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Die Schuhreparaturwerkstatt des Erzbergwerks Rammelsberg

Vor zwei Jahren wurde dem WELTKULTURERBE RAMMELSBERG – Museum & Besucherbergwerk von Frau Oberle aus Goslar die Schuhmacherwerkstatt ihres verstorbenen Mannes angeboten. Als Begründung dafür, dass ihre Wahl auf uns und nicht etwa auf das Stadtmuseum oder private Käufer gefallen war, sagte sie, dass einige Teile des Inventars aus dem Betrieb des Erzbergwerks Rammelsberg stammten und dass es für sie somit nur logisch sei, wenn diese jetzt in das dortige Museum kämen.

Gottfried Oberle mit Adlernähmaschine im Hintergrund

Gottfried Oberle in seiner Werkstatt – Im Hintergrund ist eine Nähmaschine der Firma Adler zu sehen, die der Schuhmacher von der Preussag erhalten hatte. In unserer Sonderausstellung „83 Jahre im Dienst der Bergleute – JETZT im Museum. Die Geschichte der Schuhmacherwerkstatt Oberle“ (8. September 2013 bis 16. Februar 2014) wird sie an einem besonderen Platz präsentiert.

Natürlich fragten wir uns, wie es dazu gekommen war, dass die PREUSSAG, als damalige Betreiberin des Erzbergwerks, Maschinen und Werkzeuge aus dem Schuhmacherhandwerk besaß und wie dieses dann schließlich in die Werkstatt der Oberles gelangte. Also forschten wir etwas nach: Unterlagen dazu fanden wir keine, doch trafen wir auf Menschen – ehemalige Bergleute am Rammelsberg -, die uns etwas dazu erzählen konnten:

In der Wiederaufbauzeit nach dem Krieg stieg die Belegschaft des Bergwerks schnell an und erreichte Anfang der 1960er Jahre eine Stärke von um die 1.000 Arbeitern und Angestellten. Die gewachsene Belegschaft erweiterte den Kundenkreis für die Werkstatt Oberle und die Anzahl der Reparaturen nahm stark zu. Bis in die 1960er Jahre bestanden viele schützende Teile der Arbeitsbekleidung eines Bergmanns (Handschuhe, Arbeitsschuhe, Schürzen, Helme) aus Leder und noch nicht aus Kunststoff. Etwa vier Jahre – 1946 bis 1949/50 – lohnte es sich für die PREUSSAG sogar, am Rammelsberg eine eigene Reparaturwerkstatt für Ledersachen einzurichten und drei oder mehr Mitarbeiter für diese Werkstatt abzustellen. Einem Zeitzeugen zufolge handelte es sich dabei unter anderem um den Schuhmacher Paul Güntner, welcher zuvor in der Werkstatt von Gottfried Oberle als Geselle tätig gewesen war. Die Rammelsberger Werkstatt befand sich im südlichen Seitenflügel der Lohnhalle, in der zweiten Etage, dem heutigen Aufenthaltsraum der Grubenführer.

Jeder der Schuhmacher hatte seinen eigenen Arbeitstisch, zwei saßen am linken und rechten Ende der Fensterfront und der dritte an der gegenüberliegenden Wand.(1)  Wollte ein Angestellter einen Arbeitsschuh, Lederriemen etc. reparieren lassen, musste er sich zunächst von seinem Steiger einen Reparaturschein ausstellen lassen, der ihm die kostenlose Reparatur der Arbeitskleidung oder des Arbeitsmaterials genehmigte. In der Werkstatt wurde dann entschieden, ob das jeweilige Teil noch zu reparieren war oder entsorgt werden musste. Eine weitere wichtige Aufgabe der Schuhmacher war es, das Pferdegeschirr der Gruben- und Kutschpferde, die am Rammelsberg im Einsatz waren, zu flicken.(2) Als die Werkstatt aufgelöst wurde, wurden Paul Güntner und seine Kollegen in anderen Bereichen des Erzbergwerks eingearbeitet, bspw. in der Schlosserei oder im Platzbetrieb, so dass ihnen der Arbeitsplatz erhalten blieb. Das genaue Datum der Werkstattschließung im Jahre 1949 oder 1950 konnte nicht ermittelt werden, denn bis jetzt konnten keine Unterlagen über die Existenz der Werkstatt gefunden werden, so dass sich die Angaben ausschließlich auf Aussagen von Zeitzeugen stützen.

Die Geschichte der Werkstatt am Rammelsberg war 1950 jedoch nicht zu Ende: Aufgrund seiner guten Verbindungen zum Berg – durch Verwandte, Kunden, Nachbarn und Bekannte – konnte der Schuhmachermeister Gottfried Oberle einen Teil der Maschinen, des Werkzeugs und Inventars erwerben. Da er zu diesem Zeitpunkt gerade seine neue Werkstatt baute bzw. möglicherweise bereits fertig gestellt hatte und sein Sohn Dieter als Geselle in den Betrieb eingestiegen war, konnte er vieles, insbesondere die moderneren Maschinen gut gebrauchen und einsetzen. Mit den neuen Maschinen und Gerätschaften hielt die moderne Technik Einzug in die Oberle-Werkstatt.

Quellen:
1. Interview mit Gerd Drohne, 03.12.12; Gerd Drohne arbeitete von 1946-1988 am Erzbergwerk Rammelsberg, u.a. als Grubensteiger
2. Interview mit Klaus Oehlschlägel, 31.10.2012; Klaus Oehlschlägel arbeitete von 1948-1968 u.a. als Ingenieur am Erzbergwerk Rammelsberg

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