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„Das Ohr an der Schiene“ – Materialprüfung entscheidet mit beim Denkmalschutz für die Schrägförderanlage

Wenn in einem Westernfilm ein Mann sein Ohr auf die Eisenbahnschiene legt, ist es meistens ein Bandit, der die Ankunft des Zuges anhand der Schienengeräusche abschätzt. Wenn im Weltkulturerbe Rammelsberg in den letzten Tagen mit einem Ohr, genauer gesagt mit einem hochsensiblen Ohr, nämlich einem Ultraschallgerät, Eisenbahnschienen abgehört wurden, erwartete niemand die Ankunft eines Zuges. Dann werden die Schienen der Schrägförderanlage des Museums einer Materialprüfung unterzogen. Doch beginnen wir die Geschichte von vorne …

Die Schrägförderanlage befindet sich nördlich des Aufbereitungsgebäudes und zieht sich auf einer Länge von 110 Metern am Hang des Rammelsberges empor. 1935 errichtete die Leipziger Firma Bleichert diese im Harz einzigartige Schrägförderung, um 43,40 Höhenmeter zwischen der Werksstraße (328,5 m über NN) und der Hängebank des Rammelsbergsschachtes (371,58 m über NN) mit einer Steigung von 23% zu überwinden.

Schrägförderanlage im Museumsbergwerk Rammelsberg

Eigentlich war die Schrägförderanlage zunächst nur für den Transport von Material für die Aufbereitungsanlage vorgesehen. Doch bereits während der ersten Betriebsjahre benutzten auch Mitarbeiter des Bergwerks den Förderwagen, um bequem die verschiedenen Ebenen des Aufbereitungsgebäudes zu erreichen. Deshalb wurde nach kleineren Umbauten 1958 eine Personenbeförderung für Einzelpersonen beantragt und ein Jahr später von Bergamt Goslar die Genehmigung für die Beförderung von acht Personen pro Fahrt erteilt.

Die Materialprüfung

Mit der Stilllegung erloschen alle Genehmigungen, die für den Personentransport auf solchen Anlagen notwendig sind. Für die Wiederinbetriebnahme müssen deshalb im Vorfeld eine Fülle an Bedingungen abgeklärt werden, Gemeinsam mit dem Denkmalschutz, möchten wir möglichst viel der originalen Substanz der Anlage zu erhalten. Das Gleisbett der Schrägförderanlage mit den Holzschwellen ist an den meisten stellen jedoch so stark beschädigt, dass die Sicherheitsbestimmungen für den Personenverkehr eine vollständige Sanierung vorschreiben. Die historischen Schienen dagegen werden einer genaueren Materialprüfung unterzogen. Mit der Ultraschallprüfung kann festgestellt werden, welche der alten Schienen zu viele schadhafte Einschlüsse enthalten, die die Stabilität des Schienenstrangs gefährden. Einige der Schienen können bereits nach der optischen Prüfung aussortiert werden, weil beispielsweise der Schienenfuß zu stark korrodiert ist.

Ultraschallprüfung an den historischen GleisanlagenModerne Materialprüfungsverfahren unterstützen somit das Bestreben des Weltkulturerbes Erzbergwerk Rammelsberg, in enger Zusammenarbeit mit der Welterbebeauftragten der Stadt Goslar und dem Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege, die denkmalpflegerischen Belange im Zusammenhang mit dem Welterbestatus zu berücksichtigen. Ziel ist es, den Zustand der Schrägförderanlage von 1988, dem Jahr, in dem die Erzgewinnung am Rammelsberg eingestellt wurde, zu erhalten. Die Restaurierung der Schrägförderanlage soll dazu beitragen, ihre Authentizität durch größtmögliche Substanzerhaltung und größte Behutsamkeit bei jeglichen Eingriffen zu erhalten. Insbesondere soll bei der Restaurierung der Schrägförderanlage eine exakte Dokumentation der Arbeiten erstellt werden. Teile der Anlage, die ausgetauscht werden müssen, sollen sich harmonisch in die zeitgenössische Konstruktion einfügen, aber dennoch vom Originalbestand unterscheidbar sein, damit die Restaurierung den Wert des Denkmals als Geschichtsdokument nicht verfälscht.

Die behutsame Restaurierung und Wiederinbetriebnahme der Rammelsberger Schrägförderanlage im Herbst 2011 findet vor dem Hintergrund des 75-jährigen Jubiläums ihrer Inbetriebnahme statt. Es wird ein wunderbares Erlebnis sein, mit dem offenen Förderwagen schräg am Berghang in die Höhe zu schweben und den Blick über die Bergwerksanlage und die Altstadt von Goslar zu genießen. Schöner kann das Jubiläum einer industriehistorisch einzigartigen Anlage nicht gefeiert werden.

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