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Das Magazin – Lagerhaltung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts

Schon in der Antike war Lagerhaltung überlebenswichtig. Das galt anfangs vor allem für Lebensmittel. Je weiter sich das Handwerk spezialisierte und die Industrialisierung fortschritt, desto wichtiger wurde auch die Bevorratung mit Zubehör für Werkzeug und Maschinen und die damit verbundene Dokumentation.

Für den Bergbau galt dies vor allem für Gegenstände des Unter- und Übertagebaus, damit bei Ausfällen schnell auf Ersatzteile zugegriffen werden konnte und somit ein reibungsloser Ablauf gesichert war.

Durch die Digitalisierung der Arbeitswelt konnte die Beschaffung von benötigten Materialien beschleunigt werden. Online-Bestellungen, Express-Lieferungen sowie die automatische Überwachung der Bestände machten eine eigene Lagerhaltung überflüssig.

Nachteil dieses inzwischen weltweit praktizierten Systems ist die Abhängigkeit vom Funktionieren der Lieferketten oft über Kontinente hinweg und dem Zugriff auf Rohstoffe. Die Produktionsverlagerung in Niedriglohnländer führte teilweise zu einer Qualitätsminderung der Produkte. Diese und weitere Argumente werden die wirtschaftlichen Akteure, auch aufgrund der COVID-19-PANDEMIE und steigenden Nachhaltigkeit, zum Überdenken des derzeitigen Systems zwingen. Dennoch lässt sich die Magazinhaltung am Rammelsberg als Relikt charakterisieren, das einen Blick in die Vergangenheit der Lagerhaltung erlaubt. Im Gegensatz zur heutigen minimalistischen und hochkomplexen Lagerhaltung handelte es sich bei dem Magazin um einen Ort der Aufschluss über die Materialwirtschaft eines Bergwerks in den 1950er bis 2000er Jahren gibt.

Situation am Rammelsberg

In den 1920er Jahren gab es noch kein Magazingebäude. Die benötigten Materialien wurden jeweils in sogenannten “Materialienschuppen” vor Ort eingelagert.


Lageplan mit dem alten Materialschuppen; 
 in Gelb skizziert: der Grundriss der neuen Aufbereitungsanlage, um 1935.

Diese unübersichtliche Situation sollte durch eine Zusammenlegung in einem Magazin behoben werden. Mit der steigenden und immer stärker mechanisierten Förderung ergab sich am Rammelsberg die Notwendigkeit nach zusätzlichen Materialschuppen. Dies erforderte eine erweiterte Lagerhaltung, die sich wohl als unstrukturiert erwies. 1927 wird so in einem Aktenvermerk festgestellt, dass durch den Einbau von Regalen in einem Materiallager eine gewisse Übersicht hergestellt werden konnte.

Parallel dazu bestand ein System von speziellen Magazinen. Beispiele hierfür sind die Sprengstoff-Arsenale, die auf jeder aktiven Sohle des  Erzbergwerks vorhanden waren oder das Lager für Reagenzien an der Aufbereitung. Ziele waren unter anderen die Vermeidung langer Arbeitswege sowie die Eingrenzung von Gefahren.


Beispiel eines Sprengstofflagers unter Tage, um 1930.

Nach der Machtübernahme der Nazis 1933 nahm der Rammelsberg wegen seiner umfangreichen Buntmetall-Vorkommen eine zentrale Rolle in der Kriegsplanung ein. Durch das sogenannte „Rammelsbergprojekt“ sollte die Förderung, Aufbereitung und Verarbeitung erheblich ausgeweitet werden. Im Rahmen der Neubaupläne wurde auch ein zentrales Magazingebäude vorgesehen . Den Auftrag erhielten 1935 die Architekten Fritz Schupp und Martin Kremmer, die führend auf dem Gebiet der Industriearchitektur waren. Die Fertigstellung des Magazins erfolgte 1939, doch es erhielt nie eine baupolizeiliche Abnahme.

Das Magazingebäude

Das Magazingebäude bildet eine bauliche Einheit mit dem parallel gelegenen Zechenhaus einschließlich der Lohnhalle. Der erste Bau schließt den dazwischenliegenden „Ehrenhof“ nach Norden, der zweite nach Süden ab. Die westliche Begrenzung ist durch die Rammelsberger Straße gegeben. Der östliche Bereich wird durch die höhergelegene Werkstraße begrenzt, so dass die obere Etage des Magazingebäudes von der Werkstraße aus ebenerdig begehbar ist.


Aufsicht auf die Gebäudeeinheit von Magazin und Zechenhaus, 1941.

Der Bau wurde 1937 begonnen. Allerdings gab es diverse Probleme, so dass sich der Einzug der Lagerbestände in das Magazingebäude bis März 1939 hinzog. Noch im August 1939 wurden Planungs- und Baumängel festgestellt, u. a. eine fehlende statische Berechnung. Diese wurde einerseits durch eine zeitliche Verzögerung des Briefwechsels, aber auch durch die Einberufung des Sachbearbeiters nach Kriegsbeginn verursacht. Weiter wurde bei der baupolizeilichen Prüfung die überschrittene Belastungsgrenze des Blechlagers beanstandet ebenso wie die nicht übereinstimmen Maße des Plans. Aus diesem Grunde wurde im Oktober 1940 die behördliche Abnahme verweigert. Die Mängel bestnden bis Kriegsende, da im Juni 1944 von einem unveränderten Zustand des Magazingebäudes die Rede war.

Als Begründung dieser Mängel wird in den vorliegenden Akten darauf hingewiesen, dass im Verlauf der Baumaßnahmen vor allem ein Material- und Arbeitermangel bestand sowie bestimmte Vorschriften erst nach Baubeginn des Gebäudes in Kraft traten, die dann  Verzögerungen bei der Ausführung führten.

Trotz dieser Mängel erfolgte im März 1939 der Umzug in das neu erstellte Gebäude. Folgende Materialien waren zur Einlagerung vorgesehen:

Im Obergeschoss:                 
Schrauben, Eisen, Schwellen, Schienen, Rohre, Unterlegplatten, Drahtseile, Verbindungsstücke, Ventile, Fette, Dielen, Sauerstoff, Gas und Nieten.

Im Mittelgeschoss:               
Elektrische und diverse kleine Materialien, Bohr-Ersatzteile und kleinere Ersatzteile für die Aufbereitung.

Im Untergeschoss:               
Zement, Dachpappe, Gips, Drahtgeflecht und die schweren Ersatzteile für die Aufbereitung.

Außerdem beherbergte der drei Etagen umfassende Bau noch einen Lokschuppen, einen Schulungsraum, einen Fahrradstellplatz sowie mehrere Büroräume. Damit ergab sich eine multifunktionale Nutzung.


Querschnitt des geplanten Magazingebäudes, 1938.

Über die Verwaltung der Magazine gibt es keine Hinweise in den hier vorliegenden Akten; nur an einer Stelle wird ein Herr Sander als Verantwortlicher für den Einzug ins Zentralmagazin benannt.  Zu den Materialanforderungen findet sich ein Formular für Seife und Seifenpulver, so dass von einer genauen Buchführung ausgegangen werden kann.

Während der Kriegsjahre kam es durch Zuweisungen von mehr als angeforderten Zwangsarbeitern zeitweise zu Unterbringungsschwierigkeiten, so dass der Fahrradkeller als provisorisches Lager für Ost-Arbeiter diente.

Zwangsarbeiter berichteten später, dass die zugeteilten Tabakwaren außerhalb des Magazins untergebracht waren und von ihnen gestohlen werden konnten, indem sie ein Fenster manipulierten.

Die Aktenlage am Rammelsberg

Eine wichtige Stütze zur historischen Aufarbeitung der Magazin-Geschichte bilden technische Zeichnungen und Baupläne. Schriftliche Notizen über und aus dem Arbeitsalltag sowie Zeitzeugenberichte stellen eine Seltenheit dar. Somit können Informationen über Zeit, Lage und Größe des Magazins nur indirekt erschlossen werden.

Probleme ergaben sich einerseits aus dem Papiermangel und der -qualität vor allem während der Kriegszeit, der dazu führte, dass Rückseiten früherer Dokumente als Schreibmaterial erneut verwendet wurden. Ebenfalls führte das beidseitig beschriftete Durchschlagpapier zu einer verminderten Lesbarkeit. Eine weitere Schwierigkeit stellten kleine handschriftliche Zettel dar, die aufgrund ihrer individuellen Schreibweise, oftmals auch in Sütterlin-Schrift, kaum verständlich sind.


Beispiel für einen Akteneintrag, 1944.

Zudem wirkte sich der durch den Kriegsdienst entstandene Personalmangel auf die Verwaltung der Akten aus. Dies belegt die teilweise unsortierte Ablage der Dokumente sowie die lückenhafte Archivierung.

Andererseits zeigte sich in der Auswertung die Problematik einer nichtprofessionellen Aufbewahrung, in Form von Verschmutzung, Beschädigung und teilweisen Verlust. Zudem weisen die Missachtung des Aktenverzeichnisses und die Unterbringung an verschiedenen Orten weder eine thematische noch zusammenhängende Archivierung auf.

Die aktuelle Aufarbeitung der Geschichte des Rammelsberger Magazins gibt einen neuen Einblick in vergangene Arbeitsweisen und Entwicklungsprozesse bis 1945. Die weitere nachkriegsbedingte Veränderung der Magazinnutzung soll in einem weiteren Blog-Artikel thematisiert werden.

Ein Beitrag der Studierendengruppe der Leibniz Universität Hannover SS 2021:
Nils Radunz, Larissa Schäfer, Monika Wergandt

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