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Die Metamorphose der Dinge – Die Veränderung des authentischen Objektes in ein museales Exponat

Im Blogbeitrag vom 22. August 2014 habe ich die Auseinandersetzung zwischen authentischer Wiederherstellung und musealer Nutzung als eine häufig wiederkehrende Herausforderung von Industriemuseen angesprochen, die in originaler Bausubstanz eine Ausstellung einrichten. Ich möchte Aspekte dieser Problematik am Beispiel der Wiedereinrichtung des Arbeitsplatzes des Haspelführers der Schrägförderanlage vorstellen.

Die in den Jahren 1935/36 gebaute Schrägförderanlage am Hang des Rammelsbergs wurde 1993, fünf Jahre nach Stilllegung des Erzbergwerkes, außer Betrieb genommen. Die Anlage und insbesondere das sogenannte Haspelhaus am höchsten Punkt der Aufbereitungsanlage fiel in 20 Jahren Stillstand in eine Art Dornröschenschlaf. Hier oben, abseits des normalen Publikumsverkehrs, blieb der Arbeitsplatz, von dem aus der Haspelführer die Anlage bedient hatte, fast unberührt.

Haspelhaus Außenansicht vor der Sanierung

Außenansicht des Haspelhauses der Schrägförderanlage vor der Sanierung, 2009

Werkzeuge lagen noch an ihren Plätzen, Arbeitskleidung hing ordentlich im Spind, im Holzschrank neben der Förderwinde standen Ölkannen, und neben der Maschine lagen Putzlappen. Der Arbeitsplatz war eingerichtet, als hätte der Haspelführer gerade eine Mittagspause eingelegt. Nur eine feine Staubschicht auf den Dingen zeigte an, dass dieser Arbeitsplatz seit Jahren verlassen war.

Material- und Werkzeugschrank des Haspelführers vor der Beräumung

Material- und Werkzeugschrank des Haspelführers mit Inventar vor der Beräumung, 2009

Diese fast idyllisch anmutende Atmosphäre fand mit dem Beginn der Bauarbeiten zur Wiederinbetriebnahme der Schrägförderanlage ein jähes Ende. Nach Jahren des Stillstandes begannen die Arbeiten Ende 2012 / Anfang 2013. Dabei wurden auch das Haspelhaus und die Fördermaschine mit der notwendigen Sorgfalt im Hinblick auf den Denkmalschutz und die Erhaltung der authentischen Raumsituation saniert. Die Einrichtung des Leitstandes und des Maschinenraums sollten wie vorgefunden erhalten bleiben.

Arbeitsplatz des Haspelführers vor Beginn der Bauarbeiten

 Arbeitsplatz des Haspelführers vor Beginn der Bauarbeiten, 2009

Dazu war es notwendig, einen Teil des Inventars wie Stühle, Bänke und Schränke zeitweise aus dem Haspelhaus herauszunehmen. Diese Dinge wurden inventarisiert und fotografisch dokumentiert, insbesondere hinsichtlich ihrer Verortung im Raum. Auch ein Teil der Dekoration, etwa Postkarten mit Urlaubsgrüßen, Urlaubsbilder, Zeichnungen, aber auch technische Anweisungen, Thermometer und viele kleine Dinge, mit denen der Haspelführer sein Umfeld etwas privater gestaltet hatte, wurden während der Bauarbeiten im Depot aufbewahrt.

Objekte vom Arbeitsplatz des Haspelführers

Objekte, vom Arbeitsplatz des Haspelführers, die vor den Bauarbeiten zur Sicherung ins Depot gebracht wurden, 2011

Vor einigen Wochen kamen diese Dinge wieder ins Haspelhaus, das sich von innen nur unmerklich verändert hatte. Der Anstrich der Fenster, einige verschlossene Risse in den Wänden und der behutsam ausgefleckte Wandanstrich verdeckten nicht die Spuren der Arbeit. Noch immer waren an der Wand die Fett- und Dreckflecken zu sehen, die durch unachtsamen Gebrauch der Ölkanne oder das Abstützen mit der schmutzigen Hand entstanden waren. Selbst den eigenwilligen Geruch, der alten Maschinen anhaftet, konnten die Sanierungsarbeiten nicht vertreiben. Die an verdeckten Stellen nun mit Inventarisierungsnummern versehenen Objekte kehrten in ansonsten gleicher Aufmachung an ihren ursprünglichen Ort zurück.

Alles schien genauso zu sein wie vor der Sanierung – und doch hatte sich einiges verändert. Beim Material- und Werkzeugschrank des Haspelführers war dies offensichtlich: Er war nicht mehr mit allen Utensilien bestückt, weil manche der verwendeten Schmierstoffe und Putzmaterialien nicht offen eigelagert werden konnten.

Material- und Werkzeugschrank des Haspelführers nach den Sanierungsarbeiten

Material- und Werkzeugschrank des Haspelführers mit Inventar nach den Sanierungsarbeiten, 2014

Doch auch das Wandbild, das mit den noch vorhandenen alten Heftzwecken wieder genau auf die ausgeblichene Stelle an der Wand befestigt wurde, verlor seine authentische Ausstrahlung. Es ist jetzt zu einem Exponat am ausgestellten Arbeitsplatz des Haspelführers geworden. Aus konservatorischer Sicht verhinderte die zeitweise Aufbewahrung im Depot Veränderungen an den Objekten. Doch die Verwandlung der Objekte zu Exponaten konnte die Depotunterbringung nicht verhindern. Die Einlagerung hat diesen Prozess sogar noch beschleunigt.

Bereits der Übergang des Haspelhauses in den musealen Zusammenhang durch die Wiederinbetriebnahme der Schrägförderanlage hat aus einer stillgelegten technischen Einrichtung ein museales Anschauungsobjekt gemacht. Der verlassene Arbeitsplatz des Haspelführers wurde zum Museumsobjekt. Werden die Dinge vom ursprünglichen Standort entfernt, inventarisiert, dokumentiert und anschließend wieder an ihrem alten Standort zurückgeführt, wird der Prozess der Musealisierung mit der „Düse“ der musealen Bearbeitung beschleunigt.

Ehemaliger Arbeitsplatz des Haspelführers nach der Sanierung

Ehemaliger Arbeitsplatz des Haspelführers nach der Sanierung und der Rückführung der deponierten Exponate an ihren ursprünglichen Ort, 2014

Das Museum gilt als der Ort des Bewahrens materieller Hinterlassenschaften. Objekte die an das Museum übergeben werden, soll das Museum für lange Zeit unverändert bewahren. Es sollte aber nicht vergessen werden, dass damit unweigerlich die Transformation von Dingen in Museumsobjekte verbunden ist, was einen anderen Umgang mit diesen Objekten mit sich bringt. Insbesondere in einer Zeit des zunehmenden Umgangs mit virtuellen Medien scheinen die materiellen Dinge ein Anker objektiver Vermittlung zu sein. Das sind sie aber nie gewesen. Auch über die Dinge und die ihnen innewohnenden immateriellen Veränderungseigenschaften muss bei der Arbeit mit der Sammlung im Museum nachgedacht werden.

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