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„Ja, es begann mit Leidenschaft!“ – Interview mit dem Gelsenkirchener Sammler Werner Bibl über seine Arbeiterskulpturensammlung

Der ehemalige 3M-Manager Werner Bibl hat die Arbeiterskulpturen, die aktuell in der Sonderausstellung „Hard Work“ am Weltkulturerbe Erzbergwerk Rammelsberg gezeigt werden, in jahrelanger Arbeit gesammelt. 2011 hat er seine Sammlung an das Westfälische Industriemuseum in Dortmund abgegeben. Wir haben Herrn Bibl zu den Hintergründen seiner Sammeltätigkeit und den Motiven befragt, die ihn veranlasst haben, seine Sammlung an eine öffentliche Kultureinrichtung abzugeben.

Museum: Herr Bibl, wie lange sammeln Sie schon Arbeiterskulpturen und was hat Sie veranlasst, eine solche Sammlung von Arbeiterskulpturen anzulegen?

Werner Bibl: Nach Abschluss meines Hochschulstudiums begann ich 1979 meine be­rufliche Laufbahn bei der 3M Deutschland GmbH in Neuss. Hier traf ich auf den Verkaufsdirektor Herrn Reinhard Gritzky, der bemerkte, dass ich in der Metropole Ruhr lebe, damals das Zentrum der deutschen Montan­industrie. Er bat mich, an Wochenenden auf den regionalen Antikmärk­ten Ausschau zu halten nach Drucken, Lithographien, Stahlstichen etc., welche die Schwerindustrie und die Menschen bei der Verrichtung ihrer Arbeit darstellen.

Es war unausweichlich, dass ich bei dieser Suche auch auf skulpturale Darstellungen von Arbeit stieß. Als Bewunderer der Berliner Bildhauerschule, erschien mir die Thematik der Arbeiterskulpturen als neue und hochinteressante Erweiterung, die ich vertiefen wollte.

Museum: Können Sie sich noch daran erinnern, welche Skulptur Sie als erste für Ihre Sammlung erworben haben?

Werner Bibl: Ja, sehr gut sogar! Im Jahr 1980 erstand ich mit dem Eisengießer des Bildhauers Gerhard Janensch und dem Maurer von Franz Muschard meine beiden ersten Arbeiterskulpturen.

Museum: Ist Ihre Sammlung inzwischen in Deutschland oder gar in Europa die größte Sammlung an Arbeiterskulpturen ?

Werner Bibl: Wenn man Größenvergleiche heranzieht, ergibt sich automatisch auch die Fragestellung nach Quantität und Qualität. Unter Berücksichtigung beider Kriterien ist mir zurzeit weltweit, neben der Sammlung des Grohmann Museums an der Milwaukee School of Engineering (MSOE), keine umfangreichere Sammlung bekannt, die sich im öffentlich zugänglichen Bereich befindet. Es ist aber nicht auszuschließen, dass es noch irgendwo auf der Welt einen „heimlichen“ Sammler gibt, der einen solchen Schatz hütet, ihn aber noch nicht veröffentlicht hat bzw. ihn noch nicht veröffentlichen will.

Museum: Würden Sie Ihre Sammlung als Ergebnis einer Leidenschaft beschreiben oder hatten Sie von Anfang an den Plan, eine möglichst umfängliche Sammlung mit Arbeiterskulpturen anzulegen und diesen Plan haben Sie dann nüchtern verfolgt ?

Werner Bibl: Ja, es begann mit Leidenschaft, so kann man es wohl bezeichnen. Die Systematik kam erst später auf. Einen entscheidenden Impuls erhielt ich im Jahre 2003 als ich Herrn Prof. Dr. Klaus Türk kennen lernte, der sich zu diesem Zeitpunkt mit dem Abschluss der Publikation „Mensch und Arbeit“ für das Grohmann Museum an der Milwaukee School of Engineering (MSOE) beschäftigte. In Jahre 2004 schloss sich der Kreis durch den persönlichen Kontakt zu Herrn Dr. Eckhart Grohmann.

Museum: Viele Sammler haben beim Sammeln skurrile Dinge erlebt. Welche Begebenheit ist Ihnen in Ihrer langjährigen Sammlerkarriere beim Sammeln der Arbeiterskulpturen am stärksten im Gedächtnis geblieben?

Werner Bibl: Die Beantwortung dieser Frage würde diesen Rahmen sprengen, da es sehr viele schöne und spannende Stories gibt, eigentlich genügend Stoff für ein kleines Buch. Das jüngste Beispiel war ein überraschender Besuch an unserer Haustür. Ein netter Mann mittleren Alters, in der rechten Hand einen ausgeschnittenen Presseartikel haltend, der die Arbeiterskulpturensammlung zum Thema hatte, und in der linken Hand eine Tüte, die das Logo eines der bekannten Lebensmitteldiscounter Deutschland schmückte. In dieser Befand sich eine schöne kleine Skulptur von C.F. Steffens „Zwei Giesser beim Tiegelguss“.

Leider war diese Arbeit schon in der Sammlung vorhanden, sodass dieser bequemste Weg des Sammelns nicht zum Tragen kam.

Museum: Sie haben in Ihrem Vortrag zur Eröffnung unserer Ausstellung „Hard Work“ am Weltkulturerbe Erzbergwerk Rammelsberg gesagt, dass ein bisschen Wehmut schon dabei war, als Sie Ihre Sammlung an das Industriemuseum des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) in Dortmund abgegeben haben. Vielleicht beschreiben Sie kurz Ihre Gedanken, als die Sammlung aus Ihrem Haus abgeholt wurde und warum Sie sich trotz Wehmut entschlossen haben, Ihre Sammlung abzugeben?

Werner Bibl: An dieser Stelle bin ich wohl nicht richtig verstanden worden. Wehmut wäre angebracht, aber eine Sammlung noch zu Lebzeiten zu übergeben, die flankiert wird mit der umfangreichen Publikation „Arbeiter-Skulpturen 2. Bd. Die Sammlung Werner Bibl“ von Prof. Klaus Türk und einem neuen Heimatort dem LWL-Industriemuseum, umschreibt eine „ best case-Situation“, die durch diese wunderbare Ausstellung im Weltkulturerbe Rammelsberg noch ein Sahnehäubchen erhält.

Eröffnung der Ausstellung Hard Work

Der Sammler Werner Bibl (Mitte) bei der Eröffnung der Sonderausstellung „Hard Work – Arbeiterskulpturen 1850 – 1950“.  Rechts im Bild der Geschäftsführer des Weltkulturerbes Erzbergwerk Rammelsberg Tobias Henkel  und links der Oberbürgermeister  der Stadt Goslar Dr. Oliver Junk. 

An dieser Stelle ist noch einmal ein Dankeschön angebracht, dass das Grohmann Museum der MSOE diesen Fotoband und die Übernahme der Sammlung durch Ihren finanziellen Beitrag erst ermöglicht hat. Das Grohmann Museum und das LWL-Industriemuseum haben im Rahmen dieser Transaktion einen darüber hinausgehenden Kooperationsvertrag geschlossen.

Museum: Ja, und diese Frage bleibt Ihnen auch nicht erspart: Welche Skulptur aus Ihrer Sammlung ist Ihre Lieblingsskulptur?

Werner Bibl: Meine Lieblingsskulptur  ist „Der Schmied“ von dem Berliner Bildhauer Prof. Gerhard Janensch, der auch die Titelseite von Band 1 der „Arbeiterskulpturen“ von Prof. Klaus Türk schmückt.

Es handelt sich um die verkleinerte Version einer von Gerhard Janensch 1897 entworfenen überlebensgroßen Skulptur, die von dem damaligen Berliner Spiralbohrer-Fabrikant Robert Stock erworben wurde. Sie stellt einen auf einer Glocke stehenden Schmied dar. Auf der Glocke ist ein berühmter Vers aus Schillers Lied von der Glocke angebracht: „Von der Stirne heiß – Rinnen muß der Schweiß, will das Werk den Meister loben.“  Der Schmied drückt die Anstrengung der Arbeit aus, indem er sich mit dem rechten Handrücken den Schweiß von der Stirn wischt. Mit dieser Darstellung identifizierte sich der damalige fleißige Fabrikant sehr. Nach dem Tode Stocks wurde die Figur auf dem Grabmal seiner Familie auf dem Luisenstädtischen Friedhof an der Bergmannstraße in Berlin-Kreuzberg errichtet, auf dem sie heute noch zu sehen ist.

Museum: Sammeln Sie weiterhin Arbeiterskulpturen und wenn ja, welche haben Sie inzwischen neu erworben oder haben Sie mit dem Thema  ganz abgeschlossen?

Werner Bibl: Nach dem derzeitigen Erkenntnisstand sind, subjektiv eingeschätzt, etwa 500 europäische Arbeiterskulpturen sammlungswürdig. Die Sammlung des Grohmann Museums weist bereits mehr als 160 Exponate auf. Zu­sammen mit der jetzigen Sammlung mit ihren 205 Objekten er­reichen wir gemeinsam den Grad der Repräsentativität. Nach dieser Einschätzung sind also noch Optionen vorhanden.

Ein aktueller Neuerwerb ist eine Skulptur eines Zementarbeiters des Berliner Bildhauers Otto Petri, die einen Arbeiter beim Verladen von 2 Zementsäcken darstellt. Diese Figur entstand wohl im Jahre 1913/1914, da zuvor der Zement in Fässern und nicht in Säcken verpackt wurde. Auf den vier Sockelseiten ist mit hoher Wahrscheinlichkeit das Zementwerk Rüdersdorf dargestellt. Daneben werden einzelne Produktionsstufen bis hin zum Versand dargestellt. Seit über 700 Jahren wird in Rüdersdorf Kalkstein abgebaut. Berlin wäre ohne diese Baustoffquelle in der baulichen Größe wohl nicht entstanden.

Das eigentliche Zementwerk  wurde nach dem 2. Weltkrieg von der damaligen russischen Besatzungsmacht demontiert. Der Fund dieser seltenen Skulptur ist deshalb ein Glücksfall.

Museum: Herr Bibl, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

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1 Kommentar auf “„Ja, es begann mit Leidenschaft!“ – Interview mit dem Gelsenkirchener Sammler Werner Bibl über seine Arbeiterskulpturensammlung
  1. Rolf Grimm sagt:

    Hallo, ich besitze drei Arbeiter-Bronzemodelle (105 cm, Gladenbeck und Schäffer & Walcker), die Verkleinerungen der vom Bildhauer Gustav Eberlein geschaffenen überlebensgroßen Sandsteinfiguten für das Gesims der TH Charlottenburg darstellen. Sie symbolisieren Fachbereiche. Eine weiteres Modell befindet sich im Museum der Arbeit in Hann. Münden.
    Mit freundlichem Gruß – Rolf Grimm

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