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„Schutz und Schirm? Der Bergbau im Harz unter der Protektion von Königtum und Adel im Hoch- und Spätmittelalter“

Ein Gastbeitrag von Dr. Jan Habermann, Stadt Goslar

Goslar im Jahr 1204 – das Reich ist tief in den Wirren des deutschen Thronstreits versunken. Erneut hat der welfische König Otto IV. die staufertreue Stadt Goslar durch Belagerung und Handelsblockade zu unterwerfen versucht. Noch während seines Rückzugs nach Braunschweig wird eine außerordentliche Zerstörung der nahegelegenen Silberhütten (casulis argentiis) befohlen – so berichtet es Arnold von Lübeck. Die beständigen Angriffe des Welfen führen zur Entvölkerung und Aushungerung der Stadt – der Bergbau am Rammelsberg kommt über Jahre hinweg zum Erliegen. Unter dem nachwirkenden Eindruck dieser Verheerung wird der Goslarer Reichsvogtei in der Folgezeit – mehr als zuvor – die Funktion einer Schutzgewalt über Berg- und Hüttenleute zu Teil. Die wahrscheinlich in den Jahren zwischen 1244 und 1258 verfasste Goslarer Vogteigeldlehnrolle (s. Abb.) verzeichnet bedeutende Grafen, Edelherren und Ministeriale am Harz, deren jährliche Geldeinkünfte aus der Reichsvogtei in späteren Quellen damit begründet werden, dass sie als Reichslehen mit der Verpflichtung einhergehen, die „Wald- und Hüttenleute“ (montani et silvani) zu beschützen.

Vogteigeldlehenrolle (c) Stadtarchiv goslar.png

Vogteigeldlehenrolle (c) Stadtarchiv goslar

Das in seiner Zweckmäßigkeit einzigartige Goslarer Dokument spiegelt die außerordentliche Notwendigkeit, den Bergbau im nordwestlichen Harz zu beschirmen. Ein schärferer Blick auf diese noch zu wenig diskutierte Quelle lässt das ursprüngliche Konzept und die frühesten Zuständigkeiten erkennen. So war die Harzburg nach ihrem Wiederaufbau 1180 durch Kaiser Friedrich I. Barbarossa mit Einsetzung der Grafen von Wöltingerode-Wohldenberg als Burgkommandanten zur Schutzburg für das Goslarer Umland umgewandelt worden. Zur Unterbringung von Garnisonen sowie für das Burgquartier der Grafen wurden erstmals Burgkurien für den Hochadel eingerichtet. Doch während des deutschen Thronstreits und seines Folgekonflikts entstand die Notwendigkeit, die Zuständigkeiten und abrufbaren personellen Ressourcen bedeutend zu erhöhen.

Weitere Grafen und Edelherren mit Besitz am nördlichen Harz wurden zum Schutz insbesondere des Bergbaus mit Geldlehen aus der Reichsvogtei und Burgsitzen auf der Harzburg ausgestattet. Der verfassungsgeschichtliche Wandel im deutsch-römischen Reich während des 13. Jahrhunderts brachte es mit sich, dass die ursprüngliche Schutzfunktion der Burgsitze verloren gerieten und durch vollständigen Besitzübergang in die Hände der Grafen von Wernigerode zunehmend in beherrschende Stellung gegenüber Goslar und seinen noch verbliebenen Bergwerken gebracht wurde. Noch im 14. Jahrhundert entschloss Kaiser Ludwig IV. der Bayer, die Eigeninteressen des regionalen Adels am Bergbau dadurch zurückzudrängen, dass er die mächtigsten, dynastischen Herrschaftsträger am Harz durch konkrete Schutzaufträge und Lehnbriefe wieder stärker den Interessen des Reiches in dieser Region dienstbar zu machen versuchte. Doch das blieb nur eine Episode.

Abgesehen von der schwindenden Bedeutung des Bergbaus und des in den Vogteigeldern begründeten Schutzauftrags im westlichen Harz stärkte der regionale Harzadel die eigene wirtschaftliche Stellung durch die in seinen Territorien gelegenen Bergbauressourcen, die er mit Burgen und Befestigungsanlagen sicherte. In vielen Herrschaftsgebieten des Harzes wird ein enger Zusammenhang zwischen Burg und Bergbau begreifbar, der sich am konkreten Schutzbedürfnis gegenüber den wertvollsten Machtgrundlagen in einer durch Fehden und Kleinkriege geprägten Epoche erhellen lässt. Mit der Entstehung von gefestigten Gebietsherrschaften und Landeshoheiten am Harz geht diese Form der Protektion in den konsolidierten Berghoheiten schließlich unter.

Stadtgeschichten – bergbauliche Straßennamen in Goslar

Anlässlich unserer Reihe zum 1100jährigen Stadtjubiläum Goslars wollen wir uns heute einem speziellen Thema widmen – Goslarer Straßenamen mit bergbaulichem Bezug.

Die Benennung von Straßen geht einher mit der Entwicklung von Städten im Mittelalter, wo natürlich auch Goslar keine Ausnahme bildet. Viele Straßennamen in Altstädte orientieren sich an alten Zunftquartieren, in Goslar beispielsweise die Bäckerstraße oder die Fischemäkerstraße oder an markanten Bauwerken wie die Wallstraße, die Mauerstraße oder auch die Zehntstraße.
Benannt ist diese Straße nach dem Standort der zentralen städtischen Sammelstelle, in der das abzuliefernde Rammelsberger Erz gelagert wurde. Das in der gleichnamigen Straße ansässige Gebäude ist 1811 abgebrannt. Es befand sich auf dem Gelände der heutigen Grundschule. Unter dem Zehnt verstand man im Bergbau die Abgabe des zehnten Erzhaufens oder Erzkorbes an den Landesherren oder Grubeneigner. Wurde anfänglich tatsächlich noch Erz vom Rammelsberg in die Stadt geliefert, ging man dazu über, den Geldwert des Erzes (unter Abzug der Aufbereitungskosten) einzutreiben. Verantwortlich für die Abgaben war ein am Bergamt ansässiger hoher Beamter, der  so genannte „Zehntner“.
Einen letzten Zehnt in Form von Erz lieferten die Rammelsberger Bergleute am 30. Juni 1988, anlässlich der Schließung des Rammelsberges an die Stadt Goslar, obwohl die Stadt Goslar schon seit 1552 die Oberhoheit über den Rammelsberg verloren hatte. Ein extra hergerichteter letzter Grubenwagen wurde auf dem Marktplatz symbolisch an die damalige Goslarer Oberbürgermeisterin Marta Lattemann-Meyer übergeben.

symbolische Ausliefung des letzten Zehnts an die Stadt Goslar am 30. Juni 1988, Sammlung Rammelsberg

Symbolische Auslieferung des letzten Zehnts an die Stadt Goslar am 30. Juni 1988, (C) Sammlung Rammelsberg

Auch historische Personen, die im direkten Zusammenhang mit den Bergbau standen, haben in Goslar eine bleibende Würdigung durch einen Straßenbezeichnung erfahren, wie beispielsweise die Bornhardtstraße im Stadtteil Goslar-Baßgeige. Benannt ist sie nach Berghauptmann Friedrich Wilhelm Conrad Eduard Bornhardt, in dessen Amtszeit am Bergamt Clausthal-Zellerfeld der Niedergang des Bergbaus im Oberharz fiel. Nach seiner Pensionierung 1929 bis zu seinem Tod am 2. Dezember 1946 hatte er seinen Altersruhesitz in Goslar. Die Erinnerung an die lange währende Epoche des Bergbaus wurde zu seinem späten Lebenswerk. Der studierte Geologe war schon während seiner beruflichen Tätigkeit eine der treibenden Kräfte der Wiedereröffnung des heutigen Oberharzer Bergwerksmuseums, in der ebenfalls nach ihm benannten Straße im Ortsteil Zellerfeld.
Für Goslar konzipierte er das so genannte „Rammelsbergzimmer“ im Goslarer Museum, welches viele Jahre hinweg die einzige öffentliche Darstellung des Bergbaus und seiner Geschichte in der Stadt war und den Grundstein zur musealen Rezeption des heutigen Museums und Besucherbergwerks am Rammelsberg bildet.
1931 veröffentliche Bornhardt sein Werk „Geschichte des Rammelsberger Bergbaues von seiner Aufnahme bis zur Neuzeit“, welches bis heute als eines der Standartwerke zur Geschichte des Rammelsberges gilt.

Wilhelm Bornhardt, 20. April 1864 - 2. Dezember 1946. (c) Sammlung Oberharzer Bergwerksmuseum

Wilhelm Bornhardt, 20. April 1864 – 2. Dezember 1946. Sammlung Oberharzer Bergwerksmuseum

Eine der jüngsten Straßennamen ist der Knappschaftsplatz im Stadtteil Goslar-Rammelsberg. Benannt ist er nach dem berufsständischen Sozialversicherungssystem der Bergleute, das seine historischen Wurzeln am Rammelsberg hat. In einer Urkunde vom 28. Dezember 1260 erneuerte der Hildesheimer Bischof Johann I. der Sankt-Johannis-Bruderschaft im Bergdorf am Rammelsberg sein Schutzprivileg. Dieses Dokument gilt Historikern als weltweit erster Beleg für eine bergmännische Solidargemeinschaft. Goslars Bergdorf: die Wiege der Knappschaft.
Im Jahr 2010 beging die Knappschaft ihr 750-jähriges Bestehen. Aus diesem Anlass wurde am 20. Januar 2011 der Platz vor dem Werkstor des ehemaligen Erzbergwerks Rammelsberg vom damaligen Goslarer Oberbürgermeister Hennig Binnewies mit eigenem Namen versehen. Der nunmehrige „Knappschaftsplatz“ trägt somit eine der jüngsten Straßenbezeichnungen in Goslar. Doch als Postanschrift existiert der Platz nicht. Er dient, wie bereits vor seiner Benennung, einem eher profanen Zweck: als Buswendeschleife.

Knappschaftsplatz

Knappschaftsplatz (c) Weltkulturerbe Rammelsberg

In der Sonderausstellung „1100 Jahre Goslar … mit Erfolg auf Erz gebaut“ stellen wir unseren Besucher die oben beschriebenen und weitere Geschichten rund um bergbaulichen Straßennamen in Goslar vor, die manchmal nicht auf den ersten Blick zu erkennen sind. Oder wissen Sie warum die Kupferrauchgasse so heißt, wie sie heißt? Bis zum 20. November haben Sie die Gelegenheit diese und andere bergbaulichen Wurzeln aus 1100 Jahren Goslarer Stadtgeschichte kennen zu lernen! Viel Spaß dabei!

Das Projekt „Räume der Unterdrückung. Neue geschichtswissenschaftliche und archäologische Forschungen zu Zwangsarbeitern und Zwangsarbeiterinnen am Erzbergwerk Rammelsberg“ – Die geschichtswissenschaftliche Perspektive

Das von der Friede-Springer-Stiftung geförderte Kooperationsprojekt des Weltkulturerbes Rammelsberg und der Arbeitsstelle Montanarchäologie des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege ist fächerübergreifend (interdisziplinär) angelegt. In diesem Forschungsprojekt arbeiten Archäolog:innen und Historiker eng zusammen.

In diesem Projekt konzentrieren sich die Historiker, stärker als es in bisherigen Untersuchungen zur Zwangsarbeit am Erzbergwerk Rammelsberg der Fall war, auf die historischen Quellen, die von den „Tätern“, also von den Personen verfasst wurden, die die Zwangsarbeiter:innen vor Ort bewacht, zur Arbeit gezwungen und ihr Leben kontrolliert haben. Insbesondere spielen räumliche Dimensionen eine wichtige Rolle. Der Raum, wie das ehemalige Zwangsarbeiterlager unterhalb der Staumauer des Herzberger Teichs, war nicht nur eine Hülle zum Wohnen, sondern hier fand für einige Jahre das Leben der Zwangsarbeiter:innen statt. Ein Forschungsansatz, der nach raumbezogenen Erfahrungen, Wahrnehmungen des Raumes und Vorstellungen, ja nach Sehnsüchten der Menschen in den Lagern fragt und die damit verbundenen Handlungsstrategien der Täter und der Opfer betrachtet, kann am authentischen Ort Antworten auf Fragen zum Zusammenhang von Raum, Organisation und Unterdrückung suchen.

Dieser Forschungsansatz braucht die enge Verzahnung von Geschichtswissenschaft und Archäologie. Von der Geschichtswissenschaft sollen Akten zur Zwangsarbeit am Erzbergwerk Rammelsberg im Hinblick auf den Aufbau von organisatorischen, räumlichen und verwaltungstechnischen Strukturen zur Eingliederung der Zwangsarbeit in den laufenden Bergwerksbetrieb ausgewertet werden. Auch die Bewertung des ökonomischen Nutzens der Zwangsarbeit in verschiedenen wirtschaftlichen Zusammenhängen der vorbereitenden Aufrüstung und ab 1939 der Kriegswirtschaft ist bisher wenig erforscht und wird daher genauer betrachtet. Die wirtschaftliche Effizienz der Zwangsarbeit in den 1940er Jahren ist auf Reichsebene zuletzt in einer großen historischen Studie zur Geschichte des Reichswirtschaftsministeriums untersucht worden. Detailstudien zur Wirtschaftlichkeit der Zwangsarbeit im Bergbau liegen aus dem Steinkohlenbergbau vor. Zum Erzbergbau fehlen solche Studien noch weitgehend. Die Wirtschaftlichkeit der Zwangsarbeit bestimmte die Repressalien der Betriebsleitung gegenüber den Opfern ganz erheblich. Konnte die Betriebsleitung einen wirtschaftlich effizienten Einsatz der Zwangsarbeiter:innen berechnen, wurden Zwangsmaßnahmen anders ausgelegt oder Lebens- und Arbeitsbedingungen anders gestaltet.

Aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive ergeben sich deshalb eine Vielzahl an Untersuchungsfragen, von denen hier nur wenige benannt werden sollen: Wieviel Raum stand den Zwangsarbeiter:innen in den verschiedenen Lagern zur Verfügung und wie ist die Größe des Raumes als Unterdrückungsmittel zu bewerten? Die eigene Unterdrückung kostete Geld, denn Zwangsarbeiter:innen zahlten Miete für die Lagerunterkunft. Wie funktionierte die ökonomische Ausbeutung der Zwangsarbeiter:innen über die Ausbeutung durch Arbeit hinaus? Orientierte sich das Erzbergwerk Rammelsberg bei der Behandlung der Zwangsarbeiter:innen an den Vorgaben der nationalsozialistisch-rassistischen Lagerhierarchie oder nutzte es durchaus vorhandene Spielräume? Konnten Konflikte zwischen den Zwangsarbeiter:innen, die aus verschiedenen Ländern kamen, durch die Aufteilung in getrennte Räume vermieden werden? War die Entlohnung und Verpflegung einheitlich, die medizinische Versorgung vergleichbar? Gab es eine Hierarchie unter den Zwangsarbeiter:innen? Wie beschreiben ehemalige Zwangsarbeiter:innen die Räume der Unterdrückung? Gab es unterschiedliche Barackentypen mit unterschiedlichen Ausstattungen? Wer baute die Baracken und wer lieferte das Material für den Bau? Wurden Normbaracken verwendet oder gab es individuelle Anpassungen an den Standorten?  Wie passten sich die Baracken in das architektonische Gesamtbild der Bergwerksanlage ein? Gab es Korrekturen durch die Architekten der Bergwerksanlage, Fritz Schupp und Martin Kremmer?

Die Liste der Fragen ist lang, nicht alle werden die Historiker und Archäolog:innen beantworten können. Aktuelle Ergebnisse aus diesem Forschungsprojekt werden auf unserer und der Homepage der Arbeitsstelle für Montanarchäologie unter https://altbergbau3d.de veröffentlicht.

Abb.: Am ehemaligen Standort der Zwangsarbeiterbaracke neben dem Inspektionshaus an der Straße Bergtal (heute Wohnhaus und Restaurant) sollte 1956 ein Speisesaal für die Mitarbeiter des Erzbergwerks gebaut werden. Es blieb bei Planskizzen, angefertigt von Fritz Schupp, der in den 1930/40er Jahren mit Martin Kremmer die gesamten Tagesanlagen des Bergwerks neugestaltet hatte.
Quelle: Montanhistorisches Dokumentationszentrum des Deutschen Bergbaumuseums in Bochum, Bestand BBA-223-2132 Speisehalle.

Das Museum als authentischer Ort der Wissensvermittlung

Die Bundesrepublik Deutschland ist reich an musealen Einrichtungen, die sich in eine Vielzahl von Sparten und mit höchst unterschiedlichen Trägerschaftsmodellen aufgliedern. Gemäß dem Institut für Museumskunde gibt es mehr als 6000 Einrichtungen, die zu mehr oder weniger regelmäßigen Zeiten für die Besucher ihre jeweiligen „Schatzkammern“ öffnen.

Von Kunstgeschichte bis Technikeuphorie gibt es kaum einen Bereich dieser Gesellschaft, der nicht im Rahmen von Sammlungen oder Ausstellungen, als Erinnerungskultur musealisiert worden ist.

Allerdings sind unsere Museen weit mehr als verstaubte Depots der Vergangenheit. Unsere Museen sind Orte von Menschen für Menschen, sind Erinnerungsorte, sind Stätten der Begegnung, der kulturellen Transformation und der Identitätsstiftung für die regionale Bevölkerung.

In gleichem Maße sind sie mit ihren Objekten Inspiration für Freunde, Fremde und Touristen, die möglicherweise keinen Bezug zu Raum und Zeit der jeweiligen Ortslage haben.

Kehrrad im Roeder-Stollen (c) Weltkulturerbe Rammelsberg / S. Sobotta

Kunstrad im Roeder-Stollen (c) Weltkulturerbe Rammelsberg / S. Sobotta

Museen sind greifbare Orte.

Sie liegen, wie die Einrichtungen des Welterbes im Harz, mitten im Lebensraum der Menschen, beleben historische Ensemble und sind oft mit ihren Gebäuden Exponate ihrer selbst.

Museen sind mitten, in einer zunehmend virtuell werdenden Welt, analoge Orte. Sie erzählen Geschichte vom Objekt ausgehend – und sie erzählen diese nie vollständig.

Das heißt, gute Museen sind nicht unbedingt Stätten für digitale 3D-Simulationen, sondern Orte, an denen das „Kopfkino“ so richtig abgehen kann.

Museen sind also Orte, die Objekte, Fakten und Phantasie miteinander verbinden.

In diesem Zusammenhang nimmt die Authentizität der jeweiligen musealen Ortslage eine besondere Rolle ein. Sie ist sowohl atmosphärisch als auch faktisch deutlich mehr, als eine didaktische Inszenierung.

Im Kontext von Welterbestätten ist deren Authentizität ein konstitutives Merkmal der Welterbe-Ernennung.

Das heißt, die Besucher:innen sollen eine möglichst „originalgetreue“ Situation erleben, die durchaus in unterschiedlichen Zeithorizonten wahrnehmbar werden kann. Sie durchlaufen folglich in Gebäudeensembles oder Landschaftsräumen unterschiedliche Jahrhunderte „menschlicher Schöpfungskraft“, in die sich die musealen Präsentationsformen einzuordnen haben.

Im Gegensatz zu einer Gemäldesammlung, die ihren Ort in einem sogenannten „White Cube“ finden kann und mit einer gewissen Beliebigkeit der Ortslage behaftet ist, sind museale Institutionen deren Heimat der authentische Ort, beziehungsweise das authentische Objekt ist, durch eine vollständig andere Bindung an Raum und Zeit geprägt.

Die Besucher:innen bewegen sich in diesen Einrichtungen sehr viel stärker in konkreten „Fenstern in die Zeit“, als dies bei räumlich und zeitlich unabhängigen Expositionen der Fall ist.

Kinder erleben das Museum Weltkulturerbe Rammelsberg (c) Weltkulturerbe Rammelsberg / Sobotta

Kinder erleben das Museum Weltkulturerbe Rammelsberg. Foto: Weltkulturerbe Rammelsberg/Stefan Sobotta/ Visum.

Die gehaltliche Chance der Kombination von Vermittlung und authentischen Ort oder Objekt verdeutlicht aber auch, dass einer digitalen Erfahrbarkeit desselben enge Grenzen gesetzt sind.

Digitalität kann hier nur Hilfsmittel sein, da im Zentrum die unverbrüchliche Authentizität der konkreten Ortslage steht.

Ein Beitrag von Gerhard Lenz, M.A., Stiftungsdirektor Welterbe im Harz.

Das neue Infozentrum in Goslar als „Lesehilfe“ für das UNESCO-Welterbe im Harz

Ein Beitrag von Lea Dirks

„Steig‘ ein in das verborgene Labyrinth der Schätze“

Am 24. April war es soweit: das neue Infozentrum zur Welterbestätte „Bergwerk Rammelsberg, Altstadt von Goslar und Oberharzer Wasserwirtschaft“ hat seine Türen in Goslar geöffnet. Aber worauf können sich Besucher und Besucherinnen ab sofort freuen?

Mit dem Welterbe-Infozentrum im historischen Rathaus in Goslar ist ein Ort entstanden, der das Flächenwelterbe UNESCO-Welterbe im Harz und dessen beeindruckende Geschichte in einer spannenden Ausstellung vorstellt, über touristische Angebote informiert und auf die Originalschauplätze neugierig macht.

Es bietet einen Überblick über die zahlreichen musealen Einrichtungen und die öffentlich zugänglichen Bodendenkmale, die sich auf einer über 220 Quadratkilometern großen Fläche – von Goslar bis nach Walkenried – erstrecken. Das UNESCO-Welterbe im Harz ist eine der vielfältigsten Weltkulturerbestätten Deutschlands und damit das Welterbe-Infozentrum idealer Ausgangspunkt, um die authentischen Orte im Welterbe zu erleben und auf Entdeckungsreise zu gehen.

Historisches Rathaus Goslar (c) Weltkulturerbe Rammelsberg / Sobotta

Historisches Rathaus Goslar (c) Weltkulturerbe Rammelsberg / Sobotta

Ein Gang durch die Ausstellung

Welterbe verbindet

Welterbe sein heißt ein gemeinsames kulturelles Gedächtnis zu haben und Teil einer großen Welterbefamilie zu sein. Zunächst entdecken unsere Gäste daher die Bedeutung der weltweiten UNESCO-Welterbestätten und lernen die Ernennungskriterien kennen, nach denen auch das UNESCO-Welterbe im Harz in die Welterbeliste aufgenommen wurde.

Ein Teil der Welterbefamilie sein. Foto: Stefan Sobotta / Stiftung Welterbe im Harz.

Multimedial durch 3000 Jahre Kulturgeschichte

Weiter geht es in der Ausstellung mit einem regionalen Blick auf die Welterbe- und Montanregion Harz mit ihrer über 3.000-jährigen Kulturgeschichte. Architektur und Siedlungswesen, Bergbau, Landschaftswandel und Wasserwirtschaft – all diese Themen hängen im Welterbe unmittelbar zusammen.

3D-Modell im Welterbe-Infozentrum in Goslar. Foto: Stefan Sobotta / Stiftung Welterbe im Harz.

Herzstück des Welterbe-Infozentrums ist ein 3D-Landschaftsmodell mit einer 7-minütigen Filmprojektion, die den Veränderungsprozess der 3.000 Jahre alten Kulturlandschaft im Westharz verdeutlicht. Der Film bietet den Gästen die einzigartige Möglichkeit sich aus Vogelperspektive einen Überblick über das gesamte UNESCO-Welterbe im Harz zu verschaffen, aber auch dessen beeindruckende Geschichte im „Schnelldurchgang“ kennenzulernen.

Die Vielfalt des Welterbes entdecken

Welche Gebäude, Bodendenkmale und Gewässersysteme über wie unter Tage zum Harzer Welterbe-Ensemble zählen, erfahren Gäste ebenfalls bei ihrem Besuch.  Darunter: der über- und untertägige Rammelsberg mit dem heutigen Museum und Besucherbergwerk und die vom Bergbau geprägte Altstadt von Goslar, die rund um Clausthal-Zellerfeld liegende Oberharzer Wasserwirtschaft mit ihrem über 300 Kilometer langen Teich- und Grabensystem und ihren zahlreichen musealen Einrichtungen.

Routen zu den Welterbestätten. Foto: Stefan Sobotta / Stiftung Welterbe im Harz.

Mit individueller „Roadmap“ auf Entdeckungsreise

Die Welterbe-Orte in unmittelbarer Nähe des Welterbe-Infozentrums rücken bei der lokalen Perspektive und damit im letzten Ausstellungsbereich in den Mittelpunkt: Sechs Hörstationen vermitteln anschaulich, was Sie vor Ort entdecken können. Menschen aus dem Welterbe im Harz sprechen hier ihre persönlichen Empfehlungen und Tipps aus, was im direkten Umfeld zum Welterbe-Infozentrum erlebt werden kann – sei es: eine Führung durch das ehemalige Erzbergwerk Rammelsberg, eine Wanderung an der Auerhahn-Kaskade in Hahnenklee oder der Besuch der altehrwürdigen Kaiserpfalz in Goslar.

Bevor es auf die Tour zu den authentischen Welterbe-Orten geht, kann die eigene Reiseroute an einem Medienterminal zusammengestellt werden. Es bietet zahlreiche Informationen zu touristischen Angeboten und gibt einen Überblick über aktuelle Veranstaltungen. Ob Möglichkeiten bei schlechtem Wetter, barrierearme Orte oder Veranstaltungen für die ganze Familie – die Besucher und Besucherinnen entscheiden ganz individuell. Die eigene „Roadmap“ kann im Anschluss ausgedruckt oder digital auf das Smartphone geladen werden.

Poesie für Frieden

Die Adolf-Grimme-Gesamtschule Goslar ist eine anerkannte UNESCO-Projektschule und Partnerschule des Rammelsberges. Die Schüler*innen der Klasse 9a der AGG haben ihre individuellen Gedanken zum Thema Frieden in Form eines Akrostichons bzw. Mesostichons dargestellt. Diese Friedensbotschaften malten sie (mit Genehmigung der Stadt) mit Kreide in die Fußgängerzone Goslars, um ein kreatives Zeichen für den Frieden zu setzen und mit Passant*innen ins Gespräch zu kommen. Mit dieser Aktion haben sie sich am Aufruf der UNESCO-Bundeskoordination zur Aktion „Gift a poem“ beteiligt, bei der Schüler*innen „Poesie für Frieden“ an öffentlichen Orten „verschenken“.

Verfasserin: Sabine Rehse, Fachbereichsleitung Naturwissenschaften Koordination der UNESCO-Arbeit

Video-Interview mit Mariano Rinaldi Goñi

Sonderausstellung: Erz-Nornen – Mythen, Farben & Metalle

Als eine kleine Vorschau auf unsere am 27. März beginnende Sonderausstellung „Mariano Rinaldi Goñi: Erz-Nornen, Mythen, Farben und Metalle“ sprachen wir mit dem Künstler Goñi selbst in einem kurzen Videointerview über die Sonderausstellung, ihr Begleitprogramm und den künstlerischen Schaffensprozess an sich.

Die Sonderausstellung läuft bis zum 28. Mai. Das Begleitprogramm sieht aus wie folgt:

Workshop: Malen auf Schiefer
Reagenzienbühne
Freitags 8.04.2022 und 22.04.2022, jeweils ab 17.00 Uhr (ca. 1,5 Std.)
Anmeldung unter info@rammelsberg.de
16,00/13,00 €

In diesem Malerei-Workshop lernen Sie den Künstler Mariano Rinaldi Goñi und einige seiner Kunstwerke kennen und dürfen auch selbst künstlerisch tätig sein. In einer kurzen theoretischen Einleitung erfahren Sie zum einen, wie er Farben verarbeitet und komponiert und zum anderen mit welchen Themen er sich in seiner Malerei befasst. Im großen Praxisteil des Workshops malen Sie Ihr eigenes kleines Kunstwerk auf eine Schieferplatte und der Künstler steht Ihnen mit Rat und Tat zur Seite.

Künstler-Führung „Mariano Rinaldi Goñi: Erz-Nornen, Mythen, Farben und Metalle“
Schwerspatraum
Samstag, 09.04.2022 und 23.04.2022, jeweils ab 14.00 Uhr
(ca. 60 Min.)
16,00/13,00 €

Der Künstler Mariano Rinaldi Goñi führt Sie selbst durch die Ausstellung. Sehen Sie durch seine Augen auf die ausgestellten Gemälde und erhalten dabei einen intensiven Einblick in sein künstlerisches Schaffen und seine Inspiration am authentischen Ort der Arbeit. Die jahrtausendelange Geschichte sowie die Ressourcen, die ihm der Harz zur Verfügung stellt, werden in des Künstlers Emotionen vereint und spiegeln sich in seinem Werk wider.

 

Live-Art-Performance „Vor Ihren Augen lässt der Künstler Mariano Rinaldi Goñi ein Kunstwerk entstehen“
Reagenzienbühne
Samstag, 09.04.2022, 23.04.2022, jeweils ab 16.00 Uhr (ca. 1,5 Std.)
16,00/13,00 €

Mit dem Schrägaufzug geht es an der Erzaufbereitung hinauf zur Reagenzienbühne. Hier arbeitet der Künstler an seinem Werk, inmitten des authentischen Ortes – des Ortes, den einst der Lärm des brechenden Erzes und die Atmosphäre harter Arbeit von Mensch und Maschine ausmachte. Bestaunen Sie das künstlerische Schaffen Goñis in Aktion und kommen mit dem Künstler in Gespräch.

 

Vortrag Frau Prof. Dr. Ströter-Bender: „Die drei Nornen in Kunst und Mythologie“
Schwerspatraum
So. 08.5.2022, 11.00 Uhr;
Eintritt frei

Die drei Nornen sind die großen Schicksalsgöttinnen in der germanisch-nordischen Mythologie.  Sie werden Urd (Schicksal), Verdandi (das Werdende) und Skuld (Schuld; das, was sein soll) genannt und spinnen den Lebensfaden der Menschen. Ihre Gestalten begegnen uns auch in Märchen und Sagen, so als die drei Feen. Aber ihre Personifikationen sind sehr viel älter.
Sie weisen weit in die europäische Vor- und Frühgeschichte hinein und sind mit der Verehrung der Mondgöttin, mit Quellen und heiligen Hainen verbunden.
Seit dem 19.  Jahrhundert werden die drei Nornen auch wieder in der Kunst dargestellt. Der Vortrag gibt einen Einblick in die Imagination ihrer Mythologie und damit verbunden, in die Kulturgeschichte.

Frau Prof. Dr. Ströter-Bender ist Kunstpädagogin und Künstlerin, emeritierte Professorin für Kunst und ihre Didaktik an der Universität Paderborn.

 

Finissage „Mariano Rinaldi Goñi: Erz-Nornen, Mythen, Farben und Metalle“
Reagenzienbühne
06.05.2022, 19.00 Uhr
Anmeldung unter info@rammelsberg.de
29,00 €

Auch zum Abschluss der Ausstellung lädt der Rammelsberg zu einer aufsehenerregenden Live-Art-Performance mit Musik, Tanz, Malerei, argentinischem Wein und Fingerfood ein. Erleben Sie eine expressive Show des Künstlers Mariano Rinaldi Goñi und seiner Freunde auf der Reagenzienbühne in der ehemaligen Erzaufbereitungsanlage des Rammelsberges.

Von den Bergleuten lernen!?

Bildung für nachhaltige Entwicklung am Rammelsberg

Von Gesine Reimold

Der Begriff „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ (BNE) wurde bereits auf der UN-Umweltkonferenz von Rio de Janeiro 1992 geprägt und meint eine Bildung, die Menschen dazu befähigen möchte, die Zukunft in einer globalisierten Welt aktiv, eigenverantwortlich und verantwortungsbewusst zu gestalten.

Vielleicht führt diese Bildung und die hoffentlich daraus folgenden Veränderungen dazu, die immer drängender werdenden globalen Herausforderungen wie Klimawandel, Armut oder Raubbau an der Natur abzumildern. Eine Rolle spielt hier der persönliche Beitrag den jeder von uns leisten kann, indem man:frau seine:ihre Art des Konsums überdenkt, um die natürlichen Ressourcen der Erde wie fruchtbares Land, Energie und Wasser zu schützen. Außerdem geht es darum, angepasste Technologien, neue gesamtgesellschaftliche Strukturen und Gesetze zu schaffen, die unser Überleben sichern. Eine wichtige Frage dabei ist, wie wir jetzt und in Zukunft die Rohstoffe unserer Erde nachhaltig nutzen können. Denn wir müssen berücksichtigen, welche Auswirkungen unsere Art zu leben auf die nachfolgenden Generationen hat. Und wir dürfen nicht rücksichtslos Ressourcen auf Kosten von ärmeren Menschen in anderen Erdteilen verbrauchen.  

Jugendliche im Roeder-Stollen, Foto: Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg / Sobotta

Die Welterbestätte Rammelsberg, Altstadt von Goslar und Oberharzer Wasserwirtschaft möchte ihren Beitrag zu diesem Wandel unserer Gesellschaft leisten und nimmt ihren Bildungsauftrag ernst. So haben Schulklassen in der diesjährigen Jugend-Akademie „Von Bergleuten lernen!?“ die Möglichkeit am Beispiel des Rohstoffs Kupfer über die zunehmende Rohstoffverknappung und die daraus folgenden massiven Umweltprobleme nachzudenken. Doch wir beschäftigen uns auch mit einer möglichen Lösung dieser Probleme und mit der Fragestellung ob und wie eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft möglich ist.

Gemeinsam mit dem Institut für Aufbereitung, Deponietechnik und Geomechanik (IFAD) an der TU-Clausthal und in Zusammenarbeit mit dem CvD-Gymnasium in Goslar suchen wir nach Lösungsansätzen, um umweltfreundlich und klimaneutral in die Zukunft zu schauen. Denn gerade der Rohstoff Kupfer eignet sich hervorragend für Recyclingprozesse. Lehrer:innen und Schüler:innen haben vom 25. April bis zum 14. Oktober die Gelegenheit dieses dreistündige Programm zu buchen. Die Schüler werden Unter – und Über Tage unterwegs sein und sich ausgehend vom Abbau der kupferhaltigen Erze am Rammelsberg auch mit den Kupferprodukten und deren Eigenschaften auseinandersetzen, um sich schließlich mit dem modernen Recycling von Kupferprodukten zu befassen. Denn durch das Kupferrecycling wird heute 85% weniger Energie verbraucht als für die Primärproduktion, also Abbau, Aufbereitung und Verhüttung der Erze. Und geringerer Energieverbrauch reduziert wiederum den für den Klimawandel verantwortlichen CO2-Ausstoß.

Jugend-Akademie, Foto: Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg

Über ein weiteres großes Projekt für Schüler des Institut Heritage Studies unter dem Titel „Young Climate Aktion“, das sich mit dem Thema Klimawandel befasst, werde ich demnächst berichten.

 

Räume der Unterdrückung. Neue Geschichtswissenschaftliche und archäologische Forschungen zu den Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern am Erzbergwerk Rammelsberg im Harz

Ein kurzer Überblick zur Quellenlage – aus dem aktuellen ForschungsprojektRäume der Unterdrückung

Von Bernd Wehrenpfennig und Johannes Großewinkelmann

Das oben genannte Projekt begann bereits am 01.10.2021. Während der kommenden zwei Jahre wollen Archäologen und Historiker gemeinsam das System der Zwangsarbeit unter den Nationalsozialisten am Rammelsberg interdisziplinär untersuchen.
Bereits in den 1990er Jahren wurden im Rahmen eines Oral-History-Projekts die Aussagen zahlreicher ukrainischer Zeitzeugen aufgearbeitet, was zu zwei Publikationen und einem Ausstellungsteil in der Dauerausstellung des Weltkulturerbes Rammelsberg führte.[1] Vor dem Hintergrund der bisherigen Erkenntnisse zu den Einzelschicksalen insbesondere der „Ostarbeiter“ am Erzbergwerk Rammelsberg im Zweiten Weltkrieg, sollen in diesem Forschungsprojekt die authentischen Orte und Räume, an und in denen Frauen und Männer vor fast 80 Jahren unter menschenverachtenden Umständen zur Arbeit gezwungen wurden, wohnen und leben mussten, in den Mittelpunkt gerückt werden.
Im Verlauf des Zweiten Weltkrieges waren in fast jedem Ort des Dritten Reiches neben Kriegsgefangenen-Arbeitskommandos auch zivile Zwangsarbeiter aus ganz Europa, und hier zahlenmäßig vor allem „Ostarbeiter“, in Kriegs- und Landwirtschaft beschäftigt, was von enormer ökonomischer Bedeutung war. Geprägt war der Arbeitseinsatz durch mitunter brutalste Behandlung, Unterernährung und schlimmste Arbeitsbedingungen. Das System der Zwangsarbeit, welches von der Wehrmacht, der Zivilverwaltung und den Arbeitgebern betrieben wurde, ist aus der Sicht der Täter, bislang wenig erforscht worden. Daher steht die Forschung zur Verwaltung der Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter in den Betrieben, in der Landwirtschaft oder im Handwerk, noch am Anfang. Doch gerade dieses System bestimmte einen Großteil der Arbeits- und Lebensbedingungen der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter.
Christian Streit hat mit seinem Buch „Keine Kameraden“ eine Vorreiterrolle bei der Erforschung dieser Perspektive am Beispiel der sowjetischen Kriegsgefangenen eingenommen.[2] Dabei stützte er sich notgedrungen vor allem auf Quellen der jeweiligen Führungsebenen aus Staat und Wirtschaft. Die Situation der Kriegsgefangenen wurde dabei, laut Streit quellenmäßig bedingt, kaum behandelt.
Längere Ausführungen zum Arbeitseinsatz von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern finden sich in den Studien von Ulrich Herbert und Hubert Speckner, welche die o.g. Problematik aber nicht umfassend behandeln.[3] In relativ großer Zahl wurden in den letzten drei Jahrzehnten lokale und regionale Studien zur Zwangsarbeit, zu Konzern und Werksgeschichten veröffentlicht, die ebenfalls nur wenige Informationen zum System der Verwaltung und dessen Einfluss auf das Schicksal der Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter enthalten.[4] 
Gleiches gilt für die große Studie von Hans Mommsen und Manfred Grieger über das Volkswagenwerk.[5] Darüber hinaus muss konstatiert werden, dass in der vorhandenen Literatur nicht immer klar zwischen den Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern, zwischen den verschiedenen Ethnien denen sie angehörten und zwischen Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen, zumal denen aus dem Osten, unterschieden wird.
Was die sowjetische, beziehungsweise russische Geschichtsschreibung betrifft, so liegen nur wenige Werke vor, die das Schicksal sowjetischer Bürger in den deutschen Zwangsarbeiterlagern behandeln. Dies dürfte nicht zuletzt den Befehlen 270 und 227 Josef Stalins, des uneingeschränkt regierenden sowjetischen Diktators geschuldet sein. Ersterer wurde am 16.08.1941 erlassen und erklärte jeden gefangengenommenen Rotarmisten zum „niederträchtigen Deserteur“, der seine Heimat verraten habe und dessen Angehörige festzunehmen seien. Zweiterer, datiert vom 28.07.1942, bedrohte jeglichen Rückzug mit dem Tode, was als Druckmittel auf die Rotarmisten angewendet wurde.[6] Nach der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands wurden 5,5 Millionen Menschen, Kriegs- und Zwangsarbeiter, in die Sowjetunion repatriiert (ins Land zurückgelassen), von denen ungefähr ein Fünftel umgehend liquidiert oder zu langen Haftstrafen in Arbeitslagern verurteilt wurden. Hinzu kamen ungezählte Selbstmorde.[7] Noch bis 1992 beinhalteten sowjetische Personalfragebögen Fragen zum Aufenthaltsort jeden Einwohners und seiner Familienangehörigen während des Großen Vaterländischen Krieges (Zweiten Weltkriegs). In ihre vollen Rechte wurden die Betroffenen erst wieder am 24.01.1995 durch Präsidentenerlass eingesetzt.[8] Es ist nicht verwunderlich, dass sich im Nachkriegsrussland die Historiker mit dem Schicksal der sowjetischen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter bislang kaum auseinandergesetzt haben, trugen diese doch das Stigma des Vaterlandsverräters.[9]  
Bleiben die Publikationen zur deutschen Bevölkerung und hier im speziellen zur niedersächsischen Landbevölkerung. Hier ist vor allem die Studie über bäuerliche Verhaltensweisen von Beatrix Herlemann zu nennen, die sich ausführlich mit dem Verhältnis von einheimischer Landbevölkerung und in der Landwirtschaft beschäftigten Ausländern und Kriegsgefangenen auseinandersetzt.[10] Oder die Studie von Raimond Reiter, der sich mit Frauen in Niedersachsen während des Dritten Reiches auseinandersetzt, aber nur wenig über Kontakte zu sowjetischen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern schreibt.[11]
Augenfällig ist, dass der Großteil der genannten Literatur die Ebene der Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter in Kriegswirtschaft und Landwirtschaft, ihre durch deutsche Täter bestimmten Lebens- und Arbeitsbedingungen, kaum erreicht. Gleiches gilt für die Ebene der Beziehungen und Verhältnisse zwischen Landbevölkerung und Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern.
Und wie sieht es am Erzbergwerk Rammelsberg aus? Durch die zwei Reisen von Bernhild Vögel in die Ukraine liegen uns Interviews mit ehemaligen Zwangsarbeitern vor, mit deren Aussagen wir die Quellen der Zwangsarbeiterverwaltung des Erzbergwerks Rammelsbergs bzw. der der übergeordneten Unterharzer Berg- und Hüttenwerke GmbH konfrontieren können.

Um hier ein Beispiel zu nennen. Ein immer wiederkehrender Punkt in den Interviews war der ständige Hunger der Ostarbeiter und Ostarbeiterinnen, die ohnehin auf der nationalsozialistischen Rassenleiter auf der untersten Stufe standen, wohingegen die betrieblichen Quellen stets die Verpflegung als reichlich und gut bezeichnen.

Dennoch erklärt in einer Quelle vom 30.07.1942 der Ostarbeiter Benjamin Rjabuschenko einem Deutschen gegenüber in gebrochenem Deutsch: „Deutscher Kamerad mehr Brot, mehr Fleisch, mehr Kartoffeln, mehr Arbeit. Wir Kameraden Kohl und Wasser, keine Kraft!“ Das Ganze wurde dem Ostarbeiter als „Verächtlichmachung unserer Werksküche“ ausgelegt. Zur Strafe wurde die warme Verpflegung für einige Tage entzogen.[12] Am 17.08.1942 heißt es in der Todesbescheinigung des Ostarbeiters Pjotr Pianow lapidar: „Pilzvergiftung. Hat angeblich Pilze und Vogelbeeren gegessen, ist innerhalb von vier Stunden gestorben.“[13] Und am 24.08.1942 heißt es in einer weiteren Quelle: „Trotzdem die Verpflegung im Lager Oker z.B. gut und reichlich ist […] beschaffen sich die Ostarbeiter laufend andere „Nahrungsmittel“. So hat eine Kontrolle ergeben, daß sich die Ostarbeiter von dem Misthaufen Kaffee-Ersatz (von dem einige mehrere Pfunde auf einmal gegessen haben) und faule Kartoffeln, die für das Schweinefutter nicht mehr geeignet waren, mitgenommen haben, um diese im Lager noch zu kochen. Bei der durchgeführten Kontrolle wurde eine große Karre voll dieser Abfälle den Ostarbeitern abgenommen. Daß durch diese verdorbenen Lebensmittel zumal in der heißen Zeit Vergiftungen die Folge sind, ist erklärlich.“[14] Diese drei kurzen Beispiele bezüglich Hunger versus gute und reichliche Verpflegung dürften für sich selbst sprechen. 

Für das laufende Projekt geht es nun darum, sich diese Quellen aus der Feder der Verwaltung, der Täter, zu erschließen und mit historischen Quellen zu konfrontieren, die zur Analyse der Einzelschicksale z.T. schon in den 1990er Jahren ausgewertet wurden.

Ein Beispiel soll verdeutlichen, wie so etwas aussehen kann. Wichtig ist es zu berücksichtigen, dass Verwaltungssprache eine Sprache der Verschleierung, der Kälte, der Herzlosigkeit, der Unmenschlichkeit ist. Es ist eine Sprache, „die nicht meint, was sie sagt, und nicht sagt, was sie meint. (…) Verharmlosung und Verrohung verbinden sich zu einer Sprache des Uneigentlichen.“[15] Die Sprache versteckt die Wahrheit hinter Worten, die harmlos klingen und doch das Schicksal der Betroffenen auf menschenverachtendste Weise bestimmen. In einer Mitteilung der Unterharzer Berg- und Hüttenwerke GmbH, der Betreiberin des Erzbergwerks Rammelsberg, vom 18. Juli 1944 an das Arbeitsamt in Goslar heißt es zur Unterbringung von an Tuberkulose erkrankten „Ostarbeitern“: „Da wir bei unseren im Aufbau befindlichen Lagern keine Möglichkeit haben, die Kranken genügend zu isolieren und daher eine Übertragung der Krankheit auf gesunde Arbeitskräfte durch Ansteckung befürchtet werden muß, bitten wir, von dort aus zu veranlassen, dass uns die Ostarbeiter in kürzester Zeit abgenommen werden.“[16]

Dieses Zitat veranschaulicht die kalte Sprache der Verwaltungsanweisung, in der deutlich wird, dass nicht „einsatzfähige“, todkranke „Ostarbeiter“ als wirtschaftliche Belastung angesehen wurden, die dem Bergwerk „abgenommen“ werden sollten. Das Schicksal dieser Menschen war den zuständigen Verantwortlichen völlig egal. Können wir über die Einzelschicksale dieser Tuberkolosekranken mehr herausfinden oder müssen wir uns mit den Informationen aus den Verwaltungsakten zufriedengeben? Das Forschungsprojekt versucht Antworten auf solche Fragen zu finden!

 


Abb.: Sterbeurkunde eines erst 19jährigen russischen Zwangsarbeiters des Erzbergwerks Rammelsberg vom 13. April 1944. Die Sterbeurkunde enthält so wenige Angaben zur Herkunft, dass die von der deutschen Verwaltung zugeschriebene Bedeutungslosigkeit des Schicksals dieses jungen Menschen kaum deutlicher zu fassen ist. 

[1]Vögel, Bernhild: „Wir waren fast noch Kinder“ – die Ostarbeiter vom Rammelsberg, Goslar 2003; dies: System der Willkür. Betriebliche Repression und nationalsozialistische Verfolgung am Rammelsberg und in der Region Braunschweig, Goslar 2002.

[2]Streit, Christian: Keine Kameraden. Die Wehrmacht und die sowjetischen Kriegsgefangenen 1941-1945, Stuttgart 1978.

[3]Herbert, Ulrich: Fremdarbeiter. Politik und Praxis des „Ausländer-Einsatzes“ in der Kriegswirtschaft des Dritten Reiches, Bonn 1985; Speckner, Hubert: In der Gewalt des Feindes. Kriegsgefangenenlager in der Ostmark 1939-1945, München 2003.

[4]Fiedler, Gudrun; Ludewig, Hans-Ulrich (Hrsg.): Zwangsarbeit und Kriegswirtschaft im Lande Braunschweig 1939-1945, Braunschweig 2003.

[5]Mommsen, Hans; Grieger, Manfred: Das Volkswagenwerk und seine Arbeiter im Dritten Reich, Düsseldorf 1996.

[6]Overy, Richard: Die Wurzeln des Sieges. Warum die Alliierten den Zweiten Weltkrieg gewannen, Hamburg 2002, S. 373-374.

[7]Merridale, Catherine: Iwans Krieg. Die Rote Armee 1939-1945, Frankfurt/M. 2006, S.384.

[8]Müller, Klaus-Dieter: Die Tragödie der Gefangenschaft und der Sowjetunion 1941-1945, Köln 1998, S. 22..

[9]Osterloh, Jörg: Sowjetische Kriegsgefangene 1941-1945 im Spiegel nationaler und Internationaler UntersuchungenMüller, Klaus-Dieter: Die Tragödie der Gefangenschaft und der Sowjetunion 1941-1945,  Dresden 1995, S. 52.

[10]Herlemann, Beatrix:: „Der Bauer klebt am Hergebrachten“: Bäuerliche Verhaltensweisen unterm Nationalsozialismus auf dem Gebiet des heutigen Niedersachsen, in: Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen, 39, Niedersachsen 1933-1945, Bd. 4, Hannover 1993. 

[11]Reiter, Raimond: Frauen im Dritten Reich in Niedersachsen: Eine Dokumentation, in: Frauen in Geschichte und Gesellschaft, Bd. 33, Pfaffenweiler 1998.

[12]Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg: BGG-Archiv, Akte Ostarbeiter Allgemein, Russische Zivilarbeiter, Quelle vom 30.07.1942.

[13]Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg: BGG-Archiv, Akte Ostarbeiter Allgemein, Todesbescheinigung, Quelle vom 17.08.1942.

[14] Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg: BGG-Archiv, Akte Ausländer Bestimmungen 1, Ostarbeiter, Quelle vom 24.08.1942.

[15] Mathias Döpfner, „Besprechung mit Frühstück“. Wie kann es sein, dass die Ermordung der europäischen Juden in neunzig Minuten bei Kaffee und Cognac beraten wurde ? Der ZDF-Film „Die Wannseekonferenz“ entlarvt die Sprache dessen, was sprachlos macht. In: Welt am Sonntag, Nr. 4, 23. Januar 2022, S. 43.

[16] Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg. BGG-Archiv. Akte Ostarbeiter 2, Abschrift „Nicht einsatzfähige Ostarbeiter“ v. 28. Juli 1944.

Stadtgeschichten – Der tiefe Julius-Fortunatus-Stollen

In diesem Jahr begeht die Stadt Goslar ihr 1.100jähriges Jubiläum.
1.100 Jahre Stadtgeschichte sind auch 1.100 Jahre Bergbaugeschichte, denn die Entwicklung des Bergbaus am und im Rammelsberg ist untrennbar mit der Geschichte der Stadt verbunden. Im Laufe dieses Jahres werden wir hier im Blog mit verschiedenen Beiträgen das Stadtjubiläum aufgreifen, in dem Orte und Begebenheiten vorgestellt werden, die die Stadt- und Rammelsberggeschichte untrennbar miteinander verbinden.
Den Auftakt bildet der tiefe Julius-Fortunatus-Stollen, der nach über 99 Jahren der Aufwältigung am 25. September 1585 fertiggestellt wurde.

Erinnerungstafel am Mundloch. Foto ©Rammelsberg

In der Mitte des 15. Jahrhunderts erreichte der Bergbau am Rammelsberg immer größere Tiefen. Damit einher ging das Problem der sog. „Sümpfung“ der Grubenbaue, d.h. die stete Abführung des anfallenden Grubenwassers. Der Rathstiefste Stollen, als bisheriger Wasserlösungsstollen, lag inzwischen zu hoch um dieser Aufgabe in Gänze nach zu kommen. Daher beschloss 1484 der Rat der Stadt Goslar, der zu diesem Zeitpunkt noch Eigener an den Rammelsberger Gruben war, einen neuen Wasserlösungstollen ca. 45 m tiefer als der Rathtiefste Stollen anlegen zu lassen.

Baubeginn war am 11. Mai 1486. Begonnen wurde im Bereich außerhalb der westlichen Wallanlagen, zwischen dem unterem Wasserloch und dem Breiten Tor. Anfänglich wurden zur Auffahrung des Stollens Bergleute aus der Markgrafschaft Meißen beschäftigt, weshalb der Stollen zu dieser Zeit auch als „Meissner Stollen“ bezeichnet wurde. Aufgefahren wurde der Stollen jedoch nicht nur von einer Seite, sondern von mehreren Schächten  aus, den sog. Lichtlöchern, von denen ausgehend in beide Richtungen gearbeitet wurde. Die Lichtlöcher dienten hauptsächlich der Bewetterung der Strecke. Insgesamt gab es neun Lichtlöcher in unterschiedlichen Entfernungen zueinander. Teilweise mit Flurbezeichnungen, die noch heute in Goslar bekannt sind, wie „Nasser Herbst“ oder „Finkenflucht“ am sog. Bauen Haufen. Der Blaue Haufen selbst ist die ehemalige Abraumhalde des Lichtloches „Finkenflucht“. Der Schacht des Lichtloches „Finkenflucht“ hatte eine Tiefe von über 80 m.

Während des Vortriebs kam es aufgrund technischer Schwierigkeiten und politsicher Ereignisse zu vielfachen Unterbrechungen. Es dauerte insgesamt 99 Jahre bis der neue Stollen seinen Betrieb aufnehmen konnte. Unter anderem hatte der Rat der Stadt Goslar während der Bauphase 1552 durch die Vereinbarungen des Reichenberger Vertrages die Oberhoheit am Rammelsberg an die Braunschweiger Herzöge verloren, was zu einer entscheidenden Verzögerung führte. Die letzte große Arbeitsphase fand unter der Regentschaft des Braunschweiger Herzogs Julius statt, weshalb der Stollen bis heute den Namen „Tiefer-Julius-Fortunatus-Stollen“ trägt.

Straßenschild der Straße „Am Stollen“ in Goslar. Foto ©Rammelsberg

Der Stollen verläuft auf seiner Länge von  ca. 2.580 m ziemlich gerade. Vom Rammelsberg aus in nördlicher Richtung bis zu der heutigen Landmarke „Blauer Haufen“ unterquert er die sog. Bergweisen. Ab dem Gelände des EFZN befindet sich der Verlauf knapp 30 m unter bebautem Gebiet. Er streift das ehemalige Kasernengelände am südöstlichen Ende, kreuzt die Wallstraße, die Straße Am Stollen [sic!] auf Höhe Kreuzung Bozener Straße, die Ludwig-Jahn-Straße in Richtung Rewe-Markt, dessen Gelände und Parkplatz auf der nordwestlichen Seite unterquert wird. Knapp 12 m unter der Kreuzung Reiseckenweg/Bleicheweg nähert er sich den Wallanlagen an, um ungefähr auf Höhe der Tankstelle in Mitten der Wallanlagen nach über Tage zu treten. Genau an der Stelle, wo vor über 500 Jahren die Arbeiten an dem Stollen begannen. Das eher unscheinbare Mundloch ist heute verschlossen und durch Informationstafeln erläutert.

Das heutige Mundloch des Tiefen-Julius-Fortunatus-Stollens in den südöstlichen Wallanlagen. Foto ©Rammelsberg

Nach dem Ende des Bergbaus am Rammelsberg verlor der Julius-Fortunatus-Stollen seine eigentliche Funktion als Wasserlösungsstollen, da das Bergwerk nach dem Betreibsende kontrolliert „absoff“. 1997 wurde der Stollen verschlossen, sodass durch ihn kein Grubenwasser mehr aus dem Rammelsberg abfließen konnte.

Eine Nutzung des Stollens durch das 1990 gegründete Museum am Rammelsberg war und ist nicht vorgesehen, dennoch ist der Stollen nicht funktionslos! Denn es fließt immer noch Wasser durch diesen untertägigen Bereich. Allerdings kein Grubenwasser, sondern übertägiges Sickerwasser, welches sich stetig in der über 2 km langen Strecke, ähnlich einem Drainagerohr sammelt und in Richtung Stadt abfließt. Dieses Wasser wird seit 2004 durch das Goslarer Schwimmbad „Aquantic“ zur Eigenwassergewinnung genutzt. Kurz hinter dem Mundloch wird auf knapp 600 m das anfallende Wasser aufgestaut und durch eine stationäre Anlage abgepumpt. Danach durchläuft es eine Trinkwasseraufbereitungsanlage und steht dem Schwimmbad zur Verfügung.

Auch wenn sich die Funktion deutlich gewandelt hat, dient die ehemalige bergbauliche Anlage bis in die Gegenwart den Bürgerinnen und Bürgern der Stadt.