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Reisen in den Schoß der Mutter Erde: Montantourismus am Rammelsberg

Hurra! Inzwischen dürfen wir am Rammelsberg wieder Unter-und Über-Tage-Führungen für Besucher anbieten. Das ist wunderbar, denn bereits zu Betriebszeiten des Erzbergwerks gab es immer wieder Reisende, die in den Rammelsberg einfahren durften. Besonders im 18. und 19. Jahrhundert war der Harz eines der beliebtesten Reiseziele Europas.

Doch wer reiste in den Harz? In Kaspar Friedrich Gottschalks „Taschenbuch für Reisende“ von 1806 findet sich hierzu folgendes: „Die Kenntnisse, welche man sich auf einer Reise über den Harz erwerben kann, sind so mannichfach, als es die Wissenschaften selbst sind. Am Vorzüglichsten wird der Mineraloge, der Naturhistoriker, der Geologe, der Botaniker, der Altertumsforscher, der Historiker, der Forstmann, der Mahler und jeder Freund der Natur sich befriedigt fühlen. (…)“ Und weiter schreibt er: „Da der Berg und Hüttenbau die Hauptmerkwürdigkeit des Harzes ist, so verdient er auch (…) von jedem gesehen zu werden. (…)“

Neben den so genannten Sommer- und Winterfrischlern kamen besonders aus den nahe gelegenen Universitäten Göttingen und Halle außerdem Forschungsreisende aller Fachgebiete in den Harz. Sie führten beispielsweise Vermessungen durch, wie der Biologe und Geograph Eberhard August Wilhelm von Zimmermann. Im Jahre 1775 nahm er am Brocken und am Rammelsberg eine barometerische Höhenmessung vor.

Montantouristen um 1910 am Rammelsberg, Sammlung Weltkulturerbe Rammelsberg

Und diese so genannten Montantouristen strömten in die Bergwerke und Hütten. Berühmte Reisende waren darunter, beispielsweise Gottfried Wilhelm Leibniz, Charles des Montesquieu, Johann Wolfgang von Goethe, Georg Christoph Lichtenberg, Heinrich von Kleist, Heinrich Heine, Hans-Christian Andersen, Jerome Bonaparte, Friederike von Anhalt-Bernburg, König Georg V. von Hannover, Wilhelm Raabe, Ricarda Huch und viele weniger berühmte, aber nicht minder wichtige, die sich von einem Besuch Unter Tage ein einzigartiges Erlebnis versprachen. Diese Fremden mussten Fahrgeld entrichten und erhielten auch eine Fahrkleidung. Die Dauer dieser Befahrung war sehr unterschiedlich. Der Privatgelehrte Karl Julius Weber, der in Göttingen Jura studierte schreibt 1826, dass eine Reise in den Harz die interessanteste Tour sei, die man machen könne und diese zu seinen angenehmsten Erinnerungen gehöre. Die Reisenden, so Weber, unternehmen auch eine Grubenfahrt und man bleibe „ohngefähr eine Stunde im Schooße der Mutter Erde“.

Auch Frauen trugen sich in die Fremdenbücher ein, in denen noch heute die Namen der Reisenden zu lesen sind. Bereits 1703 heißt es in einem Bericht, dass sich aber die Weibes-Personen in einen Berg-Habit verkleiden müssten, da sie sonst mit ihren langen Röcken auf den Fahrten (Leitern) nicht fortkommen könnten.

Und was gab es dort zu sehen? Ein für die Fremden aufregendes Erlebnis wardas so genannte Feuersetzen am Rammelsberg. Hier wurden an den Wochenenden große Feuer entfacht um das sehr harte Erz zu lösen. War das Reisen in die Unterwelt grundsätzlich ein beispielloses und aufregendes Erlebnis,so verstärkten diese Feuer noch den Eindruck einer furchteinflößenden fremden und geheimnisvollen Welt. Heinrich von Kleist schrieb: „In Goslar fuhren wir in den Rammelsberg, wo in großen Höhlen die Erze mit angezündeten Holzstößen abgebrannt werden und alles vor Hitze nackend arbeitet. Man glaubt in der Hölle oder doch wenigstens in der Werkstatt der Zyklopen zu sein. (…)“

Jerome erlebt das Feuersetzen (Mittelbach)

Sicherheit gaben die Fremdenführer, die die Besucher an die Hand nahmen. Es waren grundsätzlich Betriebsangehörige, die in der Nähe wohnten, wie beispielsweise der Bergmeister Stelzner vom Rammelsberg. Er, so hieß es in einem Reisebericht, führe die Besucher mit „außerordentlicher Gefälligkeit in den Eingeweiden des Berges“ herum. Die einzigartigen Erlebnisse wurden nach dem Besuch häufig niedergeschrieben und einige dieser Reiseberichte sind auch heute noch erhalten. Aber nur wenige Montantouristen waren in ihrer Beobachtung und in der Beschreibung der Verhältnisse so wunderbar poetisch wie Hans-Christian Andersen. Der Dichter verfasste einen längeren Bericht über seine Einfahrt in den Rammelsberg: “ (…) Wir bekamen einen Führer, er zündete sein Grubenlicht an, öffnete nun eine große Tür, und – es ward mir ganz wunderbar ums Herz – wir traten ein. (…) Bergleute mit ihren Grubenlichtern begegneten uns; „Glück auf!“ war der gegenseitige Gruß (…) ein Kaufmann aus Goslar begleitete mich, ich hielt mich an ihm an, obgleich es nur ein schmales Brett war, auf dem wir vorwärts schritten. (…) ein Gang durchkreuzte den andern, und der Führer verschwand mehrere Male vor unsern Augen. (…) Es ist doch ein wunderbarer Gegensatz zwischen dem abwechselnden Leben des Seemanns und dem einförmigen des Bergmanns. Mit geschwellten Segeln fliegt jener von Küste zu Küste (…). Für den Bergmann hingegen gleitet ein Tag wie der andere dahin. (…)“

Im Jahre 1837, sechs Jahre nach dem Besuch von Andersen, erschien der erste schriftliche Fremdenführer für den Rammelsberg, verfasst von dem Bergbeamten Carl Koch. Er berichtet in nüchternen Fakten von der besonderen Arbeitswelt der Bergleute. Doch in der Vorrede dieses Büchleins ist zu lesen: „Weithin ist der Rammelsberg mit seinem Bergbaue und durch die Eigentümlichkeit desselben berühmt. Von nah und fern strömen Fremde herbei, um ihn zu befahren und kennen zu lernen. Oft, wenn es die Zeit erlaubt, bin ich Begleiter derselben, und dann macht es mir Freude, den Besuchern in Kürze mitzuteilen, was diese kleine Broschüre enthält.“

Also strömen Sie herbei! Denn heute jedoch gibt es neben mannigfaltiger Literatur auch eine große Anzahl von sehr gut ausgebildeten Grubenführern, die Ihnen kompetent die faszinierenden Über-Tage-Anlagen und nun endlich auch wieder den Roeder-Stollen zeigen können.

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