAN6u9LzZM

Lok Nr. 15 im Versatztransport auf der 8. Sohle, Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg

Bild 2 Personenwagen im Einsatz auf den unteren Sohlen, Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg

Die Führung – Mit der Grubenbahn vor Ort: Bergbau im 20. Jahrhundert

Inhalt der Führung ist der Arbeitstag eines Rammelsberger Bergmanns in den 1960er/1970er Jahren des vergangenen Jahrhunderts.
Beginnend, wie zum Schichtbeginn in früheren Zeiten, starten die Besucher mit ihrer Führung in der Kaue. Und dann geht es zum Schacht, genauer gesagt zum Richtschacht, der sich 500 m im Berg befindet. Die Bergleute gelangten bis in die Mitte der 1970er Jahre von hier aus auf die tiefer gelegenen Abbausohlen. Das änderte sich jedoch grundlegend als der Rammelsbergschacht (mit seinem markanten Fördergerüst) zum Hauptfahrschacht erklärt wurde. Dadurch verkürzte sich zwar der fußläufige Weg von der Kaue zu Schacht auf ein paar Minuten, jedoch verlängerten sich automatisch die Wege auf den tiefergelegenen Abbausohlen, teilweise bis zu einen Kilometer. Um diese Distanz zu überbrücken, wurden von der Werksleitung 1976 und 1977 die Personenwagen angeschafft und erstmals ein geleisgebundener Personentransport am Rammelsberg eingeführt. Da wir uns mit unseren Gästen nicht in über 400 m Tiefe bewegen können, fährt die Grubenbahn heute von der Werkstraße aus zum Bereich des Richtschachtes. Die Fahrt dauert knapp fünf Minuten und vermittelt einen authentischen Eindruck der Gegebenheiten der Grubenbahn Ende der 1970er Anfang der 1980er Jahre.  
Im Bereich des Richtschachtes angekommen, wird den Besuchern die bergmännische Arbeit der zweiten Hälfte des 20 Jahrhunderts gezeigt. Eine Arbeit, die zu diesem Zeitpunkt schon einen hohen Grad der Mechanisierung aufwies. Der Einsatz von pneumatischen Bohrhämmern im Allgemeinen prägt bis heute das typische Bild eines Bergmans bei der Arbeit. Wie und wozu diese Bohrhämmer im Rammelsberg zum Einsatz kamen, wird den Besuchern anhand von funktionsfähigen Maschinen vorgeführt. Genauso wichtig wie der Abbau des Erzes war der Transport zum Schacht (Streckenförderung) und der Transport nach über Tage (Schachtförderung), weshalb die Entwicklung des gleisgebundenen Transportes des Erzes ebenfalls erläutert wird.
Die originalen Maschinen und gezeigten Techniken, finden in stetig verbesserter Form noch heute im Bergbau ihre Anwendung. Denn an dem Grundsatz: Gewinnen des Wertmaterials unter Tage, die Streckenförderung und die Schachtförderung nach über Tage hat sich auch im 21. Jahrhindert nichts geändert.

Barrierearme Führung – Das Rollimobil

Als Weltkulturerbe fühlt sich der Rammelsberg besonders verpflichtet, Möglichkeiten der gleichberechtigten Teilhabe an Kultur für alle Menschen zu schaffen. Für den Bereich der Grubenbahnführung ist es seit September 2011 durch den täglichen Einsatz des sog. „Rollimobils“ für bis zwei Rollstuhlfahrer möglich, an dieser Führung teilzunehmen. Bei diesem speziellen Wagen handelt sich Originalwagen, der eigens für die Bedürfnisse von Rollstuhlfahrern umgebaut worden ist. Der gesamte Umbau von der ersten Idee bis zur Fertigstellung erfolgte in der museumseigenen Schlosserei in Absprache mit den zuständigen Ämtern und Behörden.

Die Führung, die nun schon seit 30 Jahren besteht, zählt zu den beliebtesten Führungen des Museums und Besucherbergwerkes Rammelsberg. Und wir tun im Haus alles dafür, dass es auch so bleibt!

Die Grubenbahn heute

Technische Daten:

Die Wagen:
Zwischen 1975 – 1976  wurden insgesamt zwölf geschlossene Personenwagen für den Rammelsberg beschafft – Einsatzorte waren die 10., 11. und später die 12.  Sohle des Bergwerks (10 Personen pro Wagen).
Hersteller: Unkel & Meyer Wattenscheid

Die Lokomotiven:
Die beiden elektrisch betriebenen Loks Nr. 14 und 15 stammen aus dem Jahr 1977– ursprünglicher Einsatzort war die 8. Sohle des Bergwerks, wo sie zum Versatztransport eingesetzt wurden, sie fuhren Wendezugbetrieb und verfügten ursprünglich über eine Fernsteuerung, die heute nicht mehr installiert ist.
Da Neuanschaffungen zu teuer gewesen wären, wurden die Loks wurden am Rammelsberg geplant und gebaut. Die Motoren stammten aus Reservebeständen bzw. einer ausgeschlachteten Lok des Typs Siemens EL 9. Die Rahmen wurden in den werkseigenen Werkstätten in Oker gebaut, die Endmontage erfolgte direkt am Rammelsberg.
– Gewicht ca. 4 t
– Leistung 11 kW, der benötigte Strom kommt aus dem mitgeführten Akku

Das Rollimobil:
– Umbau eines bestehenden Personenwagens
– Fertigstellung September 2011
– seit September 2011 im täglichen Einsatz

Die Kraftzentrale – eine filmische Perspektive

Seit 2014 finden unter der Leitung von Prof. Dr. Karl-Heinz Schneider vom Historischen Seminar der Leibniz-Universität Hannover und Dr. Johannes Großewinkelmann vom Weltkulturerbe Rammelsberg Seminare mit Studierenden statt, in denen verschiedene Themen zur Geschichte des Erzbergwerks Rammelsberg bearbeitet werden. Im Herbst werden in einer Projektwoche die Ergebnisse des Seminars am Weltkulturerbe Rammelsberg in Sonderausstellungen präsentiert. Der Videofilm zur Geschichte der Kraftzentrale des Weltkulturerbes Rammelsberg ist das Ergebnis einer studentischen Projektgruppe aus dem Jahr 2019.

In diesem Jahr wird im Rahmen eines solchen Seminars eine Sonderausstellung zu den aktuellen archäologischen und geschichtswissenschaftlichen Forschungen zur Geschichte der Zwangsarbeiter:innen am Erzbergwerk Rammelsberg im Zweiten Weltkrieg erarbeitet. Diese Sonderausstellung wird am diesjährigen Tag des offenen Denkmals, am 10. September 2023 um 11.00 Uhr im Schwerspatraum des Weltkulturerbes Rammelsberg eröffnet.

Beginn einer Reise: Welterbe-Infozentrum

 

Stellen Sie sich vor, Sie reisen als Tourist nach Goslar. Sie haben schon viel von der Stadt, wo nach dem letztjährigen Jubiläumsmotto Kaiser ihr Herz verloren haben. Sie schlendern durch die Innenstadt, bewundern bereits die Architektur der historischen Häuser und sind ganz fasziniert vom majestätischen Adler auf dem Marktbrunnen. Da entdecken Sie im historischen Rathaus in der unteren Etage das Welterbe-Infozentrum.

In einer spannenden Ausstellung können Sie sich kostenfrei an zum Teil interaktiven Stationen über das Thema Welterbe informieren.

3D-Modell im Welterbe-Infozentrum in Goslar. Foto: Stefan Sobotta / Stiftung Welterbe im Harz.

Das barrierearme Infozentrum dient als Überblick über das UNESCO-Welterbe und bilden den Auftakt zu den Originalschauplätzen im Welterbe im Harz. Auch wird die Bedeutung von UNESCO-Welterbestätten für die gesamte Weltgemeinschaft dargestellt – Welterbe gehört allen und verbindet Menschen grenzüberschreitend miteinander.
Um das Erlebnis Welterbe-Infozentrum noch ein wenig aufregender zu machen, fragen Sie doch an der Tourist-Information eine Etage höher nach der Rallye für das Welterbe-Infozentrum und lösen ein paar knifflige Frage zum Thema Welterbe im Harz.

Nachdem Sie nun erste faszinierende Eindrücke vom Welterbe im Harz erhalten haben, wollen Sie die verschiedenen Einrichtungen hier in Goslar erkunden. Aber wie mache ich das am besten?

Das Welterbe-Shuttle ist die Antwort:

Welterbe-Shuttle an der Haltestelle Weltkulturerbe Rammelsberg © Weltkulturerbe Rammelsberg

Mit dem Welterbeshuttle, auch als Linie 809 bekannt, kann man täglich im 30-Minuten Takt vom Welterbe-Infozentrum am Marktplatz zum Rammelsberg fahren.

Auf dieser Route sind aber noch mehr Stationen des UNESCO-Welterbes zu finden. Sie können an all den Haltestrecken aus- und zusteigen, um sie zu erkunden.

Eine weitere Station der Fahrroute ist das Rammelsberghaus. © Weltkulturerbe Rammelsberg

Viele weitere Stationen gibt es aber zu erkunden, wie auch die Kaiserpfalz:

Fahrplan Welterbe-Shuttle und Kaiserpfalz © Ansicht Kaiserpfalz GOSLAR marketing GmbH, Foto Stefan Schiefer

(Im Bild ist der reguläre Fahrplan zu sehen. Dieser kann aufgrund von Straßenbaumaßnahmen abweichen. Bitte z.B. bei der Stadtbus Goslar GmbH über etwaige Änderungen informieren, wie im Sommer 2023 wegen der Baumaßnahmen am Breiten Tor.)

Mit dem Harzer Urlaubsticket HATIX, dass man als Tourist mit der Gästekarte erhält, ist die Nutzung des Welterbeshuttles kostenfrei. 

Wie Sie sehen, gibt es viel zu entdecken.

„Werkstatt Einfallsreich“ – Ein buntes Familienprogramm für Groß und Klein

 

Die Werkstatt Einfallsreich ist einerseits ein neuer Workshop-Raum am Rammelsberg (siehe voriger Blogbeitrag) und andererseits ein besonderes Aktions-Format, das sich an Familien mit Kindern richtet. Dieses Angebot wurde im vorigen Jahr von der Abteilung „Bildung und Vermittlung“ entwickelt und mehrfach erfolgreich durchgeführt. Auch in diesem Jahr gab es bereits einen Termin der Werkstatt Einfallreich. Kinder und Erwachsene können somit am 15. Juli von 11.00-16.00 Uhr bei gutem Wetter draußen auf der Werksstraße und bei Regen in der „Werkstatt Einfallsreich“ Forschen, Spielen und kreativ Tätig werden und Lernen, alles unter dem Motto: „Gesteine und Mineralien“. Dieses Angebot findet zusätzlich zu den Unter-Tage-Führungen statt und die Teilnehmer starten diese Familien-Aktion häufig mit der Rammelsberger Tastkiste. Sie ist gefüllt mit Bergbau-Gegenständen, die dabei helfen erste Erkenntnisse über den Rammelsberger Bergbau zu gewinnen. Anschließend werden erste Bestimmungsübungen von Gesteinen und Mineralien durchgeführt und Fachkräfte unterstützen dabei. Und unter dem Binokular bewundert man die einzigartigen Kristalle verschiedener Mineralen. Zudem sind wunderschöne und sehr große Kristalle die idealen Zeichen- Modelle. Minerale und Gesteine, Papier, Bleistifte und Buntstifte liegen bereit.

Die Bestimmung von Gesteinen und Mineralien. Foto: Weltkulturerbe Rammelsberg

Am 29. Juli und am 21. Oktober, ebenfalls von 11.00-16.00 Uhr, dreht sich in der Werkstatt Einfallsreich alles um das Thema „Kunterbuntes Malen und Experimentieren mit Pigmenten“. Hier  beschäftigen wir uns mit den Farben des Rammelsberges. Dies sind die wunderbaren Vitriole, die farbenprächtigen Metallsalze unter Tage und der besondere Rammelsberger Ocker, den es nur bei uns gibt und nirgendwo sonst auf der Welt! Wir mischen unsere eigene Rammelsberger Ockerfarbe an, arbeiten mit weiteren Pigmenten und probieren verschiedene Lösungs- und Bindemittel, bildnerische Techniken und Maluntergründe aus. Außerdem probieren wir verschiedene Materialien zum Drucken und nutzen neben Stiften in Metallfarben auch goldene, silberne und kupferne Papier- und Pappfolien von Verpackungen. Das macht Spaß und zeigt auf, wie wir mit natürlichen Ausgangsstoffen und mit auf dem ersten Blick wertlosen Materialien tolle Kunstwerke nachhaltig und ökologisch sinnvoll gestalten können.

Werkstatt Einfallsreich: Mörsern von Rammelsberger Ocker © Weltkulturerbe Rammelsberg

Wer kann mitmachen:

Jeder, der an diesem Tag am Rammelsberg ist und Über-Tage Eintritt bezahlt hat oder eine Unter-Tage-Führung hatte!

Was kostet das?

Für jeden, der den Rammelsberg-Eintritt bezahlt hat, ist das Programm kostenfrei, aber wir bitten um eine kleine Spende vor Ort für Personal und Materialverbrauch.

Dieses Programm ist eine Aktion der Rammelsberger Museumspädagogik im Rahmen von Bildung für nachhaltige Entwicklung!

Größere Gruppen bitten wir sich vorher unter: reimold@rammelsberg.de anzumelden!

Schicht am Schacht?

Nein, wir haben uns nicht vertippt und Sie haben sich auch nicht verlesen. Wir meinen „Schicht am Schacht!“ und nicht die umgangssprachliche Floskel „Schicht im Schacht!“, wobei  wir uns bei letzter thematisch bedient haben. Unter dem Titel „Schicht am Schacht“ läuft seit Anfang Mai diesen Jahres am Rammelsberg eine neue täglich angebotene Führung, die wir Ihnen heute hier vorstellen möchten.

Als im Oktober 1990 das Museum am Rammelsberg erstmals seine Türen öffnete, konnten die Besucher eine Ausstellung in der ehemaligen Kaue besichtigen und Teile des Roeder-Stollen befahren. In der Folgezeit wurde das Führungsangebot um die Grubenbahn, den kompletten Roeder-Stollen, die Erzaufbereitung, die Führung durch die Kulturlandschaft und den Ratstiefsten Stollen erweitert. Über Tage gingen  immer mehr Gebäude und Liegenschaften des ehemaligen Bergwerkes in die Verantwortung des Museums über. Erst im Sommer des letzten Jahres wurde die obere Etage des ehemaligen Magazins von der Bergbau Goslar GmbH an das Museum übergeben. In den vergangenen Monaten wurde dieser Bereich, in dem  u.a. ein neuer museumspädagogischer Raum seinen Platz gefunden hat, umfassend saniert. Wobei ein Teil des ehemaligen Magazins und Lagers bewusst unberührt bleib und somit in seiner ursprünglichen Erscheinung verbleib

Der Prozess der „Musealisierung“ des ehemaligen Bergwerksgeländes ist also fließend. Und selbst wenn das gesamte Gelände museal bespielt sein wird, ist es der Wandel von Vermittlungsansätzen und historischen Interpretationen sowie stete wissenschaftliche Forschung, welche diesen Prozess am Laufen halten. Unabhängig davon war und ist es immer eine Herausforderung die authentischen Orte der Arbeit zu erhalten und zu erklären. Orte, die durch das Betriebsende ihre eigentliche Funktion verloren haben und /oder durch die Schaffung des Museums eine neue Funktion erhalten haben, die es erlaubt ein Besucherbergwerk mit über 100.000 Besuchern pro Jahr zu organisieren.
Ein gutes Beispiel ist die Mannschaftskaue. Ehemals der Raum in dem die Bergleute sich zu Schichtbeginn und -ende trafen und von hieraus entweder zu den Arbeitsorten oder nach Hause gingen, ist es heute der Raum in dem sich alle Besucher aufeinander treffen um dann auf die unterschiedlichen Führungen zu gehen.  Und am Ende der Führung auch wieder in die Kaue zurückkehren um die Helme zurückzubringen. Die Funktion scheint fast ähnlich geblieben zu sein, dennoch unterscheidet sie sich gravierend von der ehemals angedachten und dennoch ist die ursprüngliche weiterhin sichtbar und damit nachvollziehbar.

Mannschaftskaue © Weltkulturerbe Rammelsberg

Natürlich startet auch die Führung „Schicht am Schacht“ in der Kaue und wird inhaltlich genau auf solche Fragen eingehen. An vier Orten auf dem Gelände (zwei untertägige und zwei übertägige) zeigen wir Ihnen, wo in den Anfangsjahren des Museums Kompromisse geschlossen werden mussten, welches Spannungsfeld eine Industrieanlage bildet um einen geregelten Besucherverkehr zu ermöglichen und wie bergbauliche Anlagen aus unterschiedlichen Jahrhunderten erhalten werden. Und welchen Zweck diese Anlagen hatten und teilweise heute noch haben. Sie hat also das jüngste Kapitel der Rammelsberggeschichte zum Inhalt.
Aber nun nochmal zur Ausgangsfrage „Schicht am Schacht“? Ja, immer noch richtig gelesen.  Erstens ist es heute nicht mehr möglich die Schächte zu befahren, zweitens sind die Räume um die Schächte  zwar nicht mehr in bergbaulicher Funktion aber in musealer Nutzer –  in ihnen werden gleichsam noch „Schichten“ gefahren und drittens wollen wir Ihnen auf dieser Führung vermitteln, dass zwar der Bergbau am Rammelsberg ruht die Arbeit am Rammelsberg immer weitergehen wird.

Wir laden Sie rechtherzlich zu dieser Führung ein, sie startet täglich um 11.45 und um 13.15 Uhr und dauert 1 1/4 Stunde. Eine Reservierung ist nicht notwendig, aber in der Ferienzeit empfohlen.

Hängebank am Rammelsberg © Weltkulturerbe Rammelsberg

„Bildung und Vermittlung“: Ein neuer Raum

Im ehemaligen Magazingebäude am Rammelsberg wurde kürzlich dem Museum ein neuer Raum für museumspädagogische Zwecke überlassen. Wir nannten ihn „Werkstatt Einfallsreich“. Hier finden nun viele der Workshops und Aktionen statt, die dazu beitragen die Unter-Tage gewonnenen Eindrücke und Erkenntnisse zu verarbeiten und zu erweitern.

Und da sich ein großer Schwerpunkt unserer Bildungsarbeit an Schüler:innen und Lehrer:innen richtet, haben wir nun die Möglichkeit, ihnen einen Rückzugs- und Arbeitsort zur Verfügung zu stellen, der einzig und allein für diese Zwecke genutzt wird. Hier können sie völlig störungsfrei arbeiten und kreativ tätig werden. In erster Linie geschieht das unter unserer Anleitung und die Arbeits- und Kreativmaterialien wie beispielsweise Farben, Pigmente, Binokulare, Gesteine und Mineralien, Modelle und Werkzeuge sind nun in den großen alten Regalen untergebracht, die bereits zuvor hier im ehemaligen „Bergwerks-Magazin“ genutzt worden. In diesen Holzregalen magazinierte der Bergwerksbetrieb früher Dinge, die zur Instandhaltung des über- und untertägigen Grubenbetriebes benötigt wurden.

Ganz besonders freuen wir uns über die neu angeschafften großen stabilen und tiefen Waschbecken, die nun zum Beispiel für den Workshop „Die Farben des Berges“ genutzt werden. Hier können die Schüler:innen ihre Farbtabletts nun eigenständig abwaschen. Und die vom Museum angeschafften Tische und Stühle können, je nach Bildungssituation, auf vielfältige Art und Weise aufgebaut und genutzt werden. Das passt zu unserem vielfältigen museumspädagogischen Angebot.

Vom ersten Tag an war die „Werkstatt Einfallsreich“ belebt:

So waren zum Beispiel die Schüler:innen unsere Projektes „Young Climate Action for World Heritage“ vor Ort, um das Escape-game, das im September der breiten Öffentlichkeit vorgestellt wird, weiterzuentwickeln.

Projekt Young Climate Action for World Heritage in der Werkstatt Einfallsreich. © Weltkulturerbe Rammelsberg

Mehrere unserer regulären Workshopangebote fanden bereits  statt und die Kulturvermittler waren unter anderem sehr zufrieden mit der Größe des Raumes, in dem eine Schulklasse von über 30 Personen Platz nehmen und arbeiten kann. Gemeinsam mit drei Lehrer-Arbeitsgruppen der Berufsbildenden Schulen Goslar/Seesen erarbeiteten wir in der „Werkstatt Einfallsreich“ erste Projektideen für unsere dreijährige Kooperation im Förderprojekt „Schule:Kultur!“.

Workshop Licht und Dunkelheit aufgebaut. © Weltkulturerbe Rammelsberg

Und zum Welterbetag am vergangenen Sonntag wurde die „Werkstatt Einfallsreich“ zum ersten Mal einer breiten Öffentlichkeit präsentiert und zudem unser Schul-Workshop „Licht- und Dunkelheit“ vorgestellt. Er kann in Kombination mit einer Unter-Tage-Führung jederzeit von Schulklassen gebucht werden.

Dingwelten: Die Neugestaltung der Ausstellung der oberen Etage im Museumshaus „Magazin“

Von Dr. Johannes Großewinkelmann

Vom EXPO-Projekt zur Dauerausstellung: Der Umbau des ehemaligen Zentralmagazin

Im Jahr 2000 war Hannover Standort der Weltausstellung EXPO 2000. Bereits 1995 fiel die Entscheidung, auch das Weltkulturerbe Rammelsberg in Goslar zu einem dezentralen Standort der EXPO-Ausstellung zu machen. Mit dieser Entscheidung flossen erhebliche Fördermittel in das Museum & Besucherbergwerk zum Auf- und Ausbau der musealen Infrastruktur. Dazu gehörte auch der Umbau des ehemaligen Zentralmagazins des Erzbergwerks zu einem Museumshaus mit kulturhistorischer Dauerausstellung.

Die Weltausstellung in Hannover hatte sich als zentrales Thema die Interaktionen von Menschen, Natur und Technik auf die Fahnen geschrieben und damit bot sich das Weltkulturerbe Rammelsberg als Außenstelle geradezu an. Ziel war es, aus verschiedenen Perspektiven das Zusammenspiel und die gegenseitige Bedingtheit von Menschen, Natur und Technik im Bergbau aufzuzeigen. Dazu gehörten die geologischen Voraussetzungen, die technischen Möglichkeiten des Abbaus, die sich im Laufe der Zeit deutlich veränderten, aber auch die Lebensumstände der Menschen und dies alles unter den jeweiligen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Systemen.

Für das Magazingebäude wurde ein Konzept erarbeitet, nach dem das Mittel- und das Untergeschoss komplett entkernt und neugestaltet wurden. Weitgehend original erhalten blieben der Lokschuppen im Untergeschoss und in der oberen Etage ein Teil der Magazinfläche mit Einbauten. Außerdem blieb Gebäudehülle im authentischen Zustand und wurde saniert. 

Die Ausstellung auf der oberen Etage des Museumshauses „Magazin“ vor dem Umbau

Auf der oberen Etage des Museumshauses Magazin befanden sich nach dem Umbau Anfang 2000 drei unterschiedliche Funktionsbereiche: a) ein original erhaltener Teil des früheren Zentralmagazins; b) freistehende Lagerflächen und c) eine Dauerausstellungsfläche, die aus Eingangs- und Sammlungsbereich mit bergmännischen Werkzeugen und Maschinen bestand.

Wandelemente aus Lochblechen trennten den Ausstellungsbereich vom original erhaltenen Lagerbereich und ermöglichen den Besucher:innen einen diffusen Durchblick in dieses authentische Magazin. Dadurch sollte die Assoziation zur ursprünglichen Nutzung dieses Gebäudes als Lager für den Bergbaubetrieb hergestellt werden. Zwischen musealer Nutzung der einen Raumhälfte und authentischer Nutzung der anderen Raumhälfte sollten die Lochbleche eine Art kommunikative Verbindung herstellen.

Abb. 1: Hinter dem Schmiededorn ist die Lochblechwand mit Durchsicht zum Magazinbereich zu sehen. Foto: Weltkulturerbe Rammelsberg, 2015.

Im musealen Eingangs- und Sammlungsbereich der oberen Etage fand eine z.T. komplizierte Einführung in das Thema „Kulturgeschichte des Bergbaus“ statt. Hier sollte im Eingangsbereich mit einer Vielzahl an medialen Eindrücken eine Einstimmung auf die Themen der Dauerausstellung herbeigeführt werden. Der Sammlungsbereich, ausgestattet mit Handwerkzeugen und Maschinen aus dem Bergwerksbetrieb am Erzbergwerk Rammelsberg war als Einstimmung in die materielle Welt des Bergbaus gedacht.     

Dieser Eingangsbereich hat nie richtig funktioniert und war deshalb mehrmals Gegenstand von Umgestaltungen. Eine Besucherbefragung im Jahr 2019 ergab, dass eine Frage nach der ursprünglichen Funktion des Gebäudes nur beantworten konnte, wer die Bezeichnung „Magazin“ für das Museumshaus gelesen hatte. Die Lochblechwände und die ausgestellten Magazinregale, die eine Assoziation zur ursprünglichen Gebäudenutzung herstellen sollten, wirkten eher irritierend.

Abb. 2: Eingangsbereich zur Dauerausstellung in der oberen Etage vor Umbau (2010). Foto: Weltkulturerbe Rammelsberg, 2015.

Abb. 3: Eine Vielzahl an bergbaulichen Geräten aus der Sammlung soll die Besucher im Eingangsbereich auf die Kulturgeschichte des Bergbaus einstimmen. Foto: Weltkulturerbe Rammelsberg, 2015.

Die Neugestaltung der oberen Etage 

Eine komplette Neukonzeption der Dauerausstellung im Museumshaus Magazin wurde 2019 begonnen. Die folgenden drei Krisenjahre 2020 bis 2022 haben die Finanzierungspläne zur Konzeptionierung und Umsetzung einer neuen Dauerausstellung deutlich verändert. Von der geplanten, kompletten Umstrukturierung wurde abgewichen, um eine modulare Erneuerung der Ausstellung zu planen, die in mehreren Abschnitten vorgenommen und finanziert werden kann. Ausgangspunkt der modularen Umstrukturierung ist der authentische Ort, in dem die Dauerausstellung integriert ist. Es ist das ehemalige Zentralmagazin des Erzbergwerks. Die Neugestaltung wird im Eingangsbereich der oberen Etage an diesem authentischen Ort anknüpfen.

In einem Willkommensbereich werden zunächst Menschen vorgestellt, die am Erzbergwerk Rammelsberg gearbeitet haben. Besucher:innen können sich hier über die Einzigartigkeit des Weltkulturerbes Rammelsberg informieren. Danach werden in vier Vitrinen Dinge aus der Rammelsberger Bergbaugeschichte mit hoher symbolischer Kraft ausgestellt. Markante Daten und Fakten zur Geschichte des Erzbergbaus und zum Wandel des Magazingebäudes  runden diesen Einstieg und Überblick ab.

Abb. 4: Vitrinen im Eingangsbereich des Museumshauses „Magazin“. Foto: Weltkulturerbe Rammelsberg, Martin Wetzel, 2023.

Nach dieser Einführung bestimmen „Dingwelten“ die weitere Ausstellung, d.h. hier werden Museumsobjekte in unterschiedlichen Schaumagazinen präsentiert, um die Besucher:innen in die gegenständliche Welt des Bergbaumuseums zu entführen. Hier schließt der Ausstellungsansatz an die ursprüngliche Gebäudenutzung als Zentralmagazin an. 

Zunächst sind Besucher:innen in einem Bereich mit einer Vielzahl an bergmännischen Handwerkzeugen und Arbeitsmaschinen eingeladen, kognitiv und emphatisch Dinge zu „begreifen“. In einer kleinen „Schatzkammer“ entführen monetär, aber auch ideell wertvolle Museumsdinge die Besucher*innen in eine Welt, die abseits des schmutzigen Images vom Bergbau, Teil dieser Arbeitswelt war. In dem Bereich des authentisch erhaltenen Zentralmagazins des ehemaligen Erzbergwerks wird bei Führungen die ursprüngliche Materialwirtschaft des Bergwerks vorgestellt, als die Dinge noch nicht „just in time“ geliefert werden konnten.

Die Schaumagazine sind als Themeninseln konzipiert und nutzen kognitive, narrative und emotionale Zugänge zu Inhalten. Damit versuchen sie die Selbsterfahrung der Besucher*innen in den Vermittlungsprozess einzubeziehen. Die Besucher*innen werden zum Teil der Erzählung gemacht.

Abb. 5: Aufbau der „Dingwelten-Ausstellung“. Foto: Weltkulturerbe Rammelsberg, Martin Wetzel, 2023.

Neben den Schaudepots ist auf der oberen Ebene des Museumshauses „Magazin“ ein  Workshopbereich eingerichtet, in denen ein offener Umgang mit der musealen Dingwelt unter spezifischen Themen angestrebt wird. Hier können museumspädagogische, restauratorische oder sammlungsspezifische Projekte durchgeführt werden.

Abb. 6: Einrichtung der „Schatzkammer“. Foto: Weltkulturerbe Rammelsberg, Martin Wetzel, 2023.

Jugend-Akademie 2023

 

Die diesjährige Jugend-Akademie „Die Grubenbahn: Schienengebundener Transport im Wandel der Zeiten“ richtet sich an Schulklassen (7. bis 13. Klasse) und Jugend-Gruppen (ab 12 Jahren). Vom Juni bis zum Oktober besteht die Möglichkeit tägliche Führungstermine abzusprechen.

Mit der Grubenbahn fahren Schüler:innen an den Arbeitsplatz der ehemaligen Rammelsberger Bergleute. Doch die historische Entwicklung des Schienenverkehrs blickt auf eine lange Geschichte zurück. Welche Rohstoffe wurden aus dem Bergwerk zur Verhüttung transportiert und vor allem mit welchen Transportmitteln? Die Geschichte der Transportwege verbirgt einige Überraschungen und nachhaltige Erkenntnisse. Denn ohne den Erztransport wäre der Handel mit dem Rammelsberger Erz und den daraus hergestellten Produkten nicht möglich gewesen. Und auch sämtliche benötigten Werkzeuge, das Holz zum Abstützen der Grubenbaue und die arbeitenden Bergleute, alles musste entweder zu Fuß und mit Hilfsmitteln und später mit Hilfe von Maschinen und Fahrzeugen in den Berg und aus der Tiefe des Berges herausgeholt werden.

Am Anfang brachte der Bergmann das Erz mit Trog, Korb oder hölzernen Erztrage zu einem Förderkübel, der an einem Seil hing, das mit dem Handhaspel nach über Tage gezogen wurde. Dort luden wieder andere Bergleute das Gestein in eine so genannte Laufkarre und schoben diese bis zu einem Verhüttungsplatz, wo das Erz geröstet und das Metall gewonnen wurde. Bei der diesjährigen Jugend-Akademie können Schüler:innen Erztrage und Laufkarre auch praktisch ausprobieren.

Laden mit Kratze und Trog. © Weltkulturerbe Rammelsberg, Foto: S. Sobotta

Bei größeren Erzmengen nutzte man schon im Mittelalter so genannte hölzerne Förderwagen, Hunte genannt. Der Hunt beförderte das Erz vom Abbauort unter Tage aus dem Berg heraus. Huntsläufer wurden die Bergleute genannt, die diese Wagen durch  die dunklen Strecken bis zu einer Sammelstelle schoben. Das war eine sehr anstrengende Arbeit.

Die Arbeit im und am Berg stellte die Bergleute vor immer neue Herausforderungen und so dachten sie stetig über Arbeitserleichterungen nach. Die Probleme waren der Motor für neue Erfindungen. Eine der großartigsten Erfindungen des Transports ist die Schiene! Man kann ohne Übertreibung sagen, dass die Idee aus dem Bergbau, einen Wagen über Schienen laufen zu lassen, der Vorläufer für das gesamte Eisenbahnwesen war. Und nach der Verwendung von Holzschienen, Spurlatten genannt,  auf denen die Hunte liefen, wurden erstmals vor 170 Jahren auch am Rammelsberg Eisenschienen eingeführt. Als Förderwagen setzte man dann die so genannten „Englischen Hunte“ ein, die pro Wagen 2 Tonnen Erz fassen. Entleert wurden sie durch Kippen nach der Stirnseite. Nachdem aus den Holzkästen der Förderwagen Eisenkästen wurden, änderte sich die eckige Form nach und nach in eine runde Muldenform. Und als schließlich Grubenlokomotiven eingeführt waren, fertigte man noch größere Förderwagen aus Eisenblech, die Seitenkipper.

In der Rammelsberger Grubenbahn. © Weltkulturerbe Rammelsberg, Foto: S. Sobotta 

Viele dieser Grubenwagen können am Rammelsberg betrachtet werden und bei der Jugend-Akademie begutachten wir auch die Entwicklung der Schienen ganz genau. Eine Harzer Besonderheit sind die so genannten Hammelpfoten. Bei einer praktischen Aufgabe können diese zu einer kleinen    Gleistrecke zusammengesetzt und „befahren“ werden. Theorie und Praxis halten sich bei der gesamten Aktionsführung die Waage, so dass keine Langeweile aufkommt und das Lernen Freude macht.

Auch die Entwicklung der Schienenfahrzeuge und der verschiedenen Antriebe sind Gegenstand der Führung. Vor Ort können Fahrdrahtloks und auch historische Akkuloks ganz genau betrachtet und bewundert werden. Selbstverständlich ist, wie anfangs erwähnt, der Höhepunkt der Jugend-Akademie eine Fahrt mit der gelben Grubenbahn, gezogen von einer Akkulok! Unter Tage betrachten die Schüler:innen die so genannte Seilförderung am Richtschacht, die Erzförderung mit dem Schrapper und erproben unter anderem die händische Erzförderung mit den Werkzeugen Kratze und Trog.

Eine weitere Besonderheit der Aktionsführung stellt anschließend eine Fahrt mit dem Rammelsberger Schrägaufzug dar. Mit ihm geht es auf Schienen den Berg hinauf und auf der obersten Ebene der Erzaufbereitung zeigen wir eine wirklich spektakuläre Erfindung in Aktion: den Granby-Wagen. Dies ist ein Förderwagen, der dank seiner Konstruktion in Verbindung mit den konstruierten Gleisen, das Rammelsberger Erz selbsttätig abkippen kann. Mit Hilfe von Modellen haben die Schüler:innen schließlich die Möglichkeit sowohl Granby-Wagen, als auch die Schrägförderanlage noch besser zu verstehen und deren Funktion auszuprobieren.

Diese Aktionsführung ist ein Angebot unser Programme mit dem Schwerpunkt „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ und dauert inklusive fünfzehnminütiger Pause etwa 2,45 Stunden.

Werkschau Martin Gremse: Skulpturen – Bilder – Installationen

Von Dr. Johannes Großewinkelmann

 

Am Sonntag, den 16. April wurde im Schwerspatraum des Weltkulturerbes Rammelsberg eine Sonderausstellung mit Kunstwerken des Goslarer Künstlers Martin Gremse eröffnet. Es ist eine Werkschau, die das vielfältige künstlerische Schaffen von Martin Gremse präsentiert.

Der Künstler

Martin Gremse wurde am 16. Oktober 1983 in Goslar geboren. Schon in jungen Lebensjahren suchte er nach künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten. Früh erlernte er Siebdrucktechniken und begab sich auf die Suche nach dem eigenen künstlerischen Weg. Prof. Gerd Winner und Hajo Schulpius waren dabei wichtige Lehrer, Ratgeber und Wegbegleiter.

Neben Bildern, die sich immer wieder mit dem Thema der Spiegelungen des eigenen Ichs beschäftigten, experimentierte er mit Formen. Seiner naturwissenschaftlichen Neugier konnte er im Medizin-Studium mit dem Schwerpunkt Neurobiologie in Halle (2006 bis 2014) verfolgen. Es war für ihn eine Ergänzung für sein künstlerisches Schaffen.

Neben seiner Arbeit als Arzt blieb die Sehnsucht nach künstlerischem Ausdruck und Experimenten der wichtigste Teil seines intensiven Lebens. Die Arbeit im Atelier in Goslar wurde zur Suche nach Wahrheit und Grenzen der Transzendenz. Seine Kunstwerke sind Ausdruck dieser Suche. Inspirationen für seine Kunst fand er auf seinen Reisen in die ganze Welt. Neben einem dreimonatigen Praktikum in einer Favella in Brasilien, einer Pilgerreise auf dem Jakobsweg in Spanien, Seminarreisen nach Israel, Sizilien und Weißrussland, war Martin Gremse in vielen europäischen und außereuropäischen Ländern unterwegs. Bis zu seinem Tod am 5. Juni 2020 arbeitete er als Psychiater in der Universitätsklinik Bern. Der Ort seines künstlerischen Schaffens blieb aber über zwanzig Jahre Goslar.

Silber als Mittel einer einzigartigen Bildsprache

Die Verwendung von Silber durch Martin Gremse zur Beschichtung von Acrylgemälden und Glasskulpturen hat das Weltkulturerbe Rammelsberg zum Anlass genommen, die Werkschau zu präsentieren. Silber war ein wichtiges Mineral aus der Rammelsberger Erzlagerstätte. Der Silbergehalt der Lagerstätte lag immerhin bei durchschnittlich 120 Gramm pro Tonne. Das Edelmetall Silber besitzt einen hohen materiellen Wert. Besonders im Mittelalter weckten die Silberfunde im Rammelsberg die Begehrlichkeiten der damaligen Herrscher. Bereits im 10. / 11. Jahrhundert wurde aus dem Rammelsberger Silber Münzen geprägt. Goslar errichtete um 1500 eine eigene städtische Münzprägestätte, die bis Ende des 18. Jahrhunderts arbeitete. 1839 begann die Verwendung von Silber in der Fotografie mit der bahnbrechenden Entdeckung der Belichtung von silberhaltigen Beschichtungen. Die Verwendung von Silbersalzen in der Fotografie und Fotochemie war bis zum Durchbruch der digitalen Abbildungstechniken ein bedeutender Einsatzbereich dieses Edelmetalls. Heute wird Silber noch zur Herstellung von Schmuck- und Kunstgegenständen, Geschirr, Bestecken und in der Mikroelektronik genutzt.   

Martin Gremse entwickelte in einem intensiven Prozess des Experimentierens mit verschiedenen Oberflächen (Holz, Leinwand, Gewebe, Papier, Stahl, Emaille, Glas) eine Technik der Versilberung seiner Bilder und Skulpturen. Er setzte dabei chemische Beschichtungen, physikalische Reinigungsverfahren, extreme Temperatureinwirkungen, Ätzungen und Versiegelungsprozesse ein. Durch das Silber verändern sich die Bilder von Martin Gremse auch nach der Fertigstellung fortwährend, weil die Schwefelverbindungen in der Luft die Farbigkeit des Silbers hin zu bronze-, kupfer- und goldfarbenen Aussehen verändern.

„Auf die Idee gekommen, mit Silber zu arbeiten, bin ich während meines Medizinstudiums. Es ist sozusagen die Weiterentwicklung der künstlerischen Erfahrungen, die ich beim Siebdruck gesammelt habe. Weil Silber das Material mit der höchsten Lichtreflexion ist, habe ich angefangen, damit zu experimentieren und zu malen. Dabei habe ich mit keramischen Farben auf Stahl gemalt und mit Schwarz-Weiß Fotografien die Motive bestimmt. So ist es mir gelungen die Lichtmalerei aus der Fotografie mit haptischer Malerei zu verbinden.“ (Martin Gremse)

Die großformatigen Bilder sind in z.T. in den Raum gehängt. Dadurch wirken sie wie Raumteiler und strukturieren die Ausstellungsfläche. Foto: Ipek Canbazer

 

Zum Aufbau der Sonderausstellung

Mit Stellwänden wurde innerhalb des Ausstellungsbereichs ein Raum abgeteilt, in dem mit Mobiliar aus dem Atelier von Martin Gremse eine Launch-Atmosphäre geschaffen wurde. In den originalen Sitzgelegenheiten aus der ehemaligen Künstler-Werkstatt kann ein ca. 15minütiger Film angeschaut werden, in dem Martin Gremse sehr private Einblick in seine Gedankenwelt gibt. Die Launch ist mit Bildern und Gegenständen ausgestattet, die ein Stück weit die Arbeit des Künstlers aufgreifen. 

Mit dem Mobiliar aus dem Künstleratelier wurde innerhalb der Sonderausstellung eine Launch-Situation geschaffen. Foto: Ipek Canbazer 

Die Außenwände dieses Launchbereichs sind mit Angaben zur Biografie und Zitaten von Martin Gremse über seine Kunst und seine spezielle Technik gestaltet.

Großformatige Bilder aus dem Oeuvre des Künstlers bilden vier Kabinette, in denen Besucher:innen die Ausdruckkraft dieser Werke wahrnehmen können.

Auf kleinen Bühnen stehen vor dem Fensterband des Schwerspatraums die von Martin Gremse zuletzt geschaffenen silbernen Glasskulpturen. Sie werden nicht durch eine künstliche Ausstellungsbeleuchtung angestrahlt. Das durch die Fenster einfallende Tageslicht bestimmt ihr Erscheinungsbild innerhalb der Ausstellung und das verändert sich im Tagesablauf mit wechselndem Lichteinfall.

In einem Werkstattbereich können Besucher:innen auf kleinformatigen Papiervorlagen selber aktiv werden und Inspirationen aus der Ausstellung mit eigenen Ideen künstlerisch zu Papier bringen.

 

Veranstaltungen im Rahmen der Sonderausstellung

Vortrag: „Vom Silber des Rammelsbergs zum künstlerischen Werk Martin Gremse“
Darstellung der prägenden Bedeutung von Silber als Münzmetall, in Wissenschaft und Technik bis zur darstellenden Kunst.
Referent: Prof. Dr. Kaufmann
7. Mai, 11.00 Uhr, Schwerspatraum, kostenfrei

Galerieabend mit Lesung und interaktivem Dialog
Lesung aus „ Der Doppelgänger “ von Fjodor M. Dostojewski in der Bearbeitung von Clemens Mädge. Gelesen von Magdalene Artelt und Marie-Thérèse Fontheim.
Nach der Lesung gibt es einen Austausch zum Thema “Spiegelungen und ihre Facetten: gesellschaftspolitische, physiologische und psychologische Gedanken“ mit Sabine Fontheim und Gertrude Endejan-Gremse.

  1. Juni, 19.00 Uhr, Schwerspatraum, Kosten: 15 €

Nähere Informationen zum Veranstaltungsprogramm im Rahmen der Sonderausstellung finden Sie auch auf unserer Homepage www.rammelsberg.de

Einige Gedanken zu kultureller Nachhaltigkeit

 

Der ursprünglich aus der Forstwirtschaft stammende „ökonomische Ansatz“ einer nachhaltigen Bewirtschaftung des Waldes, das heißt der Absicherung der Zukunftsfähigkeit forstwirtschaftlicher Tätigkeit, ist in sehr unterschiedlichen Interpretationsansätzen seit den 1990er Jahren zum politisch-ökologischen Schlagwort oder gar manchmal Kampfbegriff transzendiert.
Nachhaltigkeit steht heute für den Versuch eine Balance zwischen Gebrauch, Nutzung und Vernutzung der gesamten Ressourcen eines Planeten zu finden und dabei die hierzu notwendigen Prozesse so zu organisieren, dass durch sie hervorgerufene Störungen das Gesamtsystem nicht bedrohen. Man könnte auch sagen, es ist ein Prozess einer sich verändernden Bedeutungszuschreibung: primäre Relevanz hat nur noch, was das gesamte System zukunftsfähig macht und für alle dort existierenden Lebewesen eine positive Existenzsituation hervorbringt.
Dieses stark reduzierte Bild ist natürlich gegenwärtig nicht realitätstauglich und steht im Gegensatz zu unserer Alltagsrealität und zu zahlreichen Verhaltensweisen unserer politischen Handlungsträger.

Welchen Platz hat Kultur oder besser gesagt Weltkultur in diesem Kontext?

Vom gedanklichen Ansatz her sind die kulturellen Welterbestätten quasi per Definitionen nachhaltig. Sie sind einmalige historische Zeugnisse sehr spezifischer menschlicher Verhaltensweisen, wobei jede einzelne symbolhaft für das gesamtkulturelle Handeln der Menschen zu verstehen ist. Ihnen wird gleichermaßen ein überzeitlicher Erhaltungsauftrag zugeschrieben. Das heißt, das Bewahren von Artefakten und das Entwickeln derselben, ohne diese zu zerstören oder zu vernutzen, ist Grundlage des Seins einer kulturellen Welterbestätte.
Kulturelles Welterbe scheint also per se nachhaltig zu sein- auch dieser Ansatz ist natürlich stark verkürzt, bietet aber eine bedenkenswerte Perspektive, wenn wir ihn in Beziehung zu unserer kulturellen Alltagspraxis setzen.

Schauen wir uns den umgebenden Raum an, so müssen wir feststellen, dass wir unsere Lebenswelt mit mehr oder weniger kurzlebigen Benutzeroberflächen überziehen, ohne uns die Frage zu stellen, wie sinnvoll oder für wie lange die vorgenommene Veränderung – die oft nicht reversibel ist – für uns oder für zukünftige Generationen ist. Kurz gesagt, der Nutzen unserer Maßnahmen ist oft auf historisch gesehen extrem knappe Zeiträume ausgelegt und muss in seiner Konsequenz eher als Verbrauch bezeichnet werden. In diesem Kontext begegnet uns des Öfteren der Begriff des Landschaftsverbrauchs, der eine zunehmende Überformung mit kurzfristigen Gebrauchsformen meint, die unwiederbringlich bestehende Ökosysteme zerstören.
Dem voraus gehen allerdings Ausdrucksformen der Mentalität und des Zeitgeistes, die den subjektiven Verbrauch quasi als selbstverständlichen Daseinszustand betrachten. Diese Herrschaft des Verbrauchs ist den meisten Menschen noch im Bereich der Erzeugung und Nutzung von Kriegsmaterial erklärlich. Die Produktion eines Panzers dient dem ausschließlichem Sinn selbigen oder einem anderen ähnlicher Bauart zu „Verbrauchen“.
Deutlich schwieriger nachvollziehbar ist für viele Menschen das „Verbrauchsgut Zeitgeist“. Zu erleben ist dieses in einer seit rund 40 Jahren stattfindenden komplexen Eventisierung des Landschaftraums. Mögen die ersten Baumwipfelpfade noch das höhere Ziel gehabt haben, die Flora und Fauna des Waldes aus einer anderen Perspektive näher zu bringen, so sind die Waldbewohner inzwischen vor der Vielzahl der Menschen längst ausgezogen und die Wipfelpfade mit Hochzeitsfeiern und Feuerwerken längst zur Eventlocation mutiert.

Wäre diese Umgangsform mit unseren Lebensraum nur privatwirtschaftlich organisiert, könnte man dies als systemische Entscheidung wohl noch hinnehmen. Indes werden mit öffentlichen Mitteln mitfinanzierte „Aussichtstürme ins Nichts“ oder „schwebende Brücken für Nervenkitzel“ erstellt, deren relevante Halbwertzeit deutlich unter der eines Menschen liegen dürfte. All diese Formen der sinnlosen Inszenierung des Alltags stehen in diametralen Gegensatz zu einer nachhaltigen Entwicklung. Getragen sind diese Prozesse – jenseits ökonomischer Interessen – von einer Mentalität der „Unmittelbarkeit“, das heißt von dem Bedürfnis etwas vermutlich Erwünschtes quasi von heute auf morgen zu realisieren, ohne es auf seine Sinnfälligkeit oder seinen langfristigen Nutzwert zu überprüfen.

Nachhaltigkeit im Umgang mit unseren kulturellen Ressourcen erfordert den Willen zur Reflexion, zur Abkehr von einer „Amazon-Mentalität“ und die Bereitschaft die Dinge des Tuns auf ihren langfristigen Nutzen zu hinterfragen. Soziale, ökologische und kulturelle Nachhaltigkeit ist nur dann zu realisieren, wenn man den „Zeitgeist gegen den Strich bürstet“.