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„Schutz und Schirm? Der Bergbau im Harz unter der Protektion von Königtum und Adel im Hoch- und Spätmittelalter“

Ein Gastbeitrag von Dr. Jan Habermann, Stadt Goslar

Goslar im Jahr 1204 – das Reich ist tief in den Wirren des deutschen Thronstreits versunken. Erneut hat der welfische König Otto IV. die staufertreue Stadt Goslar durch Belagerung und Handelsblockade zu unterwerfen versucht. Noch während seines Rückzugs nach Braunschweig wird eine außerordentliche Zerstörung der nahegelegenen Silberhütten (casulis argentiis) befohlen – so berichtet es Arnold von Lübeck. Die beständigen Angriffe des Welfen führen zur Entvölkerung und Aushungerung der Stadt – der Bergbau am Rammelsberg kommt über Jahre hinweg zum Erliegen. Unter dem nachwirkenden Eindruck dieser Verheerung wird der Goslarer Reichsvogtei in der Folgezeit – mehr als zuvor – die Funktion einer Schutzgewalt über Berg- und Hüttenleute zu Teil. Die wahrscheinlich in den Jahren zwischen 1244 und 1258 verfasste Goslarer Vogteigeldlehnrolle (s. Abb.) verzeichnet bedeutende Grafen, Edelherren und Ministeriale am Harz, deren jährliche Geldeinkünfte aus der Reichsvogtei in späteren Quellen damit begründet werden, dass sie als Reichslehen mit der Verpflichtung einhergehen, die „Wald- und Hüttenleute“ (montani et silvani) zu beschützen.

Vogteigeldlehenrolle (c) Stadtarchiv goslar.png

Vogteigeldlehenrolle (c) Stadtarchiv goslar

Das in seiner Zweckmäßigkeit einzigartige Goslarer Dokument spiegelt die außerordentliche Notwendigkeit, den Bergbau im nordwestlichen Harz zu beschirmen. Ein schärferer Blick auf diese noch zu wenig diskutierte Quelle lässt das ursprüngliche Konzept und die frühesten Zuständigkeiten erkennen. So war die Harzburg nach ihrem Wiederaufbau 1180 durch Kaiser Friedrich I. Barbarossa mit Einsetzung der Grafen von Wöltingerode-Wohldenberg als Burgkommandanten zur Schutzburg für das Goslarer Umland umgewandelt worden. Zur Unterbringung von Garnisonen sowie für das Burgquartier der Grafen wurden erstmals Burgkurien für den Hochadel eingerichtet. Doch während des deutschen Thronstreits und seines Folgekonflikts entstand die Notwendigkeit, die Zuständigkeiten und abrufbaren personellen Ressourcen bedeutend zu erhöhen.

Weitere Grafen und Edelherren mit Besitz am nördlichen Harz wurden zum Schutz insbesondere des Bergbaus mit Geldlehen aus der Reichsvogtei und Burgsitzen auf der Harzburg ausgestattet. Der verfassungsgeschichtliche Wandel im deutsch-römischen Reich während des 13. Jahrhunderts brachte es mit sich, dass die ursprüngliche Schutzfunktion der Burgsitze verloren gerieten und durch vollständigen Besitzübergang in die Hände der Grafen von Wernigerode zunehmend in beherrschende Stellung gegenüber Goslar und seinen noch verbliebenen Bergwerken gebracht wurde. Noch im 14. Jahrhundert entschloss Kaiser Ludwig IV. der Bayer, die Eigeninteressen des regionalen Adels am Bergbau dadurch zurückzudrängen, dass er die mächtigsten, dynastischen Herrschaftsträger am Harz durch konkrete Schutzaufträge und Lehnbriefe wieder stärker den Interessen des Reiches in dieser Region dienstbar zu machen versuchte. Doch das blieb nur eine Episode.

Abgesehen von der schwindenden Bedeutung des Bergbaus und des in den Vogteigeldern begründeten Schutzauftrags im westlichen Harz stärkte der regionale Harzadel die eigene wirtschaftliche Stellung durch die in seinen Territorien gelegenen Bergbauressourcen, die er mit Burgen und Befestigungsanlagen sicherte. In vielen Herrschaftsgebieten des Harzes wird ein enger Zusammenhang zwischen Burg und Bergbau begreifbar, der sich am konkreten Schutzbedürfnis gegenüber den wertvollsten Machtgrundlagen in einer durch Fehden und Kleinkriege geprägten Epoche erhellen lässt. Mit der Entstehung von gefestigten Gebietsherrschaften und Landeshoheiten am Harz geht diese Form der Protektion in den konsolidierten Berghoheiten schließlich unter.

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