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„Stuhllöffel“ – oder vom Verlust handwerklicher Qualifikation durch Kunststoff

Die Bewunderung für handwerkliche Arbeit wird überwiegend an Dingen festgemacht, die nicht unbedingt ein unangenehmes Gefühl auslösen. Bei den vorliegenden Objekten ist es etwas anders. Es sind Behälter für „Stuhllöffel“, die für die Stuhlprobe zwecks ärztlicher Untersuchung genutzt wurden. Wer heute so eine Stuhlprobe abgeben muss, bekommt dafür einen kleinen Brief, in dem sich alle dazu notwendigen Utensilien aus Pappe oder Kunststoff befinden. Vor einigen Jahrzehnten sahen die Utensilien für eine Stuhlprobe noch ganz anders aus und sie besaßen eine handwerkliche Qualität. Die Behälter aus dem Sanitätsraum des Erzbergwerks Rammelsberg geben darüber eindrucksvolle Auskünfte. Keine Angst, sie sind unbenutzt, eine ganz saubere Sache!

Die Behälter für die Stuhllöffel wurden vom Staatlichen Medizinischen Untersuchungsamt Braunschweig herausgegeben. Sie bestehen aus einem etwa 12 Zentimeter langen und 3,5 Zentimeter tiefen Holzklotz, der ausgebohrt ist. In der Bohrung wurde eine verschließbare Metallkartusche eingesteckt, in der wiederum ein einseitig geöffnetes Glasröhrchen steckt. Das Glasröhrchen wird mit einem Korken verschlossen. In den Korken ist ein kleiner Löffel aus Messing eingearbeitet. Auf diesem kleinen Messinglöffel wurde die Stuhlprobe platziert. In dem beiliegenden Begleitschreiben zur Stuhlprobe wurde extra darauf hingewiesen, dass „Material (Stuhl) in äußerlich verschmutzten Röhrchen“ nicht untersucht werden kann.

Set für medizinische Stuhlproben - handwerklich gefertigt

Abb. 1: Probebehälter mit Stuhllöffel (Holz, Glas, Kork, Messing), 1950er Jahre. Sammlung WERBG

Der Verschluss des Holzbehälters bestand aus einem kleinen Metallriegel, der später durch einen sicheren bügelartigen Verschluss ersetzt wurde. Holz, Metall, Glas, Kork und Messing wurden für die Fertigung der Stuhlprobenbehälter verwendet. Der handwerkliche Aufwand zur Herstellung der Behälter war nicht unerheblich. Mit einem Begleitschein versehen wurden diese Behälter in einem speziellen Postkuvert an das Untersuchungsamt nach Braunschweig verschickt.

In den 1960er Jahren begann in allen Bereichen der Medizin der Einsatz von Kunststoffen. Zuvor bestanden die meisten Instrumente, z.B. Spritzen und Behälter, aus Glas und metallischen Werkstoffen. Durch den Einsatz von sterilen Einmalprodukten aus Kunststoff konnten Infektionen bedeutsam reduziert werden.  Auch die Behälter für Stuhlproben wurden Ende der 1960er Jahre aus Kunststoff hergestellt. Auffällig an den frühen Kunststoffbehältnissen ist ihre noch sehr stark an den beschriebenen, handwerklich hergestellten Vorgängermodellen angelehnte Ausführung. Der ausgebohrte Holzklotz wurde ersetzt durch eine ähnlich geformte Kunststoffhülle. Das Glasröhrchen wurde in Kunststoff ausgeführt und der Korken besteht jetzt aus einem Kunststoffdrehverschluss, an dem der Stuhllöffel angesetzt ist. Erst im Laufe der weiteren Entwicklung setzen sich die Kunststoffgeräte auch in der Ausführung von ihren Vorgängermodellen ab.

Set für medizinische Stuhlproben - aus Kunststoff

Abb. 2: Probebehälter mit Stuhllöffel aus Kunststoff, 1960er Jahre. Sammlung WERBG

Die Anzahl der Einwegartikel aus Kunststoff hat in der medizinischen Versorgung enorm zugenommen. Dieser Trend ist aus medizinischer Sicht sicherlich fortschrittlich. Betrachtet man diese Entwicklung unter fertigungsgeschichtlichen Aspekten, hat der Trend zu Einweg-Kunststoffbehältern und -instrumenten, nicht nur in der Medizin, sondern in vielen anderen Bereichen, abgesehen von den Folgen für die Umwelt, zu einer Verlagerung von Kenntnissen und Fertigkeiten aus der Hand von Menschen in die Ausstattung von Maschinen, Werkzeugen und elektronischer Steuerung geführt. Eine Entwicklung, die angesichts des Verlustes haptischer Fähigkeiten im digitalen Zeitalter, nicht nur als fortschrittlich zu bezeichnen ist.

 

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