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Zum Umgang mit Nachbauten am authentischen Ort – Der Aufbau einer Schuhmacherwerkstatt

Die Originale sind die größten Schätze der Museen. Kunstmuseen glänzen mit den originalen Gemälden berühmter Künstler,  Naturkundemuseen zeigen originale Stücke aus Flora und Fauna, Technikmuseen werben mit originalen Maschinen und technischen Einrichtungen und Freilichtmuseen geben viel Geld aus, um die Originalwerkstatt vom ursprünglichen Herkunftsort ins Museum schaffen zu lassen.

Auch am Weltkulturerbe Rammelsberg steht das originale Objekt, das sich überwiegend  auch noch am ursprünglichen Ort befindet, an erster Stelle der Sammlungs-, Restaurierungs- und Ausstellungstätigkeiten. Mit diesem ehernen Grundsatz können die Museen in einer digitalen Welt, in der zwischen Original und Kopie kaum noch unterschieden werden kann, durchaus punkten und die Besucher in Erstaunen versetzen.

Leider ist dieser Grundsatz in Ausstellungen an einigen Stellen nicht immer durchzuhalten, weil die Originale zu empfindlich, zu selten oder nicht ins Museum zu verlagern sind. Um trotzdem einen Eindruck von einem Objekt zu vermitteln, werden Dubletten oder Nachbauten angefertigt. Auch am Weltkulturerbe Rammelsberg wird genau darauf geachtet, dass Veränderungen und Einbauten in der originalen Bausubstanz oder an den originalen Maschinen als solche kenntlich gemacht werden. Die Besucher sollen klar erkennen können, welche Teile im Rahmen der musealen Arbeit der originalen Substanz hinzugefügt wurden. Das Zwei-Schichten-Prinzip, zur Kennzeichnung von Ein- oder Nachbauten, ist dabei sicherlich am bekanntesten. Mit einer einheitlichen „Museumsfarbe“, am Weltkulturerbe Rammelsberg und an vielen anderen Museen ist es das berühmte „Grau“, werden nicht-originale Teile des Gebäudes oder des Objektes gekennzeichnet.

Genauso werden wir beim Aufbau der Schuhmacherwerkstatt Oberle verfahren, die ab dem 2. Juni 2013 für drei Monate in einer „Work in process-Ausstellung“ – d.h. der Aufbau ist für den Museumsbesucher sichtbar – im Sonderausstellungsraum aufgebaut wird. Mit der Verlagerung des Inventars einer kompletten Werkstatt aus der Altstadt von Goslar in das Weltkulturerbe Rammelsberg konnte aber nur ein Teil in die Sammlung übernommen werden. Das kleine Werkstattgebäude des Schuhmachers, das sich in einem Hausanbau befand, verblieb am ursprünglichen Ort. Deshalb wird zur Präsentation des Werkstattinventars der Werkstattraum, der eine Grundfläche von ca. 12 Quadratmeter hatte, nachgebaut.

Für die Sammlung würde es ausreichen, die Objekte zu inventarisieren, fotografisch und vermessungstechnisch die Räumlichkeiten zu dokumentieren und die sozial- und lebensgeschichtlichen Zusammenhänge aufzunehmen. Doch Sammlungsarbeit sollte auch vermittelt werden. Warum sammelt ein Museum  bestimmte Dinge und wie sammelt es diese? Um die Antworten auf solche Fragen nachhaltig zu beantworten, ist es wichtig, dass Museumsbesucher eine Vorstellung von den räumlichen Bedingungen bekommen, in denen zwei Schuhmacher tagein, tagaus gearbeitet, gelebt und teilweise noch mit mehreren Personen aus dem Stadtviertel gesessen haben. Räume vermitteln emotionale Eindrücke von Lebensbedingungen. Deshalb wird der Werkstattraum des Schuhmachers nachgebaut, und es entsteht eine „Raum im Raum-Situation“.

Aufbau des rekonstruierten Werkstattraums im Raum für Sonderausstellungen

Abb. 1: Aufbau des „Werkstattraums“ im Sonderausstellungsraum.  Foto: WERBG

Um zu vermeiden, dass mit dem Nachbau eine Atmosphäre von „Heimatstube“ und „guter alter Zeit“ entsteht, eine Atmosphäre die weitgehend an den alltäglichen Arbeitsbedingungen in der Schuhmacherwerkstatt vorbeiführen würde, wird von außen mit der genannten grauen Museumsfarbe gestrichen. Dadurch wird deutlich, dass er eine museale Hinzufügung ist. Von innen bekommt der Nachbau einen Anstrich, der die ursprüngliche Farbgebung der Werkstattwände aufnimmt, aber durch die glatten Oberflächen eine zurückhaltende Sterilität behält. Dadurch wird eine Annäherung an die ursprüngliche Werkstattatmosphäre erreicht, die mit dem Einbau des originalen Inventars unterstrichen wird.

Schuhmacherwerkstatt Oberle am ursprünglichen Standort im Frankenberger Viertel

Abb. 2: Innenansicht der Schuhmacherwerkstatt Oberle am ursprünglichen Standort im Frankenberger Viertel in der Altstadt von Goslar.  Foto: Stefan Klink, 2012

Die Atmosphäre des nachgebauten Werkstattraumes vermittelt deutlich, dass mit der Verlagerung der Objekte aus der Schuhmacherwerkstatt ein Transformationsprozess stattgefunden hat. Die Werkstatteinrichtung hat den Bezug zum authentischen Ort verloren und ist Sammlungs- und Ausstellungsstück geworden, um historische Zusammenhänge aus einer verloren gegangenen Arbeitswelt vor dem Vergessen zu bewahren. Den Mitarbeitern im Museum gelingt es, eine ungefähre Vorstellung von den lebens- und alltaggeschichtlichen Bedingungen zu vermitteln. Nachbauten können dabei ein wichtiges Instrument sein.

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